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FREIHEIT, IHR SCHWESTERN!


Cicero - epaper ⋅ Ausgabe 8/2018 vom 26.07.2018

Die SchauspielerinIngrid Caven war mit Rainer Werner Fassbinder verheiratet, dreht bald mit Albert Serra und fürchtet einen neuen Puritanismus. Nun wird sie 80 Jahre alt


Ein Interview mit Ingrid Caven zu beginnen, ist wie eine Flasche Champagner zu öffnen. Ich stelle meine erste Frage, und sie sprudelt los. Weit über die Frage hinaus und immer weiter führt sie aus, ich notiere ihr hinterher. Spaß an Gedankenspielen habe sie, lässt sie mich wissen, und so folge ich ihren Gedanken, die manchmal springen und sich doch logisch und harmonisch ineinanderfügen. Ich erhalte Einblicke in die Welt eines ...

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Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Cicero. Alle Rechte vorbehalten.

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... unabhängigen Kopfes, der ebenso über soziale Ungerechtigkeiten nachdenkt wie über die Freiheit der Kunst, die sie durch einen neu aufkommenden Puritanismus gefährdet sieht, oder auch das sukzessive Verschwinden der Weiblichkeit zugunsten eines unerotischen Neutrums.

Zum Spiel mit den eigenen Gedanken braucht sie allerdings Muße, eine Art meditativen Zustand. Und Musik. Daraus formt sich ihr Alltag in Paris, wo die Schauspielerin seit über 40 Jahren mit ihrem Lebensgefährten, dem Schriftsteller Jean-Jacques Schuhl, lebt. „Ich habe kein Problem damit, nicht nützlich zu sein“, bekennt sie freimütig bei unserem Gespräch, fügt aber sogleich hinzu, dass ihr Tempo sich rasant erhöhe, sobald sie arbeitet.

Gearbeitet, sprich: vor der Kamera oder auf der Bühne gestanden hat sie viel. Zum ersten Mal mit vier Jahren in ihrer Heimatstadt Saarbrücken. Das Rumpelstilzchen im gleichnamigen Märchen war für Ingrid Schmidt (so lautete ihr bürgerlicher Name) die erste Rolle. Sie mochte sie jedoch nicht. Das Verkörpern der Königin schien ihr begehrenswerter. Und als sie um das Feuer aus buntem Papier tanzen musste, drehte sie nicht nur die vorgesehenen drei Runden, sie hörte gar nicht mehr auf, sodass man sie von der Bühne tragen musste. Rebellisch zu sein, sagt sie, gestatteten ihr die Eltern als Kompensation zu ihrem ständigen Kranksein. Als Kind litt sie unter starken Allergien, die den gesamten Körper betrafen und auch zu Erstickungsanfällen führten. Oft konnte sie monatelang die Schule nicht besuchen. Diese Anfälle bereiten ihr heute noch Albträume. Es ist ein Kindheitstrauma, das mit Therapien gelindert wurde, aber bis heute nicht verschwunden ist.

Als sie, längst erwachsen, den Weg einer darstellenden Künstlerin eingeschlagen hatte, spielte sie unter anderem in Theaterstücken von Genet, von Sartre, von Brecht. Und, wenn auch nicht immer in den Hauptrollen, in mehr als 30 Filmen. Für ihre Darstellung der Inga in dem Film „Looping“ an der Seite Hans Christian Blechs erhielt sie 1981 das Filmband in Gold.

EIN NAME, DER FÜR IMMER mit ihrem verbunden sein wird, ist der des Regisseurs Rainer Werner Fassbinder, mit dem sie von 1970 bis 1972 verheiratet war und Filme drehte wie „Liebe ist kälter als der Tod“, „Warum läuft Herr R. Amok?“ oder „In einem Jahr mit 13 Monden“. Ihre größten Erfolge feierte Ingrid Caven jedoch als Sängerin. Die Texte für ihre Chansons, die unter anderem Fassbinder, Peer Raben, Wolf Wondratschek oder Hans Magnus Enzensberger geschrieben haben, empfindet sie als große Geschenke.

Wie sie überhaupt die Chance, künstlerisch tätig sein zu können, als Geschenk ansieht und daher sagt: „Künstlerische Arbeit muss die Möglichkeit haben, außerhalb bürgerlicher Moralvorstellungenzu entstehen. Sonst bräuchten wir sie gar nicht.“ Gemünzt ist diese Aussage auch auf die noch immer aktuelle Metoo-Bewegung, die 2017 infolge des Skandals um den amerikanischen Filmproduzenten Harvey Weinstein ins Leben gerufen wurde und die Frauen dazu aufruft, sexuelle Übergriffe oder sexualisierte Gewalt öffentlich zu machen.

Allerdings agieren die Verfechter dieser Bewegung in den Augen Cavens viel zu undifferenziert. Künstlerische Freiheit, die es ohne Grenzüberschreitung nicht geben kann, würde damit ebenso unmöglich gemacht wie ein erotischer Flirt zwischen den Geschlechtern. Ingrid Caven, Catherine Deneuve und rund 100 weitere Künstlerinnen, Journalistinnen und Wissenschaftlerinnen veröffentlichten daher im Januar dieses Jahres einen offenen Brief inLe Monde , in dem sie sich kritisch mit dieser Bewegung auseinandersetzten und vor dem „Klima eines neuen Puritanismus“ warnten.

Liberté ist das Wort, das Ingrid Caven dagegenhält. So heißt auch das Theaterstück, mit dem sie bis Juni an der Berliner Volksbühne zusammen mit Helmut Berger zu sehen war. Regisseur und Autor Albert Serra wird „Liberté“ im Herbst verfilmen, und die beiden Hauptrollen werden bei dieser Produktion auch wieder von Ingrid Caven und Helmut Berger gespielt.

Ach ja, ihr 80. Geburtstag am 3. August. Darum möchte sie keinen Wind machen. Gefeiert wird natürlich, mit Freunden. „Das nehme ich gerne mit.“

KERSTIN RECH ist Schriftstellerin und Autorin. Wie Ingrid Caven stammt sie aus dem Saarland


Foto: Jason Harrell/BREUEL BILD