Weiterlesen mit NEWS. Jetzt testen.
Lesezeit ca. 7 Min.

FRAGEN, DIE DIE WELT BEWEGEN


Die Deutsche Bühne - epaper ⋅ Ausgabe 9/2021 vom 01.09.2021

FESTIVAL

18. 6. 2021 DEUTSCHLAND/JAPAN: „ARCHIPEL“ (LIVE)

Artikelbild für den Artikel "FRAGEN, DIE DIE WELT BEWEGEN" aus der Ausgabe 9/2021 von Die Deutsche Bühne. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Die Deutsche Bühne, Ausgabe 9/2021

Bühnenkreation und Percussions-Korpus: die Blätterskulptur des Architekten Sou Fujimoto für ?Archipel?

ULRIKE KOLTER

Die Uraufführung „Archipel“ bringt als transdisziplinäres Projekt aus Tanz, Architektur und Musik um die 40 Künstler zusammen: Chor, Musiker, Tänzerinnen und Tänzer. Zentrum des Abends ist die Bühnenkreation des japanischen Architekten Sou Fujimoto, eine weiße Blätterskulptur aus mehreren Ebenen, auf der sich die Darstellenden wälzen, die sie betanzen, sich darauf zurückziehen, gelegentlich nutzen Musiker sie als Percussions-Korpus.

Das Publikum ist an drei Seiten um die Bühne verteilt; auf gegenüberliegenden Wänden werden Videoaufnahmen des norwegischen Chores projiziert. Die Akustik ist perfekt ausgesteuert, filigranes Summen allüberall, die zeitgenössische Komposition von Brigitta Muntendorf geht mit Siebenmeilenstiefeln quer durch die Musikgeschichte und setzt gregorianische Gesänge neben eine herzwehklagende Jazztrompete, ...

Weiterlesen
epaper-Einzelheft 5,99€
NEWS 30 Tage gratis testen
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Die Deutsche Bühne. Alle Rechte vorbehalten.
Lesen Sie jetzt diesen Artikel und viele weitere spannende Reportagen, Interviews, Hintergrundberichte, Kommentare und mehr aus über 1000 Magazinen und Zeitungen. Mit der Zeitschriften-Flatrate NEWS von United Kiosk können Sie nicht nur in den aktuellen Ausgaben, sondern auch in Sonderheften und im umfassenden Archiv der Titel stöbern und nach Ihren Themen und Interessensgebieten suchen. Neben der großen Auswahl und dem einfachen Zugriff auf das aktuelle Wissen der Welt profitieren Sie unter anderem von diesen fünf Vorteilen:

  • Schwerpunkt auf deutschsprachige Magazine
  • Papier sparen & Umwelt schonen
  • Nur bei uns: Leselisten (wie Playlists)
  • Zertifizierte Sicherheit
  • Freundlicher Service
Erfahren Sie hier mehr über United Kiosk NEWS.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 9/2021 von WIDER BESSERES WISSEN. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
WIDER BESSERES WISSEN
Titelbild der Ausgabe 9/2021 von MEIN THEATER-TAGEBUCH. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
MEIN THEATER-TAGEBUCH
Titelbild der Ausgabe 9/2021 von WER KOMMT, WER GEHT?. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
WER KOMMT, WER GEHT?
Titelbild der Ausgabe 9/2021 von Rolle und Rassismus. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Rolle und Rassismus
Titelbild der Ausgabe 9/2021 von „I would prefer not to“. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
„I would prefer not to“
Titelbild der Ausgabe 9/2021 von Entdeckungsfreudiger Pragmatiker. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Entdeckungsfreudiger Pragmatiker
Vorheriger Artikel
„I would prefer not to“
aus dieser Ausgabe
Nächster Artikel Entdeckungsfreudiger Pragmatiker
aus dieser Ausgabe

... mischt jubilierende Brassband-Elemente mit stammesähnlichen Schreien.

Aus den futuristischen Ganzkörperkostümen wachsen Schläuche, die Tanzcompagnie MOUVOIR unter Leitung von Stephanie Thiersch vereint physisch sehr diverse Tänzerinnen und Tänzer: alle herausragend in ihrer Bühnenpräsenz, eine Horde von Entmenschlichten, die sich in zivilisatorischen Riten zu vereinen suchen. Zum Höhepunkt gerät ein nicht enden wollendes Zucken aller im Vierfüßlerstand; die Choristen im Videoscreen hüpfend und armschlackernd wie irr, ein minutenlanger, oszillierender Kraftakt, der alle berauscht.

