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FOREVER FRANÇOISE


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tip Berlin - epaper ⋅ Ausgabe 4/2022 vom 16.02.2022

Titel

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Bildquelle: tip Berlin, Ausgabe 4/2022

z.B. aus den Lolitas- 80ern

Oranienstraße. Brezel Göring sitzt im Bateau Ivre und trinkt Kaffee. Schräg gegenüber sieht man durch die großen Fensterscheiben das SO36 – um die Ecke ist seit 30 Jahren sein Proberaum –, auch die kleine Wohnung, in die er nach dem Tod von Françoise Cactus gezogen ist, gleich nebenan. Wir befinden uns im Stereo-Total-Kiez, in Kreuzberg 36. Werden von hier aus noch einmal bislang unveröffentlichte Songs von Stereo in die Welt hinausgehen?

„BREZEL GÖRING Es gäbe genug Material, um noch drei Stereo-Total-Platten zu machen, aber das bleibt jetzt, wo es ist, das bringe ich nicht mehr raus. Es ist völlig unmöglich, es ohne sie zu machen, das interessiert mich auch nicht. Ich bringe jetzt ein Lied auf einer Platte raus, die ich selber mache und auf der ganz andere Musik ist, aber Françoise singt (siehe Seite 17). Das habe ich gemacht, um dieser Beklommenheit über ihre Abwesenheit, die nicht nur ...

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... ich spüre, sondern ihr ganzer Freundeskreis auch, gerecht zu werden. Wenn ich dieses Lied höre, ist es für mich wie ein Erdbeben, weil mir dann sehr bewusst wird, dass da etwas fehlt. Sie ist nicht mehr da.“

Die letzte gemeinsame Wohnung, in der das Paar lebte, liegt nur ein paar Straßen weiter. Und auch die Geschichte von Françoise und Brezel begann in dieser Gegend, damals, vor mehr als beinahe drei Jahrzehnten.

„Françoise war Kreuzbergerin, durch und durch. Wenn sie hier unterwegs war, traf sie ständig Bekannte, sie ist die Straßen langdefiliert und kannte jeden Laden, jede Kneipe, jedes Café. Doch wenn sie irgendwo einmal blöd behandelt wurde, ist sie da nie wieder hin. Andererseits war sie unheimlich treu. Es gab eine Boutique mit S econd-Hand-Klamotten, aber auch neuen Sachen und Schmuck, da hat sie ständig etwas gekauft. Ein oder zwei Jahre lang haben wir auch mal am Zionskirchplatz in Mitte gewohnt, das hat ihr überhaupt nicht gefallen. Sie sagte immer: „Die kriegen den Osten immer noch nicht richtig hell.“ Sie fand, die Straßen seien dort nicht richtig beleuchtet.“

Brezel Göring wurde von Françoise Cactus zum Kreuzberger gemacht, die beiden lernten sich kurz nach dem Mauerfall kennen. Beide lebten damals in der von der Berliner Mauer zerschnittenen Adalbertstraße, er auf der Mitte-Seite im Osten, sie natürlich auf der Kreuzberger Seite im Westen. Irgendwann im Frühjahr 1990 riss dort jemand die Mauer ein und man konnte einfach durchgehen, von Ost nach West, von West nach Ost.

„Ich hauste in einer leer gewordenen Wohnung, da kam ich gerade aus Kassel und Ost-Berlin war für mich sehr aufregend. Ich bin immer hin und her gelaufen, von Ost nach West, Françoise hat mich irgendwann gesehen und hat über mich gelacht, als ich einmal mit so einem selbstgemachten Schild auf eine Demo wollte. Es war eher so eine riesige Holzkeule gewesen, auf der etwas stand, das hat sie amüsiert. So sind wir ins Gespräch gekommen. Sie war eine total lustige und weltgewandete Erscheinung, ich war eher eigenbrötlerisch. Aber wir mochten uns, und da fing es an, dass sie mich jeden Abend abgeholt hat und wir ausgegangen sind. Sie war eine Art Berühmtheit, weltberühmt in Berlin sozusagen, auch wegen ihrer Band, den Lolitas. Wir haben viel getrunken, viel gelacht und sind immer irgendwohin, auf Konzerte, Partys, Ausstellungen. Meist kamen wir zu irgendwelchen Hintertüren rein, das machte unheimlich viel Spaß mit ihr.“

Als die beiden sich 1993 kennenlernten, hatte Françoise Cactus noch eine andere Beziehung. Ihr damaliger Freund war eine Weile nicht in der Stadt, und als er zurückkam, gab es einen Riesenstreit. Am nächsten Tag ging sie zu Brezel Göring. Von da an waren sie privat ein Paar – und schon bald auch musikalisch.

