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Fremd im Herzen der Stadt


Spiegel Geschichte - epaper ⋅ Ausgabe 4/2019 vom 30.07.2019

Die ersten jüdischen Viertel entstanden imMittelalter im Rheinland. Wegen ihres wirtschaftlichen Potenzials waren die Juden anfangs hochwillkommen. Doch mit der Zeit wuchsen die Vorbehalte.


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Bildquelle: Spiegel Geschichte, Ausgabe 4/2019

Eingebunden Der rituelle Bezirk der Juden von Worms – hier der Zustand um 1500, im Computer rekonstruiert für die Ausstellung »Europas Juden im Mittelalter« (2004/05) – unterschied sich kaum von der umliegenden Stadt. Ganz links das Frauenbethaus, mittig mit Rundfenster die Männersynagoge, rechts das Tanzhaus, vorn unter der niederen Ab - deckung das rituelle Taufbad (Mikwe).


wer im deutschen Reich des Mittel - ...

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... alters ein jüdisches Viertel besuchte, der betrat eine Stadt in der Stadt. Verwinkelte Gassen führten an dicht beieinanderstehenden Häusern vorbei und liefen vor der Synagoge zusammen.

In der Synagoge, die nicht nur Gotteshaus, sondern auch Mittelpunkt der Gemeinde war, trafen sich die Gläubigen morgens und abends zum Gebet. Bevor sie den Gebetsraum betreten durften, hatten sie sich die Schuhe im Vorraum an einem Schuheisen zu reinigen. Dort kochte auch die Gerüchteküche: In dem Raum trafen sich die Nachbarn vor und nach dem Gottesdienst und erzählten sich Neuigkeiten. Verpasste ein Gemeindemitglied unentschuldigt die täglichen Gebetszeiten, musste es Buße tun – zugunsten der Gemeindekasse.

Noch heute lassen die engen Gassen des ehemaligen Judenviertels in Worms – hebräisch Warmaisa – das Leben im Mittelalter erahnen. Ein Tor in der Stadtmauer, die »Judenpforte«, führte zum Rheinhafen, wo die jüdischen Kaufleute, die spätestens von der zweiten Hälfte des 10. Jahrhunderts an hier bezeugt sind, mit Gewürzen und Edelmetallen handelten.

Seit dem 9. Jahrhundert zogen jüdische Fami - lien vor allem aus Italien, Süd- und Zentralfrankreich an den Rhein, sie ließen sich zunächst in Kathedralstädten mit antiker Tradition nieder, in Worms, Speyer, Mainz und Köln. Das gerade entstehende ostfränkische Reich war attraktiv für die international vernetzten Fernhändler. Sie kamen aus Gegenden, in denen die Städte schon weiter entwickelt waren; nicht zuletzt wegen ihres wirtschaftlichen Potenzials waren die Zuwanderer in den wachsenden Städten am Rhein hochwillkommen. Der Bischof von Speyer lud die Juden 1084 ein, »das Ansehen dieses unseres Ortes zu vertausendfachen «.

Eine jüdische Sage aus Mainz, die nach Ansicht von Wissenschaftlern einen historischen Kern hat, gibt Hinweise auf die ersten Juden: Der Erzählung nach ließ sich Anfang des 10. Jahrhunderts mit Billigung oder sogar auf Einladung des Königs eine Familie mit Namen Kalonymos in Mainz nieder, die aus dem italienischen Lucca ausgewandert war. Männer aus dieser Familie brachten gelehrtes Wissen aus Palästina und Babylon an den Rhein; sie gründeten dort Talmudschulen, die prägend wer den sollten für das Leben und die Kultur der Juden nördlich der Alpen, der Aschkenasen.

Unauffällig: Auch in Speyer wirkten die jüdischen Kult bauten – Frauenund Männersynagoge – eher bescheiden (Computerrekonstruktion).

Tracht: Wormser Juden in Kleidung des 16. Jahrhunderts (unten)

Die jüdischen Familien, die anfangs zumeist zur Oberschicht gehörten und Gelehrte, Kaufleute und Geldhändler waren, lebten mit ihrem Personal im Haushalt, oft auch mit den Familien der Söhne oder Schwiegersöhne, die ins Geschäft einstiegen.

