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FRANCESCO MOLINARI:WAR WAS?


Golfpunk - epaper ⋅ Ausgabe 3/2019 vom 28.06.2019

Italiens erster Major-Sieger hatte 2018 nicht nur den großartigsten Sommer seines Lebens, sondern möchte festgehalten wissen, dass dies noch längst nicht alles war. Molto bene!


COVER FEATURE FRANCESCO MOLINARI

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Bildquelle: Golfpunk, Ausgabe 3/2019

Das letzte Mal, dass wir uns mit Francesco Molinari trafen, war im Herbst 2011. Am Ufer der Themse in einem Restaurant namens „Bunga Bunga” unterhielten wir uns über Golf, Italien und die Zukunft. Gut ein Jahr vor dem „Wunder von Medi nah” war Francescos Ruf zu dieser Zeit, nun ja, ein sehr anständiger Golfer zu sein, jedoch nicht gerade jemand, auf dessen ersten Major-Sieg man das eigene Haus ...

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... verwetten würde. Von der größten Leistung in der Geschichte des Ryder Cup einmal ganz abgesehen.

Schneller Vorlauf: Acht Jahre später hat Francesco Molinari beides zur Realität werden lassen. Gegen einen wiedererstarkten Tiger Woods feierte er nach einem denkwür digen Finalsonntag in Carnoustie 2018 seinen ersten Ma jor-Erfolg und sein Auftritt beim Ryder Cup zwei Monate später im Le Golf National war geschichtsträchtig.

Fran ces co gewann jedes einzelne seiner Matches. Und er spielte in allen. Seine 5-0-0 Bilanz vor den Toren von Paris bildete den Grundstein für den phänomenalen Sieg Europas gegen eine zumindest auf dem Papier übermächtige amerikani sche Mannschaft. Franceso Molinaris und Tommy Fleetwoods Golf-Bromance und ihre perfekte Siegesquote von 100 Prozent waren der Leim, der das eu ropäi sche Team zu einer unzertrennbaren Einheit zusammenkittete. Es war augenscheinlich, wie auch die beiden selbst ihre Rolle genossen und mit Freuden für eine Vielzahl von Foto-Ops posierten. Sie gingen sogar miteinander am Sonntagabend ins Bett – zufrieden grinsend. Mit dem Cup in ihrer Mitte und die Leistung des jeweils anderen in den höchsten Tönen lobend. Das virale Video war das mediale Highlight einer unvergesslichen Woche in Frankreich

Francescos kometenhafter Aufstieg in der Weltrang - lis te von Platz 86 im Jahr 2016 auf Platz sieben – seine bislang beste Platzierung war Rang fünf – hat ihn zu einem echten Anwärter auf den Sieg bei jedem Major- Turnier verwandelt. Sein geerdeter und oft unspekta kulärer Stil ist nicht zu vergleichen mit den flamboyan ten Auftritten der Megastars Brooks Koep ka oder Dustin Johnson. Seine Konkurrenten wissen jedoch nur zu gut, dass, wenn Francesco Molinari auf die Pirsch geht, er nicht weniger gefährlich ist als der Tiger.

Nach all den Ryder-Cup-Niederlagen und der Schlappe bei der Open Championship gelang es Tiger Woods beim Masters 2019, seinem Angstgegner aus Turin zwar endlich eine Niederlage beizubringen, allerdings nur mit dessen freundlicher Mithilfe. 65 Löcher lang spielte Molinari grundsolides, scheinbar unerschütterliches Golf. Er traf Fairways am Fließband, versenkte reihenweiße Wadenbeißer und kratzte Pars wie seinerzeit Seve, wenn es wirklich einmal nötig war. Doch dann – dieses Schicksal teilt Molinari nun mit einer Heerschar von Weltklassegolfern – kam die tückische 12 des Augusta National Golf Club. Eine Bö erwischte seinen Abschlag und versenkte ihn in Rae’s Creek – Doppel-Bogey. Die Führung war dahin. Ein weiteres Doppel-Bogey auf der 15 besiegelte das Schicksal des weiter stoisch marschierenden Italieners und ebnete Tiger Woods den Weg zu seinem fünften Grünen Jackett.