„Wir haben sofort versucht, zusammen Musik zu machen. Es war aber nicht einfach. Einmal, weil sie viel erfahrener war, aber auch, weil ich mich mit billigen Drumcomputern, Keyboards und Synthesizern versucht habe und sie sich daran gewöhnen musste. Ich wiederum musste versuchen, mich an Rock’n’Roll und Garagenrock anzupassen, woran sie sich viel mehr orientierte. Also habe ich mir eine Gitarre besorgt und versuchte, etwas in die Richtung zu machen. Musikalisch gesehen war das aber erst einmal keine Liebe auf den ersten Blick. Doch wir machten weiter und hatten irgendwann die ersten Songs.“

Françoise war Französin und Anfang der 1980er-Jahre mit 17 nach Deutschland gekommen. Sie lebte in besetzten Häusern, arbeitete bei der „taz“ als Layouterin und spielte mit den Lolitas feministischen, französischen Punk. Aus dieser Zeit kannte sie auch den Songwriter, Musiker und Produzenten Alex Chilton, der mit seiner 1971 gegründeten Band Big Star Musikge schichte geschrieben hatte.

„Als ich sie kennen gelernt habe, dachte ich: Das ist die ideale Frau“

„Statt in Berlin zu bleiben, sind wir in die USA geflogen, nach New Orleans. Françoise hat mit den Lolitas eine Platte in Memphis aufgenommen, die Alex Chilton produziert hat. Zu der Zeit lebte Chilton in New Orleans bei seinem Bruder. Wir kamen im Gartenhaus unter, und in dem Heimstudio haben wir die ersten Stereo-Total-Stücke aufgenommen. In New Orleans gab es Kneipen, in denen man an offenen Abenden einfach spielen konnte, da sind wir oft hingegangen. Françoise hatte eine alte Blechdose, auf der sie trommelte, ich spielte meine Gitarre. Dort haben wir irgendwelche alten französischen Lieder nachgespielt.“

Musikalisch gefestigt und mit einigen aufgenommenen Songs im Koffer kehrte das Duo als Stereo Total zurück nach Berlin. Es waren die frühen 1990er-Jahre, die Stadt befand sich im Aufbruch, alles schien möglich. Die neuen Bands spielten in temporären Kellerclubs, bei Kunsthappenings und auf Partys. Berlin erfand sich neu in diesen wilden Jahren. Mit Retro-Trash, frankophonem Charme und einem kuriosen Flohmarkt-Instrumentarium brachten Françoise und Brezel ihren Teil ein. Plötzlich waren Stereo Total ein wichtiger Bestandteil der Berliner Indie-Szene. Es gab Platten, Tourneen, Interviews, die ganze Musikbusiness-Routine. Aber sich als professionelle Musiker zu begreifen, kam beiden lange nicht in den Sinn.

„Wir haben nie darüber nachgedacht oder gesagt: ,Ich bin Musiker.‘ Dieses Selbstverständnis, was wieder etwas anderes ausschließt, haben wir abgelehnt. Wir haben das eher spielerisch betrachtet, nach dem Motto: „Ah ja, es gibt ein Konzert in Japan, dann machen wir das eben, ist doch lustig.“ Ich habe nie gedacht, dass ich das mein Leben lang machen werde, auch Françoise nicht. Sie hat ja noch Ewigkeiten ihre Anstellung als Grafikerin bei der „taz“ behalten, weil sie gar nicht gedacht hat, dass sie von der Musik leben könnte. Es gibt aber auch eine bestimmte Korruption, die im Kopf stattfindet, wenn man sich als professioneller Musiker betrachtet, es sind plötzlich gewaltige gedankliche Hürden da. Vielleicht ist das ein Erbe unserer Auffassung der Genialen Dilletanten, dass wir uns nicht professionalisieren wollten. Ich habe immer gesagt: ,Ich bin im Körper eines Musikers gefangen, aber eigentlich bin ich etwas ganz anderes.‘ Und Françoise hat sich stets geweigert, besser Schlagzeug zu spielen. Sie konnte ihre drei Takte und das reichte ihr. Sie hat sich geweigert, Trommelwirbel zu machen, sie hat sich geweigert, komplizierte Sachen zu spielen.“

Diese Verweigerung, gut zu spielen, hat sich auch auf soziale Koordinaten übertragen. Françoise Cactus war eine Frau, die sehr sicher wusste, was sie wollte und was nicht, was auch darin resultierte, dass sie bestimmte Lehren des Lebens partout nicht anerkennen wollte. Ob sie es besser wusste oder nicht, war zweitrangig.

