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„FORENSIKER KÖNNEN MANIPULATIONEN AUFDECKEN, ABER KEINEN PERSILSCHEIN AUSSTELLEN“


digit! - epaper ⋅ Ausgabe 5/2021 vom 29.10.2021

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Bildquelle: digit!, Ausgabe 5/2021

Herr Kriese, Sie haben Biologie studiert. Ist das eine zielführende Ausbildung für Bildforensiker?

Jens Kriese: Der Vollständigkeit halber: Ich war parallel dazu auch als Naturfotograf tätig und hatte eine eigene Bildagentur. Bildforensiker kommen aus allen möglichen Disziplinen, Mathematik, IT, Natur-und Ingenieurswissenschaften beispielsweise. Ich selbst bin während meiner Diplomarbeit auf Ungereimtheiten in einer Veröffentlichung gestoßen, die ich mithilfe eines Bildverarbeitungsprogramms nachweisen konnte. Spannend fand ich, dass das mit einer Bilder-Software möglich und automatisierbar ist. Seitdem hat mich das Thema nicht wieder losgelassen. Die Software benutze ich übrigens bis heute.

Wie heißt diese Software?

JK: Der Name ist ImageJ. Sie wird viel im naturwissenschaftlichen Bereich genutzt, etwa um zu zählen, wie viele Zellen sich in einem histologischen Präparat befinden, und ob es ...

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... Anzeichen gibt, dass die Anzahl oder ihre Position im Nachhinein per Bildbearbeitung verändert wurde. Es gibt zwar potentere Programme, Matlab etwa, das im universitären Bereich verwendet wird, für Unternehmen und Privatpersonen aber sehr teuer ist. ImageJ hingegen ist ein freies Programm. Das User-Interface wirkt eher rudimentär, die Software lässt sich aber durch Plug-ins und eigene Programmierleistung funktional sehr gut erweitern.

Wo und wie setzt man mit so einem Programm denn an, wenn man einer möglichen Bildmanipulation auf die Schliche kommen will?

JK: Da gibt es die unterschiedlichsten Ansätze, es würde zu weit führen, an dieser Stelle alle aufzuzählen (Anmerkung der Redaktion: Wir haben die wichtigsten in der nachfolgenden Übersicht zusammengefasst). Ein geläufiges Mittel ist beispielsweise, nach Inkonsistenzen beim Bildrauschen innerhalb eines Bilds zu suchen. Diese können ein Indiz dafür sein, dass es sich um ein zu Fälschungszwecken gemachtes Composing handelt. Das Programm visualisiert diese Inkonsistenzen und macht die Fälschung damit auch für Laien verständlich. Auch Duplikat-Detektoren, die Kopierretuschevorgänge, also Dopplungen von Bildinhalten aufdecken, sind ein effizientes Verfahren.

Kann man auch feststellen, ob ein Foto mit einer bestimmten Kamera gemacht wurde?

JK: Sehr gut sogar. Grundlage ist die sogenannte Photo-Response-Non-Uniformity (PRNU), eine Art individueller, d. h. für jede einzelne Kamera einmaliger „Fingerabdruck“, der durch minimale Fertigungsungenauigkeiten des Sensors entsteht. Für DSLRs, DSLMs und digitale Kompakt-kameras liegt die Zuordnung eines Bilds zu einer Kamera bei fast 100 %. Das ist beispielsweise bei Straftaten wichtig, etwa wenn ein Täter bestreitet, mit einer speziellen Kamera fotografiert zu haben. Einige Pressebildagenturen nutzen diese Technik sogar, um sicherzustellen, dass die angelieferten Bilder wirklich von ihrem Korrespondenten stammen.

Wer sind Ihre Kunden?

JK: Praktisch jedermann. Viele sind Privatleute, und oft geht es um Sachverhalte wie Unfallgeschehen oder Kleinkriminalität bei Anund Verkäufen. Darüber hinaus erstelle ich aber auch Gutachten, beispielsweise für den Pressebildbereich.

Muss man ein Nerd sein, um bildforensisch arbeiten zu können?

JK: Sagen wir so: Ich glaube schon, dass man mich in gewisser Weise so bezeichnen könnte – bevor ich Familie hatte, habe ich jedenfalls auch schon mal drei, vier Tage durchprogrammiert. Andererseits: Wenn man ein großes Interesse am Thema hat, kann man sicherlich auch mit mittlerer Reife Bildforensiker werden. Schließlich gibt es kommerzielle Lösungen, bei der keine Programmierarbeit erforderlich ist. Und wer nur mal grob prüfen will, ob vielleicht eine Manipulation vorliegt, kann sogar einfache Browser-Plug-ins nutzen. Beispielsweise InVID, das für Journalisten erstellt wurde und grundsätzlich gut funktioniert, allerdings nur eine Handvoll Fragestellungen adressiert.

Woran scheitern diese einfachen bildforensischen Do-It-Yourself-Tools?

JK: Smartphone-und Social-Media-Bilder sind eine Herausforderung. Beispielsweise hat die Arbeitsgemeinschaft, die hinter InVID steckt, gesagt: Lass uns mal untersuchen, wie viele von den bereits verifizierten Fakes wir auf Basis von Social-Media-Bildern aufdecken können. Am Ende waren es dann gerade mal 16 %.