Während die Vielehe im Judentum ursprünglich gestattet war, untersagten Mainzer Gelehrte den aschkena - sischen Juden diese Praxis bereits im 10. Jahrhundert. Etliche Forscher erkennen darin die wichtige Rolle, die die Frauen in den jüdischen Familien hierzulande spielten. Im religiösen Bereich allerdings wurden Frauen ausgegrenzt, die Synagoge durften sie nicht betreten. Erst vom 13. Jahrhundert an errichteten die Gemeinden eigene Gebetsräume für Frauen. Sie waren seitlich an die Synagoge angebaut und mit dieser durch kleine Hörfenster verbunden.

Ihre Häuser bezogen die jüdischen Familien nah beieinander, so, wie auch Handwerker in den mittelalterlichen Städten in jeweils eigenen Straßen oder Vierteln siedelten. Die jüdischen Häuser unterschieden sich architekto- nisch nicht von den übrigen. Eine Besonderheit war die »Mesusa« am Türpfosten: Ein kleiner Behälter mit einem religiösen Zitat auf Pergament.

Zentraler Bezugspunkt für die Gemeinde war die Synagoge, um sie herum gruppierten sich in den größeren Städten Tanz- und Spielhaus, die Talmudhochschule (Jeschiwa) und das Ritualbad (Mikwe). Mancherorts verzichteten die Bewohner der Judenviertel auf den Bau einer Mikwe und nutzten Flüsse für ihre rituellen Waschungen. Auch ein Hospital, Bäckereien und Metzgereien fanden sich hier, der Friedhof lag etwas außerhalb. Am Schabbat, dem wöchentlichen Ruhetag, folgten die Gläubigen speziellen Regeln. Dazu gehörte, keine Gegenstände von einem Haus zum anderen zu tragen. Mit Seilen, Zäunen oder auch Mauern wurde jedoch Schabbatbereich abgetrennt, innerhalb dessen das Herumtragen erlaubt war.

Der Kaiser garantierte 1090 den Wormser Juden eigene Rechte und Schutz von Leben und Eigentum, doch schon 1096 versagte dieser Schutz: Hunderte wurden von aufgewiegelten Kreuzfahrern getötet, die jüdischen Gemeinden von Mainz und Worms mitsamt ihren religiösen Autoritäten aus- gelöscht (siehe Seite 32). Doch trotz der schrecklichen Taten ließen sich vielerorts nach den Pogromen wieder Juden nieder. Ihre Gemeinden wuchsen weiter und blühten im Hochmittelalter richtig auf. Zu

Rekonstruiert: Eine schlichte Halle mit Holzbalken - decke – etwa so mag der Männer - betraum mit der Kanzel (Bima) in Speyer ausgesehen haben.


Zu den berühmten Gelehrten in den rheinischen Städten gehörte Rabbi Meir ben Baruch aus Worms. Als Spross einer Familie von Talmudgelehrten war Meir um 1220 geboren worden, er studierte an den Talmudhochschulen in Würzburg und Paris und wurde einer der gelehrtesten Männer seiner Zeit.

Einer von Rabbi Meirs Schülern überlieferte folgende Begebenheit: »Nachdem Rabbi Meir berühmt geworden war, wollte er seinen Vater nicht mehr besuchen und wollte nicht, dass dieser zu ihm kommt.« Dahinter steckte nicht etwa ein Familienzwist, sondern Respekt. Der Sohn befürchtete, dass der Vater vor ihm aufstand, wenn sie sich begegneten – eine Ehrbezeugung, die üblicherweise der Sohn dem Älteren schuldet. Meir ben Baruch ging künftig seinem Vater aus dem Weg. Er zog sogar fort nach Rothenburg ob der Tauber. Dort blieb er bis zum Tod des Vaters und kehrte gegen 1280 nach Worms zurück.

