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Forschung Leben im Altpaläolithikum Norddeutschlands: Elefanten in Schöningen


Archäologie in Deutschland - epaper ⋅ Ausgabe 3/2020 vom 20.05.2020

Funde von Stein- und Knochenartefakten neben Elefantenknochen führen zu der Frage: Konnten es die Menschen der Altsteinzeit mit den gewaltigen Tieren aufnehmen oder gibt es eine andere Erklärung?


Es war Montag, der 4. September 2017, als Ausgräber Neil Haycock an der Fundstelle Schöningen 13 II den Wirbelknochen eines ungewöhnlichen großen Tiers beim Graben entdeckte. Schnell stellte sich heraus, dass es sich dabei um den ersten Halswirbel – den Atlas – eines vor etwa 300 000 Jahren verstorbenen Waldelefanten handelte. Im unmittelbaren Umfeld fanden sich in kurzer Folge noch zwei riesige Backenzähne samt ...

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Bildquelle: Archäologie in Deutschland, Ausgabe 3/2020

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... Unterkiefer und ein Zungenbein. Bereits im Jahr 2015 hatte die Grabungsmannschaft in einem älteren, etwa 15 m entfernt und knapp 1,5m tiefer liegenden Fundhorizont einen Stoßzahn und die Rippe eines Elefanten entdeckt (AiD 1/ 2016, S. 5). Höchstwahrscheinlich handelte es sich somit um zwei Individuen. Was konnten wir aus diesen Funden folgern? Waren hier vielleicht vollständige Skelette zu erwarten? Wenn ja, wie sollte man einen solchen Befund am besten wissenschaftlich untersuchen und dokumentieren? Wie sollten die zahlreichen riesigen Knochen und Elfenbeinstoßzähne geborgen und dann wo gelagert werden?

Die altpaläolithische Fundstelle ist bereits seit Mitte der 1990er Jahre für die hervorragende Erhaltung ihrer organischen Funde wie beispielsweise Hölzer, Tannenzapfen, Eierschalen und Chitin‐Panzern von Insektenflügeln bekannt. Die etwa 2,5m oberhalb der aktuellen Ausgrabung geborgenen ältesten Holzspeere der Welt, die sich inmitten der Reste von über 20 Pferden fanden, bescheinigen dem Homo heidelbergensis ein aktives Jagdverhalten (dazu AiD 4/ 2012, S. 6–11). In den Jahren 2012 bis 2015 kam eine weitere Sensation hinzu: die Entdeckung von Resten dreier Säbelzahnkatzen im Fundhorizont der Schöninger Speere. Diese nach jetzigem Forschungsstand jüngsten Säbelzahnkatzenfunde Eurasiens führen uns vor Augen, dass sich der Mensch zu dieser Zeit gegenüber einem mächtigen Nahrungskonkurrenten behaupten musste. Die Schöninger Speere dienten also nicht nur der Jagd, sondern auch dem Schutz vor Raubtieren. Würde nach diesen bedeutenden Funden nun eine weitere Sensation folgen?

Nelly, die Elefantendame im See

Eine aktuelle Durchsicht der bislang geborgenen Knochenfunde zeigte, dass in Schöningen bereits Reste von mindestens zehn Elefanten entdeckt worden waren. Es handelt sich hierbei um Einzelfunde wie Stoßzähne, Rippen oder Wirbel, die oft unter Zeitdruck bei Rettungsgrabungen vor dem herannahenden Schaufelradbagger gerettet werden konnten. Folglich bedeuten weitere Einzelknochen eines Elefanten trotz ihrer imposanten Größe für die Fundstelle Schöningen noch keine Sensation. Allerdings bot sich nun jedoch die seltene Chance, solche Funde ohne Zeitdruck untersuchen zu können. Wir würden also mehr über diese Tierart sowie die Ereignisse und Prozesse lernen können, die sich einst im Umfeld eines solch riesigen Kadavers abspielten. Die Ausgrabung dieses Befundes erfolgte in enger Absprache mit der Restaurierungswerkstatt des Niedersächsischen Landesamtes für Denkmalpflege, insbesondere durch Unterstützung der Restauratorin Anna‐Laura Krogmeier. Neben zusätzlichen Dokumentationsmethoden wie dem Structure‐from‐ mo ‐ tion‐Verfahren sowie Filmaufnahmen und Lackprofilen wurden während der Ausgrabung zahlreiche Sedimentproben aus dem Umfeld des Skeletts entnommen. Die zu erwartenden Probenergebnisse aus Mikromorphologie, Limnologie, Paläobotanik und Mikrofauna sollen helfen, die Sedimentationsprozesse zu klären sowie das seinerzeit vorherrschende Klima und die damalige Umwelt im Detail zu rekonstruieren.

