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FOOTBALL LEAKS: Pini, der Brandstifter


Der Spiegel - epaper ⋅ Ausgabe 46/2018 vom 10.11.2018

Transfers Der Berater Pinhas Zahavi wollte Robert Lewandowski im Sommer aus seinem Vertrag mit dem FC Bayern herausholen. Der Israeli ist einer der einflussreichsten Agenten: Er brachte Neymar nach Paris – aber er mischte auch im trüben Geschäft mit Minderjährigen mit.


Wien, 10. Juni 2018, Hotel Ritz- Carlton, 13 Uhr. In der Lobby saß Maik Barthel, der langjährige Vertraute und Berater des Stürmers Robert Lewandowski. Barthel wartete auf seinen Kollegen Pinhas Zahavi, den alle Welt nur Pini nennt. Die beiden mussten reden.

Artikelbild für den Artikel "FOOTBALL LEAKS: Pini, der Brandstifter" aus der Ausgabe 46/2018 von Der Spiegel. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Der Spiegel, Ausgabe 46/2018

Zahavi, 76, ist ein Schwergewicht im globalen Fußballgeschäft, die englische Zeitung »Observer« nannte ihn in einer seltenen Nahaufnahme einmal »den ersten und einzigen Superagenten« des Fußballs. Doch für Barthel war der Mann seit ein paar Wochen ein ernsthaftes Problem. Denn sein Topklient Lewandowski hatte sich mit Zahavi eingelassen.

Der aus Israel stammende Berater und der polnische Nationalstürmer hatten einen Plan geschmiedet. Er sah vor, dass Zahavi, ein knochenharter Verhandler, Lewandowski in diesem Sommer aus seinem bis Juni ...

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... 2021 gültigen Vertrag mit dem FC Bayern München herauspauken würde, mit welchen Methoden auch immer. Der Torjäger wollte weg aus München, am liebsten zu Real Madrid. Für den nötigen Druck auf die Bayern sollte Zahavi sorgen. Er ist ein Spezialist für solche Fälle.

Im Jahr zuvor hatte Zahavi maßgeblich daran mitgedreht, dass der brasilianische Stürmerstar Neymar vorzeitig den FC Barcelona verließ und bei Paris Saint-Germain anheuerte – obwohl Neymars Vertrag bei den Katalanen gerade erst bis Juni 2022 verlängert worden war. Eine Ausstiegsklausel mit einer festen Ablöse von 222 Millionen Euro machte den Wechsel möglich. PSG zahlte diesen Preis, deshalb konnte Neymar wechseln.

Lewandowskis Vertrag hat solch eine Klausel nicht, und das war Zahavis Problem: Er musste Barthel auf seine Seite bringen. In Wien versuchte es der Israeli zunächst auf die charmante Tour. Er ließ sich mit Barthel ins Ernst-Happel-Stadion chauffieren, Österreich spielte gegen Brasilien, der letzte Test für die Südamerikaner vor der WM in Russland. Unten auf dem Platz zauberte Neymar junior, oben auf der Ehrentribüne saß sein Vater. Auch Neymar senior partizipierte mit etlichen Millionen am Wechsel des Sohnes nach Paris – auch dank Zahavis brachialer Verhandlungsführung. Doch Barthel winkte ab: Der FC Bayern würde sich von keinem Spieler erpressen lassen. Auch nicht von seinem besten.

Nach dem Treffen von Wien meldete sich Zahavi erneut. Nun wurde er dreister. Per SMS warf er Barthel mehrfach vor, weder bei Lewandowskis Wechsel von Dortmund nach München im Sommer 2014 noch bei der letzten Vertragsverlängerung eine feste Ausstiegssumme mit dem FC Bayern vereinbart zu haben. »Robert war und wird der beste Stürmer der Welt sein«, schrieb Zahavi, »aber er versteht das Fußballbusiness nicht. Ich bin sicher, das könnte heute anders sein.«

»Das sehe ich anders«, konterte Barthel, es sei »unmöglich«, dass der FC Bayern einem »buy out« zustimmen würde.

