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Frauen und ihre Mütter


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Psychologie Heute - epaper ⋅ Ausgabe 8/2022 vom 13.07.2022
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Bildquelle: Psychologie Heute, Ausgabe 8/2022

Neulich war es mal wieder so weit. Katrin Jacob hatte einen anstrengenden Arbeitstag in der Klinik gehabt, Spätschicht, einen Notfall nach dem nächsten und kaum eine Pause, um zwischendurch auch nur einen Schluck Wasser zu trinken. Zu Hause angekommen, sagte sie noch schnell ihren Kindern gute Nacht und ließ sich dann erschöpft aufs Sofa fallen. Ihre Mutter stellte ihr einen Teller Lasagne auf den Tisch, genau das, was sie jetzt brauchte. „Du siehst müde aus“, bemerkte da die Mutter. „Warum machst du dir bloß immer so einen Stress?“

Als Katrin Jacob das erzählt, lacht sie. Doch der Ärger ist ihr noch anzumerken. „Diese Situation ist wirklich ein totaler Klassiker in der Beziehung zu meiner Mutter“, sagt sie. „Einerseits ist da diese große Fürsorge, sie kümmert sich um ganz vieles und hilft mir. Dafür bin ich ihr dankbar. Andererseits bringt sie mich schnell auf die Palme. Natürlich bin ich ...

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... gestresst. Ich arbeite, bin alleinerziehend und habe drei Kinder. So sieht mein Leben nun mal aus!“

Frauen und ihre Mütter – das ist eine Beziehung, die im Laufe des Lebens kompliziert werden kann. Denn die innige Nähe der Kindheit weicht spätestens im Erwachsenenalter oft einer Ambivalenz. Die Beziehung zur Mutter kann dann einerseits noch immer von Liebe und Fürsorge geprägt sein und andererseits von durchaus unterschiedlichen Wünschen und Erwartungen. Auch alte Beziehungserfahrungen können immer wieder in Form von Kränkungen oder Schuldgefühlen auf die Mutter-Tochter-Beziehung einwirken.

Selbst in heilen Familien scheinen sich diese Spannungen kaum vermeiden zu lassen: Katrin Jacob findet, dass sie eine schöne Kindheit hatte, und spaziert noch heute sonntags gern mit den Eltern und Kindern durch den Wald nahe ihres Elternhauses, mit einem Halt am Kinderspielplatz, auf dem sie selbst als Kind schon gespielt hat. Und doch weicht die Verbundenheit, die sie dabei fühlt, immer wieder schnell diesem akuten Genervtsein. „Ich denke, es liegt teils an unseren unterschiedlichen Lebensentwürfen“, mutmaßt die Ärztin. „Meine Mutter hatte als Erzieherin immer viel Zeit für uns. Ich arbeite fast Vollzeit und die Kinder müssen viel allein machen. Das findet meine Mutter nicht gut, vielleicht fühlt sie sich davon sogar ein bisschen provoziert. Mir macht das dann Schuldgefühle und gelegentlich führt das zu Anspannung zwischen uns. Aber das bewegt sich alles im Rahmen des Normalen. Mutter-Tochter-Beziehungen sind halt kompliziert.“

Wir tragen die Erfahrung mit der Mutter ein Leben lang in uns

Töchter sind von ihren Müttern geprägt. Ob wir eine liebevolle, eine fürsorgliche, eine vernachlässigende, eine grenzüberschreitende, eine kühle oder eine abwesende Mutter erlebt haben – wir tragen die Muttererfahrung ein Leben lang mit uns. Wir zehren von ihr, wachsen an ihr, kämpfen gegen sie an oder grenzen uns von ihr ab. Manchmal wiederholen wir sie auch, ohne es zu wissen. Es ist also unmöglich, über Mütter oder Muttersein nachzudenken, ohne dass die eigene Muttererfahrung mitschwingt. „Für Frauen berühren die Lebensthemen Mutterschaft und Muttersein natürlich sofort auch wieder die Geschichte mit der eigenen Mutter“, schreibt der Psychotherapeut Victor Chu. „Muttersein ist ein Fluss, der von Großmutter zur Mutter zur Tochter und so weiter f ließt.“