Rabbi Meir erlebte die Blütezeit des jüdischen Lebens in den deutschen Landen. »Über das ganze Reich gab es Siedlungen, die Bewohner standen in engem Kontakt«, sagt Rainer Josef Barzen. Am Institut für Jüdische Studien der Universität Münster erforscht Barzen das Leben der Juden im Mittelalter. Der Historiker deutet auf Landkarten, mit denen die Wand seines Büros tapeziert ist. Sie zeigen das Gebiet des Heiligen Römischen Reichs und der angrenzenden Länder, Aschkenas, wie die Juden es nannten.

Mindestens 1 bis 2 Prozent der gesamten Bevölkerung waren nun jüdisch, in manchen Orten machte ihr Anteil sogar 10 bis 20 Prozent aus. Nicht nur in großen Städten lebten Juden, sondern auch in kleineren, oft an Handelswegen, etwa im hessischen Friedberg, in Coesfeld, Unna, Torgau oder Meißen.

Zwischen 1100 und 1350 erbauten die Gemeinden vielerorts prächtige Synagogen, repräsentative Bauten, die von der Bedeutung und vom Selbstbewusstsein der mittelalterli-chen Gemeinden künden, wie etwa die Alte Synagoge in Erfurt.

Aufbewahrt: Der Toraschrein der Speyerer Synagoge in der Computer - rekonstruktion. Hinter dem Vorhang wurden die Tora rollen verwahrt.


Der Stauferkaiser Friedrich II.bestätigte 1236 die eigenen Rechte der Juden, sogenannte Privilegien: Dazu gehörten der Schutz des Eigentums, wirtschaftliche und religiöse Freizügigkeit, die Erlaubnis, christliches Hauspersonal zu beschäftigen und eine weitgehende Selbstverwaltung der Gemeinden. Sie hatten ihre eigene, religiös fundierte Rechtsprechung, sie waren für die Aufrechterhaltung der Ordnung selbst verantwortlich und zogen die Judensteuer im Auftrag der christlichen Herrschaftsträger ein; oft wählte die Gemeinde einen Rat mit einem »Parnas«, dem Gemeindevorsteher, als Vertreter. Auch an der Verteidigung der Städte waren die Juden beteiligt, sie durften in jener Zeit wie alle Bürger Waffen tragen.

Ebenso wie die Christen waren längst nicht alle Juden wohlhabend: Es gab auch eine jüdische Unterschicht, etwa Mägde, Hauslehrer und Gemeindebedienstete. In Köln und Regensburg wurden eigene jüdische Armenhäuser für Obdachlose eingerichtet. Historische Zeugnisse aber sind, wie meist aus dieser Zeit, vor allem von jenen erhalten, die Besitz hatten.

So gaben vermögende Juden zahlreiche kostbare Handschriften mit religiösen Texten in Auftrag. Während es Juden waren, die die hebräischen Texte schrieben, verschönerten christliche Ateliers die Pergamente mit farbigen Bildern, sogenannten Illuminationen, zeigten Untersuchungen jüdischer Handschriften des Bodenseeraums. An den Handschriften arbeitete eine Redaktion über Glaubensgrenzen hinweg.

»Immer wieder näherte man sich an, trotz aller Unterschiede«, sagt Christoph Cluse. Im litur - gischen Bereich und manchmal auch für ihre Geschäftsbücher nutzten die Juden das Hebräische, ansonsten sprachen sie die regionalen Dialekte, erst im Spätmittelalter entwickelte sich Jiddisch (siehe Seite 38) zur innerjüdischen Umgangssprache.

Der Historiker vom Arye Maimon-Institut für Geschichte der Juden der Universität Trier kennt viele Beispiele von friedlichem Zusammenleben auf engstem Raum. Juden und Christen besuchten gemeinsam Badestuben und Wirtshäuser, Christen arbeiteten als Dienstboten in jüdischen Haushalten, und Freundschaften zwischen den Angehörigen beider Religionen waren an der Tagesordnung. In Regensburg funktionierte die Nachbar- schaft der Glaubensgemeinschaften so gut, dass man sich sogar gelegentlich überkonfessionell das stille Örtchen teilte.

