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Freiheit ist stärker als der Tod


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blickpunkt musical - epaper ⋅ Ausgabe 4/2022 vom 30.08.2022
Artikelbild für den Artikel "Freiheit ist stärker als der Tod" aus der Ausgabe 4/2022 von blickpunkt musical. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.
Für die ?Freiheit für Nottingham? kämpfen (v.l.): Marian (Johanna Zett), John Little (Reinhard Brussmann), Bruder Tuck (André Haedicke), Robin (Mark Seibert) und die Geächteten (Ensemble)

Die historisch inspirierten dramatischen Musicalproduktionen von spotlight musicals haben sich bei Publikum und Kritikern einen guten Namen gemacht und in den letzten Jahren mit Uraufführungen wie »Die Päpstin« oder »Der Medicus« noch an Professionalität zugelegt. Nach zwei Jahren coronabedingter Verschiebung kam am 3. Juni 2022 endlich das neueste Werk auf die Bühne, »Robin Hood«. Es erzählt eine eigene Fassung der Geschichte um den legendären Geächteten, der als gebürtiger Adliger für die Rechte der einfachen Menschen kämpfte. Kreativer Partner des Produktionsteams Dennis Martin und Peter Scholz wurde der weltbekannte irische Songwriter Chris de Burgh, der gemeinsam mit Dennis Martin die Musik schrieb. Bereits bei dem exzellenten Streaming-Konzert im August 2021 erhielt das Publikum einen Einblick in den freundschaftlichen, kreativen Austausch beider Komponisten. Chris de Burghs Wurzeln reichen ...

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... bis in die Zeit von Robin Hood. Sein Vorfahre Hubert de Burgh, Earl of Kent (ca. 1170-1243), war unter King John (1199-1216) Hüter des Rechts und ein machtvoller Politiker.

Chris de Burghs eigenes Album »The Legend of Robin Hood«, mit dem er derzeit auf Konzerttournee ist, erschien bereits vor der Uraufführung in Fulda.

Wer das Album im Vorfeld des Theaterbesuchs gehört hat, erkennt den Unterschied zwischen dem gut zu hörenden Folk- und Pop-Album und der mitreißenden Musicalfassung mit Irish Folk, mittelalterlichen Anklängen, treibenden Rhythmen und Gänsehaut-Balladen, die Dennis Martin (Musik, Liedtexte und Buch), Christoph Jilo (Buch und Liedtexte) und Kevin Schroeder (Buch und Liedtexte) geschrieben und für die Bühne bearbeitet haben. Das Arrangement stammt von Frank Hollmann sowie Markus Syperek und Marian Lux. Die fertige Musikproduktion (Fabian Kampa) besticht in ihrer Qualität und sorgt zusammen mit dem Live-Gesang des ausgezeichneten Ensembles für ein Klangerlebnis der Extraklasse.

Im Mittelpunkt der Fuldaer »Robin Hood«-Fassung steht der Konflikt zwischen Guy von Gisbourne und Robin von Loxley. Guy ist der Sohn des Kastellans und Waffengefährte des jungen Lords. Auch wenn beide spielerisch ihre Kräfte messen, verhöhnt Guy bei den Übungen mit dem Bogen Robin, wenn dieser das Ziel nicht trifft. Etwas rätselhaft bleibt am Anfang der Handlung Robins Entführung in den Sherwood Forrest (›Die Welt verschwindet‹) – möglicherweise hatte er hier früh eine Begegnung mit Geächteten.

Zehn Jahre später brüskiert ein junger Mann auf Huntington seinen Vater, den Earl William von Loxley, mit einem sarkastischen Toast auf einen Mann, der die Traditionen genauso hochhält wie das Schänden der Mägde (›Wie ein wahrer Loxley‹). Als Guy im Auftrag von Prinz John erscheint, um Schildgeld und Männer für den Kreuzzug einzuziehen, entzieht Robin sich mit seinem Schwur ›Für Gott und König‹ als Kreuzritter dem Machtkalkül des Vaters: ›Ich flieh’ in den Krieg‹. Dieser hat ihn mit einer Cousine der Königin, der Tochter des Sheriff von Nottingham, verheiratet, einem verängstigten vierzehnjährigen Mädchen, das er allein auf Huntington lässt.

Naturgemäß wird Robin von Loxley als Ritter adligen Geblüts im Heiligen Land zum Anführer der Kämpfer und nimmt zu Guys Frustration das Lob König Richards entgegen. Als Heerführer ist es Robin jedoch auch, dem der englische König befiehlt, Frauen zu schänden und Kinder zu töten, da Sultan Saladin nicht auf seine Forderungen eingegangen ist (›Kreuzzug‹).

