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»FREMD WIE AUSSERIRDISCHE«


Spiegel Geschichte - epaper ⋅ Ausgabe 5/2018 vom 25.09.2018

Wie reagierten dieMuslime auf die Invasion? Die Historikerin Carole Hillenbrand erklärt, wie die Gegenwehr zum Dschihad wurde.


Artikelbild für den Artikel "»FREMD WIE AUSSERIRDISCHE«" aus der Ausgabe 5/2018 von Spiegel Geschichte. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Spiegel Geschichte, Ausgabe 5/2018

Auch die byzantinische Geschichtsschreibung erzählte von Konflikten mit Muslimen, etwa Johannes Skylitzes in seiner Kaiserchronik. Sie ist in einer griechischen Handschrift überliefert, die mit 574 Miniaturen geschmückt ist, darunter diese, die arabische Belagerer vor der Stadt Edessa im Jahr 1038 zeigt(Manuskript wohl vor 1175, National - bibliothek Madrid).


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... Wer weiter entfernt war, verhielt sich gleichgültig; man erfuhr auch nicht viel. Um - so schockierter waren die Betroffenen in Palästina und speziell Jerusalem; die Invasion überraschte sie total. Die Ankömmlinge kamen ihnen vor wie Außerirdische, so fremd. Man war an die Byzan - tiner gewöhnt, mit denen es seit Langem Grenzkonflikte gab. Aber die Neuankömmlinge hatten blaue Augen, trugen Kreuze auf ihrer Kleidung und vor allem: Sie agierten überaus brutal.

Aber man kannte doch Europäer als Händler?

Ja, aber von einem geplanten Angriff ahnte man nichts. Am ehesten hätte man in Ägypten etwas wissen können. Es gibt keine Beweise, doch ich bin nahezu sicher, dass der Papst 1095 durch Mittelsmänner der in Ägypten herr - schenden Fatimiden wusste, wie geschwächt die islamischen Reiche gerade waren. Weshalb hätte man sonst diesen Moment für einen Angriff ausgesucht?

Was war geschehen?

1092 und 1094 waren vier der wichtigsten Herrscher gestorben; im Süden und Osten des Mittelmeers herrschte große Unsicherheit. Der Kaiser von Byzanz hatte schon früher Papst Gregor VII. gegen die türkischen Nomaden um Hilfe gebeten – erfolglos. Nun sah es anders aus, jetzt ließ sich die »Befreiung« des Heiligen Landes auch aus päpstlicher Sicht als aussichtsreicher Feldzug propagieren.

Wie stark war der Zusammenhalt in der islamischen Welt überhaupt?

Im Grunde sehr gering. Im Osten lag das Reich des Kalifen von Bagdad aus der Dynastie der Abbasiden. Er spielte als geistlicher Führer der Sunniten eine ähnliche Rolle wie der Papst, wenn auch nicht mit absolutem Machtanspruch, eher repräsentativ. Die Abbasiden litten seit einiger Zeit unter dem Druck türkischer Stämme. Sie machten – vor allem der Clan der Seldschuken – die Grenzen unsicher, nahmen in Iran, dann im Irak Städte ein und zogen weiter, bis sie im östlichen Anatolien angelangt waren.

Waren das nicht auch Muslime?

Ihre Sultane hatten den Islam angenommen, aber ich zweifle stark, dass die religiöse Überzeugung der Eroberer tiefer ging. Sie blieben weit - gehend bei ihrem Schamanismus. Und die türkischen Nomaden, die später erobernd und plündernd nachrückten, waren erst recht keine orthodoxen Muslime. So entstand eine eigentümliche Mischung aus persischer Herrscherkunst, sunnitischem Islam und türkischer Militärmacht.

Haben die Seldschuken überhaupt eine politische Einheit erreicht?

Nur kurz. Ihr Sultanat zerbrach 1092, als ein Führer umgebracht wurde und der andere unter mysteriösen Umständen ums Leben kam. Nun griffen türkische Warlords nach der Macht in den größeren Städten Anatoliens, Syriens und Palästinas – was die bisherige Vormacht in der Region, die Fatimiden, sehr nervös machte.

Die waren aber doch stark als Beherrscher des reichen Ägyptens?

