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Freiheit für Hellas


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G Geschichte - epaper ⋅ Ausgabe 10/2022 vom 16.09.2022

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Bildquelle: G Geschichte, Ausgabe 10/2022

Auf der Insel Chios in der Ostägäis haben Griechen einen Aufstand gewagt. Nun, im April 1822, töten die Osmanen 25 000 Bewohner und versklaven 45 000. Zwei Jahre später verewigt Eugène Delacroix »Das Massaker von Chios«

Dann also über Marseille! Im Frühjahr 1821 löst in Westeuropa die Kunde vom Aufstand der Griechen gegen die bald vier Jahrhunderte währende osmanische Herrschaft eine Welle der Sympathie aus. Besonders gebildete, liberal und national gesinnte Europäer jubeln. Die einen fühlen eine Dankesschuld gegenüber den großen und edlen Griechen der Antike, die anderen wollen den Kampf gegen die muslimischen »Barbaren« unterstützen, wieder andere hoffen auf einen Siegeszug der Freiheit, die seit dem Wiener Kongress von 1815 von der Heiligen Allianz aus Russland, Preußen und Österreich drakonisch beschränkt wird.

Zahlreiche Freiwillige wollen es nicht bei guten Wünschen belassen, sie machen sich ab dem Herbst 1821 auf den Weg an das östliche Mittelmeer. Vor allem innerhalb der studentischen Jugend herrscht Enthusiasmus, der von einigen Universitätslehrern kräftig genährt wird. Der Leipziger Philosoph ...

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... Wilhelm Traugott Krug und der Münchner Altphilologe Friedrich Thiersch sind engagiert. So sieht Thiersch in diesem Aufstand eine einmalige Gelegenheit, »eine altheilige Schuld, wenn auch nur zum kleinen Teil, abzutragen«.

Die Freiwilligen müssen einen weiten Umweg auf sich nehmen. Die Einschiffung in Triest oder Venedig wäre naheliegend, zumal für die Brigadisten aus den deutschen, polnischen und dänischen Landen. Doch dagegen sperrt sich Fürst Clemens von Metternich. Dem allmächtigen Außenminister und seit Kurzem auch Haus-, Hof- und Staatskanzler in Österreich darf man mit Freiheitsbewegungen nicht kommen, schließlich könnten diese im Habsburgerreich Nachahmer finden. Für Metternich, den mächtigsten Gegner aller liberalen und nationalen Strömungen sowie Konstrukteur der reaktionären Karlsbader Beschlüsse von 1819, gilt: Griechenlandfahrer sind nicht willkommen, Häfen dicht!

Pro-Griechische Vereine organisieren Waffen, Essen und Schlafplätze

Aufhalten lassen sich die Freiwilligen so nicht. Sie finden ihren Weg über den deutschen Südwesten und die Schweiz. Stuttgart, Zürich, Lausanne und Lyon heißen häufig die Stationen. Ein unverzichtbares Netzwerk hilft ihnen während der Reise: der Philhellenen-Verein (philos für Freund, hellas für Griechenland). Angeregt von den Professoren Krug und Thiersch sind diese Vereine in vielen größeren Städten Deutschlands und der Schweiz gegründet worden. Die Vereine organisieren Schlafplätze und beschaffen Waffen und Verpflegung.

Fürst Metternich zeigt sich höchst verärgert über das Treiben und fordert vor allem die süddeutschen Länder auf, »dem revolutionären Spiel des Professors Thiersch und Kon- sorten ein Ende zu machen«. Ohne Erfolg: Am Zielort, der französischen Hafenstadt Marseille, sammelt sich 1821 und 1822 eine bunte Truppe, füllt die Cafés, schmettert Freiheitslieder und wartet gespannt auf die Überfahrten und ihren historischen Einsatz.