Dem Einf luss der Mutter kann niemand entkommen, denn schon im Bauch beginnt die Mutter, ihr Kind zu prägen. Bereits im Mutterleib entstehen die ersten emotionalen Grundstrukturen eines Kindes: Das ungeborene Kind steht in engem Austausch mit seiner Umgebung und nimmt vieles wahr; anfangs nur über die psychobiologische Verbindung zum Körper der Mutter, später sogar über die sich entwickelnden eigenen Sinnesorgane. Dabei erfährt das Kind starke Prägungen in seiner Tiefenemotionalität, also dem sich entwickelnden Gefühlsleben. Bereits diese ersten Gefühlserfahrungen schreiben sich in das schnell wachsende Gehirn des Fötus ein, vor allem in die Stamm- und Mittelhirnregion, in der unsere Gefühle generiert werden. Denn zu dieser Zeit ist die Neuroplastizität – die Veränderbarkeit der Nervenzellen – des menschlichen Gehirns am allergrößten. Durch ihr eigenes Gefühlsleben legt die Mutter deshalb bei ihrem ungeborenen Kind bereits erste „Sollwerte“ für das psychobiologische Stressmuster an.

Gute Erfahrungen im Mutterleib führen beim Ungeborenen also zu einer Stärkung von Netzwerken im Gehirn, die Glück und Zufriedenheit vermitteln. Schlechte Erfahrungen hingegen, etwa durch anhaltenden mütterlichen Stress, intensivieren die Schaltkreise für Traurigkeit und Angst.

Und so geht es auch nach der Geburt weiter: Über die Beziehung zur Mutter, die in den meisten Fällen ja weiterhin die erste Bezugsperson ist, wird die Entwicklung der Gefühle beim Baby angelegt. Denn vor allem nach der Geburt, in den ersten zwei Lebensjahren vollziehen sich die wirklich wichtigen emotionalen Prägungen im Leben eines Menschen. Das Gehirn des Babys ist bei der Geburt noch nicht ausgereift und deshalb sehr offen für äußere Einf lüsse. Die Beziehungserfahrungen des Säuglings – ob gut oder schlecht – prägen sich in dieser Zeit direkt in die sich auf bauende Gehirnstruktur ein, legen Spuren für kognitive Fähigkeiten oder psychische Erkrankungen und vermögen selbst Gene ein- und auszuschalten. Der renommierte kalifornische Psychoanalytiker und Hirnforscher Allan N. Schore bezeichnet die Rolle der Mutter während des ersten Lebensjahrs deshalb als „Hilfskortex“ des Babys, also ausgelagertes Hilfsgroßhirn.

▶ Falsc hes Selbst Manch e Eltern verlangen starke Anpassung von ihren Kinder n und machen davon sogar i hre Liebe abhängig. Unter U mständen entwickeln Kinder infolgedessen ein „falsches Selbst“. Das Kind kann dann n icht gut spüren, wie es sich fü hlt, sondern versucht, so zu e mpfinden und zu handel n, wie es die Eltern von ihm er warten. Häufig finden die Bet roffenen erst später im Leb en zu einem besseren Gespü r für die eigenen Wünsche. D as Konzept des falschen Selbst wurde von dem britisch en Psychoanalytiker Donald Winnicott (1896–1971) entwic kelt

Je feinfühliger die Mutter auf die Affekte ihres Säuglings eingeht, umso besser lernt das Kind, mit seinen Gefühlsregungen umzugehen, und umso größer ist die Chance des kleinen Menschen, zufrieden und seelisch gesund durch das Leben zu gehen. Denn sicher gebundene Kinder können ihre Gefühlsregungen besser steuern, sie können sich bei Stress schneller beruhigen und sich bei Traurigkeit besser selbst trösten oder ablenken. Das Baby muss die Fähigkeit, verschiedene emotionale Zustände zu unterscheiden und zu ref lektieren, nämlich erst entwickeln. Den Bindungspersonen fällt es zu, die Gefühle ihres Kindes zu steuern, sein Leid und Unbehagen zu verringern, seine Zufriedenheit und sein Wohlbehagen zu steigern und später auch Erklärungen für Gefühle zu liefern. Sie ermitteln also die Gefühle des Kindes und spiegeln sie ihm wider, damit das Kind lernt, sich selbst emotional wahrzunehmen. Dabei nehmen sie auch die unangenehmen Gefühle des Babys auf und geben diese ihrem Kind in verarbeiteter und weniger bedrohlicherer Form zurück.

