Lesezeit ca. 9 Min.
arrow_back

FRAUEN AUF DER FLUCHT


Logo von musikexpress
musikexpress - epaper ⋅ Ausgabe 12/2021 vom 11.11.2021

MALARIA!

me N ° 1 24 HELDINNEN

Artikelbild für den Artikel "FRAUEN AUF DER FLUCHT" aus der Ausgabe 12/2021 von musikexpress. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Wo liegt der Traum der Blumenkinder begraben? Manche sagen, in den Hollywood Hills, wo Charles Manson mit seiner Family wütete. In Deutschland behauptet man gern, es seien Baader und Meinhof gewesen, die das Lummerland der 68er in Flammen aufgehen ließen. Ein bisschen starb die Ära aber auch im Wohnzimmer von Bettina Kösters Familie.

Vor vier Jahren erzählte die heute 62-jährige Köster, die Musikerin mit dem ikonischsten Alt seit Nico, wie sie ihre Stimme verlor. Oder vielmehr: fand. „Ich hatte noch als Jugendliche eine ganz glockenhelle Stimme“, sagte Köster der Tageszeitung „taz“. „Ich habe gern zur akustischen Gitarre Joan Baez gesungen, und eines Tages, ich war 16 oder 17 Jahre alt, da hatten wir Besuch, und meine Mutter hat gesagt: ,Bettina, komm doch mal runter und sing uns was vor.‘ Da hat sich der Besuch so kaputtgelacht über meine hohe Stimme, dass sich in ...

Weiterlesen
epaper-Einzelheft 4,99€
NEWS Jetzt gratis testen
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von musikexpress. Alle Rechte vorbehalten.
Lesen Sie jetzt diesen Artikel und viele weitere spannende Reportagen, Interviews, Hintergrundberichte, Kommentare und mehr aus über 1050 Magazinen und Zeitungen. Mit der Zeitschriften-Flatrate NEWS von United Kiosk können Sie nicht nur in den aktuellen Ausgaben, sondern auch in Sonderheften und im umfassenden Archiv der Titel stöbern und nach Ihren Themen und Interessensgebieten suchen. Neben der großen Auswahl und dem einfachen Zugriff auf das aktuelle Wissen der Welt profitieren Sie unter anderem von diesen fünf Vorteilen:

  • Schwerpunkt auf deutschsprachige Magazine
  • Papier sparen & Umwelt schonen
  • Nur bei uns: Leselisten (wie Playlists)
  • Zertifizierte Sicherheit
  • Freundlicher Service
Erfahren Sie hier mehr über United Kiosk NEWS.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 12/2021 von Grunge und Getränke. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Grunge und Getränke
Titelbild der Ausgabe 12/2021 von SNAIL MAIL. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
SNAIL MAIL
Titelbild der Ausgabe 12/2021 von Cour tney Barnett. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Cour tney Barnett
Titelbild der Ausgabe 12/2021 von RAVE ON! AND BETTER GET BETTER DRESSED. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
RAVE ON! AND BETTER GET BETTER DRESSED
Mehr Lesetipps
Blättern im Magazin
Empfehlungen aus der Redaktion
Vorheriger Artikel
Empfehlungen aus der Redaktion
PLATTE DES MONATS
Nächster Artikel
PLATTE DES MONATS
Mehr Lesetipps

... meinem Kopf etwas verschaltet hat. Von diesem Tag an hatte ich so etwas wie einen psychologischen Hänger, ab da war meine Stimme so tief, wie sie jetzt ist.“

Es sollte gerade Kösters Kettenraucherstimme sein, die den Sound von Malaria! prägte, einer All-Female-Innovationsmaschine, die zu einer der einflussreichsten deutschen Bands der 80er werden sollte - und doch lange übergangen wurde, wenn es um einflussreiche Bands ging. In West-Berlin gründeten Köster und ihre Freundin Gudrun Gut, beide zugezogen aus dem weniger wilden Westdeutschland, die Band Mania D, aus der später – in veränderter Besetzung – Malaria! hervorgehen sollten, dann das Folgeprojekt Matador. Dreimal M.