Die Geschichte des griechischen Aufstands beginnt sieben Jahre zuvor: In Odessa am Schwarzen Meer setzt eine Handvoll griechischer Kaufleute ihre berufliche Hoffnung auf die Befreiung ihrer Heimat von osmanischer Fremdherrschaft. 1814 gründen sie den patriotischen Geheimbund Filiki Eteria, die »Gesellschaft der Freunde«. Und sie haben Glück: Denn der russische Zar sucht am Schwarzen Meer nach Kapital und Know-how für neu erw orbeneGebiete. Die erfolgreichen Griechen mit ihren Handelsflotten sind Russland, auch w egen des orthodoxen Bekenntnisses, willkommen. Trotzdem wird die Exilorganisation jahrelang kaum beachtet, selbst die Griechen aus der Heimat zeigen wenig Interesse an ihr.

Mit der Rekrutierung bedeutender Persönlichkeiten wie Alexandros Ypsilantis, dem Spross einer einflussreichen Dynastie im Donaufürstentum Walachei, gewinnt der Geheimbund an Einfluss. Am 21. Februar 1821 überschreitet die von Ypsilantis angeführte »Heilige Schar« den Pruth, einen Nebenfluss der Donau und Grenze zwischen dem Russischen und dem Osmanischen Reich. Es ist der Auftakt für die w echselvollen Jahre des griechischen Aufstands.

Doch die Aufständischen werden zunächst nicht von Russland unterstützt. Auf sich allein gestellt werden sie schnell von den Osmanen vernichtend geschlagen. Derweil treten der »Gesellschaft der Freunde« vermehrt Nicht-Griechen bei, darunter der russische Nationaldichter Alexander Puschkin und der vom griechischen Freiheitskampf begeisterte englische Dichter George Gordon Noel Byron, bekannt als Lord Byron.

Schriftsteller Lord Byron spendet den Aufständischen große Summen

Der Adelige, der von der englischen Gesellschaft wegen skandalöser Liebesaffären boykottiert wird, ist mit seiner offenen Schilderung menschlicher Gefühle vor exotischen Kulissen zu schneller Bekanntheit gelangt: »Ich wachte auf und war berühmt.«

Byron, der zu einem der meistgelesenen Dichter des 19. Jahrhunderts wird, hat schon 1816 seine Heimat England verlassen, um seinen romantischen Neigungen folgend nach Italien zu ziehen. Er steht auch im Briefwechsel mit Johann Wolfgang von Goethe, der wiederum seine Verehrung für die klassische Antike durch sein Schauspiel »Iphigenie auf Tauris« ausdrückt. Darin steht Iphigenie voller Sehnsucht lange Tage am Ufer des Meeres »das Land der Griechen mit der Seele suchend«.

Der charismatische Lord Byron unterstützt den Aufstand der Griechen mit erheblichen Geldmitteln, schifft sich 1823 in Genua nach Griechenland ein, aber ihm bleibt für das Kommando über seine Brigade von Elitesoldaten nur wenig Zeit. Byron stirbt im April 1824 an Sumpffieber (Malaria). In seinem Buch »Lord Byrons letzte Fahrt« hat der österreichische

Lord Byron

Der Dichter, geboren 1788 in London, führt ein Wanderleben, ehe er den griechischen Freiheitskampf für sich entdeckt. Am 5. Januar 1824 trifft er mit Waffen, Geld und Medikamenten in Patras ein. Bald führt der 36-Jährige eine Brigade von 2500 Mann an. Er stirbt am 19. April 1824 in Westgriechenland an Malaria. Griechenland trauert 21 Tage lang.

Friedrich Thiersch

Der Philologe und Philhellene, geboren 1784, ist vom griechischen Freiheitskampf begeistert. Seit 1811 unterrichtet er die Töchter von Bayerns König Maximilian I. Joseph. 1831/32 reist er nach Griechenland und verfasst dort zahlreiche Briefe. Angeblich stammt von ihm die Idee, Prinz Otto zum König der Griechen zu machen. Bildungsreformer Thiersch stirbt 1860, er gilt als »Vater der humanistischen Bildung« in Bayern.

