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FreiGEIST


The Red Bulletin-Deutschland Ausgabe - epaper ⋅ Ausgabe 11/2018 vom 09.10.2018

Sie ist der Albtraum jedes Musikmanagers. Sie ist das Idol von Katy Perry. Und sie ist nach acht Jahren Sabbatical zurück auf der Bühne: Popstar ROBYN über die Lust am Unabhängigsein und Entschleunigung als Lebenselixier.


Artikelbild für den Artikel "FreiGEIST" aus der Ausgabe 11/2018 von The Red Bulletin-Deutschland Ausgabe. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: The Red Bulletin-Deutschland Ausgabe, Ausgabe 11/2018

Robyn, künstlerische Alleingängerin: „Es war mir wichtig, in einen Zustand zu kommen, in dem ich die Dinge ganz instinktiv passieren lassen kann.“


„Die Angst vor der Stagnation war größer als die Angst vorm Scheitern.“


Robyn als 80er-Madonna, für das Cover ihres neuen Albums inszeniert von der Fotografin Heji Shin in Zusammenarbeit mit Red Bull Music


Vor 25 Jahren begann Robyn ihre ...

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... Karriere als Teenie-Popstar. Dann zog sie die Reißleine. Und schwor sich selbst: „Ab jetzt arbeite ich nur noch nach meinen eigenen Regeln.“ Ihre Sehnsucht nach Unabhängigkeit und künstlerischer Weiterentwicklung führte zu spannenden Kollaborationen – mit Hitproduzent Max Martin oder mit Rap-Ikone Snoop Dogg. Und die Glitzerwelt des Mainstream hielt sie nunmehr auf Abstand.

In den brutal ehrlichen Texten ihrer Elektropop-Tracks rund um Trennungsschmerz und verlorene Liebe tröstet kein Happy End. Und in ihren Musikvideos zeigt sie statt nackter Haut fantasievolle Choreografien, tanzt etwa im dicken Wollpulli zur Single „Call Your Girlfriend“, die 2010 die „Billboard“-Dance-Club-Charts anführte, durch einen Turnsaal.

Robyn ist ein Popstar 2.0: nicht unnahbar und perfekt, sondern real, eine von uns. Das machte sie zum Idol und Vorbild einer neuen Generation starker Künstlerinnen. Lorde und Charli XCX verehren Robyn ebenso wie Katy Perry, für die Robyn „der Inbegriff naturgegebener Coolness“ ist.

Auch die Zeitspannen zwischen ihren Veröffentlichungen widersprechen sämtlichen Gesetzen des modernen Musikbusiness. Robyns letztes Album „Body Talk“ erschien vor acht Jahren. Für den durchschnittlichen Künstleragenten ein No-Go: Schließlich muss man seine Fans unermüdlich mit News in den sozialen Medien und Veröffentlichungen auf den Streamingdiensten bei der Stange halten.

Robyn erzeugt auf andere Weise Aufmerksamkeit: Ihr neuer Song „Honey“ feierte seine Premiere auf besonderen Wunsch von Lena Dunham in der finalen Staffel der US-Serie „Girls“. Die Veröffentlichung ihres neuen, achten Albums, das ebenfalls „Honey“ heißen wird, gab sie beim Red Bull Music Festival in New York bekannt. Dort verriet sie uns auch, warum Unabhängigsein die Grundlage jeder Erfolgskarriere ist – und warum es uns manchmal weiterbringt, einen Gang zurückzuschalten.

THE RED BULLETIN: Du bist bekannt dafür, mit den unterschiedlichsten Künstlern zusammenzuarbeiten. Warum bist du diesmal ganz allein ins Studio gegangen?
ROBYN: Normalerweise kommen die Songideen von mir, während ich die Tüftelei an der Produktion anderen überlasse. Aber diesmal hatte ich diese fixe Vorstellung, wie mein Album klingen soll. Die wollte ich ganz allein umsetzen, ohne Einflüsse durch andere.

