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Frei, arm und wütend


Der Spiegel - epaper ⋅ Ausgabe 19/2019 vom 03.05.2019

Südafrika 25 Jahre nach dem Ende der Apartheid zieht die Generation, die in den Wendejahren geboren wurde, eine pessimistische Bilanz. Sie ist enttäuscht von der Politik und glaubt nicht an Utopien. Dennoch gibt es Hoffnung.Von Bartholomäus Grill und Ilvy Njiokiktjien (Fotos)

Der Aufsteiger

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Bildquelle: Der Spiegel, Ausgabe 19/2019

Jason Noah ist als Devisenhändler reich geworden, macht sich aber Sorgen um sein Land.

Lwando Nkamisa war gerade ge - boren, als das Apartheidregime in Südafrika zusammenbrach und sich der neue Präsident Nelson Mandela daranmachte, eine neue Nation zu erschaffen: eine »Regenbogennation«, in der Schwarze und Weiße ...

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... friedlich und gleichberechtigt zusammenleben sollten.

Ein Vierteljahrhundert später wird das Land noch immer von Mandelas Partei regiert, dem African National Congress (ANC). Doch auf Nkamisa, einen schwarzen Studenten der Agrarwissenschaften an der Universität Stellenbosch, wirkt das neue Südafrika, das Mandela versprach, längst wie das alte, das seiner Eltern und Großeltern. »Wir sind jetzt wieder da, wo wir am Anfang waren«, sagt er.

Nkamisa, 26 Jahre alt, zeichnet eine Kurve auf ein Blatt Papier. Er will zeigen, welche Entwicklung Südafrika seiner Meinung nach genommen hat: In den Jahren nach dem Ende der Apartheid 1994 steigt die Kurve stetig an, dem Land ging es besser. Nach der Machtübernahme durch Jacob Zuma 2009 stürzt sie, auch im Zuge der Finanzkrise, in die Tiefe.

Tatsächlich verwandelte sich Südafrika unter dem damaligen Präsidenten Zuma in eine Kleptokratie. Allein in seiner zweiten Amtszeit wurden laut Schätzungen fast hundert Milliarden Euro veruntreut, vernichtet oder gestohlen, beinahe ein Drittel des jetzigen Bruttoinlandsprodukts. »Wir sind neben Venezuela wohl der einzige Staat der Welt, der einen derartigen Niedergang erlebt, obwohl wir uns nicht im Kriegszustand befinden«, sagt Nkamisa.

Wie Nkamisa denken viele der »Born- Frees«, der jungen Südafrikaner, die in den Jahren der Wende geboren wurden. Sie fühlen sich betrogen von einer Regierung, die viel versprochen und wenig gehalten hat. Nkamisa hat daraus den Schluss gezogen, in die Politik zu gehen, doch viele seiner Altersgenossen wenden sich von ihr eher ab: Sie sind an Politik so wenig interessiert, dass sie von ihrem Wahlrecht gar keinen Gebrauch machen.

Die meisten »Born-Frees« sind desillusioniert. Sie glauben, anders als ihre Eltern, nicht mehr an Utopien. Sie wären schon froh, wenn der Alltag weniger mühsam wäre, sie leichter einen Job fänden oder die Mieten nicht ständig stiegen. Manche Ältere bezeichnen die Jungen als egoistisch und hedonistisch, wahrscheinlich aber sind sie vor allem realistisch und pragmatisch.

Wenn Südafrika am 8. Mai ein neues Parlament wählt, dann blicken die »Born- Frees« diesem Ereignis mit gemischten Gefühlen entgegen. Einerseits hat Jacob Zuma seinen Posten inzwischen geräumt, sein Nachfolger Cyril Ramaphosa hat einen »new dawn« angekündigt, einen Neuanfang. Der ehemalige Gewerkschaftsführer, der als Unternehmer zum Millionär aufstieg, gilt als integer. Als er im Februar 2018 das Präsidentenamt übernahm, brach im Land eine regelrechte »Ramaphoria« aus – die Hoffnung, dass er das Land und die Partei wieder auf den richtigen Pfad führen würde. Trotzdem sind viele Südafrikaner skeptisch, ob es ihm gelingt.

Der Zurückgelassene
William Zondo lebt fürs Surfen. Er hat weder Job noch Ausbildung.