„Sie hat gesagt, sie will dieselben Fehler immer wieder machen. Wenn sie von jemandem kritisiert wurde oder ihr jemand etwas vorwarf, dann antwortete sie trotzig: ,Na und?‘ Gleichzeitig war sie unglaublich großzügig und tolerant gegenüber den Fehlern anderer und sie konnte mit jeder Situation umgehen, sie annehmen und negative Situationen auch umdrehen. Als ich sie kennen gelernt habe, dachte ich: Das ist die ideale Frau. Natürlich war sie auch irre und wir haben uns wahnsinnig gestritten. Aber vor allem war sie eine gute Freundin. Wenn wir in Berlin waren, hat sie an Weihnachten immer ein großes Essen für viele Freunde veranstaltet. Manchmal fuhren wir nach Frankreich zu ihrer Familie; da war es auch lustig. Viele Leute, die um einen riesigen Tisch sitzen, alle schreien durcheinander und essen Austern.“

So wie manche Musiker das absolute Gehör haben, hatte Françoise das absolute Verständnis in Geschmacksfragen. Es heißt, sie wusste immer sehr genau, was gut ist und was nicht. Wenn man nachgefragt hat, konnte sie das auch sehr genau begründen.

Zur Person

Brezel Göring Geboren 1967 als als Hartmut Richard Friedrich Ziegler in einer westdeutschen Kleinstadt, gründete er in Kassel die experimentelle Band Sigmund Freud Experience und kam 1988 nach West-Berlin. Kurz nach dem Mauerfall zog er in den Ostteil der Stadt. 1992 lernte er Françoise Cactus kennen und lieben. Als Stereo Total veröffentlichten beide 17 Studioalben.

„Und zwar so exakt, dass ich dann dachte: Geschmack ist nicht Geschmack, sondern eine absolute und messbare Größe. Françoise konnte das auch in gesellschaftlichen Zusammenhängen erklären: Handelte es sich bei einer bestimmten Sache um etwas gesellschaftlich Destruktives oder um etwas Angenehmes für alle? Zum Beispiel hat sie langweilige Kleidung abgelehnt. Kein Beige, kein Braun, kein Grau. Da hat sie in Berlin gelitten, aber sie ist dem Charme der Stadt auch erlegen und nahm hin, dass alles so grau war. Einmal, als wir noch in der Graefestraße gewohnt haben, sagte sie zu mir, sie hätte gerne, dass unser Wohnzimmer in der Farbe „Elefantennase“ gestrichen wird. Ich dachte, sie meint den Rüssel, und habe das Zimmer grau gestrichen. Françoise kam rein und war entsetzt, weil sie natürlich an Elfenbein dachte und eigentlich den Stoßzahn meinte. Dann sind wir aber glücklicherweise bald umgezogen und haben uns eine neue Wohnung gesucht, nicht nur wegen der Wandfarbe, vor allem, weil wir einen Nachbarn hatten, der sich ständig über den Krach beschwert hat, den wir veranstaltet haben. Wir fanden etwas am Paul-Lincke-Ufer, wo wir tierisch laut sein konnten.“

Françoise Cactus schrieb nicht nur die Songs für Stereo Total, sie war auch Autorin von Romanen und Hörspielen, zuletzt auch Radiomoderatorin (siehe S. 15). Ihre Sprachkunst, besser: ihre Kunstsprache, geprägt von Wortwitz, Neologismen und Eloquenz, machte sie und auch Stereo Total unverwechselbar.

„Sie hat Wörterbücher gelesen, um sich daraus lustige Wörter rauszuschreiben. Als ich unsere Sachen in der alten Wohnung verpackt habe, fand ich noch ein französisches Buch von ihr im Regal, ,Eine Obsession über amouröse Delirien.‘ Das sind Interviews mit Leuten, die eigenartigen Sexualpraktiken frönen. Das ganze Buch ist unterstrichen, aber nicht Sätze, sondern einzelne Wörter. Man müsste mal untersuchen, in welchen Songs sie Worte aus diesem Buch benutzt hat. Oder ein Lexikon des Argot. Das ist ein französischer Jargon, eine Gossensprache der Bettler und Kriminellen, die auch in der Literatur kultiviert wird. Auch dort hat sie sich Begriffe unterstrichen, die sie lustig fand, Schimpfwörter vor allem. Da habe ich dann auch vieles aus ihrer eigenen Sprache wiedergefunden, sie hat sich Versatzstücke aus dem Argot-Slang angeeignet und im Alltag benutzt. Manches hat sie auch wortwörtlich ins Deutsche übersetzt und so eine irre Kunstsprache entwickelt, die nirgends auf der Welt gesprochen wurde, außer von ihr. Das hat ja schon mit ihrer Aussprache angefangen, das hat mir immer gefallen, wie Françoise, aus dem Französischen kommend, die Worte gedehnt hat, sich auch bei den deutschen Texten geweigert hat, die Betonung und Diktion einzuhalten, sondern etwas ganz anderes daraus machte. Das war erfrischend und hat mich so beeindruckt, dass ich teilweise selbst damit begonnen habe, Sachen anders auszusprechen. Ich dachte, das ist ein Weg, sich das Leben interessant zu machen, einfach nur, indem man die Worte umstellt oder eines benutzt, mit dem jetzt niemand gerechnet hätte.“

Was wäre die Sprache ohne Menschen? Überall sein, jeden kennen, mit allen sprechen. Françoise Cactus war eine Meisterin des Sozialen und der Geselligkeit. Eine Frau, die gerne alleine loszog, aber niemals alleine war.