Schöningen am 5. September 2017: Der riesige Wirbel eines Elefanten im Vordergrund, links Zähne und in der Mitte hinten ein Zungenbein.


Entdeckten Frühmenschen den Kadaver des Elefanten am Ufer und verwerteten das Fleisch?


Nach drei Grabungskampagnen zeigt die Fundstelle nun ein in großen Teilen erhaltenes Elefantenskelett. Noch fehlen das Becken, das vordere linke Bein mitsamt dem Schulterblatt, fast sämtliche Fußknochen von zwei weiteren Beinen sowie einige Becken‐ und Schwanzwirbel. Alle Knochen und die weitgehend geraden Stoßzähne sind sehr gut erhalten, sie zeigen nur geringe Verwitterungsschäden. Im Gegensatz hierzu ist der Schädel in Hunderte kleine Stücke zerbrochen, die sich fächerförmig in mehreren Sedimentschichten übereinander in östlicher Richtung verteilen. Das Skelett lag mehr oder weniger parallel zum Seeufer mit dem Kopf in nördlicher und dem Hinterteil in südlicher Richtung. Unterkiefer, Stoßzähne, Zungenbeine, Wirbelsäule und die vorhandenen Beine lagen weitestgehend in einer anatomisch korrekten Anordnung. Lokale Bissspuren sind an den Wirbelfortsätzen sowie an mehreren Rippen nachgewiesen, finden sich aber auch an einem Schulterblatt und einem einzelnen Fußknochen. Mehrheitlich zeigen die Knochen jedoch keine Bissspuren. Diese Beobachtungen und die in organische Muddeschichten (Seeschlamm) eingebetteten Knochen verdeutlichen, dass das Tier im Wasser lag und über eine gewisse Zeitspanne hinweg für Raubtiere und Menschen oberhalb des Wasserspiegels frei zugänglich war. Noch ist ungeklärt, welches größere Raubtier die Bisspuren verursacht haben könnte. In Schöningen fanden sich Reste des Löwen und der Säbelzahnkatze, in der Fundschicht selbst, nur wenige Meter neben dem Elefantenskelett, Reste eines Wolfs.

Der vordere Teil eines Waldelefanten, eingebettet in das Sediment am Seeufer.


Es kann davon ausgegangen werden, dass die meisten Knochen durch ihre Einbettung im weichen Uferschlamm, unterhalb des Wasserspiegels liegend und von anderen Knochen überdeckt, gut geschützt lagen. Nur der weniger massive, von Hohlräumen durchsetzte und über 1m hohe Schädel war offensichtlich in größerem Maße der Witterung ausgesetzt, was seinen starken Zerfall verursachte. Leichte Wellenbewegungen am Seeufer in Verbindung mit saisonalen Seespiegelschwankungen dürften anschließend die Bruchstücke zusammen mit abgetragenen Sedimenten um wenige Meter in Richtung des tieferen Seebeckens verlagert haben. Der fehlende Beckenknochen bleibt bis jetzt rätselhaft. Natürlich könnte der Mensch dafür verantwortlich sein, doch zeigen beispielsweise heute lebende Elefanten ein Verhalten, bei dem sie ihre verstorbenen Artgenossen immer wieder besuchen und auch Knochen bewegen oder sogar ein Stück weit tragen.