Das Transfertheater, das Zahavi über gezielte öffentliche Äußerungen im vorigen Sommer in der deutschen Bundesliga anzettelte, ist ins Leere gelaufen. Die Bayern- Bosse verhandelten nicht mit dem Agenten. Doch aufgegeben hat er nicht – Zahavi vereinbarte mit Lewandowski, auch in Zukunft zusammenzuarbeiten.

Wer ist dieser Mann, der die Bosse des FC Bayern wochenlang zur Weißglut getrieben hat? Im Lauf von etwa 40 Jahren hat Zahavi es zu einer Virtuosität gebracht, hoch bezahlte Fußballprofis gegen ihre Kol - legen, ihre Trainer oder Vereinsbosse in Stellung zu bringen. Kommt es dann zum endgültigen Zerwürfnis mit dem alten Arbeitgeber, weist Zahavi dem Spieler den Weg zu einem neuen Klub, der alle heraufbeschworenen Probleme mit Geld löst. Das hat ihn zum Multimillionär gemacht.

Zahavi weiß, wie er seine Botschaften unters Volk bringen muss. Im Fall Lewandowski übernahm das die »Sport Bild«: »Robert fühlt, dass er eine Veränderung und eine neue Herausforderung in seiner Karriere braucht«, sagte Zahavi Ende Mai: »Die Verantwort - lichen des FC Bayern wissen darüber Bescheid.« Die Story war die Titelgeschichte. Damit war der Brand gelegt.

Zahavi ist so lange im Geschäft wie kein Zweiter unter den weltweit einflussreichsten Agenten, seinen ersten Spielerwechsel fädelte der Israeli Ende der Siebzigerjahre ein. Seine Nähe zu milliardenschweren Klubbesitzern in Russland, der arabischen Welt oder Zentraleuropa ist genauso legendär wie seine Skrupellosigkeit, wenn eine fette Provision lockt. Er mischt auch bei Klubübernahmen mit, bei Beteiligungen an Vereinen – und bei umstrittenen Deals mit minderjährigen Talenten.

So unübersichtlich groß sein Netzwerk ist, so unsichtbar bleibt Zahavi selbst. Er ist ein Phantom, blockt so gut wie jede Interviewanfrage ab, das letzte große Porträt über ihn erschien vor zwölf Jahren. Doch auch damals wurde nicht klar, mit welchen Summen Zahavi genau hantiert und über welche Kanäle seine Einkünfte fließen.

Dokumente der Enthüllungsplattform Football Leaks, in denen auch die SMS von Barthel zu finden sind, lassen nun einen tiefen Einblick in das Reich eines der größten Strippenzieher des globalen Fußballgeschäfts zu. Aus den Unterlagen geht hervor, dass die Firmen, die Zahavi gehören oder für die er tätig ist, häufig in Steuer - oasen sitzen: in Gibraltar, auf Malta, auf Zypern oder auf den British Virgin Islands in der Karibik. Auch in Luxemburg besaß er mal ein Unternehmen.

Bei seinen Deals schließt sich Zahavi oft mit anderen Branchengrößen zusammen wie dem englisch-iranischen Vermittler Kia Joorabchian, dem Portugiesen Jorge Mendes oder dem Mazedonier Fali Ramadani, der ihm als Türöffner für den südost - europäischen Fußballmarkt dient. Er sei vor allem in Südamerika und in England aktiv, schrieb Zahavi über sich selbst. Eine Kanzlei in Brasilien und eine zweite in Israel flankieren ihn juristisch. Sie haben gut zu tun.

Das SPIEGEL-Team

Rafael Buschmann, Jürgen Dahlkamp, Andreas Meyhoff, Nicola Naber, Gunther Latsch, Jörg Schmitt, Alfred Weinzierl, Robin Wille, Christoph Winterbach, Michael Wulzinger

European Investigative Collaborations (EIC)

»Expresso« (Portugal), »L’Es - presso« (Italien), »Le Soir« (Belgien), Mediapart (Frankreich), »Nacional« (Kroatien), NDR (Deutschland), »NRC Handelsblad « (Niederlande), PLTV (Frankreich), »Politiken« (Dänemark), Reuters (UK), »Standaard« (Belgien), Tamedia (Schweiz), The Black Sea/RCIJ (Rumänien), VG (Norwegen)

Bereits vor zwei Jahren berichteten der SPIEGEL und das Redaktionsnetzwerk European Investigative Collaborations (EIC) aus der verkommenen Welt der Spielerberater. Deutlich wurde, dass viele von ihnen ihre Honorare durch trübe Kanäle an Firmen fließen lassen, die zwei Dinge gemeinsam haben: den Sitz in einem Steuerparadies. Und eine undurchschaubare Eigentümerstruktur.