M wie Mädchen. Aber eben auch: M wie Macht, die eben den Mädchen angeblich nicht zustand. Malaria! traten den Gegenbeweis an, indem sie schlichtweg nicht einsahen, dass Frauen nicht hart klingen durften, nicht unnachgiebig und dunkel wie die Clubs ihrer alten Heimat West-Berlin, dieser Insel der Deserteure.

Selbst, wer nicht dabei gewesen ist, kennt heute die Bilder, ob aus Sven Regeners Roman „Herr Lehmann“, Mark Reeders Essayfilm „B-Movie“ oder Wim Wenders’ „Der Himmel über Berlin“: Nick Cave mit toupiertem Rabenhaar. Die sehr jungen Ärzte. Blixa Bargeld, der im Hohlraum einer Autobahnbrücke stampfend Musik aufnimmt. Die Schönen der Nacht, die durch die ruinösen Straßen streifen. West-Berlin als Stadt der Außenseiter, die – umgeben von Mauern, ausgerechnet – Asyl vor der Enge der Bonner Republik fanden. Die Häuserwände, erinnert sich Bettina Köster im nun erscheinenden Oral-History-Band „M_ Dokumente“, hatten noch Einschusslöcher. Und gerochen habe es nach Kohleöfen und Kebab. Nach Veränderung ja eh.

Während in der BRD nämlich die Aufbruchsstimmung der 60er in RAF-Paranoia und Resignation über den kältesten aller Kriege umschlug, organisierte sich die Linke in West-Berlin neu. 1978 trafen sich Alternative aus der ganzen BRD in der Technischen Universität zum „Tunix-Kongress“, dem Urknall der Alternativgesellschaft, der Impulse zur Gründung der Grünen wie auch der linken Tageszeitung „taz“ geben sollte. Dazu formierte sich bald die Hausbesetzerszene, deren Aktivisten auszogen, den Altbaubestand der Stadt vor dem Abriss zu retten. Und nebenbei natürlich mietfrei zu wohnen, um Zeit für Kunst oder Nichtstun zu haben. Geschichte wurde gemacht, sie passierte nicht einfach: So geht die Erzählung, die längst Berliner Stadtfolklore ist. In diesem Umfeld gedieh eine Underground- Szene, die man heute gern unter dem Begriff Geniale Dilletanten fast – benannt nach dem „Festival Genialer Dilletanten“, das 1981 die Berliner Anti-Schickeria unter dem Zirkusdach des Tempodroms versammelte: die Einstürzenden Neubauten, Die Tödliche Doris, Westbam.

Obwohl die Erinnerungsmaschine seit mindestens 20 Jahren heißläuft, unterschlägt die Geschichtsschreibung doch manches ganz gern. Zum Beispiel, wie weiß die Subkulturszene war, trotz Allgegenwart migrantischer Communitys in Berlin. Die Künstlerin und Love-Parade-Mitbegründerin Danielle de Picciotto, unterwegs im selben Milieu wie die spätere Malaria!-Belegschaft, sagte mal im Interview mit der „taz“, dass vor allem die Frauen in der Westberliner Szene in der Rückschau gern vergessen werden. Dabei seien es gerade die weiblichen Kulturschaffenden gewesen, die sie extrem beeindruckt hätten, als sie aus den USA nach Berlin gezogen ist. „Die Frauen waren sehr stark und präsent, haben ihren Platz eingefordert und schließlich das Gleiche wie die Männer gemacht“, sagt de Picciotto.

Ein Grund für die Frauenpräsenz, glaubt sie, sei auch gewesen, dass das eingemauerte, abgeriegelte West-Berlin im Vergleich zu anderen Großstädten nicht übermäßig gefährlich war; über die holprigen Brandenburger Transit-Autobahnen flüchtete es sich wohl schlecht. Die Gewalt sei einer der Gründe gewesen, warum de Picciotto ihre Heimatstadt New York City verlassen hatte. In West-Berlin hingegen habe sie nachts keine Angst gehabt, bis zum Morgengrauen unterwegs zu sein. Die Insel der Deserteure war auch eine Insel der selbstermächtigten Frauen.