Eine erste Analyse des Unterkiefers zeigt stark abgenutzte letzte Zähne, die auf ein älteres Individuum von etwa 50 Jahren schließen lassen. Die anderen Knochen sind nicht besonders groß und auch die Stoßzähne sind »nur« 2,3 m lang und weisen keinen besonders mächtigen Querschnitt auf. Derzeit wird angenommen, dass es sich hier um ein weibliches Individuum handelt, das nun den Spitznamen Nelly trägt, in Anlehnung an den Vornamen des Ausgräbers Neil.

Menschliche Spuren beim Kadaver

Schon zu Beginn der Ausgrabungen wurde auf Hinweise für die Anwesenheit des Menschen an diesem Fundkomplex geachtet. Das gesamte Schichtpaket, in dem die Elefantenknochen eingebettet lagen (Schichten 2b bis 3bc), wurde deshalb mit einem Sieb von 2 mm Maschenweite geschlämmt.

Insgesamt konnten aus der 64 m² großen Untersuchungsfläche etwa 30 Feuersteine eindeutig als kleine Abschläge bzw. Absplisse angesprochen werden, die durch den Menschen bei der Werkzeugbearbeitung im Rahmen von Nachschärfungsprozessen an Steingeräten entstanden sind. Erste Versuche der Zusammensetzung ermöglichten es, zwei Absplisse aneinanderzufügen, die in unmittelbarer Nähe der Knochen lagen. Die Anpassung belegt, dass die Abschläge über keine größere Distanz im Wasser transportiert worden sein können, so wie es für den leichteren, fein zerbrochenen Muschelgrus innerhalb derselben Schicht angenommen werden muss.

Zwei Absplisse passen aneinander: Offenbar stellte der Mensch im Umfeld des Kadavers Werkzeuge her.


Neben den Steinartefakten wurden auch zwei Knochenwerkzeuge identifiziert. Es handelt sich hierbei um einen vollständigen linken, knapp 30 cm langen Mittelfußknochen eines Rothirschs. An diesem können vier Flächen mit typischen Schlagspuren nachgewiesen werden. Bei dem zweiten, etwa 12,5 cm langen Knochenbruchstück kann die Tierart bislang nicht eindeutig bestimmt werden. Es lag zwischen den Rippen des Waldelefanten und zeigt eine Fläche mit Schlagspuren, in der unter dem optischen Mikroskop ein feststeckender Silexsplitter entdeckt werden konnte.

Die Elefantenknochen zeigen bis jetzt keine Spuren menschlicher Bearbeitung. Diese Beobachtung spricht jedoch nicht gegen die Anwesenheit des Menschen, wenn man bedenkt, dass ein ausgewachsener Elefant aus mehreren Tonnen Fleisch besteht. Für den Menschen bestand deshalb nicht die Notwendigkeit, letzte Fleischreste von den Knochen zu schneiden oder zu schaben, wodurch erst sichtbare Spuren an einer Knochenoberfläche entstehen.

Viel wurde und wird über die Möglichkeiten spekuliert, ob bereits der Homo heidelbergensis in Europa in der Lage war, als gewiefter Jäger heldenhafte Taten zu vollbringen. Mehrere Fundstellen wurden immer wieder als Beispiel für Elefantenjagden herangezogen, z. B. Lehringen in Niedersachsen, Bilzingsleben in Thüringen, Gröbern in Sachsen‐Anhalt, Benot Ya‘aqov in Israel, Aridos 1 und 2 sowie Torralba und Ambrona in Spanien, Notarchirico in Italien oder Ebbsfleet in England.

