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FOLGEN DERADIPOSITAS BEIM PFERD


Feine Hilfen - epaper ⋅ Ausgabe 45/2021 vom 05.02.2021

Fettleibigkeit beim Pferd ist heute ein sehr gewichtiges Problem mit stark steigender Tendenz. Mehr als 60 Prozent des Pferdebestandes in Deutschland, Österreich und der Schweiz sind zu schwer. Und auch im Bereich der gehobenen Sportklassen sieht man immer mehr Pferde, die zu einer gewissen barocken Opulenz neigen. Pferdefutterexpertin Conny Röhm erklärt, welche Folgen diese Entwicklung für unsere Pferde hat.


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„Schön“ rund – oder sind es massive Fettpolster am Rumpf?


(Foto: Equinomedia / Claudia Rahlmeier)

Die meisten Pferdebesitzer sehen das Übergewicht ihrer Equiden schon gar nicht mehr. Egal ob in ...
Vielleicht wird das Pferd aber auch überhaupt nicht als adipös wahrgenommen. Die runden Formen sind dann vielmehr ein subjektiv wahrgenommener Ausdruck von Wohlstand und Gesundheit. Auch viele Reiter werden immer dicker, sodass ein emotionaler Konflikt entsteht. Sind beide übergewichtig, wird das Thema schnell zum No-Go, das man am besten einfach ignoriert, da sich der Pferdebesitzer sonst persönlich angegriffen fühlen könnte. Dabei ist genau das der schlechteste Weg, denn Fettleibigkeit ist kein Kavaliersdelikt. ...

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Die meisten Pferdebesitzer sehen das Übergewicht ihrer Equiden schon gar nicht mehr. Egal ob in sozialen Netzwerken oder auf Pferdemessen: Es werden kaum noch normalgewichtige Pferde gezeigt. Sieht man doch noch das eine oder andere Exemplar, wird es schnell als kantig oder unterernährt beurteilt. Die Gründe dafür sind mannigfaltig: Einerseits möchte niemand einem Pferdebesitzer zu nahe treten, dessen Pferd zu schwer geworden ist, denn das könnte auf fehlende Sorgfalt in der Fütterung hinweisen. Schließlich wird kein Pferd wird über Nacht fett.
Vielleicht wird das Pferd aber auch überhaupt nicht als adipös wahrgenommen. Die runden Formen sind dann vielmehr ein subjektiv wahrgenommener Ausdruck von Wohlstand und Gesundheit. Auch viele Reiter werden immer dicker, sodass ein emotionaler Konflikt entsteht. Sind beide übergewichtig, wird das Thema schnell zum No-Go, das man am besten einfach ignoriert, da sich der Pferdebesitzer sonst persönlich angegriffen fühlen könnte. Dabei ist genau das der schlechteste Weg, denn Fettleibigkeit ist kein Kavaliersdelikt.

Fett und Körper

Spricht man von der Adipositas, also der Fettleibigkeit, muss man verstehen, dass damit nicht die äußere Form eines Pferdes gemeint ist, sondern der Anteil des normalen Körperfettes zuzüglich einer Einlagerung von Fett, die über den normalen Anteil hinausgeht. Das bedeutet, dass ein Pferd zu acht bis fünfzehn Prozent aus Körperfett besteht. Das ist die normale „Befettung“ oder Ausstattung mit Körperfett. Dieses normale Fett macht also im Mittel zehn Prozent des gesamten Körpers aus. Und zwar nur, wenn das Pferd auch normalgewichtig ist. Wie viel Körperfett ein Pferd hat, ist genetisch vorbestimmt. Die Menge der Fettzellen ist erst einmal vorgegeben.
Das sagt allerdings noch nichts über den „Füllstand“ dieser sogenannten Adipozyten aus. Es gibt also Pferderassen, die von sich aus bedeutend mehr Fett einlagern können als andere. Viele Pony- und Robustrassen haben mehr Fettzellen als zum Beispiel ein Tra-kehner oder ein Vollblüter. Warmblüter hingegen sind in der Regel Mischformen. Pferde mit mehr Fettzellen haben einen etwas höheren Körperfettanteil als Pferde, die von Natur aus mit weniger Fettzellen ausgestattet sind. Das ist jedoch kein Freibrief und keine Entschuldigung für ein adipöses Pferd. Steigt der Körperfettanteil des Pferdes nun allerdings über das Maß der zehn Prozent, spricht man von Übergewicht. Der Fettanteil ist also über das Normalmaß hinaus vermehrt. Natürlich ist eine gewisse Zu- und Abnahme beim Pferd über das Jahr hinweg normal. Viele Pferde kommen mit ein paar geringen Pölsterchen aus der Weidesaison. Wichtig ist hier, die Grenze zwischen den Wohlstands-Weide-Pölsterchen und der Adiopsitas zu erkennen.


