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FOREST JUMP: FOREST JUMP


Walter Magazin - epaper ⋅ Ausgabe 5/2020 vom 17.12.2020

Tief im Westen der Republik liegt einer der größten Abenteuerspielplätze, den sich fahrendes Volk vorstellen kann. An einem gespenstig nebligen Novembertag tasten wir uns durch die dunkelsten Winkel des Fursten Forest. Zum Glück sind wir nicht allein.


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Bildquelle: Walter Magazin, Ausgabe 5/2020

FOTOS Gerd Koch

Nur gut, dass die alte Enduro-Brille noch im Keller lungerte. Die hat eine gnädige, orangefarbene Tönung, macht grauen Wald wieder grün und weckt auch bei schwärzestem Gewitterhimmel die Illusion von Sonnenuntergang. Etwas Stimmungsaufhellendes ist heute auch angebracht. Die Sicht liegt bei gut 100 Metern, die Beleuchtung morgens um zehn kurz ...

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... über Herbstdepression.

Der furchterregende Ruf des Teutoburger Waldes reicht seit 7 nach Christus bis Rom. Sein westliches Ende war schon immer umkämpftes Gebiet. Schon 1340 stand hier die längst verfallene Festung Fürstenau zur Sicherung der Westgrenze. Während des 30-jährigen Krieges machten sich Dänen und Schweden östlich der Grenze zu den Niederlanden breit, nach dem zweiten Weltkrieg waren in der Garnisonsstadt Fürstenau polnische Soldaten stationiert, bis die Bundeswehr westlich von Osnabrück 1959 in der frisch errichteten Pommern- Kaserne das Panzergrenadier-Bataillon 332 hier stationierte.

Die Garagen und Werkstätten sind noch da, nur dass heute überwiegend Geländewagen, Monster Trucks und Quads hinter den Mauern lauern. Unter einem kleinen Servicezelt parkt unser Expeditionsfahrzeug. Wie bei den Japanern längst gute Tradition, droht schon bei der Aussprache ein Aufhängungsbruch am Zungenbein: YXZ 1000R heißt das auf 30-Zoll-Ballonrädern parkende Gefährt, dessen offizielle Deklaration als Nutzfahrzeug mit Land- und Forstwirtschaft ungefähr so viel zu tun hat wie Golfkart Fahren mit Traktor Pulling.

1.000 Kubik und 120 PS klingen für einen Auto nicht unbedingt beeindruckend, aber erstens ist die Cup-Variante des wild gewordenen Buggy mit dezentem Chiptuning auf 144 PS gepumpt, zweitens ist das sequenzielle Fünfgang-Getriebe so kurz übersetzt, dass im Renneinsatz schon bei 120 Sachen Schluss ist. Drittens wiegt das Ding aus dem Sumpf vollgetankt nur knapp 700 Kilo, mit denen der wütend am Kardan zerrende Dreizylinder aus der Yamaha-Jetski-Familie leichtes Spiel hat. Wer sich jetzt noch nicht ausführlich genug motorisiert fühlt, für den bietet Yamaha noch einen Turbo-Kit mit 185 PS. Hätte Robin Hood schon ein motorisiertes Fluchtfahrzeug gehabt, er wäre YXZ gefahren.

Auch wenn die Assoziation an diesem nieseligen Nebeltag schwerfällt, können sich immer mehr Verrückte vorstellen, mit so einem Mini-Buggy im größten Sandkasten der Welt zu spielen. 45 Side by Side-Renner und weitere 13 Klein-Buggys stehen auf der Startliste der kommenden Rallye Dakar. Während das Starterfeld der großen Autos wegen der hohen Kosten seit einem Jahrzehnt stetig schrumpft (aktuell 67 am Start), werden die wild gewordenen Waldarbeiter immer beliebter. Sie sind ab 30.000 Euro deutlich preiswerter, fahren sich selten fest und wenn doch, lassen sich die Leichtgewichte einfacher frei buddeln.

Der Fursten Forest zeigt sich ebenso abgespeckt wie das Sportgerät: Die Pünktchen auf dem Ü mussten weg, weil internationales Publikum deutsche Umlaute nicht kennt. Gegen den heute besonders finsteren Forst wirkt Sherwood Forest wie eine lichte Parklandschaft. Wir tasten uns erst mal untertourig durch den Wald. Timo Schweers, Technikchef und Fahr-Instruktor auf dem Gelände führt die kleine Rotte an. In dem Gewirr aus Wegen und Abzweigen geht schnell die Orientierung verloren.

Vier Millionen Quadratmeter oder umgerechnet 400 Hektar misst das Areal eine halbe Autostunde links von Osnabrück. Die Betreiber nennen es Europas größtes Outdoor-Freizeitgelände, durch das sich zu christlicheren Jahreszeiten Geländewagen- Fahrkurse und Quad-Karawanen schlängeln, Bogenschützen, Kletterer und Camper das Gebiet bevölkern.


Schon das erste Schild am ersten Abzweig warnt vor Panzerverkehr


Die Soldaten sind 2007 abgezogen, aber schon am ersten Abzweig nach dem Tor warnt ein Schild vor Panzerverkehr. Wer mag, kann auf dem Gelände der früheren Panzerfahrschule selbst eine Fahrstunde im Schützenpanzer absolvieren. Außer marodierenden Mardern streifen aber auch lautlos Rehe durch den Forst. Teile des Geländes sind Naturschutzgebiet und für Motoren-Männer tabu.