Doch bei allen Gemeinsamkeiten achteten oft beide Seiten auf eine klare Abgrenzung. Häufig waren die Gassen, die von den jüdischen in die christlichen Stadtteile führten, mit Toren und Türen verschließbar. Zugesperrt wurde von jüdischer Hand: Das Viertel sollte ein Schutzraum bleiben, in dem man gegen äußere Einflüsse abgeschirmt war. Insbesondere an Feiertagen sperrten die Juden das städtische Geschäftsleben aus und blieben lieber unter sich.

Auch im äußeren Erscheinungsbild wollten sich Juden bewusst von Christen absetzen. Die jüdischen Gemeinden in Mainz, Worms und Speyer erließen 1223 ein Rasurverbot. Jüdische Männer soll- ten sich im Straßenbild mit Bärten deutlicher von Christen unterscheiden. Umgekehrt verhängten christ - liche Gemeinden Kleidervorschriften für die Andersgläubigen.

Vielerorts war auch das Tragen eines sogenannten Judenhuts gängig, einer Kopfbedeckung mit breiter Krempe und einer Spitze oder Halbkugel darauf. Nicht immer waren solche Kennzeichnungen als Stigma zu verstehen. In der mittelalterlichen Gesellschaft war es üblich, dass jemand durch seine Tracht zeigte, welchem Stand, welcher Zunft, Gilde oder eben welcher Religion er angehörte.

Auch der Kirche lag an der Kennzeichnung der Juden. Denn es komme vor, dass sich christliche Männer irrtümlich mit jüdischen Frauen einließen. Die passenden Kleider sollten der verbotenen Liebe den Riegel vorschieben, wurde auf dem vierten Laterankonzil von 1215 angeordnet.

So blieb das jüdische Viertel in der mittelalterlichen Stadt eine Welt für sich. Die Geld- und Waren - ströme aber flossen über religiöse Grenzen hinweg und sorgten für Austausch und Kontakte. Juden galten als gute Handwerker. Christen schätzten jüdische Kartenmaler, Würfelmacher, Goldschmiede, Siegelstecher und Glasmacher. Hohes Ansehen genossen jüdische Ärztinnen und Ärzte – trotz kirchlicher Verbote, sich von ihnen behandeln zu lassen.

Im Judenviertel gab es eigene Bäcker und Fleischer. »Juden schächteten ihre Tiere selbst«, erklärt Christoph Cluse. »Tauchte Fleisch auf, das nicht koscher war, so verkauften sie es an Christen. Da entstand bald Regelungsbedarf mit christlichen Fleischern, die sich gegen die Konkurrenz wehrten.«

Um Konflikte zu vermeiden, erließen die Stadtregierungen neue Gesetze: Zum Ende des 12. Jahrhunderts durften nur noch Christen den Handwerkszünften beitreten. Fortan blieb das jüdische Handwerk auf die Judengassen beschränkt.

Schon vorher waren viele Juden als Kaufleute tätig gewesen und hatten mit Luxuswaren, Arzneistoffen und Textilien aus fernen Ländern Handel getrieben. Unter ihnen gab es auch viele erfolgreiche Kauffrauen, einige mit politischer Macht. Gutrat Schalmann aus Regensburg etwa reiste persönlich zu Kaiser Friedrich III.nach Wien, um bei ihm die Befreiung von 17 gefangenen Regensburger Juden zu erwirken. Die wohlhabende Regensburger Witwe Kaendlein bekleidete sogar das Amt einer Parnesset, einer Gemeindevorsteherin.

Etliche Jüdinnen arbeiteten auch stellvertretend für ihre Männer oder auch selbstständig als Geldleiherinnen. In manchen Gemeinden lag bis zu einem Drittel des Geldhandels in den Händen jüdischer Frauen. Juden waren schon früh im Geldverleih tätig, doch im Laufe des Mittelalters spezialisierten sich viele von ihnen darauf.

Wer Geld brauchte, ging zum Geldverleiher und zahlte den Betrag später mit Zinsen zurück. Als Pfand erhielten die Geldverleiher in der Regel Schmuck- und Alltagsgegenstände, die sie notfalls verkaufen konnten, wenn ein Schuldner nicht zurückzahlte.