Ein Pferd mit Idealgewicht darf windschnittig wirken.


Wie viel ein Pferd wiegen darf, ist etwas individueller. Es kommt auf die Körpergröße an, aber auch auf genetische Varianzen wie die allgemeine „Masseausbildung“. Es gibt also kein festgelegtes Soll-Körpergewicht, sondern immer eine ungefähre Angabe. Dazu muss man auch bedenken, dass schon ein langer Ausritt über mehrere Stunden das Pferd um zehn oder fünfzehn Kilo leichter werden lässt, abhängig vom Schweiß- und Verdauungsmassenverlust. Es gibt also auch ein in gewissem Maße variables Gewicht. Unabhängig davon sollte man sich damit befassen, wie viel ein Pferd wiegen sollte.

Weidebauch oder Adipositas?

Kommen Pferde im Herbst von der Weide, trägt das eine oder andere eine gute Isolationsschicht mit sich herum. Und dazu sind Fettpolster auch gedacht: zur Isolation und als Nährstofflieferant für schlechte Zeiten. Das Pferd nutzt seine Fettspeicher, um Körperwärme innen zu halten. Zur Außenisolation ist das Fell gedacht. Gleichzeitig kann das Pferd im Winter, wenn das Nahrungsangebot knapp ist, von den Fettpolstern zehren. Das Problem ist, dass beides heutzutage kaum noch nötig ist. Denn Pferde leben wohlbehütet mit ausreichend Nahrung versorgt in Systemen, die entsprechend der Leitlinien zur Haltung des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft ausreichend mit Wetterschutz und Liegeflächen ausgestattet sind.

Daher ist eine große Fettausstattung in den meisten Fällen überhaupt nicht notwendig. Es schadet natürlich nicht, wenn das Pferd ein paar Kilogramm aus der Weidezeit mitbringt. Dies sollte aber nicht mehr als maximal fünf bis zehn Prozent über dem Idealgewicht liegen. Ein Islandpferd mit einem Idealmaß von 380 Kilo darf also nicht mehr als 418 Kilo erreichen. Und das wäre schon ein beachtliches Übergewicht. Es gibt allerdings auch Pferde, die auf den ersten Blick gar nicht so dick aussehen und es trotzdem sind. Hierzu gehören eher blütige Rassen wie der bereits genannte Trakehner, viele blütige Warmblüter oder eben das Vollblut an sich. Diese Pferde haben von sich aus wenig Körperfettpotenzial. Sie haben bedeutend weniger Fettzellen als ein Shetlandpony, frieren daher auch oft schneller. Allerdings sind ihre Fettpolster bei dauerhafter Überfütterung schneller voll. Entgegen der landläufigen Meinung können diese Pferde ebenfalls an Fettleibigkeit, dem Equinen Metabolischen Syndrom (EMS) und an Insulinresistenz (IR) leiden. Man sieht es ihnen nur nicht auf den ersten Blick an. Die Fettpolster, das Verhalten und auch die Blutwerte (etwa über Blutglukose oder den Insulinspiegel) verraten es aber schnell.

Dick? Oder ist es nur ein Weidebauch?


(Foto: Equinomedia / Claudia Rahlmeier)

Pferde sind nicht einfach „nur dick“

Gerät ein Pferd über die Sommertoleranzgrenze von maximal zehn Prozent über dem Idealgewicht, spricht man von Fettleibigkeit. Fettleibige Pferde sind kranke Pferde. Dessen muss man sich als Pferdebesitzer bewusst sein. Fett ist weder niedlich noch ein Zustand, den man einfach in Kauf nehmen darf. Kommt ein Pferd in den Bereich von zehn bis fünfzehn Prozent über das Soll-Gewicht, ist es bereits schwer adipös. Bei einem Pferd, das im Idealfall 500 Kilo wiegen sollte, entspricht dieses Übermaß bereits einer Fettmenge von über 75 Kilo Fettmasse, die zuzüglich zu dem normalen Körperfettanteil vom Körper getragen werden muss. Das bedeutet, dass diese Pferde mit schwerer Adipostias nur noch eingeschränkt geritten werden können. Im Bereich der morbiden Adipositas, also bei einem Übergewicht von fünfzehn Prozent des Soll-Gewichts und mehr, ist das Pferd nicht mehr reitbar. Wir sprechen hier von einer zusätzlichen Fettmasse von 75 bis 100 Kilo und mehr. Der Begriff „morbid adipös“ bedeutet nun, dass das Pferd an den Folgen der Fettleibigkeit, den Nebeneffekten oder schlicht deutlich vor seiner Zeit an multiplen Problemen eingehen wird. Wie das Ende auch aussieht – es wird nicht würdevoll sein.
Die Fettverteilung beim Pferd wird häufig auf Hals, Rumpf und Kruppe reduziert. Allerdings zeichnet man nach der Sezierung von schwer adipösen Pferden ein anderes Bild. Neben der allgemeinen Fettschicht unter der Haut, die durchaus zwei oder drei Zentimeter dick werden kann, und eben sichtbaren Fettpolstern an bereits genanntem Halskamm, den Rumpfseiten und der Kruppe, bildet das Pferd auch Fettpolster im Rumpf aus. Genau hier beginnt nun das größte Problem.

