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Frauenbilder


Der Spiegel Sonderheft - epaper ⋅ Ausgabe 1/2018 vom 10.10.2018

Der SPIEGEL hat zwölf der renommiertesten deutschen Fotografinnen gebeten, Frauen zu porträtieren, die sie beeindrucken. Und die Porträtierten geben ihre Antwort auf die Frage: »Wie modern ist dieses Land?«


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Bildquelle: Der Spiegel Sonderheft, Ausgabe 1/2018

»Das kommt auf die Perspektive an. Im internationalen Vergleich sind wir sicher modern. Aber Deutschland könnte moderner sein, wenn es sich an seine sozialstaatlichen Versprechen erinnern würde.«

Sandra Hüller, Schauspielerin (»Toni Erdmann«), fotografiert von Anne Morgenstern am 31. August 2018 in Leipzig

»Ein Land, in dem Kinder ein Armutsrisiko sind und viele Frauen in Niedriglohnjobs abgedrängt ...

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... werden, ist nicht modern.«

Sahra Wagenknecht, Fraktionsvorsitzende der Linkspartei, fotografiert von Amira Fritz am 25. September 2018 in Berlin

»Frauen sind in der Polizei nicht mehr wegzudenken, etwa als Ansprechpartnerinnen für geschädigte Frauen nach häuslicher Gewalt. Daher finde ich, dass das Land gerade im Bereich Behörden modern ist. Im Bereich der freien Wirtschaft sieht das jedoch meiner Meinung nach ganz anders aus.«

Janine Burmeister, Polizistin, fotografiert von Katharina Bosse am 24. August 2018 in Hamburg

»NEIN. Ein fettes NEIN. N to the O. NO! Dieses Land ist für Frauen nicht modern. Keine Frau darf weniger verdienen als ihr männlicher Kollege bei gleicher Arbeit und Ausbildung! Wir wollen die Hälfte aller Macht, die Hälfte von allem Geld und nicht ungefragt angefasst werden!«

Charlotte Roche, Autorin und Moderatorin, fotografiert von Eva Baales am 14. September 2018 in Köln

»In der Musikindustrie arbeiten so tolle Frauen, in den Führungsetagen aber leider nicht. Es zu erzwingen klingt für mich aber auch nicht richtig. Ich kenne den richtigen Weg leider nicht, was ich aber hundertprozentig sagen kann: The future is female!«

Ace Tee, Musikerin (»Bist du down«), fotografiert von Monika Höfler am 13. September 2018 in Hamburg

»Ich hatte in meinem Leben andere Themen als die Frauen - frage. Und zu Deutschland habe ich nach Auschwitz auch Abstand gehalten. Eine Entwicklung aber sehe ich, und als Musikerin freut sie mich: Den Platz am ersten Pult in den großen deutschen Orchestern hatten doch auch Jahrzehnte nach dem Krieg nie die Frauen. Heute ist das eine Selbst - verständlichkeit geworden.«

Anita Lasker-Wallfisch, Cellistin und Holocaust-Überlebende, fotografiert von Frederike Helwig am 25. September 2018 in Hamburg

»Viele kämpferische Frauen haben unser Land schon weit vorangebracht. Wir wissen aber auch: Die Arbeit für gleiche Rechte und Chancen ist noch lange nicht getan.«

Angela Merkel, Bundeskanzlerin, fotografiert von Herlinde Koelbl am 12. April 2018 in Berlin

»Deutschland dürfte moderner sein, was die Gleichwertigkeit eines jeden Menschen angeht. Bei diesem Thema kann man gar nicht modern genug sein.«

Liv Lisa Fries, Schauspielerin (»Babylon Berlin«), fotografiert von Ellen von Unwerth am 26. September 2018 in Paris

»In welcher Moderne leben wir denn gerade eigentlich? Wenn hinter der Frage steht, wie frei wir sind, wie tolerant, wie gerecht, dann würde ich sagen: auf einer Skala von 1 bis 10 ungefähr 5,5. Da geht noch was.«

Marie Steinmann, Künstlerin und Gründerin der Hilfsorganisation »One Fine Day«, fotografiert von Jelka von Langen am 3. September 2018 in Berlin

»Frauen und Männer sind gleichberechtigt, das ist für mich eine Selbstverständlichkeit. Warum gibt es nicht mit gleicher Selbstverständlichkeit den gleichen Lohn?«