Lwando Nkamisa, der Student und Aktivist, glaubt, der Misere Südafrikas liege ein Geburtsfehler zugrunde. »Nelson Mandela hatte eine Vision, aber er hat es nicht geschafft, das Land mitzunehmen.« Mittlerweile ist die Verehrung des Nationalhelden bei den jüngeren Schwarzen deutlich abgeklungen, er habe viel zu viele Zugeständnisse an das weiße Establishment gemacht, heißt es. Der ANC, die Partei der Befreier, wird oft als »Mafiabande« bezeichnet, die ihre Ideale verraten habe und das Land hemmungslos ausraube. »Unsere Machtelite hält Südafrika für ein exzeptionelles Land«, sagt Nkamisa. »Sie hat nichts aus den Fehlern gelernt, die andere Staaten in der postkolonialen Ära gemacht haben.«

Nkamisa war über die Misswirtschaft der ANC-Regierung unter Zuma so wütend, dass er der Democratic Alliance (DA) beitrat, die aus der ehemaligen Apartheidpartei hervorgegangen und inzwischen stärkste Oppositionskraft ist. Zwar wird die DA seit Mai 2015 erstmals von einem Schwarzen angeführt, von Mmusi Maimane, doch gewählt wird sie vor allem von Weißen und Farbigen – und hinter den Kulissen haben nach wie vor alte weiße Männer das Sagen.

Für sein Engagement, erzählt Nkamisa, werde er von schwarzen Kommilitonen gelegentlich als Verräter beschimpft oder als Kokosnuss: außen braun, innen weiß. Aber das ficht ihn nicht an. Er hofft, dass die DA dem ANC möglichst viele Stimmen abjagt, um nach 25 Jahren die Vormacht der Regierungspartei zu brechen.

Die Prognosen sehen den ANC deutlich vorn. Die Partei genießt unter der mehrheitlich schwarzen Bevölkerung noch immer einen Befreiungsbonus aus der Wendezeit. Millionen Südafrikaner haben nicht vergessen, wer an der Spitze des Widerstands stand. Und sie werden sich per Stimmzettel auch dafür bedanken, dass es Mandelas Partei immerhin gelungen ist, einen rudimentären Sozialstaat aufzubauen: Mehr als 17 Millionen Bedürftige erhalten staatliche Transferleistungen. Es ist oft das einzige Einkommen, das sie haben. Die Frage ist, ob Ramaphosas Ergebnis stark genug sein wird, um daraus ein Mandat für grundlegende Reformen abzuleiten.

Wenn William Zondo auf den Wellen reitet, vergisst er das Elend , in dem er lebt. »Nur im Meer fühle ich mich wirklich frei«, sagt er und springt mit seinem Surfbrett von der Pier ins Wasser. Jeden Morgen kommt er hierher an den Strand von Durban zum Surfen, er hat sonst nichts zu tun, er hat keinen Job und kein Zuhause. Er hat auch keine Papiere und weiß nicht mal sein genaues Alter, 20 oder 22, schätzt er.

Zondo, ein hochgewachsener Mann mit muskulösen Oberarmen, repräsentiert einen Teil der südafrikanischen Bevölkerung, der stetig wächst: Menschen, die ausgeschlossen sind, durch ihre Herkunft, ihre Hautfarbe, die von der Gesellschaft aufgegeben wurden – lange bevor sie sich selbst aufgegeben haben.

Gerade in den Biografien junger Schwarzer wirken die alten Verhältnisse fort. Sie haben schlechte Bildungs- und Aufstiegschancen in einer Gesellschaft, die zu den ungleichsten der Welt zählt. Die Armut ist nach wie vor schwarz, der Wohlstand überwiegend weiß. Das ist, bei aller berechtigten Kritik an der miserablen Regierungsführung, auch eine Erblast der Apartheid.

An diesem stürmischen Morgen muss Zondo das Wellenreiten vorzeitig abbrechen, die See ist zu aufgewühlt. Er geht zurück zur Victoria Lodge, einem Obdach- losenheim in dem Armenviertel, das direkt hinter der glitzernden Uferpromenade liegt. In den verwahrlosten Straßenzügen hängen junge Arbeitslose, Prostituierte, Drogensüchtige herum. Ein Wahlkampfplakat wirbt für die Regierungspartei ANC: »Die Macht ist in euren Händen.«

Der Rebell
Lwando Nkamisa (M.) ist aus Frust über korrupte Politiker selbst in die Politik gegangen.


Die Wütende
Cindy Mfabe ist als Modeschöpferin erfolgreich, doch ihr Wohnort ist ein Slum.