Auch Christen hatten zu Beginn des Mittelalters Geld verliehen. Der Kirche aber waren die Zinsgeschäfte zunehmend ein Dorn im Auge: Einem Notleidenden zu helfen sei Gebot der Nächstenliebe und dürfe nicht der Bereicherung dienen, hieß es immer häufiger. Seit 1179 war es Christen verboten, Geld gegen Zinsen zu verleihen.

Juden waren zwar nicht den kirchlichen Gesetzen unterworfen, doch gingen die Kirchenoberen auch gegen sie vor: Auf den Konzilen von Lyon (1274) und Vienne (1311/12) drohten sie den Herrschern und Städten mit Exkommunikation, wenn sie weiterhin jüdische Geldverleiher duldeten und ihnen bei der Eintreibung offener Schulden halfen.

Gebeutelt von Vorschriften und häufig willkürlicher Besteuerung, versuchten jüdische Geschäftsleute, die Steuerlast durch hohe Zinssätze auszugleichen. Trotzdem gab es weiterhin einen Markt für kurzfristige Geldgeschäfte mit Juden. Ritter finanzierten bei ihnen ihre riskanten Unternehmungen, und die kleinen Leute kamen zu ihnen, wenn es eng wurde.

»Es kam oft vor, dass ein Christ einem anderen Geld geliehen hatte, dieses aber nicht zurückbekam«, erklärt Christoph Cluse. Dann steckte der Kreditgeber selbst in Schwierigkeiten und musste seinerseits zum Geldverleiher gehen. Das Geld nahm er allerdings nicht auf eigenen Namen, sondern auf den des ursprünglichen Schuldners auf. Dieser hatte also die Zinsen zu zahlen.

Auf diese Weise dienten jüdische Geldverleiher auch als eine Art Kreditversicherung. »Die Juden waren ein Rad im Getriebe, aber bestimmt keine Wucherer, wie uns insbesondere die Quellen des 15. Jahrhunderts glauben machen wollen«, sagt Christoph Cluse.

Dennoch waren die Schulden, die bald nicht mehr nur Privatpersonen, sondern auch Landesherren bei jüdischen Geldhändlern hatten, eine der tiefer gehenden Ursachen für die Übergriffe, die nun häufiger wurden. Hinzu kam eine verbreitete Furcht vor Hexen und Zauberern – und Juden bewegten sich nicht zuletzt wegen ihrer für Christen unverständlichen liturgischen Sprache und fremdartigen Schrift an der Grenze zum Ketzertum.

Im 13. Jahrhundert mehrten sich die Gerüchte, Juden begingen Ritualmorde an Christen. 1241 wurden in Frankfurt am Main 180 Juden umgebracht, 1265 kam es zu Überfällen und Morden in Koblenz und Sinzig (siehe auch Seite 32).

In Worms hatte Rabbi Meir die Gefahr erkannt. Er floh 1286 mit seiner Familie über die Alpen. Über Venedig wollte er ins Heilige Land auswandern. Doch kurz hinter den Alpenpässen erkannte ein getaufter Jude den berühmten Gelehrten. Meir wurde gefangen genommen und an König Rudolf I.ausgeliefert. Der ließ den Rabbi in Ensisheim im Elsass einsperren.

Meirs Anhänger vereinbarten mit dem König ein Lösegeld. Der Rabbi aber soll es abgelehnt haben, gegen die astronomische Summe von 20000 Silbermark freizukommen. Er befürchtete, so heißt es, die Herrscher könnten sich ein Beispiel daran nehmen und Juden willkürlich ge - fangen setzen, um an ihr Geld zu gelangen. Die Verhandlungen zogen sich hin. Nach sieben Jahren starb Rabbi Meir in Gefangenschaft.

Der König weigerte sich dann sogar, den Leichnam herauszugeben. Im jüdischen Brauchtum aber ist die letzte Ruhestätte bedeutender Teil des Glaubens. Auf dem Friedhof sollten die Toten bei ihren Vorfahren be stattet werden, ihr Grab sollte auf ewig unberührt bleiben. Der Ausschluss von der Beerdigung auf dem Friedhof der Ahnen galt als schwerster Bann, den eine Gemeinde verhängen konnte.