Es sagt schon einiges über die Zeit, dass die Malaria!-Gründerinnen Gudrun Gut und Bettina Köster heute nicht mehr wissen, ob sie einander von der Berliner Hochschule der Künste kannten – oder vom Rumlungern im Eisengrau, dem Laden im Berliner Stadtteil Schöneberg, den Köster angemietet hatte. Gemeinsam mit Gut wurde daraus eine Art Mischung aus Modeboutique, Galerie, Super-8-Kino und Musikshop. Die beiden verkauften umgenähte Flohmarktfunde, Stücke von jungen Berliner Designern und Selbstgestricktes. Vor allem aber gaben sie dem befreundeten Kreativprekariat ein Zuhause für den Tag, bevor man nachts in die Clubs und Bars weiterzog, in die sich heute noch alle Zuspätgeborenen träumen: Risiko, Fischlabor, Turbine Rosenheim, wie sie alle hießen.

GEFÄHRLICH WIE EIN SCHÖNES TIER, DAS NIEMALS EINGEHEGT WERDEN KONNTE.

Gemeinsam mit Beate Bartel, Eva-Maria Gößling und Karin Luner gründeten Gut und Köster die Band Mania D, die damals eher eine Free-Jazz-artige Avantgardegruppe als eine klassische Punkband war. Punk, sagte Gut mal dem Magazin „Groove“, sei für sie vor allem eine Haltung gewesen. Die Musik fand sie langweilig: „Das war letztlich Rock, nur schneller gespielt.“

Alle hatten sie kein Geld – nicht mal für das Speed, das damals alle nahmen, wie sich Bettina Köster erinnert –, waren dafür aber umso reicher an Unterstützern aus dem West-Berliner Kosmos. In Cafés kriegten sie schon mal gratis Verpflegung, wenn man sie zwecks Szenekunden-Aquise ans Fenster setzen durfte, beim Design ihrer Outfits half die Designerin Claudia Skoda, beim Booking später der Exil-Brite Mark Reeder.

Mania D fanden bald Fans über ihre Insel hinaus. In den späten Siebzigern hatten Gut, Köster und all die anderen noch mit religiöser Regelmäßigkeit die Radiosendung des Briten John Peel gehört, der sie mit britischem Dub und New Yorker No Wave versorgte. 1981 kürte Peel dann Mania Ds Single „track 4“ zu seiner „Single des Jahres“, die Band selbst zu „Queens of Noise“.

Gerade, als die Sache Fahrt aufnahm, zerfaserte die Gruppe. Beate Bartel, Eva-Maria Gößling und Karin Luner blieben bei anderen Projekten kleben, nur der Band-Nukleus – bestehend aus Gut und Köster – machte unter neuem Namen weiter: Malaria!. Es war die Erfindung eines Bekannten aus der Westberliner Szene, der Mania D so schrecklich fand, dass er sie in Malaria D umtaufte. Zur Schlagzeugerin Gut und der Sängerin Köster stießen die Gitarristin Manon Pepita Duursma, die Keyboarderin Susanne Kuhnke und Christine Hahn, die Gitarre, Keyboard und Schlagzeug spielte. Eine erste EP kam auf dem Label des Plattenladens raus, in dem Gut arbeitete: Zensor Records.

Bei aller Liebe zum Unfertigen und Unpolierten hatten alle Beteiligten „irgendwelche Instrumente gelernt. Ganz klassisch“, sagt Bettina Köster. Ganz so dilettantisch, wie sie taten, waren eben doch auch viele der „Genialen Dilletanten“ nicht. Erst recht nicht diese fünf Frauen, die avantgardistischen Krach und Eisschrank-Wave in Richtung Electronic Body Music, sogar Proto- Techno biegen sollten. Ihr Sound war, durchaus im Geist der postheroischen Postpunk-Ära, reduziert und von allem Aufgeblasenen befreit, so intuitiv wie kontrolliert. Songs wie „Kaltes klares Wasser“, der einzige Hit der Band, hatten dunkle Bassläufe und „nicht-swingende Beats“; ein einziges „Laufen, Fliehen, Standhalten“, wie Diedrich Diederichsen im Vorwort zu den „M_Dokumenten“ schreibt.

