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FREIHEIT, GLEICHHEIT, SCHWESTER-LICHKEIT


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Buchkultur - epaper ⋅ Ausgabe 201/2022 vom 07.04.2022
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Bildquelle: Buchkultur, Ausgabe 201/2022

Es ist die Frage nach dem Salz, die für Helene schließlich das Fass zum Überlaufen bringt. Sie steht wortlos vom Tisch auf und stürzt sich vor den Augen ihres Mannes und ihrer drei Kinder vom Balkon. Die Familie ist in Schockstarre. Von einem Moment auf den anderen verliert sie ihr Zentrum; den Menschen, der alles und alle zusammengehalten hat. Wie konnte es so weit kommen? Mareike Fallwickl erzählt in »Die Wut, die bleibt« von Frauenbildern, Geschlechterrollen und Erwartungen, die ohne Selbstausbeutung kaum zu erfüllen sind. Statt die Corona-Pandemie erzählerisch auszusparen, entscheidet Fallwickl sich ganz bewusst, sie zur Hintergrundkulisse der Geschehnisse zu machen. Nicht weil sie als alleiniger Auslöser infrage käme, sondern weil sie als Brennglas für diverse strukturell bedingte Problemlagen funktioniert. »Die Blitzidee zum Buch ist im Lockdown im Februar 2021 entstanden«, sagt Fallwickl, ...

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... »als ich täglich Nachrichten bekommen habe von Frauen, die auch Mütter sind und mir geschrieben haben: ›Ich kann nicht mehr, ich will nicht mehr, ich spring einfach vom Balkon.‹« Helene ist im Roman während der Lockdowns mit ihren drei Kindern, dem Haushalt und den alltäglichen Aufgaben allein gelassen, während ihr Mann Johannes sich vor allem für die Lohnarbeit zuständig fühlt. Monatelang am Stück findet Helene keine Ruhe, keinen Raum zum Luftholen, keinen Ort, wo sie nur für sich sein kann. Sie löst sich auf in der ihr zugeschriebenen, für selbstverständlich genommenen Rolle und spielt ihre Belastung selbst gegenüber ihrer besten Freundin Sarah mit einem lockeren Spruch herunter, nachdem ihre Hilferufe ungehört verhallt sind.

Sarah ist es dann auch, die nach Helenes Tod ihre Rolle übernimmt, obwohl sie selbst keine Kinder hat. Sie bringt die Kinder in die Kita und kümmert sich um sie, wenn sie krank sind. Sie hält die Wohnung in Schuss, bringt das Essen auf den Tisch und beginnt währenddessen, mitten in ihrer eigenen Trauer, zu begreifen, welche Dauerbeanspruchung das Leben als Mutter mit sich bringt. Obwohl sie es lange von außen beobachten konnte, versteht sie es erst, als sie es am eigenen Leib erfährt. Und sie muss sich fragen, weshalb sie Helene nicht besser unterstützt hat, als sie noch die Gelegenheit dazu hatte.

Dem Roman gelingt es hervorragend, nicht nur die anhaltende Belastung fassbar zu machen, sondern auch Sarahs Lernprozess. Gern werden Themen wie Care-Arbeit und Familienalltag als literarisch uninteressant diskreditiert, allenfalls von Belang für Frauen in eben jenen Lebenssituationen. Fallwickl zeigt, wie man scharf und genau davon erzählen kann, wie es ist, und welche Strukturen den Status quo aufrechterhalten. Ihr selbst ist das herrschende Ungleichgewicht erst richtig klar vor Augen getreten, als sie selbst Mutter wurde. »Bis zu dem Zeitpunkt – ich war 27 Jahre alt – hatte ich wenig Kontakt mit feministischen Themen. Die ganze Welt – sämtliche Filme, Bücher, mein direktes Umfeld in dem kleinen österreichischen Bergdorf – hat mir vorgegaukelt, es sei normal, dass Frauen sich aufopfern. Dann habe ich ein Kind bekommen und festgestellt: Oha. Dieses Konstrukt, das ist ein Käfig.«

Letztlich ist es nicht nur Sarah selbst, die ihre aufopfernde Hingabe zunächst kaum hinterfragt, sondern auch Helenes Mann Johannes, der dankbar in seine Arbeit flieht, ohne sich mit der Situation zu konfrontieren. Er nimmt selbstverständlich hin, dass er seine Vaterrolle weder annehmen noch ausfüllen muss. Der Roman zeichnet mit Johannes den Prototyp eines Familienvaters, der, teils aus Hilflosigkeit, teils aus Ohnmacht, selbstverständlich auf etablierte Strukturen zurückgreift, ohne sie infrage zu stellen. Er profitiert von einer Situation, in der Care-Arbeit für Männer noch immer die Ausnahme ist. Von der Überzeugung, dass ein Vater allenfalls im Haushalt »hilft« und nicht sowieso Teil des Haushalts ist.