Zondo schaut amüsiert darauf. Er darf ohnehin nicht wählen, weil er keinen Personalausweis hat und sich nicht registrieren konnte. »Aber wen soll man überhaupt wählen? Die Politiker stehlen doch nur.« Er redet, als hätte es den Aufbruch ins neue Südafrika nie gegeben. Als wäre seine Zukunft schon zu Ende gewesen, ehe sie begonnen hat. William Zondo hat nie eine Schule besucht, er ist einer von Millionen jungen schwarzen Südafrikanern, die nichts gelernt und keine Perspektive haben. Viele kommen sich so überflüssig vor wie die Jungs in seiner Straße: »Like trash«, sagt er. Wie Müll, Menschenmüll.

Eigentlich hat Südafrika mit seinen 58 Millionen Einwohnern alles, was man für eine erfolgreiche Entwicklung braucht: Bodenschätze, landwirtschaftliches Potenzial, Infrastruktur, eine einigermaßen stabile Demokratie mit einer fortschrittlichen Verfassung. Die Justiz ist unabhängig, die Presse frei.

Und doch werden die Probleme von Jahr zu Jahr größer: Die Jugendarbeits - losigkeit liegt geschätzt bei 55 Prozent – das ist Weltrekord. Hinzu kommen Massenarmut, Bildungsnotstand, Energieversorgungskrise, Kriminalität, endemische Korruption, wachsender Rassismus.

Südafrika ist auch ein Zwitterwesen: einerseits ein moderner Industriestaat, in dem die Digitalisierung weiter fortgeschritten ist als in mancher EU-Region, andererseits ein rückständiges Entwicklungsland, in dem jeder zweite Bewohner nicht genug für ein menschenwürdiges Leben hat.

Zondo lief nach dem Tod seiner Mutter mit sieben Jahren von zu Hause weg und lebt seither auf der Straße. Jahrelang schnüffelte er Klebstoff, das billigste Rauschmittel. Wenn er nichts zu essen hat, raubt er Leute aus, »die mit den dicken Smartphones«. Er besitzt eine Pis - tole, Kaliber 9 Millimeter. Auf seinem Rücken sieht man die Narben von Messerkämpfen.

Ein Leben ist nicht viel wert in Südafrika, im vergangenen Berichtsjahr wurden 20 336 Menschen ermordet, das ist gemessen an der Bevölkerungszahl weltweit ein Spitzenwert. Die Gewaltexzesse seien eine Folge der sozialen Verwerfungen, sie zeigten die Gebrochenheit der südafrikanischen Gesellschaft, schreiben die Sozialwissenschaftler Kgabo Morifi und Pheto Matshwi. Ihr Urteil fällt vernichtend aus: »Wir sind in die Barbarei abgesunken.«

An guten Tagen sitzt William in der Strandbar »California Dreaming« und träumt seinen einzigen Traum: Er will ein berühmter Surfer werden. Das Zeug dazu hätte er, aber vermutlich ist er schon zu alt. »Ich kann nicht mal meinen Namen schreiben«, sagt er und klemmt sich das Surfbrett unter den Arm. Die Sonne steht hoch am Himmel, das Meer hat sich wieder beruhigt.

John Turner wohnt knapp hundert Kilometer von Durban entfernt , und es ist, als würde er auf einem anderen Planeten leben: in Hilton, einer Kleinstadt mit 9000 Einwohnern, zwei Drittel davon weiß. Villen im Tudorstil, gepflegte Rasenflächen, blühende Hortensien, alles very British. Ein perfektes Umfeld für das Hilton College, eine der besten und teuersten Privatschulen Südafrikas. Jahresgebühr: 300000 Rand, knapp 20000 Euro.

Kein Problem für den 18-jährigen John, der aus einer begüterten Anwaltsfamilie kommt. Er macht in diesem Jahr sein Abitur, deshalb trägt er zur Schuluniform keine gestreifte Krawatte mehr, sondern eine mit weißen Lilien. John ist ein höflicher junger Gentleman, der mitunter so altklug redet wie der FDP-Chef Chris tian Lindner in seinen Gymnasialtagen. »Südafrika hat ein gewaltiges Potenzial, es gibt kein anderes Land, in dem man so gut lebt«, sagt er.

Das stimmt, wenn man weiß und wohlhabend ist, möchte man hinzufügen.

John steht für eine aus Europa stammende Oberschicht, die nach dem Umbruch ungeschoren davongekommen ist. Niemand hat ihr das Vermögen, die Villen, die Ländereien weggenommen. Aber viele haben Angst, dass sich das ändern könnte, wenn es mit Südafrika weiter bergab geht.