Ja, ihre Herrschaft reichte von Marokko bis Damaskus und zu den heiligen Stätten Mekka und Medina. Doch nach dem Tod des fatimidischen Kalifen 1094 begannen zwei Söhne, ein - ander zu bekämpfen; die Macht zerfiel rapide. Auch innerhalb der Schia gab es verfeindete Glaubensrichtungen. Dass Sunni-Muslime und Schia-Muslime einig gegen die Kreuzfahrer auftreten könnten, war sowieso ausgeschlossen. All das hat dazu beigetragen, dass der Erste Kreuzzug aus europäischer Sicht ein Erfolg wurde.

Unter islamischer Herrschaft lebten auch Christen – darunter etliche kleinere ostkirchliche Sekten – und Juden in Syrien und Palästina …

Sicher. Sie wurden als Anhänger von »Buchreligionen « im Großen und Ganzen toleriert, aber politische Mitsprache hatten sie nicht. Die orientalischen Christen dürften bei Ankunft der Kreuzfahrer sehr gemischte Gefühle gehabt haben. Als die Kämpfe endeten, gab es einige Ehen zwischen europäischen und orientalischen Christen – schließlich blieb so mancher Ritter vor Ort. Die Juden waren und blieben für sich wie bisher.

Wurde die Balance der Volkszugehörigkeiten und Glaubensrichtungen im Heiligen Land durch den Kreuzfahrerangriff schwer getroffen?

Und wie! Denken Sie nur an Jerusalem: Da lebten Armenier, Syrer, Juden, Christen, Mus lime aller Schattierungen … für die meisten war die Invasion eine Katastrophe.

Und doch entstanden seit 1098 rasch vier recht langlebige Staaten nach europäischem Lehnsmodell: Edessa, Antiochia, Jerusalem und Tripolis. Mussten die Muslime die Landnahme zähne knirschend ertragen?

Mehr oder weniger ja. Allerdings war der erste neue Staat, die Grafschaft Edessa, vorher ein armenisch-christliches Königreich gewesen. Man sieht schon daran: Die Befreiung der heiligen Stätten kann nicht das alleinige Motiv der bewaffneten Wallfahrer gewesen sein. Immerhin, Muslime wurden dann toleriert, etwa so, wie sie vorher die anderen toleriert hatten. Überhaupt ahmten die Kreuzfahrer politisch vieles nach, nur eben unter anderem religiösem Vorzeichen.

Warum auch nicht?

Eben – wem hätte es geholfen, eine funktionierende Infrastruktur zu zerstören? Ich finde es dennoch bemerkenswert, dass in nur wenigen Generationen offenbar eine Stimmung des Leben- und-leben-Lassens, ja, Normalität entstand.

Wie kam es dazu?

Etwa seit 1110 begannen muslimische und christliche Barone, lokale Allianzen miteinander gegen Dritte zu schließen, vor allem in Nord - syrien. Es ging so weit, dass Kalif und Seldschuken- Sultan in Bagdad Klagen über die Besatzer hörten, ein Heer entsandten – aber von Muslimen am Ort im Verbund mit den Kreuzfahrern zurückgeschlagen wurden. Die muslimischen Bewohner in den nie eroberten Städten Aleppo und Damaskus wollten weiter Handel treiben und brauchten dafür den Zugang zur christlich besetzten Küste. So mussten sie bis zu einem gewissen Grad mit den Kreuzfahrern zusammenarbeiten.

Solche Regelungen konnten leicht wieder in Konfronta tion umschlagen.

Bis etwa 1130 blieb das Miteinander heikel, dann trat etwas mehr Stabilität ein. Wir haben eine sehr wertvolle, schon von ihrer Gattung her ungewöhnliche Quelle aus dieser Zeit, die Memoiren des arabischen Patriziers Usama ibn Munkid. Er war zwar kein Historiker, sondern berichtete eher wie jemand im Pub, der mit guten Geschichten belehren und auch mal Lacher auslösen will. Aber er kannte viele Akteure auf allen Seiten persönlich, selbst den König von Jerusalem sowie Sultan Saladin.


»Ich glaube, schon beim Ersten Kreuzzug standen für manch einen die christlichen Ziele gar nicht im Vordergrund.«


Zeichnete Usama nicht vorwiegend ein karikaturhaft monströses Bild der Eindringlinge?

Sicher, er machte keinen Hehl aus seiner Verachtung, fluchte auf die »Franken« als treulos und spottete regelmäßig über ihre Barbarei. Aber er nennt auch einige Tempelritter seine Freunde und hat an mindestens drei Fürstenhöfen gelebt. Selbst wenn er effektvoll übertrieb, steckt wohl meist ein wahrer Kern in dem, was er notierte.