»Freiheit oder Tod!«

Metropolit Germanos von Patras am 25. März 1821

Autor Richard Schuberth diesen Nationalhelden der jüngeren griechischen Geschichte gewürdigt (siehe Lesetipp).

Obwohl erste Rückkehrer vor allem Schreckliches aus Griechenland berichten, reißt der Strom der philhellenischen Freiwilligen aus Deutschland nicht ab. Ihre romantischen Illusionen zerschellen an griechischen Felsen, schreibt Schuberth. Niemals seien Romantiker auf tragischere Weise zur Vernunft gekommen.

Von einer größeren Gruppe deutscher Freiwilliger sind schriftliche Berichte überliefert. Sie verheißen nichts Gutes: Wilhelm Lefèbre, ein erfahrener preußischer Offizier und Zeuge grausamer Kämpfe, versucht den auf die Überfahrt Wartenden die Augen zu öffnen. Sie sollten nicht auf die Griechenlandeiferer in der Heimat hören, als Soldat wisse er, dass den fremden Mitstreitern in Griechenland nur Undank, Elend oder gar der Tod winkten.

Die Freiwilligen erwartet eine verworrene Lage: Volksgruppen, Clans und lokale Kriegsherren, die mit der bergigen Landschaft bestens vertraut sind, versuchen ihre Pfründe zu sichern und bekämpfen einander heftig. Ihr provisorischer Präsident Fürst Alexandros Mavrokordatos hat kaum Autorität. Und lassen es die Griechen einmal geruhsamer angehen, nerven die ausländischen Freiwilligen mit Aktionismus.

Trotz der Niederlage General Ypsilantis und seiner Flucht nach Österreich, wo ihn Metternich bis 1827 festsetzt, gehen die Aufstände gegen die Osmanen besonders auf der Peloponnes weiter. Die Griechen erobern mehrere Städte und nehmen dabei nur selten Gefangene.

Der Kampf für die Nation mündet zunehmend in einen Krieg der Religionen: Orthodoxe Christen kämpfen gegen Muslime. In Tripolitsa, der Hauptstadt der Peloponnes, massakrieren die Aufständischen 6000 muslimische Bewohner, stehlen Toten wie Überlebenden die Kleidung und erhalten für abgeschlagene Schädel ein Kopfgeld.

Längst nicht alle Griechen wollen den Krieg gegen den Sultan

Doch Gräueltaten verüben beide Seiten. Und es ist ein brutaler Überfall der Osmanen auf einer Insel in der Ostägäis, der in Europa für Empörung sorgt und sich für immer ins Gedächtnis einprägt: das Massaker von Chios.

Dabei wollen die Bewohner der Insel Chios, die vor dem Festland der heutigen Türkei liegt, keinen Konflikt mit dem Sultan. Seit Langem gewinnen sie Mastix, ein begehrtes Baumharz. Ihre Gemeinde genießt eine ungewöhnlich große Autonomie, und die direkte Souveränität des Sultans über Chios hat den Menschen niedrige Steuern und damit Reichtum beschert.

Ohnehin waren die Griechen bis zum Aufstand »das vielleicht am meisten privilegierte Volk im Osmanischen Reich, auf jeden Fall unter den Nicht-Muslimen«, schreibt der Historiker Nikolas Pissis. Griechische Kaufleute und orthodoxe Kleriker genießen Vorzüge, die sogenannten Phanarioten belegen die obersten Ränge griechischen Einflusses. Aber viele Bauern leben in Armut, dürfen keine Waffen tragen und nicht zu Pferde reiten.

Im März 1822 landen Aufständische auf Chios und drängen mit Hilfe lokaler Bauern die osmanischen Soldaten in die Zitadelle zurück.

Sultan Mahmud II. versteht dies als ein Zeichen der Undankbarkeit, zumal er ohnehin wütend ist über die griechischen Massaker auf der Peloponnes. So fällt die Entscheidung für den Überfall auf Chios. Im Auftrag des Sultans landen am 11. April 1822 fast 50 osmanische Schiffe an der Insel. Die Angreifer töten und versklaven in den kommenden Wochen schätzungsweise 70 000 der 100 000 Inselbewohner.