Plan der Fläche mit dem Skelett des Waldelefanten. blau: Knochen gelblich: Elfenbein grün: Holz rot: Stein


Das Ideal vom mutigen Jäger

Obwohl die archäologischen Untersuchungen im unmittelbaren Umfeld des Elefantenfundplatzes andauern und wir gerade erst damit begonnen haben, diesen Befund zu erforschen, glauben wir bereits jetzt, einen wesentlichen Teil seiner Geschichte erzählen zu können. So zeigen beispielsweise heute lebende Elefanten bei Krankheit und im hohen Lebensalter die Gewohnheit, sich in Ufernähe ruhiger Gewässer aufzuhalten. Schließlich benötigen sie 70 bis 150 l Trinkwasser am Tag und im Wasser erfahren ihre schweren Körper eine spürbare Erleichterung. Aufgrund natürlicher Verhaltensweisen werden somit Elefantenkadaver häufig an Seeufern aufgefunden. Bislang findet sich im Fundmaterial der Schöniger Fundstelle kein Hinweis auf die Todesursache des Tieres. Die mehrmalige Anwesenheit des Menschen kann jedoch aufgrund der Artefakte aus dem unmittelbaren Umfeld des Kadavers geschlossen werden. Die vielen Absplisse und die beiden Knochenwerkzeuge sprechen dafür, dass hier vor Ort ein messerartiges Gerät, wahrscheinlich ein Schaber, mehrmals nachgeschärft worden ist. Nahm sich der Mensch also während der ersten Tage und Wochen das Fleisch und das Fett, später dann Teile der Haut oder die mächtigen Sehnen und brachte alles zu seinem Lagerplatz? Vielleicht wurden auch die Füße des Elefanten als Ganzes aufgrund ihres Fettgehalts mitgenommen? Nach derzeitigem Kenntnisstand kann der Prozess zwischen dem Todeszeitpunkt des Waldelefanten, dessen vollständiger Verwesung und Einbettung im Sediment nicht sehr lange gedauert haben. Denn viele der Knochen befinden sich noch in einer nahezu korrekten Anordnung innerhalb des Skeletts, andere zeigen nur eine eng begrenzte Streuung über das Umfeld. Mit Ausnahme des Schädels ist allen ein sehr guter Erhaltungszustand gemein.

Viele Rekonstruktionen in Büchern und Museen zeigen mutige, ja fast heldenhafte, halb nackte und muskulöse Frühmenschen bei der Elefantenjagd. Hier wird das Bild vermittelt, die Elefantenjagd sei der ultimative Beweis dafür gewesen, dass der Mensch schon vor Hunderttausenden von Jahren die Spitze der Nahrungskette eroberte. Dabei wird jedoch gern übersehen, dass Rekonstruktionen immer Interpretationen sind, in denen oft eine Projektion unserer heutigen Idealvorstellungen von Mut und Tapferkeit in die Vergangenheit übertragen wird. Die menschlichen Verhaltensweisen im Altpaläolithikum scheinen doch nicht so eindeutig zu sein. Viele Archäologen äußern sich eher skeptisch gegenüber systematischen Elefantenjagden durch den frühen Menschen. Was sollten die Beweggründe für eine kleine, mobile Menschengruppe sein, einen ausgewachsenen und wehrhaften Elefanten zu erlegen? Fleisch verdirbt schnell. Die Nahrungskonkurrenten Löwe, Säbelzahnkatze, Wolf und Bär hätten den Kadaver kilometerweit gerochen. Die meisten Raubtiere sehen zudem nachts wesentlich besser als der Mensch und bewegen sich sehr schnell auf leisen Pfoten; ein effektiver Schutz der Beute wäre unter diesen Umständen nicht möglich. Insbesondere in der Nacht bestand für den Mensch die Gefahr, schon durch eine kleine Unaufmerksamkeit selbst zur leichten Beute eines Raubtiers zu werden.

Der Ausgräber Martin Kursch legt den Fußknochen des Wald - elefanten frei.


300 000 Jahre alte Trittspuren von Elefanten fotogrametrisch erfasst.