John ist sich der Ungleichheit durchaus bewusst: »Wer so privilegiert ist wie ich, muss den Benachteiligten in unserem Land helfen.« Er engagiert sich manchmal in einem Waisenhaus.

Am Hilton College wächst die künftige Elite heran, 40 Prozent der Schüler sind schwarz, gemischt oder indischstämmig, ein Gutteil erhält Stipendien von Privatunternehmen. »Hier findet Transforma - tion statt, wir werden allmählich farbenblind «, sagt John. Er freut sich deshalb darauf, kommende Woche zum ersten Mal wählen zu dürfen. »Es läuft vieles falsch in Südafrika, aber meine Generation kann das ändern. Und mit Präsident Ramaphosa ist die Zuversicht zurückgekehrt.«

Der Privilegierte
John Turner (M.) besucht eine Eliteschule und sieht im Land gewaltiges Potenzial.


Das sieht Jason Noah ganz anders , obwohl auch er zu den Wohlhabenden gehört. »Jammer!«, ruft er in Afrikaans, der Sprache der einstigen weißen Machthaber, das heißt etwa: Schlechter geht’s nicht. Noah, 21 Jahre alt, sitzt in einem kahlen Büro in Pretoria und analysiert Diagramme auf einem Flachbildschirm. Er trägt Diamanten im Ohr, Goldkette, Golduhr, Loafer von Louis Vuitton, auf dem Beistelltischchen steht eine Flasche Cham - pagner. Er sagt: »Alle Politiker sind beschissen. Wir haben keine einzige Partei, die etwas von Wirtschaft versteht und dieses Land erfolgreich führen könnte.« Noah ist nach der alten Rassenlehre, die im Land immer noch fortlebt, ein sogenannter Coloured, ein Farbiger. Er zählt zu den jungen Neureichen am Kap. Als Devisenhändler hat er seine erste Million in drei Monaten gemacht, demnächst will er sich einen Lamborghini zulegen, für umgerechnet 200000 Euro. Und trotzdem ist er mit der Entwicklung, die Südafrika seit der Wende genommen hat, unzufrieden.

»Ich hatte verdammt viel Glück«, sagt er und lässt seine Fingerknöchel knacken. »Die meisten nicht weißen Südafrikaner haben bis heute wenig Aufstiegschancen. Die politische Apartheid wurde zwar abgeschafft, aber die ökonomische ist noch da.« Wenn sich nicht bald etwas grundlegend ändere, sehe er schwarz für sein Land. »Die Jungen sind zornig, es wird zu Aufständen kommen. Meine größte Angst ist, dass wir enden wie Simbabwe«, sagt Noah.

Das Nachbarland wurde von Robert Mugabe ruiniert. Dennoch verehren der südafrikanische Oppositionspolitiker Julius Malema und seine Economic Freedom Fighters (EFF) den gestürzten Diktator – sie wurden bei der letzten Wahl drittstärkste Kraft, und von Versöhnung halten sie wenig. Sie machen das »weiße Monopolkapital « für die Missstände in Südafrika verantwortlich und ködern mit ihren Phrasen immer mehr frustrierte junge Schwarze. Die »ökonomischen Freiheitskämpfer « werden bei den Wahlen kräftig zulegen, jüngste Umfragen prophezeien ihnen neun Prozent und mehr.

Jason Noah wird die Wahl boykottieren. Er ist einer jener »Born-Frees«, die das Vertrauen in die politische Klasse verloren haben, die sich in Hedonismus geflüchtet haben, in Konsum, und die ihrem privaten Glück hinterherjagen, ohne sich groß um die Gesellschaft zu scheren.

Manche malen sogar ein Schreckgespenst an die Wand: Sie halten Südafrika für einen »failed state«, einen gescheiterten Staat. Das ist sicherlich übertrieben, aber in den Slums der Großstädte und in zahllosen Townships sind die staatlichen Strukturen kollabiert, Verwaltung, Schulwesen, Gesundheitssystem, Wasserversorgung, Kanalisation, Müllabfuhr, nichts funktioniert mehr.

Nach Angaben des obersten Rechnungsprüfers sind 224 von landesweit 257 Gemeinden abgewirtschaftet. An solchen Orten herrschen oft Chaos und Anarchie. Und das Recht des Stärkeren im Verteilungskampf um knappe Ressourcen.