„Françoise ist gerne alleine in die Kneipe gegangen. Viele Leute finden das schrecklich, doch sie hat sich einfach an die Theke gesetzt und hat mit allen geredet. Beim nächsten Besuch kannte sie dann die Stammgäste und die Leute, die dort arbeiteten. Und alle haben sich gerne mit ihr unterhalten. Denn sie hatte diese lustige Art zu sprechen und konnte immer fröhliche Sachen erzählen oder lustig reagieren. Das war diese Schnelligkeit im Kopf, ihr eigener Witz, und dabei war sie nie festgefahren. Sie wusste, dass immer alles passieren konnte.“

Und am besten, es passierte in Kreuzberg, ihrer Wahlheimat, in der sie sich als kosmopolitischer Popstar immer am wohlsten fühlte. Bis zu ihrem Tod.

„Auch wenn wir nicht über den Tod sprachen, war uns klar, dass es keine neue Stereo-Total-Platte geben soll“

„Sie mochte es einfach hier. Die letzten Jahre haben wir in dem hinteren, etwas ruhigerem Teil der Dresdener Straße gewohnt, direkt am Oranienplatz; der Wohnung, in der sie auch gestorben ist. Dort fand sie, ohne eine Straße überqueren zu müssen, ein Restaurant, in das sie gerne ging, einen türkischen Bioladen, in dem sie eingekauft hat und so nicht in den Supermarkt gehen musste, ein schwul-lesbisches Café, in das sie ging, bis es schließen musste, und danach ein griechisches Café, in dem sie jeden Abend war. Da hat sie sich sehr lokal eingerichtet, alles in einem Block. Wenn sie in die Kneipe ging, dann hat sie das nicht nur gemacht, um dort zu trinken, sie hat die Leute gleich in irgendwelche Projekte verwickelt, dort eine Ausstellung mit ihren Bildern organisiert oder die neuen Bekannten in ihre Radiosendung eingeladen. Alle fanden das lustig und ungewöhnlich und haben gerne mitgemacht.“

Natürlich bekam Françoise Cactus den Wandel und die Gentrifizierung in Kreuzberg mit. Auch Autos gingen ihr auf die Nerven, aber sie ließ sich davon nicht die Laune verderben.

„Dadurch, d ass sie so gesellig war, ist sie einfach dort hingegangen, wo ganz viele ihrer Freunde waren und wo sie sich wohlfühlte. Wenn aber Orte verschwanden, hat sie sich sehr über die Ungerechtigkeit aufgeregt. Da hat sie politisch gedacht, sie war im Prinzip linksradikal und hat sehr offen ihre Meinung gesagt.“

Seit einem Jahr fehlt ihre Stimme, im Radio, den Konzertbühnen, im Kiez, in der Kneipe. Diese Stimme, die immer zu Berlin gehören wird, auf ihre eigene Art. Forever Françoise.

„2020 sollten wir in Frankfurt unser Theaterstück ,Lou Reed in Offenbach‘ aufführen, es hätte so eine Art ,Rocky Horror Picture Show‘ werden können. Danach war eine Mexiko-Tour geplant, aber wegen des Lockdowns ging das alles nicht. Wir saßen also zuhause, Françoise fuhr für ein Vierteljahr nach Frankreich zu ihrer Mutter, kam zurück und Anfang September kam die Diagnose. Danach lebte sie nur noch ein halbes Jahr. Sie hatte schon vorher Krebs gehabt, war zu dem Zeitpunkt eigentlich genesen, aber er kam wieder. Dazu hatte sie noch so viele andere Krankheiten, dass ihr Zustand eh nicht gut war. In den letzten Monaten ihres Lebens konnte sie wegen der Pandemie nur noch eingeschränkt Freunde empfangen, also waren wir viel allein in der Wohnung. Sie produzierte von dort noch ihre Sendung für Radioeins, gab ein letztes Interview über ihre Literatur, und ich habe sie zu ganz privaten Dingen interviewt. Musik wollte sie aber keine mehr machen. Auch wenn wir nicht über den Tod gesprochen haben, gab es eine stille Übereinkunft, dass es keine neue Stereo-Total-Platte geben soll.“

Françoise Cactus starb am 17. Februar 2021 im Alter von 56 Jahren. Sie ist auf dem Alten St.-Matthäus-Kirchhof in Schöneberg beerdigt.