Nach zähen Verhandlungen kehrte der Leichnam von Rabbi Meir 1307 schließlich heim nach Worms – 14 Jahre nach seinem Tod. Der Frankfurter Kaufmann Alexander ben Salomon Wimpfen hatte sein Vermögen für die Auslösung des Leichnams gegeben. Im Gegenzug wollte Wimpfen neben Rabbi Meir bestattet werden. Der Wunsch wurde ihm gewährt. Noch heute sind die Grabsteine der beiden Männer nebeneinander auf dem jüdischen Friedhof in Worms zu finden, dem ältesten erhaltenen jüdischen Friedhof in Europa.

Die Befürchtungen Rabbi Meirs sollten sich bewahrheiten. Mitte des 14. Jahrhunderts grassierte die Pest; die Christen gaben den Juden die Schuld daran, die schwersten Pogrome des Mittelalters folgten. Landauf, landab wurden in den Jahren von 1348 an Juden verfolgt und ermordet.

Unter Gewölben: Einer der Haupt räume der Speyerer Synagoge erhielt wie andere Sakralbauten Mitteleuropas ein Rippen gewölbe (Computerrekonstruktion).

Regionen: Fürther Juden, etwa 18. Jahrhundert (linke Seite)

Auch wenn sich danach wieder Juden ansiedelten, in den Orten war nichts wie vorher. »Die Zerstörung der Pestpogrome war so umfassend, dass auch die Infrastruktur ver nichtet wurde«, sagt Rainer Josef Barzen. »Danach waren die Gemeinden wesentlich kleiner.« Ihre Bedeutung für die Städte sank. Die rechtliche Situation der Juden verschlechterte sich. Land und Häuser gehörten ihnen nicht länger. Viertel, die zuvor oft in der Nähe des Doms in zentraler Lage zu finden waren, wurden an den Rand der Städte verlegt. »Und diese Judenviertel wurden nicht mehr nur von innen, sondern von außen abgeschlossen «, erklärt Barzen.

Für Frankfurt am Main beispielsweise ordnete Kaiser Friedrich III.die »Entfernung« aller Juden aus ihren Häusern in der Domgegend an. Danach lebte die Ge - meinde am Wollgraben hinter der Stadtmauer. Ge genüber bauten die Frankfurter eine zweite Mauer, sodass eine enge Gasse entstand. Die Tore, die hinein- und herausführten, blieben nach zehn Uhr abends und an christlichen Feiertagen geschlossen.

Zwischen 1350 und dem ersten Drittel des 16. Jahrhunderts gab es im Reich 1022 Orte, in denen Juden lebten; doch in größeren Städten waren es jetzt nicht mehr wie vor den Pogromen mehrere Hundert Personen, sondern nur noch bis zu 30 Familien.

An der Schwelle zur Neuzeit verließen zahlreiche Juden die Städte, in denen ihre Vorfahren über Generationen gelebt hatten. Manche gingen, um Verfolgungen zu entgehen, manche, weil die christlichen Stadtherren ihre Aufenthaltsgenehmigungen nicht verlängerten.

Viele jüdische Geschäftsleute fanden Zuflucht in Italien. In Padua, Treviso und Mestre, nahe Venedig, entstanden Familienunternehmen, die Jahrhunderte Bestand haben sollten. Zurück blieben oft diejenigen, die sich einen Umzug nicht leisten konnten, etliche von ihnen verdienten nun als Handwerker und Hausierer ihren Lebensunterhalt.

In den meisten deutschen Städten kam das jüdi - sche Leben zum Erliegen.

Die »Schum-Städte«

Das Wort »Schum« ist eine Abkürzung aus den hebräischen Namen der Städte Speyer, Worms und Mainz (Schpira, Warmaisa, Magenza). In Mainz wurde eine jüdische Gemeinde erstmals 932 erwähnt, in Worms im 10. Jahrhundert, in Speyer 1084. Der von früh an enge Verbund erhielt schon im 14. Jahrhundert die Abkürzung »Schum«; er galt als Wiege der Gelehrsamkeit des aschkenasischen Judentums. So rühmte der böhmische Rabbi Isaak ben Mosche Mitte des 13. Jahrhunderts die Rabbiner dort als die »gelehrtesten der Gelehrten«; von ihnen gehe »die Lehre aus für ganz Israel … Seit dem Tag ihrer Gründung richteten sich alle Gemeinden nach ihnen, am Rhein und im ganzen Land Aschkenas«. Die drei Städte bewerben sich derzeit um den Status als Unesco-Weltkulturerbe.

