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FOTOESSAY: Verspiegelte Welten


Die Deutsche Bühne - epaper ⋅ Ausgabe 2/2020 vom 03.02.2020

Die britische Regisseurin und Videodesignerin Netia Jones erweckt mit ihren kreativen Theaterarbeiten weltweit Aufsehen. Jetzt hat sie an der English National Opera Philip Glass’ Oper „Orphée“ inszeniert. Poduktionsfotografin Cordula Treml war hier auch als Darstellerin auf der Bühne dabei – und hat die Entstehung der vielgelobten Arbeit in einem Fotoessay festgehalten


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Bildquelle: Die Deutsche Bühne, Ausgabe 2/2020

Die Princesse (Jennifer France) mit Heurtebise (Nicky Spence) im zweiten Akt von „Orphée“, English National Opera London (ENO), November 2019


Jennifer France in der Rolle der Princesse bereitet sich in ihrer Garderobe auf den nächsten ...

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... Auftritt vor


Anfertigung von pinkfarbenen Rosen als Requisiten für Eurydice


1 Cégeste (Anthony Gregory) mit den Tänzerinnen Rachel Laird und Julia Ueda bei einer Rauferei in der 1. Szene von „Orphée“, live auf der Bühne fotografiert, ENO London, November 2019


2 Die Princesse (Jennifer France) führt Eurydice (Sarah Tynan) und Cégeste (Anthony Gregory) durch einen Spiegel ins Reich der Toten, ENO London, November 2019


3 Studioaufnahme von Jennifer France als Princesse für Videoprojektionen in der Inszenierung


4 Eurydice (Sarah Tynan) und Heurtebise (Nicky Spence) in der Wohnung von Eurydice und Orphée, ENO London, November 2019


Regisseurin Netia Jones


NETIA JONES arbeitet als Regisseurin, Designerin und Videokünstlerin für Opern-, Theaterund Konzertaufführungen. » Geboren in London » Studium der neueren Sprachen in Oxford » Stationen ihrer Karriere waren bisher u. a. London, New York, Los Angeles, Bergen, Paris, Hamburg (Elbphilharmonie) sowie Festivals in England, Irland und Australien

Studioaufnahme von Jennifer France als Princesse, verfremdet nach Art der Solarisierungen von Man Ray/Lee Miller. Die Bilder wurden in der Inszenierung live projiziert


Kennengelernt habe ich Netia Jones vor fünf Jahren auf einem Festival im nordirischen Enniskillen, das sich ausschließlich dem Werk des irischen Schriftstellers Samuel Beckett widmet. Sie inszenierte dort die Uraufführung von Becketts „Words and Music“, ursprünglich ein Hörspiel. Als offizielle Festivalfotografin war meine Aufgabe, alle eingeladenen Produktionen zu fotografieren. Es war unsere erste Zusammenarbeit, und ich spürte sofort, dass die Arbeit mit Netia Jones etwas Besonderes ist, weil sie mir als Fotografin ungewöhnlich viel Freiheit lässt, mich sogar ermutigte, bei der Generalprobe direkt auf der Bühne zu fotografieren. Seitdem arbeiten wir regelmäßig zusammen. Ich fotografierte ihre Inszenierung von „Stirring Still“ für die Pariser Variante des Beckett-Festivals Commencez! Paris Beckett“ sowie die Opern „Curlew River“ (Benjamin Britten) in New York und „The Dark Mirror“ (Hans Zender), inspiriert von Schuberts „Winterreise“, am Barbican Centre in London.

Jetzt gab Netia Jones mir die Gelegenheit, ihre jüngste Operninszenierung nicht nur als Produktionsfotografin zu begleiten, sondern in Philip Glass’ „Orphée“, basierend auf dem gleichnamigen Film von Jean Cocteau, auf der Bühne selbst einen Fotografen zu verkörpern. Angelehnt an die Figur des französischen Fotografen Lucien Clergue, den eine intensive Arbeitsbeziehung mit Jean Cocteau verband, durfte ich in zwei Szenen das Geschehen auf der Bühne aus nächster Nähe dokumentieren. Auf einem riesigen Bildschirm im Hintergrund wurden dabei Bilder eines Protagonisten projiziert, die wir zuvor im Studio aufgenommen hatten. So wirkte das Ganze wie ein Liveshooting inmitten einer quirligen Pariser Café-Szene mit ausgelassenen, feierwütigen Studenten. Netia Jones inszeniert diese Reminiszenz des Komponisten an seine Studienzeit in der französischen Hauptstadt als fulminante Tanzeinlage – brillant ausgeführt von neun jungen Tänzern –, bei der bereits der berühmte Poet Orphée, die Prinzessin, die den Tod darstellt, sowie ihr Chauffeur Heurtebise und der junge Dichter Jacques Cégeste eingeführt werden.

Die Verschränkung verschiedener Medien wie Videoprojektionen, Livekamera-Aufnahmen und Computeranimationen, die als Hintergrundfläche fungieren, ist charakteristisch für Netia Jones’ Werk. In „Orphée“ bedient sich die britische Regisseurin und Videodesignerin, die vor ihrer künstlerischen Laufbahn neuere Sprachen in Oxford studierte, gezielt technischer Mittel, die an das Kino und damit nicht zuletzt an Cocteaus Faszination für dieses Medium erinnern. Über eine Kinoleinwand flirren Ausschnitte aus seinem Film „Orphée“, ein riesiger über die Bühne fahrender Metallrahmen nimmt verschiedene Szenen in den Fokus, ähnlich einem Kameraausschnitt, und die Livekamera dokumentiert den Übergang der Protagonisten von der realen Welt ins Reich der Toten. Ähnlich wie im Film werden Jacques Cégeste (Anthony Gregory), Orphées Frau Eurydice (Sarah Tynan) und später auch Orphée selbst (Nicholas Lester) von der mysteriösen Prinzessin, grandios verkörpert und gesungen von Sopranistin Jennifer France, in Begleitung von Heurtebise (Nicky Spence) durch einen Spiegel, der je zu einer Bühnenseite heruntergefahren wird, von einer Welt in die andere geleitet.

Netia Jones gelingt es hier, den Orpheus-Mythos neu zu beleuchten, und sie bedient sich dabei unzähliger Referenzen, die Cocteaus Werk in Erinnerung rufen. Anklänge an dessen Zeichnungen finden sich zum Beispiel in den Kostümen der Protagonisten, Sänger und Tänzer wieder, die die Regisseurin selbst entwarf. Kuriose Figuren aus Cocteaus letztem Film „Le testament d’Orphée“, darunter ein „hommecheval“, eine Kreuzung aus Mensch und Pferd, sowie Jean Cocteau selbst, von einem Bleistiftspeer durchstoßen, wandeln im zweiten Akt durch die Unterwelt. Für Netia Jones verhält sich Glass’ Oper wie eine Art Spiegel zu einem Spiegel, wo jedes Element gezielt auf etwas Bezug nimmt.


Foto: Lightmap (Porträt Jones)