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Frau Bea rät


Der Spiegel Sonderheft - epaper ⋅ Ausgabe 1/2018 vom 10.10.2018

GRENZGÄNGER Früher hieß er Beat und war Chef, jetzt heißt sie Bea und ist Chefin. Die Schweizer Unternehmensgründerin Bea Knecht kennt beide Seiten. Sie versteht sich als Anwältin der Frauen und verlangt eine Menge von ihnen.


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Bildquelle: Der Spiegel Sonderheft, Ausgabe 1/2018

Unternehmerin Knecht»Für Recherchen empfehle ich Wikipedia /Transgender«


Zuerst mutet sie ihnen nur ihre Stimme zu. Ihre Stimme muss reichen, sie ist noch fast die alte, normal tief, ruhig, überlegt, schweizerdeutscher Dialekt. »Ich habe«, sagt die Stimme via Skype-Telefonat mit ausgewählten Mitarbeitern, »eine gute Nachricht.« Erst mal die Angst nehmen, findet sie. Ihre ...

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... Mitarbeiter sollen nicht denken, der Chef habe Krebs oder »er will sich davonmachen«. Sie sitzt am Pool in Kalifornien, als sie diesen Satz sagt, aber das verschweigt sie. Für die Angestellten ist sie im viermonatigen Sabbatical, diese Information muss reichen.

Sie verschweigt auch, dass sie furchtbar nervös ist, wie ihre Nachricht wohl aufgenommen wird. Und dass sie dieses Telefonat wieder und wieder durchgesprochen und geprobt hat, mit einer Trainerin, wochenlang.

Sie holt tief Luft, klickt auf das Kamera - symbol, es poppt ein Videobild von ihr auf, dazu liest sie einen Text.

»Ich war ein Mann«, beginnt der Text. »Jetzt lebe ich als Frau und als nichts anderes. Ich freue mich, den Übergang während meiner Auszeit gemacht zu haben. Trotz meiner äußeren Veränderung bin ich dieselbe Person, dafür aber glück licher. Ich pflege weiterhin dieselbe Arbeit, dieselben Freunde. Natürlich bedingt dies eine gegenseitige Anpassung. Beispielsweise benutze ich fortan den Vornamen Bea. Wenn wir im gegen - seitigen Umgang auch Fehler machen mögen, so ist es wünschenswert, dass wir zusammen in der besten Art vorwärtsgehen, die wir zustan de bringen. Ich begegne Bedenken und Fragen, solange sie nicht zu privat sind. Für Recherchen empfehle ich https://wikipedia.org/wiki/ Transgender.«

Was die Mitarbeiter in Zürich auf dem Bildschirm nicht sehen, sind Knechts Ängste und Qualen. Sie sehen nur das Ergebnis. Sie sehen einen Menschen, der den Entschluss gefasst hat, eine Frau zu werden, und die Umsetzung akribisch geplant hat. Wie sonst die Businesspläne für ihr Unternehmen.

Begonnen hat sie zwei Jahre zuvor mit einer Art Beweisaufnahme. Sie führte Gespräche mit mehr als hundert Transgender-Menschen und stellte immer dieselbe Frage: »Und? Habt ihr eure Umwandlung bereut?« Die meisten bereuen sie nicht. Dann, es war Anfang 2012, das Sabbatical, Phase zwei: In San Francisco lässt sich Beat das Eckige an seinen Kieferknochen wegfräsen, die Operation macht sein Gesicht ovaler. In Dallas, bei weiteren Spezialisten, werden per Laser rund 30000 Barthaare entfernt, einzeln, es dauert Wochen. In Colorado ist das Sprechtraining, seine Stimme soll höher werden. »Das klappt heute noch nicht ganz einwandfrei«, sagt Bea Knecht.

All das lag bereits hinter ihr, als sie zur Telefonkonferenz rief. Am anderen Ende der Leitung herrschte Stille, dann Erleichterung. Auf beiden Seiten, sagt Knecht. Ihre Mitarbeiter stellten wie erhofft keine privaten Fragen. »Man würde ja auch einen CEO niemals fragen, wie sein Genital beschaffen ist.«

Knecht wusste zu Beginn des Sabba - ticals nicht, ob ihr Experiment gelingen, ob sie als Frau zurückkommen würde. Oder als Mann im Rock. Und sie wusste, dass sie das Vertrauen ihrer Mitarbeiter nicht enttäuschen durfte. »Ich muss ihnen das Gefühl geben, als weiblicher Chef ebenso gut für sie zu sorgen wie als Mann«, für sie hatte das oberste Priorität.

Weitere zwei Jahre später beginnt Phase drei der Umwandlung von Herrn Beat zu Frau Bea. In Boston werden aus Bauchfett weibliche Brüste geformt. In Kanada wird helles Echthaar auf die Kopfhaut gepflanzt. Knecht schluckt Pillen, um das Testosteron im Körper herunterzufahren.