„WENN MEIN VATER MICH DABEI BEOBACHTETE, WIE ICH DEN SCHLÄGER SCHMISS, GAB ES FÜR MINDESTENS EINE WOCHE LANG GOLFVERBOT. DAS WAR SEINE STRAFE DAFÜR, DASS ICH MICH AUF DEM GOLFPLATZ NICHT ANSTÄNDIG BENAHM. ICH BIN HEUTE WIRKLICH FROH DARÜBER, DASS ICH DIESE LEKTION BEREITS ALS KIND GELERNT HABE.”

Und ärgern: Die Farbe ist in den Teich gefallen


Nach der Runde demonstrierte Francesco, dass es nur wenige Spieler in den höchsten Höhen der Weltrangliste gibt, die auch nach einem derartig brutalen Schlag in die Kniekehlen stets die richtigen Worte finden: „Ich habe diese Woche wirklich hart gekämpft da draußen”, resümierte er lächelnd. „Und ich bin davon überzeugt, dass ich mit meinen beiden Doppel-Bogeys auch einige neue Fans dazugewonnen habe.”

Einen Monat zuvor hatten wir uns mit Francesco Molinari in Bay Hill zum Fotoshooting getroffen, das das Cover dieser Ausgabe schmückt. Es war am Mittwoch, kurz nachdem Francesco seine Pro-Am- Runde beendet hatte, und – man mag es kaum glauben, aber Eddie Pepperell, Tommy Fleetwood und Thomas Pieters sind die lebenden Beispiele für dieses Phänomen – der Mann vor unserer Kamera schickte sich an, am kommenden Sonntag Pokal und Preisgeldscheck in Empfang zu nehmen. Es gibt im Profisport also of fensichtlich nicht nur den „Madden-Fluch”, der für bei - nahe jeden Ath le ten, der es auf die Verpackung des weltweit populären Videospiels schafft, eine karriereverändernde Verletzungspause nach sich zieht, sondern auch den „Golf- Punk-Segen” für jeden, der sich glücklich genug schätzen darf, im Vorfeld eines gro ßen Turniers für ein GolfPunk-Cover in Szene gesetzt zu werden.

Francescos Lauf im Sommer 2018 wirkt im Rückspiegel betrachtet wie von einem anderen Stern. Die Ergebnisse dieser unglaublichen sechs Wochen: 1. BMW Championship, 2. Italian Open, 25. US Open, 1. Quicken Loans National, 2. John Deere Classic, 1. Open Championship. Klare Sache: Im Sommer 2018 war Francesco der beste Golfer der Welt und in Carnoustie fand die Krönungszeremonie statt, wo er als erster Italiener überhaupt ein Major gewinnen konnte.

Luftgitarre war gestern – willkommen zur WM der Luft-Holzfäller!


„DAS VERGANGENE JAHR WAR DER STOFF, AUS DEM TRÄUME GEMACHT SIND. THOMAS BJØRN MEINTE IN PARIS ZU MIR: ‚DU HAST DIE ERFOLGE EINER GROSSARTIGEN KARRIERE IN EINEM SOMMER ERLEBT, ES HAT DICH NICHT EINMAL EIN JAHR GEKOSTET.’ UNGLAUBLICH!”

Die Bedingungen während dieser denkwürdigen Woche in Carnoustie waren windig und knochentrocken. Der Jahrhundertsommer, der zu dieser Zeit ganz Europa in eine Wüste verwandelte, sorgte für steinharte Fairways und somit auch für unzählige Drives, die nahe an die 400-Meter-Marke rollten. Rückblickend gerät es beinahe in Vergessenheit, dass sich Francesco Molinari erst während Runde drei ernsthaft ins Turniergeschehen einmischte. Während der ersten beiden Tage stellte er mit Ergebnissen von 70 und 72 nicht wirklich eine Gefahr für die Führenden dar, doch das änderte sich am Moving Day mit einer spektakulä ren 65. Sein Spielpartner Tiger Woods führt am Finaltag nach zehn Löchern kurzfristig, doch genau wie der beste Golfer aller Zeiten erlaubten sich auch die anderen Titelanwärter wie Jordan Spieth oder Xander Schauffele zu viele Fehler, während Francesco Molinari stoisch seiner Arbeit nachging und mit einer blitzsauberen 69 die Claret Jug mit zwei Schlägen Vorsprung gewann. Kein einziges Bogey besudelte seine Scorekarte an diesem Sonntag. Beeindruckend!