Was fällt leichter, wenn sich Robyn nur mit Robyn einig werden muss?
Es war mir wichtig, in einen Zustand zu kommen, in dem ich die Dinge ganz instinktiv passieren lassen kann. Also nahm ich mir viel Zeit für mich selbst, verzichtete auf jede Ablenkung. Manchmal fühlte ich mich ganz schön einsam dabei. Ich brauchte erst einen Lernprozess, bis ich die Zeit allein genießen konnte. Ich streberte mir neue Software an, übte im Tanzstudio. Ich fühlte mich wieder wie eine Schülerin, die ganz am Anfang steht.

Nehmen wir uns in unserer technisierten Welt zu wenig Zeit für uns selbst und die Fähigkeiten, die in uns schlummern?
Auf jeden Fall. Wenn du mit anderen Menschen zusammenarbeitest, kann so viel Spannendes passieren. Aber wenn du dir Zeit für dich selbst nimmst, entdeckst du noch einmal eine ganz andere Qualität. Manchmal findest du die Schätze nicht draußen in der Welt, sondern musst tief in dir selbst graben und deine eigene Energie in etwas Wertvolles verwandeln.

Aber heute hat doch niemand Zeit dafür, sich Zeit zu nehmen. Jeder Musikexperte wird dir raten, jeden Monat einen neuen Song zu veröffentlichen, damit die Leute deinen Namen nicht vergessen.
Kann sein. Aber als ich eine Trennung durchmachte und einen engen Freund an Krebs verlor(Christian Falk, mit dem sie lang zusammenarbeitete, Anm.) , fühlte sich eine Auszeit richtig an. Ich begann mit einer Therapie, die sehr tief ging. Diesen Prozess wollte ich nicht durch andere Dinge unterbrechen.


„Durch die Psychoanalyse lernte ich, das Sein an sich wertzuschätzen.“


Welche Art von Therapie?
Psychoanalyse, drei-, viermal die Woche, fünf Jahre lang. Grundsätzlich geht es darum, eine Beziehung zum Therapeuten aufzubauen und mit ihm aufzuarbeiten, was man bis dahin zur Seite geschoben hat. Der Therapeut begleitet dich durch die Phasen, durch die du gehen musst – die tollen und die frustrierenden. Man lernt, den Dingen die Zeit zu geben, die sie brauchen. Es ist ein Heilungsprozess.

Wie hat sich das auf deinen Alltag ausgewirkt?
Ich schaltete einen Gang zurück. Ich fühlte in meinem Leben noch nie so eine Ruhe, weil ich sehr wenig getan habe. Auf einmal steckte in allem, was ich tat, viel mehr Information.

Das musst du uns näher erklären.
Wenn du viel arbeitest, fährst du ständig auf der Überholspur, hetzt von einer Sache zur nächsten, presst alles in deinen engen Zeitplan, aber du bist nie wirklich präsent. Durch die Psychoanalyse lernte ich, das Sein an sich wertzuschätzen. Sobald du so denkst, kannst du die Dinge nicht mehr durchdrücken, und Hektik fühlt sich falsch an. Ich bekam das Bedürfnis, wirklich im Augenblick zu leben.

Jetzt bist du mit deinem neuen Album zurück im Rampenlicht. Wie bewahrst du dennoch deine innere Ruhe?
Seit sich die Welt rund um mich wieder schneller dreht, habe ich das Meditieren als perfektes Werkzeug entdeckt. Es hilft dir, deine Mitte zu finden und deine Gefühle wahrzunehmen. Ich führe auch virtuelle Gespräche mit meiner Therapeutin und stelle mir vor, was sie worauf antworten würde. Eigentlich ist ja jede Therapie nichts anderes als eine Diskussion, die du mit dir selbst über deine Gefühle führst. Das kann man auch tun, wenn man nicht mehr in Therapie ist. Hauptsache, du schaffst Platz für deine Gefühle – setz dich einfach in den nächsten Park und nimm dir Zeit für dich selbst.