„Archipel“ gerät zum Welttheater, das keiner Sprache bedarf und den Menschen auf sich selbst zurückwirft: lebendig nur im Kollektiv. Wahnsinn!

20. 6. 2021 NIEDERLANDE: „DIE GESCHICHTE VON DER GESCHICHTE“ (STREAM)

ULRIKE KOLTER

Abstraktion auf der Bühne ist für Kinder (und Erwachsene sowieso) im Grunde kein Problem: Aus allem und nichts kann man eine Geschichte erfinden. Was allerdings der niederländische Regisseur Jetse Batelaan seinem Publikum in „Die Geschichte von der Geschichte“ abverlangt, ist zermürbend in seiner Doppel- und Nichtsdeutigkeit. Zu Beginn sitzen die Performer auf der weiten Bühne, halb nackt, mit Zivilisationsmüll notdürftig umwickelt: Plastiktüten als Hosen, ein Schild „Notausgang“ um den Hals gehängt, mit Schnüren und Klebeband die Extremitäten umwickelt, ein Staubwedel auf den Rücken geklebt. „Welcome to the story of the story!“, raunt es; die Geschichte von der Geschichte, die keine ist und doch eine sein will, nimmt ihren Lauf. „Am Anfang war nur der Geruch von kaltem Wind und Moos“, vernimmt man, überdimensionale Pappfiguren von Cristiano Ronaldo, Donald Trump und Shakira rollen herein, werden mit ihren beweglichen Pappmäulern von Darstellern aus dem Off gesprochen. Mit einem geplanten Familienpicknick will die Geschichte in Gang kommen: „Haben wir Klappstühle? Belegte Brote?“

Würfel, Dreiecke und andere geometrische Figuren queren hin und wieder zeitlupenlahm und sinnfrei die Bühne; selbstironische Kommentare wie „Das hier ist sehr verrückt. Gehen wir in den Baumarkt, den verstehe ich wenigstens“ torpedieren die Logik eines nicht vorhandenen Erzählstranges; lassen einen immerhin schmunzeln. Die Performer indes hocken wie Indianer geschäftig in Gruppen herum, bemalen sich ihre Körper mit blauer Farbe, basteln mit alten Schläuchen oder trinken aus Putzmittelflaschen. Die magere Pointe kommt nach 90 Minuten leibhaftig auf der Bühne an: die verloren geglaubte Geschichte, die keiner sehen will.

24. 6. 2021 NIGERIA: „SISI PELEBE“ (STREAM)

ANDREAS FALENTIN

In „Sisi Pelebe“ finden sich Vater, Mutter, Tochter, Sohn und Onkel zusammen und geraten aneinander, etwa darüber, dass die erste Liebe der Tochter eine gleichgeschlechtliche war und sie sie nicht leben durfte. Also eine Zimmerschlacht nach europäischem Vorbild, von Strindberg bis Norén, von „Wer hat Angst vor Virginia Woolf ?“ bis „Der Gott des Gemetzels“? Ja und (inhaltlich) nein. Offenbar beschreibt der Autor Kelvinmary Ndukwe in seinem Text die soziale Institution Großfamilie als fremdbestimmende Mikrodiktatur. Das hat in Nigeria vermutlich große Sprengkraft. Am Bildschirm beeindruckt vor allem die Energie des Spiels. Psychologisches wird nie ausziseliert, sondern direkt und möglichst intensiv herausgeschleudert. Und der Spielort, eine Etage des Dreischeibenhauses neben dem Düsseldorfer Schauspielhaus mit Blick auf den Rhein und kalter Büroatmosphäre, verstärkt den Eindruck von Fremdheit – genau wie das hart akzentuierte, nicht untertitelte Englisch – und funktioniert als Filmset dieser europäischen Erstaufführung hervorragend.