Nun bereitet Molinari sich darauf vor, dieses Kunststück in Royal Portrush zu wiederholen. „Nachdem dieser Sieg nun Geschichte ist, weiß ich, was es braucht, um solch einen Sieg Wirklichkeit werden zu lassen”, stellt er klar. „Ich denke, nachdem man ein Major gewonnen hat, wird es aufgrund der Erwartungshaltung noch schwieri ger, ein zweites zu gewinnen. Besonders für jemanden wie mich, der aus einem anderen Land kommt. Ich bin nicht einfach ein weiterer amerikanischer Major-Sieger. Diese Tatsache bringt eine Menge Aufmerksamkeit mit sich. […] Das vergangene Jahr war der Stoff, aus dem Träume gemacht sind. Thomas Bjørn meinte in Paris zu mir: ‚Du hast die Erfolge einer großartigen Karriere in einem Sommer erlebt, es hat dich nicht einmal ein Jahr gekostet.’ Unglaublich! Ich habe immer davon geträumt, ein Major zu gewinnen, hätte aber nicht gedacht, dass es die Open sein könnte. Als Europäer macht es diesen Sieg noch spezieller. […] Die Feierlichkeiten in Carnoustie, als alles vorbei war, fielen nicht wirklich ausschweifend aus. Zusammen mit meiner Frau, meinem Caddie, meinem Manager und ei nigen Freunden hatten wir einfach einen schönen Abend und jeder konnte Geschichten erzählen, die sich während der Woche zugetragen hatten. Ich wollte absolut nicht ins Bett gehen. Alles, was ich wollte, war, die Claret Jug zu betrachten, um auch sicherzugehen, dass dies gerade wirklich passiert war. Ich wollte den Pokal keine Sekunde aus den Augen lassen und habe ihn, als es dann irgendwann tatsächlich Schlafenszeit war, neben mir auf den Nachttisch gestellt, damit er das Erste wäre, was ich am nächsten Morgen sehen würde. Das war ein unbeschreibliches Gefühl! Natürlich möchte ich noch mehr Titel gewinnen. Das wird nicht einfach werden, doch der Schlüssel dazu ist, sich stets weiter zu verbessern. Nach der Open Championship verging die Zeit wie im Flug und plötzlich saßen wir im Flugzeug nach Paris zum Ryder Cup.”

Bei all den großartigen Erinnerung an den Ryder Cup 2018 sollte allerdings nicht vergessen werden, dass dies nicht das erste Mal war, dass Francesco Molinari beim Duell der Golfsupermächte Geschichte schrieb. 2010 auf einem vom Dauerregen in ein Schwimmbecken verwandelten Golfplatz im Celtic Manor Resort trat Francesco gemeinsam mit seinem Bruder Edoardo als erstes Bruderpaar in einem Ryder-Cup-Match an, was die Fans in Wales dazu veranlasste, „There’s only two Molinaris” zu skandieren. „Ich muss immer noch lachen, wenn ich daran denke!”, stellt Francesco mehr als acht Jahre später fest. „Das hat mir damals wirklich geholfen, die Nerven unter Kontrolle zu halten.”

Zwei Jahre später, im Medinah Country Club fand er sich im letzten Single Match eines denkwürdigen Sonntags wieder. Der Gegner: Tiger Woods – natürlich. Als Woods auf dem 18. Grün seinem Gegner einen kurzen Putt schenkte und das Match damit teilte, hatte Fran cesco Molinari den entscheidenden halben Punkt zum größten Comeback der europäischen Ryder-Cup-Ge schich te beigetragen und sichergestellt, dass das Ergebnis kein Unentschieden, sondern ein 13,5-zu-14,5-Sieg war.

Aus Fran ces cos persönlicher Sicht kann es sicher nichts geben, was die drei Tage von Paris in den Schatten stellt, oder? „Ja, ich denke nicht”, stellt er rückblickend fest. „Aus meiner Sicht war der Ryder Cup 2018 sogar eine noch größere Sache als mein Sieg bei der Open. Diese beiden Triumphe so kurz nacheinander erleben zu können ist unschlagbar.”