Zahavi ist eine besondere Type in diesem Kosmos. Wo andere Agenten mit großen Stäben agieren, tritt der Israeli als One- Man-Show auf. Er gilt als Mann des klassischen Handschlags. Doch wenn man ihm unbequeme Fragen nach seinen Geschäftspraktiken stellt, kann er auch mal hemmungslos drohen.

Für die Millionen, mit denen Zahavi jong liert, haben sich Justiz und Steuerbehörden in Europa interessiert. Niemals wurden ihm illegale Machenschaften nachgewiesen. Aus den Football-Leaks-Unterlagen geht hervor, dass es in England einen besonders hartnäckigen Ermittler gab, Abteilung Steuerbetrug und Offshore. Mehrere Jahre spürte der Beamte Zahavis Geschäften in der Premier League nach.

Laut den Dokumenten ging es um persönliche Steuern von rund 12,5 Millionen britischen Pfund und Unternehmensabgaben von fast 5 Millionen. Diese Untersuchung wurde im April 2017 eingestellt. Das grenzt fast an Magie. Zahavi lebt, das bezeugt er selbst schriftlich, mehr als die Hälfte des Jahres in London. In England liegt der Spitzensteuersatz bei 45 Prozent. Eigentlich müsste Zahavi sein persönliches Einkommen auf seine weltweiten Einkünfte an die britische Behörde Her Majesty’s Revenue and Customs entrichten.

Das bleibt dem Schwerverdiener aber erspart. Er hat sich mit den Engländern geeinigt, seine Abgaben zahlt Zahavi in Israel. In Tel Aviv bewohnt Zahavi ebenfalls ein Apartment, wenn auch nur sporadisch. Er profitiert offenbar vom britisch-israe - lischen Doppelbesteuerungsabkommen, das es einem Steuerpflichtigen erlaubt, in jenem der beiden Länder seine Einkünfte zu entrichten, in dem »das Zentrum seiner vitalen Interessen« liegt. Und das ist bei Zahavi, behördlich bestätigt, Israel.

Die Zentren seiner Geschäfte liegen fernab von Israel, etwa in Gibraltar. Dort, nur ein paar Querstraßen vom Jachthafen entfernt, residieren in einem Bürohaus ein Trust und eine Servicegesellschaft namens Finsbury. Dahinter verbergen sich mehrere Firmen. Eine heißt Gol International, eine weitere Gol Football. Beide sind in Gibraltar registriert. Eine dritte Firma hieß Gol Luxembourg, sie saß im Großherzogtum. Zahavi sagt, diese Firma existiere nicht mehr.

Der Strippenzieher aus Tel Aviv mag es diskret. Selbst Geschäftspartnern gegenüber verschleiert er sein Firmengeflecht, wie etwa Werder Bremen erfahren hat. Im Sommer 2012 hatten die Bremer mit Gol Luxembourg einen Vertrag ausgehandelt, wonach die Firma für Zahavis Vermittlung bei der Leihe des Spielers Kevin De Bruyne vom FC Chelsea 300000 Euro erhielt. Unterschrieben hatten den Vertrag und auch die Rechnung für die erste Rate aber nur zwei Angestellte von Zahavis Firma in Luxemburg.

Werder weigerte sich monatelang, die ersten 100000 Euro zu überweisen. Der Klub wollte wissen, wer der Begünstigte der Zahlung sei. Erst als der Finsbury Trust einlenkte, den Norddeutschen die Firmen - struktur von Gol und Zahavi als Eigentümer offenlegte, floss das Geld.