Fett verändert die Bewegung

Um die Ausmaße des Problems genau zu erfassen, arbeiten wir uns von außen nach innen vor. Ein beachtlicher Halskamm aus Fett beeinträchtigt die Beweglichkeit und die Tragfähigkeit des vorderen Halses und Rumpfapparates. Dazu kommt natürlich eine größere Belastung auf die vorderen Gliedmaßen zusätzlich zum von Natur aus ja sowieso vorhandlastigen Pferdes. Morbid adipöse Pferde bilden dazu auch schon mal ein Unterhalspolster aus, das, ähnlich wie ein Unterhalsmuskel die Halsunterlinie in der Silhouette verändert.
Allerdings wird auch die Unterhalsmuskulatur durch den massiv schweren Fettkamm am Hals stärker belastet. Durch den Gewichtszuwachs leidet auch der Übergang vom Hals- zur Brustwirbelsäule. Die Beweglichkeit von Hals und Rumpf zueinander wird eingeschränkt. Direkt am Rumpf sieht man bei den schwer und morbid adipösen Pferden nun das sogenannte Pauschenpolster.
Was die Natur als leichtes Fettpolster zum Schutz der Schultermuskulatur angelegt hat, nimmt groteske, aufgewölbte Formen an, zieht und dehnt durch das Eigengewicht an der Haut und den unterliegenden Strukturen aus Haut und Faszien. Einen ähnlichen Effekt hat auch das Rumpfpolster entlang der Rippen. Auch dieses ist von der Natur zum Schutz vor nasser Kälte gedacht. Bei Adipositas kann dieses Rumpfpolster am oberen Rücken bis zu fünf Zentimeter dick werden. Auch hier entsteht ein pures Gewicht von mehreren Kilos pro Seite, denn allein ein solches Polster erreicht problemlos einen Umfang von mehr als 7.500 bis 10.000 Kubikzentimeter Fettmasse – pro Seite wohlgemerkt. Eine solche Dauerbelastung zieht an den darüberliegenden Strukturen und verändert etwa die Funktion und Bewegung der Wirbelsäule.

Eines darf man nicht vergessen: Fettpolster bewegen sich dynamisch, aber unkontrolliert hinter der eigentlichen Bewegung. Ein trabendes adipöses Pferd muss die „zweite Welle“ des Fettes genauso abfedern wie die eigentliche Bewegungskraft. Körperfett bewegt sich dabei aber nicht gleichmäßig, sondern jedes Fettpolster erzeugt einen eigenen „Einschlag“. Im Volksmund könnte man auch sagen: Das Pferd schwabbelt. Klingt lustig, ist es aber nicht.

Die großen Fettmassen kommen in Wallung und belasten den Pferdekörper nicht nur auf der Stoffwechselebene.


Regelmäßige Besuche der Pferdewaage können helfen, einen objektiven Blick auf das Gewicht des eigenen Pferdes zu behalten.


(Fotos: Claudia Rahlmeier)