Guy kehrt zurück und verkündet den Tod Robins. Er wird vom Earl als Kastellan auf Huntington eingesetzt und hofft auf die versprochene Heirat mit Marian: ›Der Weg, der mir gebührt‹. Marian ihrerseits erschlägt in Notwehr den Earl, als er sein Streben nach einem Erben königlichen Blutes um jeden Preis an ihr befriedigen will: ›Wie ein guter Vater‹. Ihre frühere Amme, die Äbtissin von Kirklees (Melanie Gebhard überzeugt als Frau, in der jedes Gefühl erkaltet ist), bedrängt Marian als Erbin, ins Kloster einzutreten und den Besitz der Kirche zu vermachen. Johanna Zett spielt eine selbstbewusste Frau, die sich der Verantwortung ihrer Stellung bewusst ist. Sie harmoniert mit Mark Seibert in Gesang und nuanciertem Zusammenspiel auf der Bühne.

Als Robin traumatisiert »aus der Hölle« zurückkehrt, verzehrt ihn der Selbsthass. Zutiefst bereut er sein Handeln (›Woran soll ich noch glauben?‹), während für Guy die Menschenleben der Ungläubigen nicht zählen. Dieser macht sich über die vermeintliche Schwäche Robins lustig, der es nicht wert wäre, ein Earl zu sein. Der Wahn, immer den Kürzeren zu ziehen, im Glauben, der Würdigere von beiden zu sein, bricht sich in Guy immer mehr Bahn: ›Ich oder Du‹. Thomas Hohler begleitet diese Entwicklung seiner Figur in Gesang und Schauspiel mit großer emotionaler Intensität und Ausdruck.

Robin verachtet das Machtstreben des Adels, sieht aber auch keinen Sinn darin, für irgendetwas zu kämpfen. Dabei verschließt er sich der Not des Volkes, das durch die Steuern zur Finanzierung des Kreuzzugs immer mehr verarmt und Hunger leidet.

Auch die Kämpfer, die ›Für Gott und den König‹ in den Krieg gezogen sind und zurückkehrten, leiden Not, weil die Provinzbarone ihr Lehen neu vergeben haben. Wer sich wehrt, wird vogelfrei: ›Entrechtet, geächtet, so gut wie tot‹. Will Scarlett (präsent und stimmlich stark: Dennis Henschel) steht im Stück beispielhaft für die Geächteten, die sich im Sherwood Forrest verbergen, wildern oder Reisende ausplündern, um zu überleben. Marian versucht, mit Essen und Medizin zu helfen, und kritisiert ihren eigenen Vater, den Sheriff von Nottingham. Allmählich dringt sie auch durch das Selbstmitleid ihres Mannes hindurch: ›Du bist nicht allein auf dieser Welt‹.

Doch das Paar ist sich fremd: ›Ich weiß nicht, wer du bist‹. Als die Barone, unter ihnen auch Marians Vater, sich der Willkürherrschaft des neuen Königs, King John, nicht beugen wollen, versuchen sie, Robin als Verbündeten gewinnen. Doch er sieht in der Magna Charta nur den Egoismus des Adels, der wie sein Vater um seine Machtstellung fürchtet. Dann wird er jedoch Zeuge dessen, was ›Eine neue Zeit‹ unter King John bedeutet, welcher Marians Vater vor aller Augen als Hochverräter mit seinem Dolch ersticht und Guy als ihm ergebenen Sheriff einsetzt. Christian Schöne lenkt als King John alle Augen auf sich. Stimmkraft und komödiantisches Können prägen seine Darstellung des sadistischen, selbstverliebten Königs. Die Wirkung wird noch durch das fantastische goldene Kostüm unterstrichen. Robin erkennt, dass jemand dem Wahnsinn Einhalt gebieten muss. Ohne Rücksicht auf sich selbst ruft er dazu auf: ›Lehnt euch auf‹.

Triumphierend setzt Guy den Konkurrenten gefangen, Robin wird zum Tode verurteilt. Nur durch eine List von Marian und Bruder Tuck gelingt ihm die Flucht in die Wälder. Die Leute von Sherwood begegnen dem Earl mit Misstrauen, allen voran ihr Anführer John Little, der lange braucht, bis er ihm verzeiht, als Herrscher geboren zu sein. Ohne jede Arroganz bringt Robin den Geächteten das Bogenschießen bei und wird bald als ihr Anführer geachtet. Die Legende des Kapuzenmanns ›Robin Hood‹ ist geboren. Auch Marian und er kommen einander näher: ›Endlich frei sein‹. Mark Seibert brilliert gesanglich, ob solistisch, im Duett mit Johanna Zett oder voller Leidenschaft gemeinsam mit dem Ensemble in ›Freiheit für Nottingham‹. Diese mitreißende Nummer basiert auf Chris de Burghs Ballade ›Don’t Pay the Ferry Man‹ und scheint Seibert auf die Stimme geschrieben. In den Sherwood-Szenen darf sein Robin erstmals schmunzeln und Freude am Leben zeigen, zuvor wirkt er durch das Erlebte verbittert, anfangs sarkastischarrogant, aber auch da nicht unsympathisch.