Wie bei Zahavi üblich, überwies Werder das Honorar in die Schweiz. Dort führen seine Unternehmen ihre Geschäftskonten, bei der St. Galler Kantonalbank und bei der Hyposwiss Private Bank in Zürich. Gol unterhält Konten in den drei wichtigsten Währungen: in britischen Pfund, in Dollar sowie in Euro.

Den bislang spektakulärsten Deal seines Lebens machte Pini Zahavi im Sommer vergangenen Jahres. Am 23. Juli 2017, zehn Tage bevor der Brasilianer Neymar nach Paris Saint-Germain wechselte, erfuhren die Klubbosse in Frankreich, dass Zahavi neben dem Vater des Spielers als zweiter Berater mit am Tisch sitzen würde. 10,7 Mil - lio nen Euro kassiert er bis Anfang 2022, so steht es in seinem Beratervertrag. Ver - längert Neymar um ein weiteres Jahr bis 2023, kommen für Zahavi noch einmal gut zwei Millionen Euro obendrauf.

Über den Zahlungsweg gab es zwischen dem Klub und Zahavi einen Streit. Wie bei Werder hatte er vorgeschlagen, dass ihm das Honorar über eine seiner Firmen mit Konto in der Schweiz gezahlt würde. Da hatte Paris Saint-Germain Bedenken.

Zahavi gab nach. Nun wollte er plötzlich über eine Gesellschaft auf Zypern entlohnt werden, die ebenfalls ihm gehört. Der Name: Grebere Consulting Limited, registriert in Limassol, gegründet 2014. Zahavi ließ den Klubbossen die vertraulichen Firmenunterlagen zukommen, doch wieder waren die Berater von PSG skeptisch. Sie betrachteten Zypern als Steuerparadies und hatten Zweifel an der »geschäftlichen Substanz« der Grebere Consulting. Sprich: Sie vermuteten dahinter eine Briefkastenfirma. Zahavi weist das von sich.

In einer wütenden Mail beschimpfte er PSG-Generaldirektor Jean-Claude Blanc, es sei »ein großer Fehler gewesen«, dem Klub die vertraulichen Unterlagen zu schicken. Er bestand darauf, das Geld über Zypern zu bekommen. Doch der Verein blieb bei seiner harten Linie. In dem »Sports Agency Remuneration Agreement« unterschrieb Pinhas Zahavi schließlich als Privatperson, Adresse ist seine Anschrift in Tel Aviv. Das Geld floss laut seiner Aussage auf ein persönliches Konto, er versteuert es mithin in Israel. Zahavi empfand diese Behandlung als Majestätsbeleidigung, das ließ er die Klubbosse auch wissen.

Zahavi hat ständig zwei, drei Mobiltelefone im Einsatz. Neben einer Kreditkarte sind sie eigentlich alles, was der Agent zum Arbeiten braucht, wenn er zwischen den Kontinenten hin und her jettet.

Für eine ordentliche Buchführung sind solche Arbeitsmethoden allerdings nur bedingt geeignet. Als der britische Steuerinspektor Mark H. den Millionenzahlungen an Zahavi aus der Premier League nachging, verlangte er von Manchester City, die Unterlagen zu den Transfers diverser Spieler herauszugeben. »Was war Zahavis Rolle?«, fragte er in einem Schreiben.

Der Klub hatte Probleme, die Dokumente zu finden. Einmal ging es um die Honorare für den Transfer von Robinho. »Wir haben leider nicht die Kopien aller Schriftsätze vorliegen«, antwortete der Finanzchef von ManCity dem Steuerfahnder. Der Deal sei »während der Übernahme des Klubs durch Abu Dhabi« gemacht worden: »Bestimmt sind Sie sich im Klaren darüber, dass es nicht ungewöhnlich in dieser Branche ist, dass ein gehöriger Anteil der Deals über das Telefon vereinbart und nicht förmlich festgehalten wird.«

Ähnlich nebulös war das, was Zahavis Londoner Anwalt im Juni 2014 von Jorge Mendes zu hören bekam. Der Portugiese vertritt Spieler wie Cristiano Ronaldo und ist wie Zahavi eine große Nummer in der Welt der Berater. Die beiden haben bedeutende Transfers zusammen gestemmt, viele dieser Geschäfte spielten sich zwischen dem FC Porto und dem FC Chelsea ab.