Heute fühlt sich Bea Knecht, als hätte sie sich von einem Sorgenpaket befreit, das auf ihren Schultern lastete. Heute sagt sie: »Ich bin selbst erstaunt, wie glücklich ich bin.« Ihr neues Leben fühle sich an »wie ein stilles, ruhiges Gewässer, ein wundervolles Gefühl tiefster Zufriedenheit«.

Hier könnte das Besondere an Beas Geschichte zu Ende sein, aber in Wahrheit beginnt es erst. Denn Knecht arbeitet nach wie vor, ist heute 51 Jahre alt und ist in einem Unternehmen mit rund 125 Mit - arbeitern in Zürich und in Berlin tätig. Als Mann erfand, programmierte, gründete sie das Start-up Zattoo, eine der ersten Internetplattformen in Europa, auf denen man Fernsehprogramme streamen kann. Jetzt hat es Millionen monatliche Nutzer, ein großer Erfolg. Bis heute besetzt sie eine hohe Position im Unternehmen – als Frau.

Knecht kennt beide Seiten, war Chef und Chefin, hat als Mann in den Acht - zigern Informatik in Berkeley studiert, arbeitete viele Jahre lang als Unternehmensberater für Mc Kinsey und Co., hat einen geschulten Blick dafür, wie Frauen performen in der digitalen Technikwelt. In diesem »Boys Club«, in dem sich, wie vielleicht sonst nur beim Militär, Geschlechterklischees manifestieren.

Welche Frau, wenn nicht diese, könnte also besser Auskunft darüber geben, was schiefläuft in der gemischtgeschlechtlichen Arbeitswelt? Ob Frauen wirklich schlechter performen als Männer? Ob sie, Bea Knecht, als Führungskraft anders wahrgenommen wird als früher und heute ihre Mitarbeiter anders führt? Und vielleicht Rezepte hat, wie Frauen schneller aufsteigen und besser leiten?

Bea Knecht empfängt im Zattoo-Büro, einem blau verspiegelten Glasbau in einem Zürcher Büroquartier. Sie trägt cremefarbene Pumps und ein schwarzes, eng anliegendes Stretchkleid, der Rock geht gerade bis zum Knie. Wenn sie sitzt, die Beine übereinandergeschlagen, hat man Mühe, noch Spuren von Beat an ihr zu finden. Wenn sie geht, fällt der breite Gang auf und das breite Kreuz. Sie streicht sich über die Strumpfhose, wirft das rötlich blonde Haar über die Schultern. Sie kleidet sich gern konservativ: Twinsets, klassische Kostüme, Schluppenblusen, Schnallenschuhe und immer die perlmuttfarbene Kette aus künstlichen, aber perfekt geformten Perlen.

Auf Knechts Facebook-Fotos erkennt man hingegen ihren Hang zu dramatischen Hüten, divenhaft geschwungenen Sonnenbrillen und vor allem: ihre Leidenschaft für Autos. Sie fährt einen Tesla und einen nagelneuen Marco-Polo-Camper von Mercedes. Wie ein in Feuerwehrautos vernarrtes Kind zeigt sie die blinkenden Knöpfe im Cockpit des Campers, der auf dem Firmenparkplatz von Zattoo steht, führt den Radar vor, das riesige sprachgesteuerte Naviga - tionsgerät. Sagt, sie habe kein Verständnis, wenn Frauen behaupteten, Technik interessiere sie nicht, Technik sei Männerkram.

Es wird im Folgenden um Akzeptanz gehen und um Kompetenz. »Akzeptanz«, weiß Bea, »kann man managen.« Das Skype-Telefonat damals führte sie mit ausgewählten Mitarbeitern, dem Geschäftsführer und anderen Leitfiguren. Das war ihr Trick, ein zutiefst männlicher Trick, findet sie: zuerst die Alphatiere hinter sich scharen, der Rest, das Fußvolk, trottet schon hinterher. Wer ein Problem mit ihrem neuen Geschlecht hat, hält besser die Klappe. Mit der Kompetenz sei das was anderes, die werde ihr plötzlich abgesprochen, seit sie als Frau lebt und arbeitet. »Plötzlich denken Fremde, ich könne nicht mit Zahlen umgehen oder mit Kritik. Hallo? Ich habe das Geschlecht gewechselt – nicht das Gehirn.«

Ihre Gründerzeit erlebte sie als Mann und denkt manchmal, dass es so besser war. Am Anfang legte sie »den Turbo ein, anders wär’s nicht nach oben gegangen«. Ein Start-up-Unternehmen wie Zattoo zu gründen, sagt Bea Knecht, sei »Extremsport «, vergleichbar mit der Besteigung der Eigernordwand. Da brauche es »volle Kraft voraus« und eine Menge Testosteron, das wirke wie Doping. Männer, findet Knecht, seien waghalsiger, unverzagter. Auch sie habe »so einen tiefen Quell von ›can do‹ in mir«, das helfe ihr beim Führen.