Als „Container“ beschrieb der britische Psychoanalytiker Wilfred Ruprecht Bion deshalb die Rolle der Mutter in den ersten Lebensjahren. Natürlich kann auch der Vater oder etwa ein Großelternteil die primäre Bindungsperson des Babys darstellen; dennoch ist es aufgrund der pränatalen Prägungen aus Sicht der Bindungstheorie optimal, wenn das Kind die Bindungsbeziehung zur leiblichen Mutter aufnimmt. Denn Mutter und Kind haben bereits während der Schwangerschaft viele gemeinsame Erfahrungen gemacht.

Vor allem im ersten Lebensjahr stellen Mutter und Kind ein aufeinander abgestimmtes und im Wachstum begriffenes System dar, das kraft der emotionalen Bindung zusammengehalten wird und in der Regel Sicherheit, Zuwendung und Liebe spendet. Eine mächtige emotionale Erfahrung, die im Laufe des Erwachsenenlebens von Töchtern immer wieder mal herbeigewünscht wird.

„In Ansätzen kennen wir das ja alle: Wenn es nicht gut läuft oder wir traurig sind, würden wir am liebsten zu Mama laufen“, sagt die Familientherapeutin Sandra Konrad. „Denn die Mutter hat uns früher versorgt, wir möchten ihren Trost und ihre Geborgenheit wieder spüren. Idealerweise haben wir die mütterliche Fürsorge aber in Form einer guten Elternstimme verinnerlicht und können uns selbst beruhigen, müssen also als Erwachsene nicht mehr mit jedem Kleinkram zur Mutter rennen. Problematisch wird es, wenn wir diese Geborgenheit als Kinder nicht ausreichend bekommen haben und dadurch ein Mangel entstanden ist. Die unbefriedigten Versorgungswünsche von früher werden dann bei aktuellen Konf likten wieder spürbar und es kommt zu Problemen.“

Loslösen aus der Symbiose

Gleichzeitig muss diese symbiotische Bindung irgendwann gelockert werden, ein Spannungsfeld, das die Mutter-Tochter-Beziehung nachhaltig prägen wird. Der Psychoanalytiker Ernst Abelin stellte 1971 die Theorie auf, dass das Kind spätestens im Kleinkindalter den Vater herbeisehnt, um sich ein Stück weit aus dem mütterlichen Einf lussbereich zu lösen. Im Rahmen dieser „frühen Triangulierung“ wird dem Vater die zentrale Position des „Dritten“ zugewiesen, der eine Distanz ermöglicht, ohne dass die Mutter endgültig verlassen werden muss – natürlich kann diese Rolle auch eine andere nahestehende Bezugsperson einnehmen. Wichtig ist dabei, dass die Mutter (oder die primäre Bezugsperson) nun einen Schritt zurücktreten kann.

„Auch die am meisten kindgerechte Mutterliebe enthält nämlich noch immer etwas Bedrohliches, Verschlingendes und schränkt Freiheit und Individualität ein“, sagt der Psychoanalytiker Mathias Hirsch. „Und so wünscht man dem Kleinkind ein ausgleichendes Moment, man stellt sich einen Vater vor, der die allzu innige Mutter-Kind-Symbiose relativiert.“ Denn Kinder bräuchten beides, um zu einer eigenen Individualität und später auch geschlechtlichen Identität zu finden: die intensive Liebe der Mutter und die emotionale Zuwendung des Vaters. Kinder, die bei gleichgeschlechtlichen Eltern aufwachsen, machen im Prinzip dieselbe Erfahrung: Der zweite Elternteil ist wichtig, um dem Kind die Ablösung von der primären Bezugsperson zu erleichtern.