Während Helenes Söhne Lucius und Maxi noch zu jung sind, um den Tod ihrer Mutter begreifen zu können, versteht ihre Tochter Lola genau, was der Verlust der Mutter bedeutet. Zunächst schwer getroffen, entwickelt sie mit Fortschreiten des Romans eine Wut, die ihr hilft, sich selbst zu behaupten. Es ist eine Wut, die Fesseln sprengt und schlussendlich Grenzen überschreitet, aber auch eine Wut, die ihr Rüstung wird und Halt. Lola ist es, die die Selbstverständlichkeiten, mit denen die Erwachsenen umgehen, nicht mehr hinnehmen kann und will. Sie stellt die Fragen, auf die neue Antworten gefunden werden müssen. Nach einem gewalttätigen Übergriff auf ihre Freundin Sunny entscheiden beide, dass sie sich wehren müssen, und besuchen einen Selbstverteidigungskurs. Fallwickl gestaltet Lola als Antithese zu normierten Geschlechterrollen, ohne daraus eine große Sache zu machen: Lola trägt Baggy-Pants, sie skatet, sie macht Kampfsport – normale Tätigkeiten für eine junge Frau. Wenn man so will, ist sie eine sehr zeitgemäße Protagonistin, politisiert, meinungsstark, bewandert in feministischen Debatten und nie um ein Argument verlegen. Lola ist unerbittlich und selbstsicher auf eine Art, die man ihr auch als jugendliche Arroganz auslegen könnte. Insbesondere in Diskussionen mit Sarah feuert sie mit Schlagworten und Urteilen, die man aus einschlägigen Twitter-Feeds kennt, und reißt damit kurz auch einen Graben zwischen vergangenen und gegenwärtigen feministischen Bewegungen auf. Während Sarah sich für feministisch und emanzipiert hält, wirft Lola ihr vor, in veralteten Kategorien zu denken und letztlich mit ihrer bereitwilligen Unterwerfung nur zu fördern, was längst abgeschafft gehört. Frauen, die wütend sind, bittet man gern, sich zu mäßigen und zur Wiederherstellung der Harmonie beizutragen. Lola tut niemandem diesen Gefallen. Nicht zuletzt auch deshalb, weil sie den Tod ihrer Mutter nicht als isolierte persönliche Entscheidung begreift, sondern als Ergebnis eines Systems, das sich ändern muss.

Mareike Fallwickl, 1983 in Hallein bei Salzburg geboren, ist freie Autorin und Literaturvermittlerin. Ihr Debüt »Dunkelgrün fast schwarz« (FVA) war sowohl für den Österreichischen Buchpreis als auch für das Lieblingsbuch der Unabhängigen nominiert. Nach »Das Licht ist hier viel heller« (FVA) ist »Die Wut die bleibt« ihr dritter Roman. Fallwickl lebt mit ihrer Familie im Salzburger Land.

Das vollständige Interview von Sophie Weigand mit Mareike Fallwickl können Sie nachlesen auf: buchkultur.net

»Die Wut, die bleibt« ist, wie bereits vorangegangene Romane Fallwickls, thematisch ein sehr aktueller Text, beinahe ein literarischer Debattenbeitrag. In den letzten Jahren wurden Care-Arbeit, Mutterschaft und stereotype Rollenbilder verstärkt diskutiert, und die Corona-Pandemie mit ihren häufig verheerenden Folgen für Familien hat wesentlich dazu beigetragen. Themen wie Macht und Gewalt spielten bereits in früheren Texten eine Rolle, bereits »Das Licht ist hier viel heller« aus dem Jahr 2019 befasst sich auf struktureller Ebene mit sexualisierter Gewalt und Machtmissbrauch. Es sind nicht nur die Missstände, die Fallwickl interessieren, sondern auch die gesellschaftlichen Bedingungen, die sie aufrechterhalten. Ging es in den früheren Romanen auch um männliche Perspektiven (etwa die des selbstverliebten Maximilian Wenger aus »Das Licht ist hier viel heller«), hat sich »Die Wut, die bleibt« komplett der weiblichen Sicht verschrieben. Die Beweggründe der Männer im Roman spielen keine tragende Rolle, sie kommen nicht zu Wort, wenngleich ihre Beschränkungen durch rigide Geschlechterrollen natürlich mitgedacht werden. Stattdessen zeichnet der Text wehrhafte und starke weibliche Charaktere, die sich äußeren Zuschreibungen widersetzen und damit Selbstbestimmung zurückerobern. Dabei geht es immer wieder auch um Körperbilder, mit denen konkrete Vorstellungen von einer Frau verbunden sind. Als Lola nach dem Tod ihrer Mutter stark abnimmt, wird sie für ihre Figur gelobt; als sie aufgrund des Kampfsports zunimmt und muskulöser wird, erntet sie herablassende Blicke und beleidigende Kommentare. Body Positivity bleibt nur ein trendiger Hashtag, der sich nicht in die Alltagserfahrungen vieler übersetzt. Fallwickl trägt mit der diversen Gestaltung ihrer weiblichen Charaktere dazu bei, das Spektrum dessen, was wir als Norm oder schön begreifen, zu erweitern. Und sie schreibt es so selbstverständlich, wie andere es verurteilen. Deal with it.

Am Ende kulminiert der Roman in grundsätzlichen Fragen: Wie begegnen wir der alltäglichen Gewalt gegen Frauen? Wie können wir denen zur Gerechtigkeit verhelfen, die im Stich gelassen und nicht gehört wurden? Wie können wir unsere Wut über fortwährende Ungerechtigkeit nutzen – und wie nicht? Gewalt erzeugt Gegengewalt, das haben schon die Ärzte gesungen. »Die Wut, die bleibt« führt es uns vor, drastisch, unversöhnlich und mit einer unbändigen Kraft.