Erika Wylezich, pensionierte Lehrerin und Pflegerin ihrer Mutter, fotografiert von Ute Mahler am 23. August 2018 am Lehnitzsee, Brandenburg

»Ich wünschte, eine Frauenquote wäre nicht notwendig. Ich halte wenig von Zwang. Ich will einen Job aufgrund meiner Leistungen, nicht meines Geschlechts. Manchmal braucht gesellschaftlicher Wandel aber einen Schubs.«

Katharina Ebel, Leiterin des Syrien-Programms der SOS-Kinderdörfer, fotografiert von Sigrid Reinichs am 26. August 2018 in den Isarauen bei Schäftlarn, Bayern

»Nichts ist selbstverständlich, und auch die Gleichberechtigung ist wieder in Gefahr, deswegen heißt es, weiter dafür eintreten und Mädchen Mut zu machen, sich an die Spitze zu trauen.«

Malu Dreyer, Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz, SPD, fotografiert von Paula Winkler am 19. September 2018 in Mainz

12 FOTOGRAFINNEN–12 PORTRÄTS

Anne Morgenstern , geboren in Leipzig, studierte Fotografie in München und Zürich, wo sie heute lebt und arbeitet. – Über die von ihr porträtierte SchauspielerinSandra Hüller , 40, sagt die Fotografin: »Sandra Hüller schafft es, ihre Figuren auf eine sinnliche, kraftvolle und unaufgeregte Art von Klischees zu befreien. Das berührt mich sehr. Es ist elementar, dass das Körperliche und das Intuitive und das Weibliche mehr Raum in der öffentlichen Wahrnehmung einnehmen. So werden Rollen endlich neu erzählt.«

Amira Fritz , 39, lebt nach vielen Jahren in Paris und London mit Freund und Sohn und Hund wieder in Berlin. – Sie hat sich entschieden, die PolitikerinSahra Wagenknecht , 49, zu porträtieren, »weil Klugheit, Kompetenz und Macht, Eleganz, Femininität und Schönheit sich nicht ausschließen. Leider wird das in Deutschland (im Gegenteil zu Frankreich) viel zu oft angenommen und deshalb von vielen Frauen unterdrückt – was für eine Verschwendung«.

Katharina Bosse , 50, ist Professorin am Fachbereich Gestaltung der FH Bielefeld, in der Stadt, in der sie mit ihren beiden Kindern lebt. Ihre Arbeiten sind unter anderem in der Sammlung des Mo MA in New York und in der Maison Européenne de la Photographie in Paris vertreten. – Die PolizistinJanine Burmeister , 27, ist für sie eine bemerkenswerte Frau, »weil sie sich für Recht und Gesetz des demokratischen Staates einsetzt. Auf der Straße und bei Veranstaltungen wird von ihr Präsenz gefordert, große innere Stärke, Objektivität, Kommunikationsfähigkeit und Verlässlichkeit«.

Eva Baales , 36, lebt mit ihrer Familie in Köln und arbeitet für Magazine wie »Achtung«, »L’Officiel«, »Zoo« und das »Zeit Magazin«. – Über die AutorinCharlotte Roche , 40, sagt sie: »Das ist die Frau, die sich bis zum Schluss nie irrt, die stratosphären hohe Mauern erklimmt, bei Sonnenuntergang zu Schwänen spricht und vorwärts, zum Licht, strebt – ein einziges Sonett an die Freiheit.«

Monika Höfler , gebürtige Münchnerin, lernte durch ihre zahlreichen Reportagen viel über das Leid und das Glück der unterschiedlichsten Menschen. Sie lebt für diese Begegnungen, jede bleibt für sie einzigartig. – Über die SängerinAce Tee , 25, sagt die Fotografin: »Schön, dass es Frauen wie Ace Tee gibt, die mit ihrem Soul, Style und Spirit so großartig unser Land bereichern. Die einfach funky und easy bleiben in unserer so komplexen Welt.«