Ein gesundes Maß an Nähe und Abgrenzung zu finden, das bleibt für Mütter und ihre Kinder oft bis ins Erwachsenenleben eine Herausforderung – insbesondere bei Töchtern. Denn während Körper und soziale Rolle des Sohnes für die Mutter eine fremde Erfahrung sind, erkennt sie sich in der Tochter immer ein Stück weit wieder. Nicht nur mütterliche Liebesgefühle werden also in der Beziehung zur Tochter aktiviert, sondern stets auch die eigene Erfahrung als Mädchen, als Tochter, als junge Frau oder sogar als erwachsene Frau. Für die Mutter besteht die Kunst darin, die eigenen Erfahrungen der Tochter nicht überzustülpen, sondern sie ihren eigenen Weg gehen zu lassen.

Sich reiben und sich anlehnen

Für die Tochter hingegen ist die Mutter ganz automatisch das erste Rollenvorbild: Sie ist die Folie für Weiblichkeit, für die soziale Rolle der Frau, für das Muttersein. Während kleine Mädchen die Mutter noch nachahmen, ihr Parfüm ausprobieren und sprichwörtlich in ihre Schuhe steigen, müssen Töchter in der Pubertät dringend Abgrenzung zur Mutter suchen, um zu einer eigenen Identität als Frau zu finden. „Meist wird die Tochter in der Pubertät die Mutter vom Sockel stoßen“, schreibt die Essener Psychotherapeutin Claudia Haarmann in ihrem Buch Mütter sind auch Menschen. „Die Tochter stellt sich die Frage: Wer bin ich eigentlich ohne sie?“

Die Mutter ist dann gleichzeitig zum Sichreiben und Sichanlehnen da – nicht immer eine dankbare Rolle. Die Ansprüche an Mütter sind also hoch. Sie sollen stets Liebe, Geborgenheit und Akzeptanz vermitteln, gleichzeitig aber die bisweilen heftige Abnabelung ihrer Tochter mit stoischer Ruhe ertragen. Sie sollen immer da sein, aber zugleich genug Distanz halten. Allerdings auch nicht zu viel Distanz. Denn eine Tochter möchte sich trotz allem immer von ihrer Mutter geliebt fühlen, sie möchte im Laufe ihres Lebens weiterhin möglichst bedingungslose Liebe, Mutterliebe also. „Der größte Schrecken eines Kindes ist, nicht geliebt zu werden, Ablehnung ist die Hölle, die es fürchtet“, schrieb John Steinbeck 1952 in seinem großartigen Roman Jenseits von Eden. Doch dieses bedingungslose Lieben und Geliebtwerden zwischen Mutter und Tochter gelingt nicht immer. Denn die Mutter-Tochter-Beziehung ist per se störanfällig. Die Gefahr, die Tochter mit den eigenen Lebensthemen zu besetzen, ist groß.

Hanna Unger (Name geändert) hat den Kontakt zu ihrer Mutter vor einigen Jahren abgebrochen. Es ging einfach nicht mehr. „Im Moment geht es mir damit sehr gut“, sagt die 38-Jährige. „Die Beziehung zu meiner Mutter hatte mich krank gemacht, ich musste mich vor ihr retten.“ Sie beschreibt die Mutter als erfolgreiche Unternehmerin, unberechenbar, kontrollierend und narzisstisch, eine Frau, die nur um sich selbst kreist. Die Tochter hatte stets viele Aufträge von der Mutter. Sie sollte gute Schulnoten nach Hause bringen, in der ersten Hockeymannschaft spielen, an den besten Universitäten studieren, Karriere machen, dabei gut aussehen und insgesamt allseits vorzeigbar sein. „Ich sollte großartig sein, aber natürlich auf keinen Fall großartiger als meine Mutter“, erinnert sich Hanna Unger. „Ich sollte selbständig sein, aber nicht zu selbständig. Ich sollte alles können, durfte aber nichts von meiner Mutter fordern. Das führte dazu, dass ich ständig massiv unter Druck stand, weil ich wahnsinnig hohe Ansprüche an mich stellte. Und gleichzeitig hatte ich überhaupt kein Selbstwertgefühl.“