Als Team waren Tommy Fleetwood und Francesco Molinari bereits Wochen vor den tatsächlichen Matches ein offenes Geheimnis. Ihren durchschlagenden Erfolg hätte sich Captain Thomas Bjørn in seinen kühnsten Träumen nicht ausmalen können. „Die hervorragende Stimmung, die im europäischen Team herrscht, war jederzeit spürbar, besonders während der Tage in Frankreich”, erinnert sich Francesco. „Tommy und ich sind bereits seit vielen Jahren enge Freunde und auch unsere Frauen verstehen sich sehr gut. Tommy und ich haben mehr gemeinsam, als viele Leute denken würden. Wir haben einen ähnlichen Sinn für Humor und immer eine Menge Spaß, wenn wir gemeinsam unterwegs sind. […] Wir wollten beide unbedingt miteinander in den Vierern antreten, wo wir dann schnell eine Menge Selbstvertrauen tanken konnten, da wir umgehend gewinnen konnten. Das erste Match war enorm wichtig, da wir die Partie gegen Patrick Reed und Tiger Woods nach Rückstand noch drehen konnten. […] Bei den Amerikanern fühlt es sich ein wenig so an, als wäre man nicht wirklich auf ihrem Radar, solange man nicht dorthin fliegt und auf ihrem Grund und Boden gewinnt. Das Positive daran ist allerdings, dass es im Moment eine Menge junger Spieler aus Europa gibt, die ab solut in der Lage sind, in Amerika zu gewinnen, und die Arbeit, die wir begonnen haben, irgendwann fortsetzen können. […] Sie haben ein wirklich star kes Team, angeführt von einer großarti gen Generation junger Spieler: Jordan Spieth, Justin Thomas, Rickie Fowler. Tony Finau ist ein enorm unterschätzter Spieler. Ich denke aber, die Amerikaner unterschätzen auch ein wenig unsere Generation an Spielern, die sich gerade auf den Weg macht. Jon Rahm ist auch in Amerika längst ein großer Name, aber Tyrrell Hatton und Thorbjørn Olesen sind dort drüben noch unbeschriebene Blätter. Wir wussten, wie stark die Amerikaner sind, und das schärfte unseren Fokus.”

Die Open Championship 2019 steht vor der Tür und als Titelverteidiger zählt Francesco Molinari ohne Zweifel zu den Topfavoriten in Nordirland. Wie kam der Überflieger der vergangenen Saison allerdings überhaupt zum Golf sport? Schließlich ist Italien alles an dere als eine Golfnation und weitaus berühmter dafür, Fußballstars und Motorsportlegenden zu produzieren.

Den meisten von uns wird wohl während Costan tino Roccas legendärem Auftritt bei der Open 1995 bewusst geworden sein, dass auch südlich der Alpen großartige Golfschwünge reifen. Roccas Zauber-Putt aus dem Valley of Sin am 72. Loch der Open Championship auf dem Old Course von St. Andrews brachte John Daly an den Rand einer Niederlage. Mit blondem Vokuhila und im grünen Reebok-Sweatshirt gewann Daly zwar das folgende Play-off, in seinem Heimatland war Rocca jedoch auch mit ei nem zweiten Platz bei der Open der Held einer ganzen Generation an Nachwuchsgolfern. In einem Vorort von Turin verfolgte auch ein damals zwölf Jahre alter Francesco Molinari gemeinsam mit seinem Bruder am Fernseher, wie ihr Landsmann um ein Haar die Golfwelt schockte. Dieser Sonntag im Juli 1995 war eine prägende Erfahrung für beide Molinaris, die den unbändigen Wusch weckte, es später einmal in ähnliche Höhen wie ihr berühmter Vorgänger zu schaffen. „Wir lagen uns in den Armen und jubelten, als er den langen Putt am 18. Loch versenkte, um das Stechen zu erzwingen”, erinnert sich Francesco. „Und wir weinten bitterlich, als er das Play-off verlor. Jeder weiß, dass Costantino mein Held ist, und mein Sieg bei der Open galt ihm genauso wie mir.”