Cindy Mfabe, einer jungen Frau mit Rasta zöpfen und einem breiten Lächeln , geht es persönlich eigentlich ganz gut. Sie arbeitet als Modeschöpferin für den südafrikanischen Stardesigner David Tlale und hat im vergangenen Jahr einen Talentwettbewerb gewonnen.

Doch das Alexandra Community Health Centre, in dem sie vor 27 Jahren geboren wurde, sieht heute noch verwahrloster aus als damals, einige Gebäude des Krankenhauses drohen einzustürzen. In den Augen der jungen Frau sind sie Symbole des Scheiterns. Ihr Wohnort Alexandra, eine der ältesten Townships im Norden der Wirtschaftsmetropole Johannesburg, ist ein Slum geblieben: übervölkert, vermüllt, gewaltgeplagt. Das neue Südafrika sei nie in Alex angekommen, sagt Mfabe. »Ich sehe nichts, was die ANC-Regierung für uns getan hätte.«

Sie wohnt bei ihrem Vater in einem hübschen Haus im besseren Teil von Alexandra, wo die neue schwarze Mittelschicht lebt, Lehrer, Polizisten, Beamte. Nebenan wurde ein modernes Einkaufsund Vergnügungszentrum gebaut, die Alex Mall. »Man hat die Armut ein bisschen aufgehübscht, aber ihre Ursachen werden nicht bekämpft«, sagt Cindy Mfabe.

Wenn sie aus dem Fenster schaut, sieht sie die alte Geografie der Apartheid: im Vordergrund ein Meer von Blechhütten, dahinter die Hochhäuser von Sandton City, der reichsten Quadratmeile nicht nur Südafrikas, sondern des gesamten Kontinents. Acht Ampeln oder 30 Gehminuten trennen die wohlhabende weiße Welt von den Elendsquartieren der Schwarzen. Viele Bewohner von Alex haben in Sandton Jobs als Kindermädchen, Hilfsarbeiter oder Gärtner, Mfabe nennt sie Sklaven. »Auf dem Weg dorthin werden wir jeden Tag daran erinnert, dass wir schwarz sind. Schwarz und minderwertig. «

Die Optimistischen
Zakithi Buthelezi und Wilmarie Detleefs werden als Liebespaar angefeindet, weil sie nicht die gleiche Hautfarbe haben.


Ihre Worte zeigen, wie tief der Frust in ihrer Generation sitzt, selbst bei jenen Schwarzen, die beruflich erfolgreich sind.

Im Frühjahr war das Viertel zwischenzeitlich komplett abgeriegelt, auf allen Zufahrtsstraßen brannten Barrikaden. Ein Massenprotest gegen die korrupte Ver - waltung, gegen inkompetente und gleichgültige Staatsdiener, die nichts tun, außer sich selbst an den öffentlichen Haushalten zu bereichern. In den vergangenen zehn Jahren loderten in den vernach - lässigten Townships des Landes 1600 »service delivery protests« auf, und ge - rade jetzt, unmittelbar vor den Wahlen, ist die Lage vielerorts explosiv. »Südafrika brennt«, titelte eine Wochenzeitung. Wenn sich die sporadischen Volksrebellionen ausweiten sollten, drohen Teile des Landes unregierbar zu werden.

Dass Wahlkampfzeit ist, merke man schon allein daran, dass viele Politiker, die man sonst nie sehe, in ihren schwarzen Limousinen aufkreuzten, sagt Mfabe. Es sind Minister, Parteibonzen, Bürgermeister oder Gemeinderäte, die das Blaue vom Himmel versprechen, aber nur ihre Posten und Pfründen sichern wollen. Ein politisches Amt ist der schnellste Weg zum Reichtum – und zum moralischen Verfall.

Seit Monaten untersuchen Sonderkommissionen die Plünderungen zu Zeiten des Kleptokraten Jacob Zuma. Was sie zutage fördern, übersteigt die Vorstellungskraft. Der Familienclan und die Günstlinge des damaligen Präsidenten erhielten milliardenschwere Staatsaufträge, fiktive oder echte, die oft nicht ausgeführt wurden. Sie kaperten staatliche Unternehmen und schlachteten sie regelrecht aus. Und oft waren auch ausländische Profiteure verwickelt, die kriminellen Gupta-Brüder aus Indien zum Beispiel oder Firmen wie McKinsey.