Sie machte mich krank! Ich musste mich retten

Unger brach mit Mitte zwanzig ihr Jurastudium ab und geriet in eine echte Lebenskrise. Erst in einer Psychotherapie verstand sie, dass es nie um sie selbst gegangen war, dass ihre Sehnsucht nach authentischer Wärme und Zuwendung von ihrer Mutter immer unbeantwortet geblieben war und vermutlich immer unbeantwortet bleiben würde. Heute hat sie eine eigene Familie und kommt ohne ihre Mutter sehr gut zurecht. „Ich weiß nicht, ob meiner Mutter das Mutter-Gen fehlte oder ob sie so geworden ist, weil sie selbst nie Anerkennung von ihren Eltern hatte“, sagt Hanna Unger. „Wenn man mit einer schlechten Mutter aufwächst, war oft ja auch schon deren Mutterbeziehung eine Katastrophe. Das trifft auf meine Mutter definitiv zu. Mir ist aber wichtig, dass ich das bei meinen Kindern anders mache.“

Die amerikanische Psychotherapeutin Karyl McBride hat in ihrem Buch Werde ich jemals gut genug sein? über verschiedene Typen destruktiver Mutterbeziehungen geschrieben und unterscheidet zwischen „ignorierenden Müttern“ (unzureichende Zuwendung), „verschlingenden Müttern“ (übertriebene Bemutterung) und den „bedürftigen Müttern“ (emotionale Abhängigkeit). Für die Töchter können all diese gestörten Formen der Bemutterung schlimme Folgen haben. „Wir Töchter glauben dann, wir müssten für unsere Mütter da sein und es sei unsere Aufgabe, uns um ihre Bedürfnisse, Gefühle und Wünsche zu kümmern, schon als junge Mädchen“, schreibt McBride. „Wir fürchten, unseren Müttern andernfalls gleichgültig zu sein.“

So lernen die Töchter, sich den bisweilen undurchschaubaren Anforderungen ihrer Mütter unterzuordnen und ständig ihre Antennen auszufahren, um zu schauen, was die Mutter gerade braucht. Dabei entfernen sich die Töchter immer stärker von sich selbst und laufen Gefahr, ein „falsches Selbst“ (Definition siehe Seite 16) zu entwickeln. „Eine Mutter wird ihre Tochter immer nur so weit eigenständig werden lassen, wie sie selbst fähig ist, sie loszulassen“, so die Psychotherapeutin Bärbel Wardetzki. Der Unwille, von der eigenen Tochter infrage gestellt oder verlassen zu werden, kann dann stärker sein als der Gedanke ans Beste fürs Kind. Ablösung ist also eine lebenslange Aufgabe – für beide Seiten.

Die meisten Mütter tun ihr Bestes. Dennoch entwächst kaum eine Tochter der Mutterbeziehung, ohne dabei die eine oder andere emotionale Wunde davonzutragen. Vermutlich ist das kaum zu vermeiden: Familien seien dann dysfunktional, wenn sie aus mehr als einer Person bestünden, so ein Bonmot der 2020 verstorbenen Psychotherapeutin und Autorin Susan Forward. Anders gesagt: Es liegt in der Natur von familiären Beziehungen, auch Schmerzen zu verursachen. Schon aufgrund der Tatsache, dass Kinder von ihren Bezugspersonen abhängig sind, entsteht viel seelisches Konf liktpotenzial. Eigene Werte zu entwickeln und autonom zu werden zählt zu den wichtigsten Entwicklungsaufgaben. Das geht nicht ohne Reibung.

Eine normal-komplizierte Beziehung

Mütter und Töchter teilen irgendwann nicht mehr dieselbe Welt: Andere Zeiten bringen andere Sitten. Inzwischen haben viele Studien belegen können, dass Eltern ihre Erziehungsziele unbewusst den Werten der Gesellschaft anpassen, um ihrem Nachwuchs bessere Startchancen zu bescheren. Nicht selten hat die Tochter dann vollkommen andere Vorstellungen vom Muttersein als die eigene Mutter: Vielleicht will sie Karriere machen und ihr Mann hütet das Kind, dann muss die Oma ihre Erfahrungen eher an den Schwiegersohn weitergeben. Oder die Tochter ist nachgiebig, wo die Mutter früher streng war, und entspannt, wo die Mutter ängstlich ist.