Tatsächlich waren Malaria! eine Band auf der Flucht. Nie blieben sie hocken auf ihrer Insel der Engel und Frauen, immer waren sie das, was Bruce Springsteen und all die Rockmänner nur behaupteten: Born to run. „Schon wieder will ich fort von hier / Mein Hund und ich, wir fahren nach Zypern / Dort ist es fast wie in Berlin / Ich war in London, ich war in Paris / Ich war in New York und ich will nach Tokio / Doch mein Herz liegt in Zypern / Und ich weiß, ich muss nur an den Schalter gehn“, hieß es im Song „How Do You Like My New Dog?“ von ihrer 1981er EP.

Malaria! waren überall und nirgends, mal in London, dann wieder in den USA; auf dass das Nest ihnen ja nie zu warm wurde. Vielleicht ist ihre Musik deshalb bis heute so viel größer als vieles, was in den bundesdeutschen Pop-80ern so entstand. Vielleicht klang ihre Musik deshalb so sehnig und widerständig. Unbehaust. Getrieben und gefährlich wie ein schönes Tier, das niemals eingehegt, nie am Nasenring durch die Manege geführt werden konnte, selbst dann nicht, als der frei flottierende Sound von Mania D zu Malaria!-Zeiten in klassischeren Songstrukturen aufging.

Wo auch immer in den späten 70er-, frühen 80er-Jahren zwischen Deutschland, England und den USA Spannendes an der Schnittstelle von Kunst und Avant-Musik passierte: Irgendwer aus dem Malaria!-Umfeld ist mit Sicherheit dabei gewesen. Mania D waren mit DAF auf Tour und spielten als Support für Siouxsie &the Banshees, Malaria! mit den Slits, The Birthday Party und John Cale, mit Nina Hagen sogar im legendären Studio 54, wo sie für einen kleinen Eklat sorgten: Ihr Outfit – „ganz in Schwarz, in Stiefeln und Reithosen und mit roten Nelken im Knopfloch“, wie Köster sich erinnert – sollte eine Verneigung vor dem frühen sozialistischen Schick sein, wurde aber als NS-Referenz verstanden. Und das auch noch am jüdischen Feiertag Jom Kippur.

Überhaupt mussten diese fünf androgynen Frauen, die immer etwas Sardonisches, Sadistisches, irritierend Unsanftes umwehte, nicht mal Hakenkreuze oder andere Superschocker auffahren, um die Welt gründlich zu verunsichern. Malaria! sahen sich inspiriert von alten Stummfilmen, Dada und Futurismus, von der Kunst der 1920er-Jahre, von der ja (wie Greil Marcus in seinen „Lipstick Traces“ dokumentierte) eine Traditionslinie geradewegs in die Punkschuppen des späten 20. Jahrhunderts führte. Aber auch bei einem Frauenfestival im Jahr 1980 wollten eher Folk-affine Feministinnen Mania D vom Hof jagen, weil sie in ihnen „Nazibräute“ zu erkennen glaubten.

So richtig sauer machte diese Band aber vor allem: Männer. „Manche hatten richtig Angst vor uns“, sagt Bettina Köster in den „M_Dokumenten“. Und das, obwohl Malaria! sich längst in besseren Zeiten wähnten. „Ich fand das toll, dass ab Ende der Siebziger mit den Geschlechtern gespielt wurde, dass man als Mädchen aussehen konnte wie ein Junge und als Junge wie ein Mädchen“, sagt Gudrun Gut. „Ich dachte: Das ist das neue Normal. Alle sind jetzt so.“