Umfragen belegen, dass die Mehrheit der Bevölkerung desillusioniert und bitter enttäuscht ist. 73 Prozent halten die Arbeitslosigkeit für das dringlichste Problem, doch keine Partei bietet Lösungen an. Ein Kommentator verglich die Stimmung im Lande mit der Niedergeschlagenheit während der »Great Depression«, der Wirtschaftskrise, die die Vereinigten Staaten in den Dreißigerjahren heimsuchte.

Cyril Ramaphosa, der Spitzenkandidat des ANC, hat als Vizepräsident dem Treiben der Zuma-Mafia lange Zeit tatenlos zugesehen. Nun muss er den Scherbenhaufen aufräumen, den ihm sein Vorgänger hinterlassen hat. Er muss die kriminellen Kader aus dem ANC entfernen, ihre Netzwerke zerschlagen und die Partei wieder regierungsfähig machen.

Der ANC ist tief gespalten. Die korrupten Funktionäre dürften sich mit allen Mitteln gegen ihre Entmachtung wehren. Sie haben viel zu verlieren, einige könnten sogar im Gefängnis landen, wenn Cyril Ramaphosa durchgreifen sollte. Jacob Zuma selbst droht eine Anklage in mehr als 700 Fällen. Als der südafrika - nische Journalist Pieter-Louis Myburgh kürzlich sein Buch »Gangster State« über die Machenschaften des ANC-General - sekretärs Ace Magashule vorstellte, stürm - ten angeheuerte Krawallmacher die Lesung. Eine Sektion der ANC-Jugendliga kündigte an, weitere Ausgaben zu verbrennen.

Wilmarie Detleefs glaubt noch an den Traum von der Regenbogennation – und sie will ihn gemeinsam mit ihrem schwarzen Freund leben. »Beim ersten Kuss hatte ich noch ein schlechtes Gewissen«, bekennt sie. Sie ist 24. Ihr Freund, Zakithi Buthelezi, ist drei Jahre älter. Die beiden sehen aus, als wären sie für eine Netflix- Serie über hippe Großstadtpaare gecastet worden. Er trägt Jeans und Lederjacke, sie schulterlange, blonde Haare und grellen Lippenstift.

Detleefs’ Eltern wissen noch nicht, dass sie mit einem Schwarzen ausgeht, und wenn es sich in ihrem Heimatort Parys herumspräche, könnte sie sich dort nicht mehr blicken lassen. »Daheim, das ist Redneck-Country«, sagt sie, »erz - konservatives und tiefreligiöses Burenland. « Die Buren sind die Nachfahren der ersten holländischen Siedler am Kap. Sie haben 1948 das Apartheidsystem eingeführt, viele halten Liebesbeziehungen mit Afrikanern bis heute für eine »Rassenschande «.

Detleefs sagt: »Dein gesellschaftlicher Wert sinkt, wenn du mit einem schwarzen Boy zusammen bist.« Aber ihr sei das egal. Sie ist nun mal verliebt in Zakithi. Die beiden sitzen auf der Couch in ihrer Kapstädter Wohnung, halten sich an den Händen. Zakithi Buthelezi erzählt, dass er in seinem Umfeld ähnliche Akzep - tanzprobleme hat. »Stehst du auf Vanille? Warum suchst du dir nicht eine Frau in deiner Hautfarbe?«, fragen seine schwarzen Freunde.

In der Ära der Apartheid standen gemischte Beziehungen unter Strafe, der liebe Gott habe ja auch nicht gewollt, dass sich Kühe und Schafe kreuzen, hieß es. »Vor allem die alte Generation ist noch ziemlich rassistisch drauf – auf beiden Seiten«, sagt Buthelezi. Wenn er mit Wilmarie ausgeht, bekommen sie manchmal den Argwohn zu spüren. Sie werden schräg angesehen, von Schwarzen wie von Weißen.

Dabei könnten die beiden als Vorbildpaar für das neue, bunte Südafrika gelten: zwei junge, selbstbewusste, fortschrittlich denkende Menschen, die ihre Vorurteile abgelegt haben. Sie verdienen gut, er als Medienanalyst, sie als De signerin, und sie blicken optimistisch in die Zukunft. »Gebt uns mehr Zeit«, sagt Detleefs, »unsere Demokratie ist doch erst im Babyalter«, und Buthelezi fügt hinzu: »Man kann die Ungleichheit und Rassentrennung, die dreieinhalb Jahr hunderte da war, nicht in 25 Jahren überwinden.«

Die südafrikanische Gesellschaft zumindest kann das nicht. Doch zwei Menschen, die einander lieben – das zeigen Wilmarie Detleefs und Zakithi Buthelezi –, die können es zumindest versuchen.