Neben den vielen kunstvollen Bildrekonstruktionen lassen sich auch ethnografische Filme anführen, die durchaus tapfere Elefantenjagden von modernen Menschengruppen belegen und die in die Diskussion um altpaläolithische Jagdtechniken zu passen scheinen. Mehrere Filme aus Afrika zeigen die Elefanten jagende Pygmaen‐Gruppe der Baka im Grenzgebiet zwischen der Republik Kongo und Kamerun. Martin Porr wies 2004 darauf hin, dass diese Filme aus der Kolonialzeit stammen oder noch jünger sind. Sie zeigen keine wie auch immer verstandene »traditionelle Elefantenjagd« mit Pfeil und Bogen oder sogar Speeren. Diese Jagden sind vielmehr als eine Folge der großen Nachfrage nach Elfenbein in Europa zu verstehen und können somit nicht unkritisch als Beweis herangezogen werden. Manche Ethnologen stellen eine Elefantenjagd bei den Pygmäen vor ihrem Kontakt mit den Europäern gänzlich infrage.

Die Menschen, die vor ca. 300 000 Jahren am See von Schöningen lebten, waren spezialisierte und mobile Jäger und Sammler. Sie waren mit unterschiedlichen Distanzwaffen wie Wurfspeeren, Stoßlanzen und Wurfstöcken ausgerüstet. Doch sie hatten auch Geräte zum Graben dabei, und je nach Jahreszeit nutzten sie unterschiedliche Nahrungsressourcen wie Wurzeln, Samen, Beeren, Früchte, Nüsse, Fische, Eier etc., die den kleinen Menschengruppen eine vielfältige Ernährung sicherte. Auf Grundlage der derzeitigen Datenbasis ist somit vielmehr davon auszugehen, dass der Homo heidelbergensis natürlich verendete Elefanten verwertete; für ihn bestand jedenfalls nicht die Notwendigkeit, sich unnötig in Gefahr zu bringen und ausgewachsene Elefanten zu jagen. Hier bringt es der Gedanke von Charles Darwin über die Evolution auf den Punkt: »Es überlebt nicht der Stärkere, sondern der, der sich am besten anpassen kann«. Demnach war die Anpassungsfähigkeit des Menschen ausschlaggebend für seinen evolutionären Erfolg und nicht die Größe seiner Beute.

Ein Hauch von Eden

Zweifellos hinterlässt ein Elefant im Laufe seines langen Lebens unzählige Fußabdrücke. Doch eine Fläche zu entdecken und zu dokumentieren, auf der vor 300 000 Jahren solch ein majestätisches Tier gelaufen ist, und seiner uralten Fährte heute selbst ein paar Meter zu folgen, ist doch etwas Besonderes. Bereits 1994 konnte das Niedersächsische Landesamt für Denkmalpflege an der benachbarten Fundstelle Schöningen 13 I auf einer Fläche von 65 m² eine Reihe von Trittsiegeln dokumentieren. Nun gelang es in den letzten Grabungskampagnen, an der Fundstelle Schöningen 13 II weitere Tierfährten zu untersuchen, die nur etwa 100 m vom Skelett der aktuellen Elefantenfundstelle entfernt liegen und möglicherweise der gleichen Schichtenabfolge zugerechnet werden können.

An dieser Grabungsstelle zogen die Tiere parallel zum Seeufer vorbei und hinterließen ihre Trittsiegel im schlammigen Boden. Es lassen sich zwei unterschiedliche Ereignisse nachweisen, die durch eine kurze Zeitspanne voneinander getrennt sind. Die Abdrücke deuten darauf hin, dass sich einige Elefanten in vielleicht 50 cm tiefem Wasser bewegten. Der Größe der Fußspuren nach zu urteilen, haben erwachsene Individuen und auch jüngere Elefanten dieses Gebiet durchquert. Einige kleinere Trittsiegel könnten auch von rinderartigen Tieren stammen.