Jüdische Feste

• PESSACH (auch Passah)

Pessach ist ein sieben Tage dauerndes Fest im Frühjahr, mit dem an die Befreiung aus der ägyptischen Knechtschaft und den Auszug aus Ägypten erinnert wird. Als Pessach wird auch das Lamm bezeichnet, das zu dieser Feier geschlachtet und mit ungesäuertem Brot (Mazza) gegessen wird.

• CHANUKKA

Das achttägige Lichterfest erinnert an die Rückeroberung des Jerusalemer Tempels durch die Makkabäer im Jahr 165 v. Chr. Bei der Wiedereinweihung des Tempels wurde, so ist es überliefert, ein Rest Öl gefunden, mit dem der goldene Leuchter im Tempel acht Tage lang brannte – der Leuchter, der an Chanukka angezündet wird, hat deshalb acht Lichter. An den Festtagen wird gebetet, die Kinder bekommen Geschenke, oft gibt es Fettgebackenes wie Krapfen – um damit an das Ölwunder im Tempel zu erinnern.

• PURIM

Purim, im Februar oder März gefeiert, soll daran erinnern, wie das jüdische Volk in Persien aus großer Gefahr gerettet wurde, wie es im Buch Ester beschrieben ist. Wird die Geschichte in der Synagoge vorgelesen, dürfen die Gläubigen an bestimmten Stellen Lärm machen, die Kinder gehen verkleidet in die Synagoge. Zum Festessen gibt es dreieckige Teigtaschen, gefüllt mit Mohn, Honig, Nüssen oder Marmelade.

• JOM KIPPUR

Der sogenannte Versöhnungstag ist der wichtigste jüdische Feiertag. Er wird im September oder Oktober gefeiert und läutet das Ende der zehn Bußtage ein, die am jüdischen Neujahrsfest Rosch ha-Schana beginnen. Für die Gläubigen ist es ein Tag der Buße und der Umkehr; dem Glauben zufolge vergibt Gott an diesem Tag alle ernsthaft bereuten Sünden. Der Tag ist geprägt von zahlreichen Riten.

Koschere Nahrungsmittel

Das Wort »koscher« (jiddisch für erlaubt) bedeutet, dass Speisen und Getränke entsprechend der Glaubensvorschriften zube reitet sind. Auf den Speisegeboten der Tora basierend, werden Lebensmittel in koscher und nicht koscher eingeteilt. Der Verzehr von Fleisch ist nur von bestimmten Tieren gestattet, wie beispielsweise von Kühen, Schafen, Ziegen oder auch Geflügel. Schweine, Pferde und Wildtiere sind hingegen tabu. Fische dürfen gegessen werden, wenn sie Flossen und Schuppen haben, Meeresfrüchte und Aale sind daher verboten. Juden ist es außerdem streng untersagt, Blut zu verzehren. Aus diesem Grund müssen bestimmte Tiere auf rituelle Art – das sogenannte Schächten – geschlachtet werden. Milch- und Fleisch - produkte dürfen weder gleichzeitig verzehrt noch mit denselben Gerätschaften zubereitet oder zusammen aufbewahrt werden.

Gebetskleidung

Zur klassischen Gebetskleidung gehören vor allem die Tefillin, der Tallit, die Kippa und bei orthodoxen Juden auch der Gartl. Tefillin sind Riemen, an denen lederne Kapseln befestigt sind, die Abschnitte aus der Tora beinhalten. Der Tallit ist ein viereckiges Tuch, das als Gebetsmantel und auch als Totenhemd dient. Die Kopfbe - deckung der männlichen Juden nennt man Kippa. Viele orthodoxe Juden tragen außerdem einen Gürtel, den sogenannten Gartl.