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FORSCHUNG: So entsteht: Persönlichkeit


Mein Hund & Ich - epaper ⋅ Ausgabe 1/2020 vom 18.12.2019

Was macht das Wesen des Hundes aus? Wie wichtig ist die Rasse für die Persönlichkeit? Was muss man in den Prägephasen beachten? Zum Forschungsstand haben wir Verhaltensbiologin Dr. Marie Nitzschner befragt


Artikelbild für den Artikel "FORSCHUNG: So entsteht: Persönlichkeit" aus der Ausgabe 1/2020 von Mein Hund & Ich. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Mein Hund & Ich, Ausgabe 1/2020

Der Hund gilt als des Menschen bester Freund. Eine Freundschaft, die vor über 15.000 Jahren ihren Ursprung hatte. Und wenn man so lange befreundet ist, sollte man meinen, dass man sich inzwischen ein wenig kennt. Es mag an der uns eigenen Arroganz liegen, dass man lange davon ausging, dass Tieren, und damit auch dem Hund, so etwas wie eine Persönlichkeit fehlt. Dass dies eine absolute Fehleinschätzung ...

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... war, ist jedem Hundefreund klar. Die Wissenschaft hat allerdings erst in den letzten 10 bis 15 Jahren begonnen, sich intensiver mit der Persönlichkeit der Hunde zu beschäftigen. Über den Stand der Forschung gibt die Verhaltensbiologin Dr. Marie Nitzschner Auskunft.

Was bedeutet Persönlichkeit beim Hund?
Dr. Marie Nitzschner: Das ist für den Hund gar nicht so einfach zu beantworten. Beim Menschen ist man sich inzwischen einig, dass sich diese aus fünf Persönlichkeitsdimensionen bildet, in die sich jeder Mensch einordnen kann. Diese sind: Offenheit für Erfahrungen, Gewissenhaftigkeit, Geselligkeit (auch Extraversion genannt), Verträglichkeit (dazu gehören Kooperationsbereitschaft und Empathie) und die seelische Verletzbarkeit, den sogenannten Neurotizismus. Diese großen Fünf lassen sich auf Hunde aber nicht übertragen. Deswegen bewerten heutige Studien eher anhand der Shyness- Boldness-Achse, also Schüchternheit versus Unerschrockenheit. Das wird in der nichtwissenschaftlichen Literatur oft als A- und BTyp eingeordnet und bezieht sich darauf, wie schüchtern oder draufgängerisch ein Hund in einer neuen Situation ist.


Die Persönlichkeit besteht aus vielen Puzzle-Teilen – sowohl beim Menschen als auch beim Hund


Wie misst man Persönlichkeit?
Dr. Marie Nitzschner: Zum einen können Fragebögen durch den Besitzer ausgefüllt werden. Das hat den Vorteil, dass der Besitzer das wahrgenommene Verhalten in verschiedenen Situationen beobachten kann. Er hat den Hund ja im besten Fall schon lange und kann einschätzen, wie dieser sich verhält. Der Nachteil ist, dass die Antworten nicht objektiv sind. Es kommt sehr auf das Vorwissen des Besitzers an. Die andere Vorgehensweise sind Verhaltenstests in kontrollierten Situationen. Es werden verschiedene Szenarien nachgestellt, z. B. wie reagiert der Hund, wenn jemand mit Bettlaken über dem Kopf den Raum betritt, oder wie reagiert er, wenn er über einen wackeligen Untergrund laufen soll oder Ähnliches. Das hat den Vorteil, dass es eine objektive Bewertung ist. Es gibt Kategorien, die von einer neutralen Person bewertet werden. Allerdings sind diese Kategorien ziemlich grob, und das Hundeverhalten setzt sich ja aus vielen Elementen zusammen. Und da kann es passieren, dass man verschiedene Elemente übersieht. Zum Beispiel ist es ja ein Unterschied, ob der Hund mit erhobener Rute auf einen Gegenstand zugeht oder mit gesenkter Rute und geduckter Körperhaltung. In so einem Test wäre aber vielleicht nur das Maß, ob er überhaupt hingeht. Das Wie macht aber einen starken Unterschied.