Frederike Helwig , 50, lebt seit Anfang der Neunzigerjahre in London. Sie begann als Porträtfotografin für Zeitschriften wie »i-D« und »The Face« und arbeitet an Buchprojekten im Bereich der sozialen Dokumentarfotografie. – Über die ZeitzeuginAnita Lasker-Wallfisch , 93, sagt die Fotografin: »Sie wurde mit 18 Jahren deportiert und hat den Holocaust nur überlebt, weil sie unter der Leitung von Alma Rosé im Mädchenorchester von Auschwitz spielte. Anita Lasker-Wallfisch ist eine der letzten deutschen Zeugen des Geschehens, bei dem viele unserer Groß- oder Urgroßeltern die Täter waren. In der momentanen politischen Lage in Deutschland ist es wichtig, Menschen wie ihr ganz genau zuzuhören.«

Herlinde Koelbl , 78, ist Künstlerin, Fotografin und Autorin, die ihre Unabhängigkeit schätzt und einen ganz speziellen Blick auf Menschen und Milieus hat. – An BundeskanzlerinAngela Merkel , 64, schätzt sie, »dass sie sich in all den Jahren ihr analytisches Denken in Krisensituationen bewahrt hat, uneitel den Versuchungen der Macht widerstand, souverän männlicher Machtprahlerei gegenübersteht und Deutschland im Ausland durch ihre Politik großes Ansehen bereitet hat«.

Ellen von Unwerth , 64, war zunächst als Model erfolgreich, bevor sie Mitte der Achtzigerjahre hinter die Kamera wechselte. Sie hat für alle großen Modemagazine gearbeitet und gilt als Entdeckerin des Models Claudia Schiffer. Unwerth lebt in Paris. – Warum sieLiv Lisa Fries , 27, ausgewählt hat: »Diese Schauspielerin verkörpert für mich die moderne Frau, offen, unverblümt, frech und charmant. Durch die Serie ›Babylon Berlin‹ ist sie mir ans Herz gewachsen, und als ich sie zu meinem großen Vergnügen für den SPIEGEL fotografieren konnte, hatten wir eine enge Verbindung, als würden wir uns schon ewig kennen.«

Jelka von Langen , 40, geboren und aufgewachsen an der deutschen Nordseeküste, lebt seit 16 Jahren mit ihrem Freund und ihrem Sohn in Berlin. – Warum sie von der KünstlerinMarie Steinmann , 43, fasziniert ist: »Ich halte sie für einen Freigeist mit Courage und Humor. Marie Steinmann hat eine berührende Videoinstallation mit Kindern in Kibera, einem Slum in Nairobi, gedreht und arbeitet an neuer Videokunst.«

Ute Mahler , 68, lebt in Oranienburg. In der DDR war sie freiberuflich als Fotografin tätig, unter anderem für die »Sibylle«. 1990 war sie Gründungsmitglied der Agentur Ostkreuz. Neben ihrer Arbeit für große Magazine verwirklicht Ute Mahler freie künstlerische Projekte. – Warum hat sie ihre VerwandteErika Wylezich , 75, vor die Kamera geholt? »Die Arbeit von Menschen, die aus Liebe und Verantwortung heraus Angehörige pflegen, wird in unserer Gesellschaft weder ideell noch finanziell entsprechend gewürdigt. Erika hat ihre Mutter zu sich geholt und elf Jahre lang gepflegt, als diese Hilfe brauchte. Damals war sie 64, ein Alter, in dem andere nach einem Leben voller Arbeit noch Träume verwirklichen.«

Sigrid Reinichs lebt in München. Die Fotografin erstellt überwiegend Porträts und Reportagen. – WarumKatharina Ebel , 39, ihr Modell ist: »Katharina Ebel arbeitet als Nothilfe-Koordinatorin bei den SOS-Kinderdörfern. Ich habe großen Respekt vor Katharinas Einsatz, ihrem Mut, sich in Kriegsund Krisengebiete zu begeben, um Menschen in Not zu unterstützen, zum Beispiel im Irak. Es ist ihr ein besonderes Anliegen, Brückenbauer zwischen den Welten zu sein.«

Paula Winkler , 38, lebt mit ihrer Pudeldame Susi in Berlin-Kreuzberg und fotografiert am liebsten die unterschied - lichsten Menschen. – Sie wollte die PolitikerinMalu Dreyer , 57, porträtieren, weil »sie für ihre Werte brennt. Man merkt ihr an, dass sie ihren Job liebt. Das hat eine enorme Anziehungskraft«.


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