Sie kennen die islamischen Quellen bis ins Detail und sagen dennoch: Man muss Informationen über die Kreuzzüge mühsam suchen. Warum wurden die Angriffe für die damaligen Muslime kaum je zum Thema – gab es diese Art Geschichtsschreibung nicht? Oder blieben die Ereignisse letztlich doch lästige Randphänomene?

Beides stimmt zum Teil. Beim Ersten Kreuzzug kommt hinzu, dass niemand gern Nieder - lagen ausführlich beschreibt. Wir wissen von einer muslimischen Kreuzzugsgeschichte aus der Zeit, nur leider ist der Text verloren. So bleiben wir weitgehend auf nüchterne Annalen, Auftrags - werke über den Erfolg einzelner Herrscher oder Dynastien und auf spätere Überblicke wie Ibn al-Athirs nach 1200 entstandene, meist abgewogen urteilende Weltgeschichte angewiesen.

Zurück zum Geschehen selbst: Weshalb siedelten die Kreuzfahrer fast nur an der Küste? Erschien ihnen das Landesinnere zu unattraktiv?

Sicher auch dies. Mindestens ebenso wichtig war, dass man ja Jerusalem erobert, also das ideologische Hauptziel erreicht hatte. Man christianisierte die Gegend, so weit es ging. Doch militärische Überlegenheit ist nichts Selbstverständliches. Als 1144 Edessa gefallen war, rüstete man in Europa zum Zweiten Kreuzzug, der 1148 vor Damaskus scheiterte – und den Aufstieg des türkischen Machthabers Nur al-Din noch beschleunigte, der schließlich sogar Ägypten beherrschte.

Was war an Ägypten so wichtig, warum galt es als Schlüssel zu Jerusalem?

Es war die Kornkammer der Region. Deshalb wollte Nur al-Din es beherrschen, deshalb versuchten auch Kreuzfahrer immer wieder, dort Fuß zu fassen, bevor sie nach Palästina und Syrien aufbrachen.

Mit dem Ideal der christlichen Befreiung des Heiligen Landes hat der Besitz Ägyptens wenig zu tun.

Ich glaube, sogar schon im Ersten Kreuzzug standen für manch einen die christlichen Ziele gar nicht im Vordergrund. Natürlich gab es viele, die wirklich ihres Seelenheiles halber aufbrachen: Wer verlässt schon seine Heimat und marschiert zu Fuß etliche tausend Kilometer in karges, unwirtliches Gelände, wenn er nicht restlos überzeugt ist, dass es richtig und gut ist?

Auf christlicher Seite wurde der Glaubenskampf wie eine Ideologie propagiert. Gab es nicht im Islam auch das Konzept des Dschihad?

Eine weitere der Miniaturen in der Skylitzes-Handschrift zeigt eine arabische Verschwörung gegen Edessa.


»Das Wichtigste, was die Kreuzfahrer im Heiligen Land für ihr Leben lernten, war, Seife zu benutzen.«


Allerdings, nur taugte es zunächst schlecht für die Defensive. Und wo sich Franken und Muslime miteinander arrangierten, war von Dschihad natürlich vorerst keine Rede.

Der »Heilige Krieg« wurde dann aber wieder - belebt, nicht zuletzt aufgrund der anhaltenden Gegenwart der Kreuzfahrer – oder?

Wiederbelebt, genau. Den individuellen, spirituellen Glaubenskampf – auch das umfasst die Idee des Dschihad – hatte immer jeder für sich austragen können. Schon um 1100 hatte dann der syrische Rechtsgelehrte Sulami in einem »Buch über den Dschihad« die Angriffe der Kreuzfahrer als göttliche Warnung gedeutet und für moralische Aufrüstung plädiert. Aber es dauerte. Dass der Türke Zengi, nachdem er 1144 Edessa erobert hatte, vom Kalifen ehrenhalber Mudschahid, Dschihad-Kämpfer, genannt wurde, ist ein erstes frühes Indiz. Denn letztlich war Zengi doch einer dieser machtgierigen Militärs, sehr brutal, ein fürchterlicher Kerl – Leute fielen bei seinem Anblick tot um, heißt es.