Vor 13 Jahren bist du aus einem goldenen Käfig ausgebrochen. Du hast die Kontakte zu deinem Major-Label abgebrochen und das Album „Robyn“ auf eigene Faust herausgebracht. Jetzt feierst du nach acht schwierigen Jahren ein Comeback. Fühlen sich die beiden Situationen ähnlich an?
Heute ruhe ich viel mehr in mir selbst. Ich habe genau das Album gemacht, das ich machen wollte. Das habe ich zwar auch 2005 getan, aber damals wusste ich noch nicht so viel über mich selbst.

Wie hat sich das damals angefühlt, als du aus dem Sicherheitsnetz der großen Plattenfirma gesprungen bist?
Ich hatte richtig Angst und viele schlaflose Nächte. Damals war ein Künstler ohne Plattenfirma unvorstellbar. Es war ganz schön riskant, aber mir kam vor, ich hätte nichts zu verlieren.

Nicht einmal deine Karriere?
Die war eine Einbahnstraße. Ich kannte in der Branche niemanden, für den Musik das gleiche bedeutete wie für mich – zumindest nicht in meiner Sparte. Ich hatte also keine große Wahl. Andererseits lag die Alternative auch nicht wirklich auf der Hand. Es war ein Sprung ins Ungewisse. Aber genau so etwas gefällt mir.

Das Risiko lohnte sich, weil „Robyn“ ein großer Erfolg war. Die meisten anderen hätten wohl die sichere Variante bevorzugt. Wie hast du der Versuchung widerstanden, die einfache Lösung zu wählen?
In meinem Fall war die Angst vor der Stagnation größer als die Angst vor dem Scheitern. Beim Musikmachen musst du riskieren, was dir wichtig ist: Integrität, Stolz, deine Zeit, deine Sicherheit oder deinen Ruf – denn wenn du es nicht tust, hört man das der Musik an.

Hast du Tipps, wie man seine Komfortzone überwindet und einen Neuanfang hinbekommt?
Wichtig sind geregelte Abläufe. Wenn du dein Leben komplett veränderst, geben dir ein paar vertraute Angewohnheiten und Prozesse Sicherheit. Erlaube dir selbst genug Zeit und Raum für deine Veränderungen, statt dich Hals über Kopf in etwas zu stürzen. Rede mit Leuten, denen du vertraust. Spiel ihnen deine Musik vor, oder lass sie etwas lesen, was du geschrieben hast, egal was es ist. Und finde die richtige Balance zwischen Rückzug und Kontakt mit anderen Menschen. Bei der Arbeit an meinem Album war für mich beides gleich wichtig.

Robyns Vortrag ansehen auf redbullmusicacademy.com/lectures/robyn; robyn.com

4 Karriere-Momente, die Robyn zum coolsten Popstar der Welt machten

1997

Mit nur 18 Jahren veröffentlicht Robyn den Song „Show Me Love“, der in den Top 10 der US- und UK-Single-Charts landet. Sie darf als eine von wenigen nicht schwarzen Künstlerinnen in der US-Musik-TV-Show „Soul Train“ auftreten und erhält Lob von Tina Turner, für die sie in Schweden als Vorgruppe auftritt.

2005

Weil ihre Plattenfirma nichts mit dem neuen Songmaterial anfangen kann, gründet Robyn ihr eigenes Label Konichiwa Records, um sich künstlerisch zu befreien. Die Richtung, in die sie geht, begeistert alle Kritiker, ihr Elektropop-Album „Robyn“ erhält eine Grammy-Nominierung.

2010

Allen Regeln der Musikindustrie zum Trotz veröffentlicht Robyn drei Alben statt einem. Zu viele gute Lieder, sagt sie. Der „Rolling Stone“ ernennt die Trilogie namens „Body Talk“ zum „besten Dance-Pop-Release des Jahres“. Das schwedische Magazin „Fokus“ wählt sie zur Schwedin des Jahres.

2013

Sie erhält den Großen Preis des KTH Royal Institute of Technology in Stockholm für „Künstlerische Anwendung von Technologie“. Mit dem Preisgeld gründet sie das Tekla-Festival, eine Veranstaltung zur Verbesserung des Zugangs zu Technologie und technischen Berufen für junge Mädchen in Schweden.


Fotos HEJI SHIN