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FRANKENSTEINS ERBEN …


Bücher - epaper ⋅ Ausgabe 3/2020 vom 11.03.2020

… oder: die fortwährende Inspiration eines Monsters. Vor über 200 Jahren erschien Mary Shelleys „Frankenstein“. Die Ideen dieses Romans wirken bis heute nach.


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Bildquelle: Bücher, Ausgabe 3/2020

AHMED SAADAWI: Frankenstein in Bagdad Übersetzt von Hartmut Fähndrich Assoziation A (2019), 296 Seiten, 22 Euro


JEANETTE WINTERSON: Frankissstein Übersetzt von Brigitte Walitzek Kein & Aber (2019), 400 Seiten, 24 Euro


KATIE HALE: Mein Name ist Monster Übersetzt von Eva Kemper S. Fischer, 384 Seiten, 22 Euro


Als 1818 die erste Ausgabe von Mary Shelleys „Frankenstein oder: Der moderne Prometheus“ erschien, ahnte wohl niemand, welches Eigenleben der ...

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... Roman entwickeln würde. Schon in den 1820er-Jahren gab es erste Dramatisierungen, 1910 wurde er erstmals verfilmt und die Fassung von 1931 mit Boris Karloff wurde zum Klassiker. Es folgten zahlreiche weitere „Frankenstein“-Adaptionen, die kaum mehr etwas mit Mary Shellys Roman gemein hatten. Auffälligster Beleg dafür ist, dass der Name Frankenstein von dem Schöpfer Victor Frankenstein auf seine im Roman namenlose Kreatur übergangenen ist.

FRANKENSTEIN ALS METAPHER EINER GESELLSCHAFT

Auch in Frankenstein in Bagdad von Ahmed Saadawi wird die abscheuliche Kreatur, die in Bagdad im Jahr 2005 mordet, in einem Zeitungsartikel als Frankenstein bezeichnet. Es wird sogar noch ein Foto hinzugefügt, auf dem Robert De Niro als das Monster zu sehen ist. Tatsächlich aber wissen die wenigsten, wie die Kreatur namens „Soundso“ aussieht: Erschaffen wurde sie von dem Trödelhändler Hadi aus liegengelassenen Leichenteilen, erweckt wurde sie durch eine körperlose Seele nach einem weiteren Selbstmordanschlag. Fortan irrt „Soundso“ durch die Stadt, rächt sich an den Menschen, die für den Tod der Teile verantwortlich sind, aus denen er besteht. Aber weil die einzelnen Teile abfallen oder abfaulen, muss er ständig Ersatzteile besorgen und seine Mission findet kein Ende.

Einige halten ihn für einen Extremisten, andere für einen Agenten, er selbst sieht in sich die einzige Gerechtigkeit, die es in diesem Land gibt. Er ist eine Projektionsfläche in dieser Stadt, die zu viele Kriege erlebt hat, täglich von Bombenanschlägen heimgesucht wird, in der der Geruch von verschmortem Plastik und verbrannten Leichen in der Luft liegt und die nach der US-Invasion in Chaos und Korruption erstickt. Diesem Realismus setzt Saadawi fantastische Motive aus unterschiedlichsten Kulturen und Traditionen entgegen, deren Reibung Komik und bitteren Wahnsinn erzeugt. Der „Soundso“ ist der erste „wahrlich irakische Bürger“. Zusammengesetzt aus Teilen von Menschen, die unterschiedlichen Gruppen, Klassen, Geschlechtern, Religionen und Ethnien angehörten, repräsentiert er „dieses unmögliche Gemisch, das niemals Wirklichkeit geworden ist“. Hervorgebracht wurde er durch die Gewalt - und einen Glauben an Fantastisches, der die wahnsinnige Realität treffend erfasst.

KÜNSTLICHE INTELLIGENZ, ETHIK UND MONSTER

Ein zentrales Motiv in Mary Shelleys Roman ist die Hybris des forschenden Menschen und seines Glaubens an den Fortschritt. Sie führte dazu, dass Victor Frankenstein glaubt, sich über den Tod hinwegsetzen zu können. In Jeanette Wintersons Frankissstein treibt sie im 21. Jahrhundert den Wissenschaftler Victor Stein an. Sein Fachgebiet ist maschinelles Lernen und menschliche Verbesserung, deshalb forscht er an intelligenten Prothesen und plant, die Daten aus Menschengehirnen auszulesen und jenseits von den biologischen Beschränkungen eines menschlichen Körpers weiterleben zu lassen. In diesen Victor Stein hat sich Ry Shelley verliebt, der transgender-Ich-Erzähler dieses Handlungsstrangs.