Schaut man ins Innere des Pferdes, wird das Bild nicht besser. Fettmasse kann sich etwa im vorderen Rippenbogen anlagern. Dort befinden sich jedoch Herz und Lunge. Ein Kilo Fettmasse benötigt aber mehr Raum als ein Kilo Wasser. Das bedeutet, dass beim adipösen Pferd eine Raumverdrängung der Lunge stattfindet. Die Lunge kann sich nicht mehr voll entfalten, da sie weniger Platz zur Verfügung hat. Daher kommt es beim adipösen Pferd signifikant oft zu Atemwegsproblemen mit allergischem Geschehen oder auch absinkenden Blutgaswerten. Das Pferd bekommt schlicht keine Luft. Ähnlich sieht es auch in anderen Körperarealen aus. Die Leber des Pferdes kann sich von fünf Kilo durch Anlagerung und Einlagerung von Fett auf sieben bis acht Kilo vergrößern. Sie ist sowohl an den Rippen als auch an der Wirbelsäule mit Fasziengewebe verbunden. Diese Strukturen werden durch das erhöhte Gewicht der Leber somit stark belastet. Gleichsam kann sich die Leber zur Fettleber entwickeln und ihren eigentlichen Aufgaben nur noch schwerlich nachkommen. Veränderte Leberwerte im Blutbild sprechen bei adipösen Pferden oft eine deutliche Sprache.
Auch die Bauchspeicheldrüse und Milz können beim Pferd mit Fett ummantelt sein. An den Darmtänien (als Tänien bezeichnet man Verstärkungen der Längsmuskelschicht in der Wand des Dickdarms) können sich Fettlager von mehreren Zentimetern Dicke und einigen Metern Länge bilden, die mehrere Kilo wiegen. Die Darmtänien sind feste Bindegewebsstrukturen am Darm und dienen zur Stabilisierung im Rumpf. Sie geben jedoch auch dem Darm seine Form. Außerdem kommt es zu einer signifikanten Häufung von Lipomen am Darm. Lipome sind Fettgeschwulste, die sich meist ballförmig an einer Schnur um den Darm wickeln können und damit die Blutzufuhr unterbrechen. Besonders das innenliegende Rumpffett und das an Organen angelagerte Fett stellen ein beachtliches Risiko für das Pferd dar. Zudem zieht auch dieses Fett in jeder Bewegung an Faszien und Bändern der Rippen und der Wirbelsäule. Dazu kommt eine schlechter werdende Durchblutung, da das schiere Gewicht des Fettes auf den Organen lastet und zudem die Einlagerung von Fett in und direkt an den Organen die Funktionalität beeinflusst. Adipöse Pferde sterben langsam.

EMS, IR und Hufrehe sind nur Nebeneffekte

Wenn Pferde dick sind, scheint es, als ob das Fett eigentlich das geringere Übel ist. Erkrankungen wie das Equine Metabolische Syndrom, die Insulinresistenz oder auch die ernährungsbedingte Hufrehe werden von Pferdebesitzern viel eher als Problem wahrgenommen. Allerdings muss klar gesagt werden: Diese Erkrankungen kommen weder plötzlich noch unerwartet, sondern sind das Resultat von lange bestehendem Übergewicht.
Sie entstehen, weil die Ernährung des Pferdes für eine lange Zeit zu kalorienreich war. Der Körper des Pferdes konnte die Kohlenhydrate nicht verbrauchen und ab einem bestimmten Punkt auch nicht mehr als Fettmasse einlagern, da die Fettpolster bereits maximal gefüllt waren. An diesem Punkt kann man eine weiterhin durchgeführte Überfütterung durchaus als Vergiftung klassifizieren. Der Körper kann jedoch auf das Übermaß an Nährstoffen nicht mehr adäquat reagieren und beginnt die Fettpolster zu hormonell aktivem Gewebe umzubauen.
Wann der Körper damit beginnt und wie die genaue Steuerung funktioniert, ist wissenschaftlich noch nicht zur Gänze geklärt. Allerdings weiß man, dass diese Erkrankungen keine linearen Verläufe haben. Die damit verbundenen horomonellen Aktivitäten haben nun zur Folge, dass eine große Menge proinflammatorischer, also entzündungsfördernder Stoffe produziert werden und somit das Immunsystem des Pferdes sehr aktiv werden muss bis hin zur Überforderung. Gleichzeitig werden alle zu der Zeit aktiven, entzündlichen Prozesse verstärkt, und auch das Fettgewebe kann sich innen wie außen entzünden. Infekte verlaufen schlechter, genauso wie die Heilung von Verletzungen oder Sehnen- und Gelenkserkrankungen verzögert sein kann.
Auf der anderen Seite wird das Pferd nun sehr lethargisch und leidet an Energiemangel in den Muskelzellen. Was paradox klingt, ist die Nebenwirkung von EMS und IR: Das Tier ist gleichzeitig über- und unterernährt. Das Pferd leidet also körperlich und psychisch unter den metabolischen Veränderungen, und insbesondere bekommt es sehr schlecht Luft.

DRAMATISCHE AUSREISSER

Das Idealgewicht liegt beim Wiegen von Pferden heute häufig unter dem reell vorhandenen Gewicht. So verzeichnen Pferdewaagen immer mehr größere Ausreißer in Richtung gefährlichen Übergewichts. Statt 390 Kilo wiegt der Isländer etwa satte 500 Kilo. Ein zierliches Connemara bringt stattliche 550 Kilo statt der erstrebten 450 Kilo auf die Waage, und das Shetlandpony trägt statt 190 Kilo unfassbare 310 Kilo mit sich herum. Aber auch im Bereich der größeren Rassen laufen Gewichte aus dem Ruder. So trug ein spanischer Wallach 660 Kilo mit sich, ein Oldenburger 850 Kilo.

BUCHTIPP

Constanze Röhm

Rashid und Purzel’s 31 Goldene Regeln zum Glücklich Füttern

ISBN 978-3-8370-8058-2, 9,95 €