Die Skelettreste von mindestens zehn Elefanten allein aus Schöningen verdeutlichen, dass Waldelefanten während des Altpaläolithikums im heutigen Niedersachsen keine Seltenheit waren. Diese Tiere hatten eine maximale Schulterhöhe von über 4m und konnten ein Gewicht von über 10 t erreichen. Wahrscheinlich besaßen sie so weit im Norden kleinere Ohren und einen kleineren Schwanz sowie ein größeres Fettpolster als heutige Elefanten, immerhin mussten sie den winterlichen Temperaturen gewachsen sein. In Mitteleuropa lebende Elefanten dürften zudem eine bräunliche bis graue Färbung besessen haben, so wie wir es beispielsweise bei Pferden, Rindern oder Hirschen sehen können.

Eine entsprechende dreidimensionale Rekonstruktion in Lebensgröße wurde im Jahr 2018 am Rande des Höhenzugs Elm aufgestellt. Waldelefanten durchstreiften nicht nur gelegentlich als Einzelgänger die Schöninger Hügellandschaft, vielmehr waren sie hier heimisch. Sie zertrampelten und düngten zu Hunderten und Tausenden die Landschaft, und werden von den damaligen Menschen nicht nur als imposant, sondern sicherlich auch als selbstverständlich betrachtet worden sein. Diese Riesen lebten auf allen Kontinenten – außer in Australien, wo sich andere riesige Tierarten entwickelten – als Vertreter der Gattung Elefant, Mammut oder Mastodont. Mammuts und Mastodonten starben aus, als der moderne Mensch in ihren Lebensraum eindrang. Der Eurasische Waldelefant hatte zumindest bis in die Bronzezeit hinein auf einigen Inseln des Mittelmeerraumes als Zwergform überlebt, wo er, gleichzeitig mit der Erstbesiedlung dieser Inseln durch den Menschen, ausstarb.

In Schöningen lebten vor 300 000 Jahren neben den Elefanten auch mehr als 20 weitere Großsäugerarten, darunter Nashörner, Wildpferde, Auerochsen, Wisente, Riesenhirsche, Löwen und Bären. Mit ihnen zusammen existierte auch eine große Vielfalt an Vögeln, Fischen, Amphibien, Reptilien, Kleinsäugern, Insekten und Pflanzen. Ein Teil dieser Arten überlebt heute in Europa nur noch in kleinen Schutzgebieten, ein anderer Teil ist bereits für immer ausgestorben. Dieser Rückgang an Biodiversität beschleunigt sich in den letzten Jahren immer dramatischer. So lautet die Botschaft der Waldelefanten von Schöningen, dass bald auch die letzten Elefanten Afrikas und Asiens aussterben könnten.

Und sollten wir nichts gegen den galoppierenden Verlust an Biodiversität, den von Menschen verursachten Klimawandel und das weltweite Müllproblem unternehmen, ist der Mensch vielleicht auch selbst bald Geschichte.

Info

Die Funde der Grabung werden im Forschungsmuseum Schöningen ausgestellt. www.denkmalpflege.niedersachsen.de/forschungsmuseum-schoeningen

Tipps zum Weiterlesen

M. Porr, Tod im Herzen der Finsternis. Zentralafrikanische Pygmäen und die Jagd auf Elefanten im tropischen Regenwald. In: Meller, H. (Hrsg.), Paläolithikum und Mesolithikum. Kataloge zur Dauerausstellung im Landesmuseum für Vorgeschichte Halle 1. Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie, Halle (Saale) 2004, 163– 166.
J. Serangeli, G. Bigga, U. Böhner, M.-A. Julien, M. Stahlschmidt, Ein Fenster ins Altpaläolithikum. In: Archäologie in Deutschland 4/ 2012, 6–12.
T. Terberger, U. Böhner, F. Hillgruber, A. Kotula. (Hrsg.), 300 000 Jahre Spitzentechnik. Der altsteinzeitliche Fundplatz Schöningen und die frühesten Speere der Menschheit, Darmstadt, wbgTHEISS 2018.