Eher kein ehrenwerter Glaubenskämpfer …

Durchaus nicht. Andererseits war Zengi der Vater von Mahmud, der immer Nur al-Din genannt wird, das heißt »Licht des Glaubens«. Über ihm schimmerte plötzlich fast etwas wie ein Heiligenschein. Nur al-Din wurde und wird in religiösen Kreisen der islamischen Welt viel stärker akzeptiert. Er spendete für Glaubensschulen, ließ Moscheen bauen. In diesen lehrte man auch den Dschihad.

Die im Kern türkische Macht verbündete sich also mit der frommen islamischen Elite?

Ja, das war der erste Schritt. An Nur al-Dins Hof waren dann die kurdischen Ajjubiden tätig, denen Saladin entstammte. Der hatte das Glück, dass binnen weniger Jahre sein Onkel Schirkuh, Nur al-Dins General für Ägypten, der fatimidische Kalif und Nur al-Din selbst starben: So weitete sich Saladins Herrschaft geradezu verdächtig rasch aus. Als Kurde nutzte er seinen starken Stammesrückhalt; als Erstes beseitigte er Nur al-Dins Erben. Erst um 1184 nahm er sich die Kreuzfahrer vor – auch das erfolgreich. Schon 1187 eroberte er Jerusalem.

Durch die Konfrontation mit Richard Löwenherz wurde Saladin zur legendären Figur, auch im Westen später verklärt als weiser Muslimfürst, etwa in Lessings Drama »Nathan der Weise«.

Die Verehrung fing schon im Mittelalter an: Dante wies ihm bald nach 1300 in seiner »Gött - lichen Komödie« den sehr gefahrlosen obersten Höllenkreis der Ungetauften an, gleich neben antiken Größen wie Cäsar oder Sokrates – allerdings »solo«, abgesondert, weil er Muslim war. Dabei hat Saladin sehr wahrscheinlich Rainald von Châtillon, den verwegenen Herrn von Transjordanien, persönlich geköpft, weil der sich nicht zum Islam bekehren lassen wollte.

Carole Hillenbrand, 75, gilt weltweit als eine der besten Kennerinnen des Islam und Expertin für die Kreuzzugsgeschichte aus arabischer Sicht. Sie war Professorin in Edinburgh und lehrt in St. Andrews.


Geschah das auch im Namen des Dschihad?

Man konnte es zumindest so darstellen, das war das Wichtigste. Was Saladin wollte, weiß man oft gar nicht genau. Unbestritten dagegen ist, dass er jeden Schritt nachträglich vom Kalifen absegnen ließ. So entsprach der strategisch geschickte Reichsgründer nach außen fast ideal dem Modell des frommen, edlen Mudschahid, des Glaubenskämpfers.

In Ihrer Geschichte der Kreuz - züge tritt nach Zengi und Nur al-Din noch ein großer türkischer Heerführer auf: der Mamluken- Sultan Baibars. Wollen Sie suggerieren, dass militärisch gesehen nicht Araber, sondern Türken die entscheidenden Figuren auf islamischer Seite waren?

Diese Miniatur, ebenfalls aus dem Madrider Skylitzes- Manuskript, stellt byzantinische Krieger dar, die vor Edessa gegen die arabischen Belagerer kämpfen.


Das ist eine Tatsache. Die Mamluken- Herrscher Ägyptens traten Saladins Erbe an, sie sorgten für das Ende der Kreuzfahrerstaaten. Es waren streng sunnitische Muslime.

Was hebt Baibars heraus?

Er etablierte das Regime. Baibars – das türkische Wort für »Löwe« – war zunächst Militärsklave und stieg dann rasch auf; 1250 nahm er Frankreichs König Ludwig den Heiligen südlich von Damiette gefangen; im selben Jahr verübte er einen tödlichen Anschlag auf den ägyptischen Sultan. Den größten Ruhm erlangte er durch seinen Sieg über die Mongolen 1260; kurz darauf ermordete er den nächsten, schon mamlukischen Sultan und usurpierte dessen Thron.

Nach frommem Dschihad klingt das nicht gerade.

Warten Sie ab. Baibars erhielt regulären Nachschub an jungen Männern aus den Steppen Zentralasiens, die man von Sklavenmärkten des Mittleren Ostens nach Kairo in Kasernen brachte, wo sie zum Islam bekehrt und gedrillt wurden. Diese bestens ausgebildeten Spezialkämpfer, etliche Hundert Mann, entwickelten eine Art Ritterkodex. Söhne der Kämpfer durften nicht in das Kontingent eintreten, was ihm fast mönchische Züge verlieh.