Aber so einfach war es dann eben doch nicht. Obwohl die Kunst- und Musikwelt von Berlin bis Brooklyn Malaria! liebte, mussten sie bald erkennen, was zuletzt auch Zeitgenossinnen wie Kim Gordon, Viv Albertine oder Cosey Fanni Tutti von Throbbing Gristle in ihren Memoiren geschildert haben: dass auch die herrlichsten Undergroundclubs eine gläserne Decke hatten. Malaria! fehlte Unterstützung im größeren Stil. So ein Häuschen, wo man an sie glaubt, das hätten sie damals gebraucht, erinnert sich Gudrun Gut. „Uns ist das damals nicht so aufgefallen, aber ich frage mich heute schon manchmal: Warum sind wir eigentlich nicht gesignt worden?“, sagt sie. „Wir waren international unterwegs und wir haben tolle Sachen gemacht. Aber ja, die A&Rs bei den Labels, das waren alles nur Typen. Und ich glaube, mit so einer Frauenband konnten die einfach nichts anfangen. Mit uns konnten die vor ihren Freunden nicht so gut angeben.“

Malaria! versuchten, die Maschinerie zu überlisten, indem sie ihr eigenes Label gründeten, Moabit Musik. Aber Mitte der 80er ging der Band auf der Flucht die Puste aus. Die EP „Beat The Distance“ – ausgerechnet – sollte ihre vorerst letzte gemeinsame Aufnahme bleiben. „Mit Müh und Not“ hätten sie den Label-und Club-Betreiber Dimitri Hegemann überzeugen können, die Platte rauszubringen. „Trotzdem hat man gedacht: Ach, leck mich! Dann nicht“, sagt Gut.

Bettina Köster ging, wie auch Christine Hahn, nach New York City – und kam fast 20 Jahre lang nicht mehr zurück. Der „taz“ sagte sie einmal, sie sei „mehrere Jahrzehnte lang eingeschnappt“ gewesen, als ab Mitte der 80er die Majorlabels viele Undergroundbands schluckten. (An der Wall Street arbeitete sie trotz Kapitalismus-Skepsis eine Zeit lang.) Gudrun Gut, Manon P. Duursma und Susanne Kuhnke kehrten in Berlin zu einem etwas geregelteren Leben zurück. Gut und Duursma machten mit Beate Bartel unter dem Namen Matador weiter. Die beste Inselzeit schien vorbei zu sein: Die „Szene“ war dunkel und drogig geworden, der futuristische Wave-Entwurf ihrer Acts zur „Neuen Deutschen Welle“ weichgespült.

Was dann passierte, ist bekannt. Mit der Wende wurde Wave zu Rave, die Insel zur Hauptstadt. Während es sich aber heute am West-Berliner Mythos gut verdienen lässt, sind Malaria! immer das integre Gewissen der damaligen Off-Kultur geblieben. Vor allem Gudrun Gut ist zwar ein gern geladener Gast, um auf Panels „von damals“ zu erzählen; umtriebig war sie dabei immer, ob sie nun Festivals in ihrer Wahlheimat Uckermark veranstaltet oder den Nachwuchs protegiert. Auf ihrem 1997 gegründeten Label Monika Enterprise veröffentlichte Gut schon Acts wie Quarks, Contriva und Barbara Morgenstern: Künstlerinnen, deren Schaffen Berlin in den späten Neunziger- und frühen Nullerjahren einmal mehr zum Sehnsuchtsort für Kreative machte.

Gut, Köster, Duursma, Bartel, Kuhnke, Hahn und ihre Mitstreiterinnen waren schlau genug, nie bloß Figuren im Nostalgietheater sein zu wollen. Oder das frühe Ende ihrer Bands als Scheitern zu begreifen. „Nichts hört wirklich auf. Wir transformieren uns notwendigerweise, um (hoffentlich) daran zu wachsen“, schreibt Beate Bartel in den „M_Dokumenten“. Oberflächlich betrachtet mag es aussehen, als habe die Welt Malaria! kleingekriegt. Dabei wussten und wissen diese Frauen schlicht, was manche Inselbewohner von einst vergessen haben: dass man nur auf der Flucht allen voraus sein kann.