Victor Stein und Ry Shelley sind Wiedergänger von Victor Frankenstein und Mary Shelley, von denen in dem zweiten Handlungsstrang des Romans erzählt wird. Er eröffnet mit der legendären Entstehungsgeschichte des „Frankenstein“ im Haus von Lord Byron und führt fiktionalisiert durch Mary Shelleys Leben. Alle Personen, die der Schöpfung des „Frankenstein“ beiwohnten, finden sich auch in dem zweiten Handlungsstrang wieder: Statt des zynischen Frauenverachters Byron gibt es nun den Sexroboter-Hersteller Ron Lord, der einsamen Männern Roboterfrauen in allen Formen zur unmittelbaren Bedürfnisbefriedigung liefert.

Die Parallelen beschränken sich nicht auf Namen und Figuren, Winterson erzählt nicht einfach nach, sondern arbeitet mit Verweisen und Motiven, sie verschränkt Sprachmuster, Ideen und Szenen. Eingebettet in zeitlose und gegenwärtige philosophische Diskurse über Identität, Körper und Geschlecht verhandelt Winterson in ihrem kunstvollen und klugen Roman die Ethik von Wissenschaft und Fortschritt.

DAS VERHÄLTNIS VON MONSTER UND SCHÖPFER

Während Jeanette Winterson den Frankenstein-Mythos in ein ungemein dichtes Geflecht einbettet, konzentriert sich Katie Hale in ihrem Debüt Mein Name ist Monster auf einen Aspekt: das Verhältnis vom Menschen zur Natur. Ihr Roman setzt nach einer Katastrophe ein, durch Kriege und einen Virus sind alle Menschen gestorben, nur ihre Hauptfigur lebt noch. Sie heißt Monster, denn in dieser Welt „kann man nur als Monster überleben“

Aus dem ewigen Eis in Spitzbergen ist sie nun nach Schottland zurückgekehrt, wo sie aufgewachsen ist, und richtet sich auf einem verlassenen Bauernhof ein. Monster erinnert an Victor Frankenstein: Sie will alles lernen, interessiert sich vor allem für Konstruktionen von Dingen und Skeletten. Doch in der dystopischen Welt gibt es „niemanden, für den ich etwas erschaffen könnte. (…) Wenn ich an diesen Kindheitstraum von der abgeschotteten Erfinderin voll schöpferischer Genialität zurückdenke, frage ich mich, ob ich jemals geglaubt habe, er würde wahr.“

Eines Tages begegnet ihr ein Mädchen, das ebenfalls überlebt hat. Sie will es nicht verschrecken, sondern sich um das Mädchen kümmern und so stellt sie sich als „Mutter“ vor, mit dem „Wort, das mehr Trost und Fürsorge verspricht als jedes andere.“ Aus Monster wird Mutter eines Mädchens, das sie wiederum Monster nennt. Aus der Kreatur wird die Schöpferin, indem sie Wissen und Sprache weitergibt. Frauen müssen keine Leichenteile wiederbeleben, um Leben zu schaffen - ja, sie brauchen noch nicht einmal einen Mann, sein Samen reicht.

Bei Katie Hale finden die Frauen in ihren Nachkommen das Fortbestehen und Überdauern, das im Kern des Traums vom ewigen Leben steckt. Bei Winterson ist es die Literatur, in der ein Leben den Tod überdauern kann. Ein ewiges Leben strebt bei Saadawi niemand an, dafür ist die Gegenwart zu brutal. Sein Monster entsteht aus der Gewalt der Gesellschaft, sein Kern steckt wie bei Winterson und Hale in allen Menschen. Denn Monster und Schöpfer lassen sich nicht unterscheiden.


Fotos: Ahmed Saadawi © Safa Alwan; Katie Hale © Phil Rigby; Jeanette Winterson © Sam Churchill; Illustration: gettyimages.de / Moana Akasso