Zahavis Anwalt wollte sich in dem Telefonat mit Mendes vor den Nachforschungen der Steuerfahnder wappnen, er erwartete sich Aufschluss über die Gepflogenheiten der Branche und die Rolle seines Mandanten. Über das Telefonat führte er ein Protokoll. »Buchstäblich jeder in der Fußballindustrie« kenne Zahavi, habe Mendes gesagt, und jeder wisse, »dass er seinen Einfluss und seine Kontakte, einschließlich derer zu Vorstandsvorsitzenden und einigen Staatschefs, nutze, um Deals mit Spielern zu vermitteln«.

Wie ManCitys Finanzchef schilderte demnach auch Mendes, dass Papier für den früheren Journalisten Zahavi zum Arbeiten nicht mehr so wichtig sei wie früher, als er noch für die Zeitung schrieb. Zahavis Kommission werde »von Deal zu Deal über das Mobiltelefon verhandelt«, dies sei bei allen Geschäften zwischen ihm und Zahavi so gelaufen.

Über Jahre gab es im Fußballbusiness ein Modell, bei dem Zahavi besonders kräftig mitmischte: die sogenannte Third-Party Ownership (TPO). Im Kern funktionierte das Geschäft so: Investoren kauften VereinA Anteile an den Transferrechten eines hoffnungsvollen Profis ab. Stieg der Marktwert dieses Spielers, drängten die Geldgeber oft auf den Weiterverkauf zu Verein B. Viele Klubs gerieten so in fatale Abhängigkeit von Investoren. Die Fifa verbot deshalb diesen Einsatz von Drittmitteln ab Mai 2015.

Einige Investoren, die Pini Zahavi jahrelang dabei beriet, ihr Geld in Transferrechten bestimmter Spieler anzulegen, verbergen sich hinter einer Firma namens Leiston Holdings Limited. Sie ist auf den British Virgin Islands in der Karibik registriert, wo der Steuersatz für Einnahmen, die jenseits der Inseln erwirtschaftet werden, bei null Prozent liegt. Wie in Gibraltar. Es waren Geschäfte, bei denen eine Vervielfachung des Einsatzes in kürzester Zeit möglich war. Zudem wurden bei solchen TPO-Deals häufig Honorare im siebenstelligen Bereich in Steuerparadiese verschoben.

Illustrieren lässt sich die ganze Palette dieser dubiosen Transaktionen exemplarisch am Fall des serbischen Profis Lazar Marković, 24, der dem FC Liverpool gehört und der derzeit an den belgischen Erstligisten RSC Anderlecht ausgeliehen ist.

Im April 2012, Marković war erst seit wenigen Wochen volljährig, erwarb die Leiston Holdings 100 Prozent der Transferrechte des Spielers von Partizan Belgrad. Der Preis: sieben Millionen Euro.

Ein gutes Jahr später, im Juni 2013, wechselte der Angreifer zu Benfica Lissabon. Die Portugiesen überwiesen 6,25 Millionen Euro an die Leiston, sicherten sich damit aber nur die Hälfte von Marković’ Transferrechten.

Ein weiteres Jahr später, im Juli 2014, wechselte Marković zum FC Liverpool. Die »Reds« zahlten für den Transfer insgesamt 25 Millionen Euro. 12,5 Millionen Euro flossen an Benfica, die anderen 12,5 Millionen Euro an die Leiston. Innerhalb von etwas mehr als zwei Jahren hatte die Leiston damit aus sieben Millionen Euro 18,75 Millionen gemacht – steuerfrei verbuddelt in der Karibik.

Die Fifa hat eine Tochterfirma, die alle internationalen Transfers dokumentiert. Kimberly Morris ist die Vorsitzende der Abteilung für Integrität. Sie verfolgte diese Spekulationsgeschäfte damals sehr genau, doch sie war bei ihren Stichproben angewiesen auf die Auskunftsbereitschaft der Klubs. Und die war nur mäßig ausgeprägt.