24. 6. 2021 SCHWEIZ: „EUROPEAN PHILOSOPHICAL SONG CONTEST“ (LIVE)

ANDREAS FALENTIN

Der ESC ist eins der wenigen Events, in denen Europa wirklich zusammenfindet. Der Schweizer Experimental-Spaß-Performer Massimo Furlan hat nun renommierte Philosophinnen und Philosophen aus zehn europäischen Ländern dafür gewonnen, ihre Ideen und Gesellschaftsbeschreibungen in Songtexte zu gießen. Ein Studententeam der Haute École de Musique Vaud Wallis Fribourg hat Musik dazu geschrieben, die von einer vierköpfigen Band und einer Sängerin und einem Sänger in ständig wechselnden Masken und Outfits virtuos live performt wird. Furlan hat dafür eine so ökonomische wie mitreißende Bühnen- und Lichtshow mit drei beweglichen Videowänden entworfen und moderiert das Ganze mit der deutschen Schauspielerin Anna Schudt souverän, gagstark und mit hübschen parodistischen Exkursen.

Dazu gibt es eine Jury aus „Düsseldorfern“, bestehend aus einer Studentin, einem Musikjournalisten, einer Museumskuratorin und Schauspielhaus-Star André Kaczmarczyk. Dieses Gremium hält nicht nur Täfelchen mit Wertungen hoch – daneben klatscht auch das Publikum um den Sieg –, sondern spricht auch über die Texte (nicht über die Musik). Dies geschieht achtsam, also: so positiv, sensibel und didaktisch wie möglich. Was als Vermittlung gedacht ist, entpuppt sich als Bevormundung. Wenn dir alles vorgekaut wird, hörst du auf, selbst zu denken. Dafür kriecht einem heute unausweichlich die Diversitäts-Laus über die Leber: Diese vier weißen Menschen mit hohen Bildungsabschlüssen sollen die Stadtgesellschaft abbilden? Euer Ernst? Und doch werden einem die 135 pausenlosen Minuten im Düsseldorfer Schauspielhaus nicht lang.

26. 6. 2021 ISRAEL, LITAUEN: „DER URKNALL“ (STREAM)

ULRIKE KOLTER

Zwei Jahre lang hat das Itim Ensemble für dieses interaktive Objekttheater alte Elektrogeräte auseinandergenommen, Dutzende von Leiterplatten ausgebaut, um die „elektrische Stadt“ zu erschaffen: eine Fläche voll vermeintlichen Elek troschrotts, der im Spiel zu hell erleuchtetem Leben erwacht. Hier existiert der Miniroboter KI (ein Stecker mit Kabelkörper und Gesicht) mit seinem Hund Betty (einer schwanzwedelnden Blockbatterie); beide werden von den Puppenspielern an winzigen Metallstäben geführt, gucken Champions League auf einem alten Smartphone, machen Frühsport oder musizieren auf einem Miniaturflügel aus aufgeklappten Leiterplatten. Das live gefilmte Puppenspiel ist auf dem Bildschirm in zwei verschiedenen Screens zu verfolgen – durch Antippen wählt man zwischen den Aktionen der Puppenspieler oder jenen der Kameraleute im dunklen Raum.

Die Apokalypse kommt, als mit einem heranziehenden Gewitter Regen und damit ein Kurzschluss der „elektrischen Stadt“ droht … Das Itim Ensemble zählt zu den renommiertesten Experimentaltheatergruppen Israels und gastiert nicht umsonst weltweit. „Der Urknall“ (für Zuschauer ab fünf Jahren) stellt technisch ausgefeilt, witzig und mit herausragender Liebe zum Detail die großen philosophischen Fragen um Leben und Überleben zwischen Technik und Naturgewalt.

27. 6. 2021 INDONESIEN: „THE PLANET – A LAMENT“ (LIVE OPEN AIR)

DETLEV BAUR

Eine Truppe aus Indonesien mit 14 Chorsängerinnen und Chorsängern sowie einer Solistin und einigen Tänzer-Darstellern auf dem Platz vor dem Schauspielhaus mit seiner wundervoll geschwungenen Fassade zeigt eine Art Oper, verfasst und geleitet von Garin Nugroho. Elf chorische Gesänge entführen uns in eine andere Welt: pentatonische, a cappella vorgetragene Harmonien sorgen auch in spannungsreichen Momenten für Zuversicht und Entspanntheit. Der Tsunami von 2004 steht im Hintergrund, auch die Sorge um die Zerstörung der Natur; verbunden sind sie musikalisch und choreographisch mit Osterprozessionen von der Insel Timor. Der böse Part ist unfreundlichen Geistern zugeschrieben, ein Vogelei dient andererseits als Kraftwerk der Liebe. Die Natur ist Hauptdarsteller, dabei spielen und singen nur Menschen. All das ist – trotz Videoeinsatz – fühlbar anders als europäisches Theater, es entwickelt einen meditativen Sog. Theaterkritik scheint mir da gänzlich unangebracht. Die Aufführung bietet einen beeindruckenden Blick hinaus in die Welt, in die indonesische Inselwelt – und deutet insgesamt auf ein ganz anderes Verhältnis zwischen Natur und Mensch: nachhaltiges Theater.