Roccas Heldentaten waren zwar so etwas wie Brandbeschleuniger für die Golfkarrieren beider Molinaris, der wahre Grund, warum die beiden Halbstarken allerdings überhaupt zum Golfspiel kamen, waren ihre Eltern. Beide waren besessene Golfer und besonders Vater Paolo gab sich viel Mühe, den jungen und äußerst sprunghaften Francesco für das Golfspiel zu begeistern. Kaum zu glauben, doch der Mann, der heute absolut abgeklärt auf dem Golfplatz agiert und dabei cooler wirkt als Jeffrey Le bowski persönlich, war vor seiner Profikarriere ein echter Heißsporn.

„Als Kind flog oft der Schläger oder ich habe geflucht wie ein Matrose, wenn mir etwas nicht gepasst hat”, erinnert er sich zurück. „Wenn mein Vater mich dabei beob achtete, wie ich den Schläger schmiss, gab es für mindes tens eine Woche lang Golfverbot. Das war seine Strafe dafür, dass ich mich auf dem Golfplatz nicht anständig benahm. Ich bin heute wirklich froh darüber, dass ich diese Lektion bereits als Kind gelernt habe.”

Costantino Rocca erinnert sich heute noch an sein ers tes Aufeinandertreffen mit dem sichtlich begabten Bruderpaar aus dem Piemont, denn er war beeindruckt. Ein bisschen zumindest: „Ich kann mich erinnern, von Fran ces cos Spiel vom Tee bis zum Grün sehr angetan gewesen zu sein. Wenn er doch nur im kurzen Spiel nicht so mechanisch gewirkt hätte. Er puttete aus den Schultern und ließ deshalb viel zu viele seiner Putts zu kurz. Heute sind seine Puttbewegung und sein kurzes Spiel viel freier, flüssiger und er verfügt über all die Werkzeuge, die ein Champion benötigt.”

Selbstverständlich schloss sich im Juli 2018 der Kreis, denn dieses Mal saß Costantino Rocca gebannt vor dem Fernseher: „Ich konnte die letzten vier Löcher verfolgen, denn mein Sohn und ich reisten an diesem Tag zusammen nach Schottland. Ich war kein bisschen nervös, denn ich sah, wie gut Francesco den Ball traf und wie perfekt sein Schwung funktionierte. Was mir an seinem Spiel immer am besten gefallen hat, war seine mentale Ein stellung. Ich nenne das die,Francesco-Attitüde’, mit ihr kann er sicherlich noch weitere Major-Turniere gewinnen.

Im Rückblick auf die Open Championship 2018 kann Francesco Molinari nicht bestreiten, dass die Tatsache, an der Seite von Tiger Woods zu spielen, so etwas wie die Kirsche auf einem perfektes Wochenende war. „Es ist schon komisch, wenn man bedenkt, wie oft Tiger in die wichtigsten Momente des italienischen Golfsports verwickelt war. Ich erinnere mich noch gut an Costantinos Sieg beim Ryder Cup 1997 über Tiger. Das war damals in Italien eine enorme Sache und schaffte es auf die Titelzeilen der Tageszeitungen. Mein halbiertes Match gegen Tiger in Medinah 2012 natürlich ganz genau so.”

Doch all diese Heldentaten liegen längst in der Vergangenheit. Francescos Fokus ist ausschließlich gen Zukunft gerichtet und sein Ziel ist klar markiert: die erste erfolgreiche Titelverteidigung bei der Open Championship seit Padraig Harrington 2008. „Ich sehe die Claret Jug jeden Tag, wenn ich zu Hause bin, und kann nicht genug davon bekommen. Das ist für mich Ansporn genug, immer weiter an mir zu arbeiten und zu versuchen, so viele Turniere wie möglich zu gewinnen. Eine Titelverteidigung bei der Open? Man kann nie wissen. Man darf nicht vergessen, dass ich kein junger Hüpfer mehr bin. Deshalb muss ich die Chancen nutzen, die mir noch bleiben.”

„AUS MEINER SICHT WAR DER RYDER CUP 2018 SOGAR EINE NOCH GRÖSSERE SACHE ALS MEIN SIEG BEI DER OPEN. DIESE BEIDEN TRIUMPHE SO KURZ NACHEINANDER ERLEBEN ZU KÖNNEN IST UNSCHLAGBAR.”

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