Nach Marković’ Wechsel zu Benfica war Morris hellhörig geworden. Im März 2014 schrieb sie eine Mail an die Vereinsbosse von Partizan, sie bat um »kurze Zusammenfassung der Beziehung zwischen Ihrem Club und Leiston Holdings«. Zudem verlangte sie Einsicht in den Vertrag zwischen der Firma und Partizan.

Der Generalsekretär lieferte das Dokument, doch Morris gab sich damit nicht zufrieden. Sie schrieb eine zweite Mail. Nun wollte sie wissen, ob es »eine Verbindung zwischen der Leiston Holdings Ltd. und Herrn Pinhas Zahavi gibt«. Zudem hakte sie nach, ob Partizan »noch irgendeine andere Vereinbarung bezüglich dieses Spielertransfers oder allgemein mit Herrn Pinhas Zahavi« habe.

Weiter kam Morris bei ihren Nachforschungen nicht. Dabei war sie auf der richtigen Fährte gewesen, wie die Football- Leaks-Dokumente belegen. Die Leiston hatte rund um diesen TPO-Deal nämlich zwei weitere verdächtige Verträge aufgesetzt.

Am 3. Mai 2012, nur wenige Tage nach dem Erwerb von Marković’ Transferrechten, vereinbarte die Leiston mit der Firma Sport & More, registriert im Bundesstaat New York, eine Zahlung von 250000 Euro. Hinter dieser Firma stand der serbische Spielerberater Nikola Damjanac. Seine angebliche Leistung: Damjanac soll Leiston geholfen haben, die Transferrechte an Marković zu erwerben.

Manchmal kann einem schwindlig werden, wenn man den Geldflüssen der Firmen zu folgen versucht, für die Zahavi arbeitet. Denn obwohl Sport & More Vertragspartner war, beauftragte Damjanac die Leiston später, die 250000 Euro an eine Firma auf Malta zu zahlen. Ihr Name: Lian Sports. Für diese Firma arbeitet einer von Zahavis Buddies auf dem Balkan, er nennt ihn »my guy«, meinen Jungen.

Doch das war noch nicht alles. Damjanac unterschrieb in Sachen Lazar Marković mit der Leiston am 3. Mai 2012 einen weiteren Vertrag. Diesmal für ein Unternehmen namens Goldline, das im Schweizer Grenzort Chiasso seinen Sitz hatte. Demnach musste die Leiston zwei Millionen Euro an die Goldline überweisen. Und wieder lautete der angebliche Zahlungsgrund: Unterstützung beim Kauf der Transferrechte des Spielers Lazar Marković.

Warum sollte die von Pini Zahavi beratene Leiston Holdings mehr als 30 Prozent der investierten sieben Millionen Euro für »Vermittlerdienste« an zwei Firmen ein und desselben Beraters überweisen? Gab es dafür andere Gründe als den, ein paar gute Freunde zu bedienen? Weder Pini Zahavi noch Nikola Damjanac noch die Firmen Lian Sports und Leiston Holdings äußerten sich zu diesem Verdacht.

Zahavi fädelte zahlreiche millionenschwere TPO-Deals für die Leiston ein, darunter auch mindestens einen im besonders trüben Geschäft mit minderjährigen Spielern.

Danilo Pantić war 16 Jahre alt, als die Leiston am 29.März 2013 die Hälfte seiner Transferrechte erwarb. Wie Marković war auch der junge Mittelfeldspieler ein Talent von Partizan Belgrad, sein Ausbildungsvertrag ging noch bis Sommer 2015.

Die Leiston zahlte für diese Transferbeteiligung 1,7 Millionen Euro. Das Geld floss aber nicht an den Klub in Belgrad. Stattdessen ging es an zwei Unternehmen mit Sitz auf Nevis, einer der Westindischen Inseln in der Karibik: Die eine heißt TXL Investments, die andere SNR Limited. Beiden Firmen überwies die Leiston Holdings das Geld auf ihre Konten bei der Bank of Valletta – einem Kreditinstitut auf der Mittelmeerinsel Malta.