1. 7. 2021 KANADA: „L’ASSEMBLÉE MONTREAL“ (STREAM)

ANDREAS FALENTIN

Dieses Dokumentartheater legt mit staunenswerter Genauigkeit den Finger in die Wunde unserer Gesellschaften. Eigentlich hatte die Gruppe Porte Parole ein Stück über das „Phänomen“ Donald Trump machen wollen, entschied dann aber, sich mit dem gesellschaftlichen Klima der Polarisierung zu befassen, das einen derartigen US-Präsidenten erst möglich gemacht hat. Man lud vier in Quebec lebende Frauen unterschiedlicher Altersgruppen, Herkunft und sozialer Prägung zu einem Abendessen und versuchte, ihre Haltungen, ihre Wut und Ängste, Sehnsüchte und Vorurteile in einen Austausch zu bringen. Zwei Wochen danach wurden individuelle Einzelgespräche geführt und dann aus dem vorhandenen Material ein Stück für vier Schauspielerinnen und zwei Moderatoren kompiliert, das umwerfend – schnörkellos, elegant, unsentimental – gespielt wird. Es ist alles da, die aus dem Nichts (besser: dem Netz) entstandenen radikalen, stets herabsetzenden Ansichten wie der Missbrauch von Political Correctness und Achtsamkeit als persönliche Schutzschilde vor Auseinandersetzungen. So erscheint jene dringend notwendige Verständigung, die hier durch den Einsatz der Theatermacher zumindest ansatzweise zustande kommt, faktisch wie prinzipiell unmöglich. Die filmische Aufarbeitung des Projektes ist ausgezeichnet und schenkt dem Stoff mindestens eine zusätzliche Ebene. Porte Parole hat dasselbe System mittlerweile auch in Montreal und São Paulo angewandt – und in München, in Koproduktion mit den Kammerspielen. Die dort entstandene Aufführung war live beim Festival zu erleben.

4. 7. 2021 AUSTRALIEN: „THE SHADOW WHOSE PREY THE HUNTER BECOMES“ (STREAM)

DETLEV BAUR

Dieser Film ist die Adaption der Theaterinszenierung „Shadow“. Die großartige Truppe geistig behinderter Darstellerinnen und Darsteller vom Back to Back Theatre aus Australien bietet darin eine humorvolle und zugleich kritische Auseinandersetzung mit sozial korrekten Themen und Problemen. In einem Hotel versammelt sich eine Gesellschaft und debattiert über Respekt, Unterdrückung und Empowerment. Die Gruppe besteht – wie im echten Leben – aus „intelligence disabled people“, die bald darüber streiten, ob sie nun „behindert“ genannt werden wollen – oder nicht. Bald entwickeln sich Grabenkämpfe, Eitelkeiten und Machthunger brechen sich Bahn – alles ganz normal. Und genau in dieser Verschiebung und Vermischung von Ebenen der Diskurse um Gleichberechtigung und Gerechtigkeit liegt die große Kraft des Films. Und im Spiel der tollen Darstellenden; zuweilen wünscht man sich weniger Film und hätte gern auf die Ausweitung des Spiels in Richtung künstliche Intelligenz, die zeitweise die Kontrolle in der Versammlung übernimmt, verzichtet. Denn immer wenn die schrägen Menschen in den Fokus geraten, mit ihren Eigenheiten und komplexen Beziehungen, wird die Filminszenierung wirklich schön. Nicht nur wegen Australien, vor allem wegen der Akteure und Themen voller Eigenheiten weitet auch diese Inszenierung den Blick aus dem engen Deutschland, aus unseren eingeübten, aufgeklärten und korrekten Perspektiven hinaus in die weite Welt.

FAZIT:

Ein hochspannendes, ästhetisch vielfältiges Festivalprogramm, das den Blick öffnet für Fremdes – und die Welt trotzdem eint in den Themen Umweltzerstörung, politischer Inkompetenz und sozialer Zugehörigkeit.