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French HOUSE


musikexpress - epaper ⋅ Ausgabe 8/2021 vom 15.07.2021

GASPARD AUGÉ

Artikelbild für den Artikel "French HOUSE" aus der Ausgabe 8/2021 von musikexpress. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.
?Menschen vergessen, dass alles, was heute bei Social Media unendlich wichtig erscheint, in fünf Jahren nicht mehr existiert. Darum bin ich besessen von physischen Objekten. Wenn du alte Briefe deiner Eltern findest ? das werden deine Kinder nicht mehr können, weil es in einem alten Handy steckt. Aus einer Perspektive der Intimitäten wird Archäologie fast unmöglich.?

F„Das ist die japanische Sektion meiner Bibliothek. Ich habe viele Bücher des Illustrators Hajime Sorayama und eines Typen namens Shigeo Fukuda, einer der besten Grafikdesigner der 70er-Jahre. Er war stark beeinflusst von M. C. Escher und verschob die Grenzen des Denkbaren in der optischen Illusion.“

orce Majeure ist einfach ein so viel besserer Ausdruck als das gleichbedeutende „Höhere Gewalt“: Es klingt ein wenig wie Ballett, wie der Tanz des Todes bei Lars van Triers „Melancholia“, zugleich fürchterlich und doch von großer Zartheit. Jura als Poesie. „Force Majeure“ heißt auch Gaspard Augés erste Single aus dem Album ESCAPADES, seinem Solodebüt nach fast zwei Jahrzehnten als eine Hälfte des französischen Elektro-Duos Justice.

Zugegebenermaßen: Ein Der-Name-versprichtmehr-als-das-Stück-hält, das den Entstehungsprozess von ...

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... Crash-Becken mythisch auflädt – Augé auf den Spuren von Früh-80er-Larger-Than-Life am Schlagzeug, während im Hintergrund reale Handwerker scifi-mäßig überhöht Handwerk imitieren. Phil Collins wäre so was für die A-Seite zu schade gewesen. Dafür hätte der Mann nicht die Verbindung zu Richard Wagner gefunden: „Es erinnert mich alles an die Zwerge in den Bergen, die den Ring der Nibelungen schmieden.“

In Augés Kunst ist alles groß. GROSS, Maximalismus reicht kaum aus. Schon Justice, French House beim ikonischen Pariser Label Ed Banger, aber eben als Heavy Metal und in dieser Verbindung von Rock und Elektronik wegweisend, warf auf dem ikonischen Cover ihres Debüts CROSS Kubrick-esk ein monolithisches Kreuz durchs All. Auf dem Cover von ESCAPADES durchschlägt nun eine gigantische Stimmgabel eine psychedelische Star-Wars-Wüstenplaneten-Landschaft. Ironisch, dass er im Gegenteil von Balancen erzählt, zwischen dem Intim-Emotionalen und dem Epischen. „Wir kommen von der utopischen Tradition der klassischen Musik, wir feiern den wagnerianischen Aspekt der Musik, aber doch auch den leichten, melancholischen Aspekt von Satie oder Debussy. Klassik ist für mich die emotionalste Musik.“

Das muss man natürlich auch einmal bringen, ausgerechnet die Musik von seit 200 Jahren toter weißer Dudes als utopisch und emotional zu verstehen. Vor allem, wenn man einen Grammy für „Best Dance/ Electronic Album“ im Regal stehen hat. Aber vielleicht eröffnet Gaspard Augé gerade damit eine neue Deutungsebene der Musik von Justice – als Nachfolger von Prog-Rock. Es ist ja nicht nur so, dass der 42-Jährige aussieht wie ein französischer Frank Zappa. Er freut sich auch, dass FORCE MAJEURE der Titel eines Albums von Tangerine Dream ist und bekommt feuchte Augen beim Gedanken an die Arbeit im Studio: „Wie ein Kind im Spielzeugladen“ habe er sich gefühlt, ganz wie Pink Floyd oder Yes, die sich einst riesige Synth-Burgen bauten. „Die Sounds und der Klang der Ära berühren mich, weil der Zynismus der Musikindustrie noch nicht spürbar ist, es hat eine naive Qualität. Es gibt Hoffnung in dieser Musik. Es ist toll, dass es dann Punk gab, aber damit ging die Unschuld verloren.“

Interessante Deutung, eben nicht die notorische Abgewichstheit des Muckertums zu betonen, sondern die Verspieltheit, die Kostüme, die Fantasy-Märchen. „Ich liebe die Nerdiness, die Dungeons-and-Dragon-Vibes“, sagt Augé, doch dann kommt doch das große Aber, nämlich: „Ich finde oft nur schwer in die Musik. Die Männer spielen nur für sich, gehen in ihrem Spiel auf. Das wollte ich vermeiden. Für mich gibt es immer eine Melodie, die durch die Musik leitet.“ Trotzdem: Schöne Anekdote, dass es einen Synthesizer auf dem Album gibt, der schon bei der Prog-Legende Yes zum Einsatz kam.

Bei ESCAPADES verzichtet Gaspard Augé auf die Kontrollinstanz einer komplementären Hälfte. Vielleicht ist es gerade darum ein Album des spürbaren Gleichgewichts geworden. Es zielt ins ganz Große und ein Stück wie „Hey“ zurrt bravourös 200 Jahre europäische Popgeschichte zu einem Miniatur-Epos zusammen. „Ich mag keine harmlose Musik“, sagt Augé, „und ich hoffe, meine Musik ist nie Middle of the Road.“ Keine Sorge, das ist sie bestimmt nicht. Ein paar Kreuze durch den Kosmos zu schießen, könnte ihr beim nächsten Mal aber doch wieder guttun!

Albumkritik S. 86