Welchen Einfl uss hat die Zugehörigkeit zu einer Rasse auf die Persönlichkeit?
Dr. Marie Nitzschner: Die Rasse hat tatsächlich nicht so viel Einfl uss auf die Persönlichkeitsprägung, wie man meinen würde. Die gefundenen Unterschiede sind in Umfragen bei Haltern deutlich höher als in Verhaltenstests. Das kann natürlich sein, dass die Hundebesitzer, die die Fragebögen ausfüllen, auch gewisse rassetypische Eigenschaften erwarten, und das beeinflusst dann die Wahrnehmung, Aber es gibt Neigungen, die mit der Rasse in Zusammenhang stehen. Also zum Beispiel waren bei der größten Studie Labradore die neugierigsten und furchtlosesten und Langhaarcollies am wenigsten furchtlos. Es ist schon so, dass die Wahrscheinlichkeit bei einem Collie höher ist, dass er etwas zurückhaltender ist, als bei einem Labrador. Das muss aber nicht so sein, denn es spielen viele Umweltfaktoren eine Rolle. Der Zuchtzweck hat dagegen eine große Bedeutung. Man hat festgestellt, dass Hunde aus Showlinien weniger neugierig, verspielt und aktiv sind als Arbeitshunde.

Wer setzt sich durch? Wer trinkt am meisten? Auch Welpen zeigen schon eine Persönlichkeit


Was bewirken die Gene, was die Prägung und was die Erziehung?


Wie aussagekräftig sind Welpentests?
Dr. Marie Nitzschner: Es gibt zum einen den sogenannten Neugeborenen-Test, der gleich in den ersten Stunden oder Tagen gemacht wird. Da hat man keinerlei Zusammenhang zu späterem Verhalten gefunden. Und relativ ähnlich ist es auch mit den späteren Tests, wenn die Welpen sechs bis acht Wochen alt sind. Auch darin gibt es keinerlei Aussagen über das zukünftige Verhalten. Was man aber damit feststellen kann, sind indi- viduelle Unterschiede im Ist-Zustand, da die Welpen hier auch individuelle Temperamente zeigen. Da ist vielleicht einer mutiger als der andere oder lauter oder nachdrücklicher, aber das ist nur der Ist-Zustand und kann auch später durch Erlerntes und Erfahrungswerte überdeckt werden.


Ein sehr forscher Welpe muss nicht unbedingt als Erwachsener auch ein Draufgänger werden


Dennoch weisen Welpen ja schon gleich nach der Geburt ganz deutlich individuelle Verhaltensweisen auf. Wie lässt sich das erklären?
Dr. Marie Nitzschner: Welpen können auch bei der Geburt schon bestimmte Persönlichkeitsmerkmale haben, das heißt aber nicht, dass die zwingend im Erwachsenenalter noch gleich sind. Ebenso ist es nicht zwingend, dass diese Merkmale sich ändern. In den Studien finden sich darüber keine Zusammenhänge. Einige Forscher unterscheiden hier auch noch zwischen dem Temperament, mit dem man geboren wird, und der Persönlichkeit als Mischung aus Temperament und Umwelteinflüssen. Ich persönlich denke auch, dass es das Grundtemperament gibt, aber dazu gibt es keine Studien. Und selbst wenn es das gibt, ist es durchaus noch formbar. Wenn man sich die verschiedenen Lernphasen im Leben eines Hundes anschaut, sind die tatsächlich noch wichtiger als das angeborene Temperament.

Wie wichtig sind die Prägephasen für die Persönlichkeit?
Dr. Marie Nitzschner: Mittlerweile geht man ja davon aus, dass es zwei Prägephasen gibt. Im Alter der dritten bis etwa zur 16. Woche und dann noch mal ab dem neunten Monat in der Pubertät. Die Erfahrungen, die dann gemacht werden, können sehr viel beeinflussen. Während dieser Entwicklungsphasen werden die Neuronen-Netzwerke im Gehirn ausgebildet, und je mehr Neuronen-Verknüpfungen gemacht werden, umso besser kann der Hund Situationen später auch einschätzen. Und wenn in diesen Phasen nicht viel an Erfahrung kommt, dann wird es für den Hund schwieriger, neue Situationen als gefährlich oder nicht gefährlich zu bewerten.

Worauf sollten Züchter im Bezug auf die Prägung achten?
Dr. Marie Nitzschner: Ideal wäre es, wenn beim Züchter ab der vierten Woche Besuch kommt, wenn die Welpen Kinder kennenlernen, wenn im Garten verschiedene Untergründe sind, wenn die Hunde schon mal einen Staubsauger gehört haben und so weiter. Das heißt jetzt aber nicht, dass man den Hund schon in die Innenstadt schleifen und Zug fahren muss, aber man sollte sie am ganz normalen Alltag im Haus teilhaben lassen. Aber man sollte sie eben auch nicht überfordern.

Die expertin

Dr. Marie Nitzschner
ist Verhaltensbiologin und arbeitet als Dozentin bei KynoLogisch. Außerdem ist sie freiberufl ich als Autorin und Dozentin tätig.
Die Veröffentlichung ihres Buches „Die Persönlichkeit des Hundes“ ist für das kommende Jahr geplant. www.kynologisch.net
infos: www.marienitzschner.de


Fotos: istockphoto.com (3), Tierfotoagentur, Shutterstock