Doch damit nicht genug: Die SNR schob 500000 Euro weiter an eine Firma namens Leary Invest auf den British Virgin Islands, und sie drückte weitere 170000 Euro an eine Firma namens Guan ta Gold mit Sitz im mittelamerikanischen Belize ab. Die 1,7 Millionen Euro, die Leiston Holdings gezahlt hatte, landeten am Ende also bei vier Firmen – und alle hatten ihren Sitz in Steuerparadiesen.

Das Pikante daran: Sowohl die TXL Investments als auch die SNR Limited auf den Westindischen Inseln, bei denen das Geld der Leiston zunächst gelandet war, wurden damals von einem Direktor der Lian Sports auf Malta kontrolliert, die auch schon in die Millionenmauscheleien im Fall Marković verwickelt war. Keiner der Beteiligten beantwortete, warum und wofür das Geld geflossen ist.

Es war wohl genau diese Art von dubiosen Deals, die Werder Bremen davon abhielt, schon im Frühjahr 2012 mit Pini Zahavi zusammenzukommen. Damals hatte die Leiston den Bremern ein Angebot gemacht: sieben Millionen Euro für die Transferrechte an dem ehemaligen Nationalspieler Marko Marin.

Zunächst war Werder gesprächsbereit. Doch der Klub nahm Abstand von dem Geschäft, weil die Leiston sich offenbar weigerte, ihre Firmenurkunden von den British Virgin Islands offenzulegen. Dies habe »nicht den Standards unserer guten Geschäftsführung entsprochen«, teilte Werder Bremen dem EIC mit.

Das Recherchenetzwerk bat Pini Zahavi am 8. Oktober um schriftliche Stellungnahmen zu all den in diesem Artikel beschriebenen Geschäften. Zahavi antwortete bereits nach wenigen Stunden. Er schrieb, dass er niemals an der Firma Leiston Holdings beteiligt und auch niemals wirtschaftlich Begünstigter gewesen sei. Er habe die Leiston »beraten, als die Beteiligung Dritter an Transferrechten von Profifußballern noch erlaubt war«. Alle anderen Fragen beschied Zahavi als »nicht relevant«.

Eine gute Woche später empfing Zahavi dann doch noch einen israelischen Journalisten, der das EIC vertrat. Das Treffen fand in der luxuriösen Wohnanlage »Sea and Sun« im Nordwesten Tel Avivs statt, in der Zahavi ein Apartment mit prächtigem Meerblick besitzt.

Zahavi trug Bermudashorts und ein Poloshirt, er bot dem Interviewer einen Kaffee an. Zahavis Sohn Gil saß ebenfalls mit am Tisch und zeichnete den Wortlaut auf. Der Spielerberater hatte einem persönlichen Gespräch zugestimmt, weil er, wie er sagte, anhand der Fragen zu dem Neymar-Deal »verleumderische Berichterstattung « befürchtete. Dem habe er entgegenwirken wollen.

Zahavi legte alle relevanten Dokumente des Neymar-Vertrags auf den Tisch. Demnach zahlte Paris Saint-Germain die erste Rate von 1,49 Millionen Euro nicht an eine der Firmen Zahavis in einem Steuerparadies, sondern an ihn persönlich. Das Geld ging auf einem Konto der israelischen Bank Hapoalim ein, das Zahavi nach Abschluss seines Beratervertrags mit PSG eigens eröffnet hatte. Zahavi sagt auch, dass er die persönlichen Einkünfte aus seinen weltweiten Unternehmensgewinnen immer in Israel versteuert hat.

Die Unterhaltung führte Zahavi in aggressivem Ton, einmal schlug er mit der flachen Hand auf den Tisch. »Hören Sie mal gut zu: Es gibt keinen großen Deal auf der Welt, bei dem ich nicht mitmische «, sagte der Berater, »und es gibt keine Ecke im internationalen Fußball, in der ich keinen Einfluss und keine Macht habe.«

Sollte auch nur eine einzige Behauptung veröffentlicht werden, die ihm schade, drohte Zahavi mit der »größten Klage in der Geschichte« gegen die Verlage des EIC: »Ich werde sie bekämpfen, ich bin ein starker Mann.«


IMAGO SPORT, M.I.S SPORTPRESSFOTO/ALL4PRICES; ILLUSTRATION: BENEDIKT RUGAR

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