Nach Robins Flucht initiiert Guy eine fanatische Hexenjagd auf den neuen Helden. Seine Leute verbreiten Angst und Schrecken. Ihn treibt die Angst, seine neuen Privilegien zu verlieren, wenn er King John enttäuscht, aber auch der persönliche Hass an. Guy fühlt sich insbesondere gedemütigt, da ihn bei der Flucht Robins Pfeil im Gesicht verletzte. Schließlich wendet Guy sich an die Äbtissin, die Marians Ehe mit Robin von Loxley für einen Fehler hält.

Inzwischen hat Robin der Magna Charta doch – nach Überarbeitung der Forderungen zugunsten der Geächteten und der einfachen Leute – zugestimmt und ist nach London gereist. Er dringt in die Gemächer des Königs ein, als dieser sich gerade mit beiden Geschlechtern in einem Meer aus Samt vergnügt (eine ideenreich inszenierte, frivole Szene), und zwingt ihn, das Dokument zu unterschreiben. Währenddessen verschwindet ›Der Kronschatz‹ auf wundersame Weise. Als Robin heimkehrt, ist Marian entführt worden. Ihr Leben hängt buchstäblich an Robins Bogenkunst. Es kommt zum großen Showdown zwischen ihm und Guy und einer überraschenden Wendung, die beider Schicksal besiegelt. Die Sünden des Vaters holen Robin von Loxley ein (›Manche Wunden heilen nie‹) und die Geächteten verlieren ihren Anführer. Doch Marian und John Little (Reinhard Brussmann spielt − stimmlich kraftvoll − erst den Bösen, dann den Guten, der Switch ist nicht einfach) gelingt es, die Getreuen davon zu überzeugen, dass Robin gewollt hätte, dass der Kampf fortgesetzt wird: »Freiheit ist stärker als der Tod.«

Eine klappbare Wand aus Elementen, die sich verschieben und separat öffnen lassen, sodass blitzschnell Darsteller/innen verschwinden und wieder auftauchen können, umgibt die Bühne. Sie kann mit farbigen LEDs konturiert werden und ist zugleich Projektionsfläche für die atmosphärischen, lichtdurchfluteten Naturbilder oder die erdrückenden, grauen Burgmauern sowie bedrohlich zum Kreuzzug in Blutrot getauchten Bilder aus der Klosterliteratur. Zu den Choreographien mit rot-weißem Schild wird zudem aus Papst Gregors VIII.

Aufruf zum dritten Kreuzzug zitiert: »Kreuz auf der Fahne, den Glauben im Blut«. Eine Ensembleszene visualisiert die Vergewaltigung und Ermordung der Frauen, begleitet von orientalischen Klängen: Rote Tücher symbolisieren das Blut, das aus Mund oder Körper herausspritzt.

Hinter der beweglichen Wand wird eine schräge Plattform mit Hubtechnik in verschiedenen Aufrichtungsstadien zur Spielfläche. Hier wird der gefangene Robin in der Art des Gekreuzigten fixiert und kämpft sich mit dem Bogen frei. Die Kostüme von Conny Lüders sind von Lederharnisch, Wams und Korsett geprägt, auch die Frauen tragen Leder. Während dies bei den Geächteten stimmig wirkt, passen die tanzenden Frauen in kurzen Lederröcken und Stiefeln auf der Hochzeit auf Huntington weniger ins Bild. Die mitreißenden River-Dance-Nummern ›Freiheit für Nottingham‹ und ›Wir hab’n die Kohle‹ sowie die durch Bruder Tuck (hinreißend: André Haedicke) angeführten komödiantischen Szenen lockern die ernste Handlung auf. Generell ist der Wald in »Robin Hood« ein magischer Ort, in dem Grenzen verschwimmen und Gräben überwunden werden. Die Personalszene auf der Burg, die sehr an ›Merkwürdig‹ aus der Stuttgarter »Rebecca«-Produktion erinnert, erscheint dagegen verzichtbar. Doch das ist Meckern auf hohem Niveau.

Matthias Davids ist, unterstützt durch das fantastische Bühnenbild von Hans Kudlich und die ideenreichen sowie bildgewaltigen Choreographien von Kim Duddy, eine Inszenierung gelungen, die den Spannungsbogen bis zum Schluss hält und einen immer wieder überrascht, selbst wenn das Ende vorhersehbar scheint.

Barbara Kern