Eine Kopie des Templer-Ordens?

Es hatte etwas davon. Dazu passte, dass Baibars strategisch glänzend operierte. Von 1265 bis 1271 drängte er die Kreuzfahrer systematisch auf die Küstenstädte Akkon, Beirut, Tyros, Sidon, Tripolis und Gibelet zurück. Seine Nachfolger – übrigens aus einer rivalisierenden Mamluken- Dynastie – beendeten mit der Einnahme Akkons 1291 das Regime der Kreuzfahrer.

Fühlte die muslimische Welt sich erlöst? Sprach jemand von einer Epochenschwelle?

Überhaupt nicht, man nahm kaum Notiz von der Sache – vermutlich, weil die Angst vor den Mongolen noch längst nicht gebannt war. In der Levante schotteten sich die Muslime ab; die Bedrohung erst aus dem Westen, nun von Osten ließ sie geradezu introvertiert werden. Man kann es verstehen. Seit der frühen Antike bis heute ist Syrien der Schauplatz eines militärischen Konfliktes nach dem anderen, es liegt nun einmal geografisch fatal zwischen den Regionen. Im Heiligen Land war man unter frommen Muslimen überwiegend erleichtert, Jerusalem wiederzuhaben.

Europa hat im Lauf der Kreuzzüge sehr viel von der islamischen Welt gelernt. Gab es dort auch das Empfinden, die »Franken« hätten auf gewissen Gebieten bereichernd gewirkt?

Intellektuell und kulturell – eindeutig nein. Nicht einmal die Methode, das Land mit gewaltigen Burgen zu sichern, wurde nachgeahmt. Die Kreuzfahrer dagegen mochten auf Anhieb die Kunst, die Kleidung und das Essen der Muslime, ihre Gewürze und vieles mehr. Daheim in Euro - pa entstand sogar eine kleine Welle von Exotismus, auch in der Literatur.

Demnach war der Eindruck vieler Muslime vom Anfang der Kreuzzugsperiode offenbar richtig: Europäer waren und blieben barbarische Unholde?

Darauf könnte man mit Jo shua Prawer, einem berühmten israelischen Kollegen, antworten: Europa schickte nicht seine besten Köpfe ins Heilige Land. Es gab Ausnahmen, ja: Erzbischof Wilhelm von Tyros – der verstand die Muslime wirklich. Oder Kardinal Jakob von Vitry, der als Historiker so feinfühlig den Gestank in Akkon beschrieb. Es klingt flapsig, aber es ist nicht ganz falsch: Das Wichtigste, was die meisten Kreuz - fahrer, die im Heiligen Land blieben, dort für ihr Leben lernten, war, Seife zu benutzen.

Frau Professorin Hillenbrand, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

SUNNITEN UND SCHIITEN

Im Jahre 656 wurde Ali ibn Abi Talib, Mohammeds Vetter und Schwiegersohn, als vierter Nachfolger des Propheten zum Kalifen erhoben, 26 Jahre nach dem Tod des Religionsstifters. Schon 661 jedoch fiel er im Bürgerkrieg mit den etablierten Omajjaden. Das spaltete den Islam: Die Schiat Ali (Partei des Ali) hält bis heute daran fest, dass Ali von Mohammed als unmittelbarer Nach - folger und »erster Imam« designiert worden war, während die Sunniten – heute mehr als 85 Prozent der Muslime weltweit – die Erbfolge über Mohammeds Schwiegervater Abu Bakr anerkennen. Unter den Schiiten gibt es wiederum verschiedene Traditions - linien: Die meisten erkennen eine Folge von zwölf Imamen an (Zwölfer-Schia), andere nur sieben (Ismai - liten) oder fünf (Zaiden). Der Konflikt zwischen Sunniten und Schiiten spaltet bis heute den Islam in zwei Lager.

KALIFEN UND SULTANE

Als Kalif gilt im Islam der geistliche Nachfolger Mohammeds. Infolge der frühen Glaubensspaltung hat es fast immer mehrere Kalifen gegeben; der sunnitische in Bagdad genoss unter ihnen in der Regel die höchste Autorität. Daneben gab es weltliche Regenten, die Emire oder Sultane hießen. Das arabische Wort Sultan bedeutet »Stärke«, es signalisiert den Machthaber. Erster Träger des Titels war der Ghaznawiden- Herrscher Mahmud von Ghasni (gestorben 1030).