Das liegt an zweierlei: Einerseits haben diese Bilder eine sehr geringe Auflösung, bieten also eine nur mäßige Datenbasis, denn mit jeder JPEG-Kompression gehen spezifische Analysecharakteristika verloren. Andererseits ist besagter „Fingerabdruck“ bei Smartphones und Bildern aus sozialen Netzwerken faktisch nicht vorhanden.

Existieren solche Fingerabdrücke auch bei Bildbearbeitungsprogrammen?

JK: Ja, auch Photoshop hat ein wiedererkennbares Profil. Von Beginn an verwendet die Software die immer gleiche Quantisierungstabelle. Diese gibt unter anderem Aufschluss darüber, mit welchen Qualitätseinstellungen ein JPEG komprimiert wurde. Bei Handyfotos funktioniert das aber nicht mehr, weil nur noch die JPEG-Bibliotheken zweier Betriebssysteme in der Praxis Anwendung finden. Damit verliert die „JPEG-Ballistik“ als eigentlich sehr robustes und ergebnisstarkes Werkzeug leider an Schlagkraft.

Es wird also tendenziell schwieriger, Fakes zu entlarven?

JK: Theoretisch ja. In der Praxis nutzen Bildfälscher die entstandenen Schwachpunkte der Forensik zum Glück aber noch nicht in größerem Maßstab aus.

Trotzdem, es bleibt ein Katz- und Maus-Spiel, oder?

JK: Ja, denn auch die Bildfälscher können beispielsweise eine Bildforensik-Software nutzen, um sich daran zu schulen. Diese „Antiforensiker“ sind uns immer dicht auf den Fersen. Es gibt z. B. Wettbewerbe, bei denen sich Fälscher und Aufklärer messen, da sind wir inzwischen bei der Anti-Anti-Anti-Forensik angekommen (lacht). Die Bild-Forensiker schärfen ihre Tools jedenfalls immer weiter nach. Meine Hausaufgabe besteht aktuell darin, mithilfe von KI zu fragen, wie spezifisch das Erscheinungsbild des Eingriffs der künstlichen Intelligenz bei einem bestimmten Gerät ist – und wie sich das bildforensisch nutzen lässt. Ich glaube, dass man die KI so programmieren kann, dass wir wieder auf Erkennungsraten von 80 % kommen.

Bildforensik ist ein mühseliges Unterfangen, oder?

JK: Man muss jedenfalls am Ball bleiben, viele der neuen wissenschaftlichen Abhandlungen lesen und die eigene Datenbank mit Vergleichsbildern, die unter anderem dazu dienen, bestimmte Kameramodelle zu identifizieren, à jour halten.

Wo stößt die Forensik an ihre Grenzen?

JK: Eigentlich tut sie das ständig. Erstens sind wir als Forensiker ja in einer Zwickmühle, weil Nachweise selten mit hundertprozentiger Sicherheit geführt werden können und der Grundsatz „in dubio pro reo“ gilt. Und zweitens gibt es ja nun einmal perfekte, nicht nachweisbare Bildfälschungen.

Wir sind gespannt …

JK: Ein einfaches Beispiel: Wenn Sie mit einer DSLR eine Doppelbelichtung machen von ein und derselben Playmobilfigur und diese erst links und dann rechts positionieren, dann haben sie auf einmal ein Bild mit zwei Playmobilfiguren. Den Hinweis der Mehrfachbelichtung in den EXIF-Metadaten können Sie mit einem Mausklick löschen. Forensiker können also nur Indizien für Fälschungen finden. Einen Persilschein ausstellen dafür, dass ein Bild authentisch ist, können sie nicht.

Apropos authentisch: Wo liegt die Grenze zwischen Manipulation und zulässiger Nachbearbeitung?

JK: Eine geradezu philosophische Frage. Zwei Beispiele: Es gab den Fall eines Bildjournalisten, der eine Schuhspitze als störend empfand, sie aus einem Pressebild getilgt hat und daraufhin entlassen wurde – ein absurder Vorgang. Andererseits ist da die Geschichte um Paul Hansen, den Gewinner des World Press Photo Award 2013. Sein Siegerbild zeigt eine Gruppe von Männern, die zwei tote Kinder durch Gaza-Stadt tragen und war zuvor in einer schwedischen Zeitung abgedruckt worden. Hansens später beim WPPA eingereichte Version wirkte dramatischer. Sie war unter anderem in puncto Kontraste verändert worden, das haben ich sowie auch Hany Farid, ein führender Forensiker aus den USA, unabhängig voneinander diagnostiziert. Hansen hat den Preis dennoch behalten dürfen.

Zu Recht?

JK: Ich meine ja. Denn einerseits waren die Statuten nicht eindeutig; erst nach diesem Fall hat das Komitee das entsprechende Regelwerk konkretisiert. Andererseits hätte er den Preis meiner Einschätzung nach auch ohne jegliche Nachbearbeitung verdient, wenn man sein Bild mit denen der Mitbewerber vergleicht. Das Foto hat eine ikonische Kraft. Noch etwas: Wenn man jegliche Bildeingriffe rückwirkend diskreditieren würde, müsste man auch einen Meister wie Ansel Adams vom Sockel stoßen – der konnte ja in der Dunkelkammer sogar analog „nachschärfen“.

JENS KRIESE studierte Biologie und arbeitete als wissenschaftlicher Mitarbeiter in Forschung und E-Learning, ehe er sich als Foto-Forensiker selbstständig machte. Heute betreibt er unter dem Namen Digital Image Forensic ein Büro für digitale Bild-Forensik in Hamburg. digital-image-forensic.de