Führungskraft Knecht»Das Geschlecht gewechselt, nicht das Gehirn«


Heute, sagt Knecht, sei ihr Unternehmen aus dem Gröbsten raus, es befinde sich in der Adoleszenz, da brauche es andere Fähigkeiten: Ruhe reinbringen, Stabilität, motivieren, gestalten. Klassische Frauenstärken. Die hat sie. Ehrgeizig sei sie noch als Frau, auch getrieben wie früher. Und hart durchgreifen könne sie auch als Verwaltungsratschefin, etwa Managern kündigen, wenn der Erfolg ausbleibt.

Als Frau fällt Knecht jedoch auf , wie festgefahren die Geschlechterrollen in der Arbeitswelt weiterhin sind. Das hat sie überrascht. Von Frauen wird erwartet, dass sie verständnisvoll sind, ausgleichend, zurückhaltend, von Männern natürlich nicht. Äußern Frauen sich kritisch oder direkt, gelten sie als bossy, »ein Schimpfwort, das eigentlich ein Kompliment sein müsste. Denn als Chefin muss man klare Ansagen machen, sonst spielen die anderen mit dir«.

Knecht bemerkt heute, was ihr früher nie aufgefallen war: Frauen werde weniger zugehört. Schuld daran, sagt sie, sei die weibliche Stimme, die liege im Frequenzbereich zwischen 180 und 250 Hertz, sei hoch, oft leise. Männer hingegen würden lauter, wenn sie unsicher sind. All das führe dazu, dass Frauen als weniger kompetent gelten. Das passiere auch ihr, im Privatleben, bei Mieterversammlungen etwa, wenn es um Finanzen geht. Oder in der Autowerkstatt, wenn ein Meister ihr den Motor erklärt wie bei der »Sendung mit der Maus«.

Männer machen »Mansplaining«, sagen: Lass mich das machen, Babe. In solchen Momenten vermisst Knecht den »Männerbonus« und das Testosteron.

Seitdem Knecht als Frau lebt und in einem Unternehmen mit anderen Frauen arbeitet – ein Drittel ihrer Mitarbeiter ist weiblich –, versteht sie sich als deren An - wältin. Eine Anwältin mit Ansprüchen. Frauen, findet Knecht, beklagten sich zu oft über ihren Job, bildeten »Schnattergruppen «, sprächen sich gegenseitig Trost zu. Männer redeten über Sachthemen. »Als Chefin kann ich Frauen besser helfen, indem ich sie aus der Opferrolle hole, sie fordere.«

Knechts wichtigste Forderungen lauten: »Nutzt die digitale Technik, lernt die Werkzeuge kennen, erschließt euch diese Welt.« Zweitens: »Nutzt eure Fähigkeit zur Kommunikation, darin seid ihr Männern haushoch überlegen.« Kommunikation sei wichtiger geworden als Muskelkraft – »darin liegt die große Chance für Frauen«.

Dass Beat Knecht zu Bea Knecht geworden ist, hat den Bilanzen und dem Arbeitsklima ihrer Unternehmen jedenfalls nicht geschadet. Um die 75 Kinder haben ihre Mitarbeiter in den vergangenen Jahren zur Welt gebracht, das mache sie stolz. In diversen Netzwerken jedoch sitzt sie am Konferenztisch als einzige Frau. Gehört nicht mehr zum Boys Club, das verändert die Perspektive. Auf die Männer, die um Aufmerksamkeit buhlen, die unterbrechen, am liebsten mit dem Satz: »Unterbrechen Sie mich nicht!« Und auf Männer, die diese zweifelsfreie Zuversicht beherrschen: »Das Projekt wird super, ich weiß das.«

Die Unternehmerin Knecht vermisst Frauen in Führungspositionen, sie will das ändern. Weil sie Frauen als stabiler empfindet als Männer, »vernünftiger, werte - erhaltender«. Und sie weiß aus eigener Erfahrung, Männer verhalten sich korrekter, wenn Frauen mit am Tisch sitzen. »Ja, Männer freuen sich durchaus, wenn Frauen etwas reißen und Erfolg haben. Männer können gönnen«, sagt sie, »das habe ich selbst erlebt.«

Seit sechs Jahren lebt Bea Knecht nun als Frau, ihr Projekt ist so gut wie ab - geschlossen. Eine letzte Operation, die sie endgültig vom Penis befreit, steht noch aus, vielleicht ist es ihr einfach nicht wichtig genug. Was plant sie für ihre private Zukunft? Diese eine Frage muss erlaubt sein.

Sie wolle einfach eine Frau sein, sagt Knecht. Kein Mann im Rock. Keine der von Facebook angebotenen Geschlechter - identitäten wie »gender variabel«, »trans«, »weder noch«. Privat habe sie noch viel zu lernen. Zum Beispiel tanzen. Ihren Körper zur Musik bewegen. Geführt werden, nicht führen. Sich fallen lassen in die Arme eines Tänzers.


Fotos: Myrzik und Jarisch