Außer dem Knattern des Dreizylinders hinten und dem Rasseln der eigenen Lunge herrscht Stille im Wald, bis Schweers in einen buckligen Hohlweg einbiegt und den Hahn aufreißt. Der Herbst hat seinem Namen Ehre gemacht. Noch in der Nacht hat es geregnet, sämtliche Senken stehen voller Wasser. Der geübte Anführer turnt im Slalom an den Teichrändern entlang, aber die Piste ist zu schmal, um ihnen ganz auszuweichen. Jetzt wird klar, warum Yamaha- Pressesprecher Robert Glück bei der Frage nach feuerfestem Zwirn riet: „Bring lieber eine Regenpelle fürs Mopped mit.“

Das hier sind noch die kleinen Wasserlöcher, da müsst ihr mal die großen sehen, die sämtlich tief genug sind, um eine Familie von ausgewachsenen Leistenkrokodilen zu verbergen. Aber mitten durch fahren sowieso nur Anfänger. Nicht, dass der Mini-Buggy wasserscheu wäre, aber die nassen Barrieren bremsen zu stark und kosten wertvolle Zeit.

Für Timo Schweers ist das Gewedel über Stock und Stein noch Sightseeing-Tempo, aber das lässt sich nur bedingt überprüfen, weil die Brille nach kürzester Zeit mit Matsch besprenkelt ist und das hektische Schnaufen des Fursten-Forst- Novizen die Gläser beschlagen lässt. Was dem Gast schon wie ein mittelspektakuläres Kirmes-Fahrgeschäft mit Fango vorkommt, ist dem Side-by-Side-Renner nur ein Aufwärmprogramm. Die Nackenmuskeln ziehen den Helm oft ohne Not maximal straff, das Fahrwerk mit Doppelquerlenkern und modifizierten ORE-Dämpfern bügelt von Baumwurzeln bis Matschkuhlen alles flach.


Bei der Erschaffung der Erde muss Gott in Niedersachsen kurz ausgerutscht sein


Der Motor brüllt bei 6.000 Umdrehungen schon wie ein angeschossener Gorilla, dabei spannt er da erst die Muskeln an, so richtig brennt die Hütte erst ab 9.000 Touren, wobei im Cockpit außer dem Piloten nichts wirklich Feuer fangen kann, zum einen, weil die abgestripte Fahrgastzelle Flammen keine Nahrung bietet, zum zweiten, weil eh alles schon pitschenass ist. Das Wort Interieur ist beim YXZ völlig deplatziert, denn es gibt kein drinnen, es ist alles draußen und alles kommt von draußen rein, so wie gerade die senkrechte Wasserwand, die über dem Tester zusammenstürzt. Hoppla, den Tümpel sind wir wohl etwas zu ungeduldig angegangen.

Wir kämpfen uns ins Freie, wo der Tag nicht mehr anthrazitfarben ist, sondern immerhin schon mittelgrau, gemischt mit Grau und Beige. Das hier ist die kleine Sandkuhle mit ihren steilen Rampen zum Klettern und Springen. Der Yamaha-Renner bietet einen in Sekundenschnelle zuschaltbaren Allradantrieb, der aber nur in ganz tiefem Geläuf aktiviert werden muss. Stecken bleiben ist kein Thema. Die dicken Sandwalzen retten dich aus fast allem heraus.

Ein echte Herausforderung sind Sprünge: Erstens ist es bei 43 Zentimetern Federweg gar nicht einfach, das Auto aus den Angeln zu heben, zweitens sind die Dämpfer hinten zu weich eingestellt. Das Pferd keilt auf Kuppen gern hinten aus. Timo Schweers weiß Rat und lässt die Hinterachse ein paar Klicks straffer einstellen. Auf Bodenwellen ist der Buggy jetzt nicht mehr ganz so kommod, aber das tut dem Spaß keinen Abbruch. Wütend schreiend tobt der Yamaha mit seinem Lenker Heck schleudernd durch den Wald, manchmal sogar mit der Nase voraus. Bis zum Schluss ist nicht ganz klar, wer hier eigentlich mit wem fährt.

Und so lässt der Tester am Ende den Instruktor ans Steuer. Timo Schweers hat noch eine bisher unentdeckte Attraktion im Köcher: Bei der Erschaffung der Erde muss Gott in Niedersachsen kurz ausgerutscht sein, jedenfalls zieht sich hier eine 50 Meter tiefe, 200 Meter breite und über einen halben Kilometer lange Furche durch den Wald. In der großen Sandgrube des Fursten Forest ließen sich mehrere Panzerdivisionen vergraben. Wo sich sonst raue Gesellen mit ihren G-Modellen durchgraben und Neureiche ihre Cayennes festfahren, wieselt der YXZ 1000 einfach vorwärts. Er kann definitiv nicht übers Wasser gehen, aber offensichtlich über den Sand. An weniger glitschigen Tagen würde er mit Allrad und Launch Control sogar die üble Böschung am Ostende erklimmen, wo du gefühlt senkrecht in den Himmel stürmen könntest, wenn denn einer da wäre.

Auf dem Rückweg verschluckt uns wieder das Nadeldach, springen Baumstümpfe in die Fahrlinie, greifen Kiefernstämme mit gierigen Wurzeln nach uns, faltet sich plötzlich der Boden auf. Und wo auf dem Pfad eben noch reizend rot das Herbstlaub raschelte, öffnen sich schlagartig schwarz schmatzende Abgründe. Ach Fursten-Forst, wem willst du denn damit noch Angst machen?