Erdoğan fordert einige kleine Inseln, andere Politiker sind noch viel gieriger

In Europa löst die Nachricht vom Massaker von Chios großes Entsetzen aus. Es wird zum Inbegriff osmanischer Barbarei. Die Insel selbst wird ihre alte wirtschaftliche Blüte nie wieder erreichen.

Noch in unserer Gegenwart versteht es der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan meisterlich, antigriechische Stimmungen nach Belieben zu schüren, besonders in Zeiten eines nahenden Wahlkampfes. »Ich spaße nicht«, drohte er jüngst in Richtung Athen. Wenn es ihm nützt, stellt er die griechische Souveränität über etliche Inseln in der Ostägäis infrage. Ultranationalistische türkische Politiker gehen noch deutlich weiter. Sie fordern unverblümt die Inseln des Dodekanes, zudem Chios, Lesbos, Samos sowie das größte griechische Eiland: Kreta.

Gleichwohl bleibt der Historiker Nikolas Pissis optimistisch und verweist auf die Normalität der vielen Boote türkischer Touristen auf Chios und jenen der griechischen Touristen, die nach Çeşme und Izmir fahren.

Der Katastrophe von Chios folgen Jahre der Irrungen und Wirrungen, Tausende verlieren ihr Leben. Die wenigsten sterben in einer Schlacht, sondern sind Zivilisten, werden massakriert, verhungern oder krepieren an Seuchen.

Osmanische Attacken auf der Peloponnes haben lange keinen Erfolg. Erst als Sultan Mahmud II. im Jahr 1825 eine ägyptische Armada von mehr als 400 Schiffen samt Invasionsheer zum Eingreifen gewinnt, geraten die Rebellen in die Defensive. Der griechische Freiheitskampf droht gegen den ägyptischen Befehlshaber, Vizekönig Ibrahim Pascha, zu erliegen.

Doch nun greifen die europäischen Großmächte ein: Zar Nikolaus I. entscheidet sich offen, zur Schwächung des osmanischen Gegners, für die Griechen Partei zu ergreifen. Zudem wollen Großbritannien und Frankreich ihren Einfluss auf die Meerengen sichern. Die drei Mächte vereinbaren im Londoner Vertrag vom 6. Juli 1827, zumindest für einen halbautonomen Staat Griechenland einzutreten.

Der Absicht folgen Taten: In der Bucht von Navarino im Südwesten der Peloponnes geht am 20. Oktober 1827 die ankernde ägyptischtürkische Flotte durch die maritime Feuerkraft der aufgefahrenen alliierten Schiffe unter. Es ist die letzte Seeschlacht unter Segeln. Die griechische Unabhängigkeit steht damit kurz bevor.

In Deutschland erschallt im mittelfränkischen Ansbach ein eindrucksvolles Zwölfuhrläuten vom Turm der katholischen Ludwigskirche. Eines der Klangwunder: die Ottoglocke, gegossen aus der Bronze osmanischer Kanonen aus der Bucht von Navarino. Der erste König im freien Griechenland, der Wittelsbacher Otto I., ließ die Kanonen bergen und in seiner Heimat daraus markante Denkorte schaffen, etwa die Bavaria auf der Münchner Theresienwiese.

LESETIPP

Richard Schuberth: »Lord Byrons letzte Fahrt«. Wallstein 2021, € 32,–

Alexandros Ypsilantis

Der Militär, geboren 1792, aufgewachsen in Sankt Petersburg, kämpft als Grieche in russischen Diensten gegen Napoleon, überlebt schwer verwundet und führt ab 1820 die Geheimgesellschaft Filiki Eteria. 1821 marschiert der Charismatiker mit 500 Freiwilligen ins entmilitarisierte Moldau ein, um Kämpfer zu sammeln — vergeblich. Ypsilantis sitzt bis 1827 in Österreich im Kerker. Er stirbt 1828 verarmt in Wien. Seine Gebeine werden 1964 nach Athen überführt.