Wie also kann es Müttern und Töchtern gelingen, eine gesunde Distanz zu wahren und trotzdem in Liebe miteinander verbunden zu bleiben? Töchter machen sich das Leben leichter, wenn sie lernen, ihrer Mutter als erwachsene Frau zu begegnen, und sich von dem Anspruch verabschieden, von der Mutter jederzeit bedingungslos unterstützt und geliebt zu werden. „Konf likte gibt es zum Beispiel häufiger, wenn die Tochter ihr erstes Kind bekommt und möchte, dass die Mutter sich nun viel um das Baby kümmert“, erzählt die Familientherapeutin Sandra Konrad. „Aber die Mutter ist nun in Rente und will erst mal reisen. Mutter und Tochter haben also unterschiedliche Bedürfnisse, und jetzt kommt es darauf an, wie sie damit umgehen: Bleibt die Tochter in der abhängigen, enttäuschten Kindrolle oder kann sie ihre Mutter verstehen und ihr die Freiheit gönnen? Das wiederum hängt davon ab, wie gut die Tochter sich als Kind von der Mutter versorgt gefühlt hat.“

Es gehört zum Erwachsenwerden, die Realität zu akzeptieren, sich also einzugestehen, dass wir vielleicht gerne mehr Unterstützung oder Zuwendung bekommen hätten, sie aber nicht mehr erhalten werden. Diese Erkenntnis kann schmerzhaft sein, ist aber wichtig, um die Beziehung zur Mutter weniger abhängig gestalten zu können. Das bedeutet nicht, frühere Verletzungen zu vergessen oder zu entschuldigen – sondern nur, fortan über das eigene Leben selbst zu bestimmen. Gleiches gilt für das Recht auf Distanz und Abgrenzung. Als Erwachsene können wir bewusst selbst entscheiden, welche elterlichen Aufträge und Wünsche wir erfüllen möchten und welche nicht. Und alle müssen damit leben, dass Erwartungen eben nicht immer erfüllt werden.

Mütter hingegen stehen vor der Herausforderung, Frieden zu schließen mit der Tatsache, dass die Tochter nun ein eigenes Leben hat und die Zeit der Zweisamkeit vorbei ist.  Das sei, so der Psychoanalytiker Fritz Riemann, womöglich die größte Zumutung des Elternseins überhaupt: das mit so viel Verzicht und Liebe aufgezogene Kind irgendwann „wieder loslassen, es dem Leben, den Einf lüssen anderer überlassen zu müssen, an Bedeutung für das Kind zu verlieren und den Lohn darin zu sehen, dass es sich gut entwickelt und gedeiht, Dankbarkeit und Gegenliebe wohl erhoffend, aber nicht erwarten dürfend“.

Dazu gehört dann auch die Akzeptanz, dass es in Familien häufig nicht nur eine Perspektive, sondern mehrere gibt: Vielleicht fallen die Kindheitserinnerungen der Tochter ganz anders aus als die eigenen Erinnerungen an das gemeinsame Familienleben. Statt in Rechtfertigungen zu verfallen, wäre es hier besser, eigene Fehler offen zu ref lektieren oder zu erklären, dass man vielleicht nicht anders handeln konnte, weil man es nicht besser wusste. Und sollte Kritik tatsächlich angebracht sein: Lieber nicht auf Vorwürfe und moralische Belehrungen setzen, sondern die eigenen Gedanken und Gefühle äußern, Verallgemeinerungen vermeiden. Auch wenn das nicht immer gelingt, ähneln viele Mutter-Tochter-Beziehungen im Erwachsenenalter der von Katrin Jacob und ihrer Mutter: meist zugewandt, manchmal anstrengend, eben normal-kompliziert.

ZUM WEITERLESEN

Claudia Haarmann: Mütter sind auch Menschen. Mütter und Töchter begegnen sich neu. Orlanda, Berlin 2008

Sandra Konrad: Das bleibt in der Familie. Von Liebe, Loyalität und uralten Lasten. Piper, München 2014

Silia Wiebe: Unsere Mütter. Wie Töchter sie lieben und mit ihnen kämpfen. Klett-Cotta, Stuttgart 2019

Alle Quellen: psychologie-heute.de/literatur