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Freunde mit gewissen Vorzügen


The Red Bulletin-Österreich Ausgabe - epaper ⋅ Ausgabe 2/2020 vom 15.01.2020

PIZZERA & JAUS sind Österreichs aktuell erfolgreichstes Musikerduo. Viel mehr zählt jedoch, dass Paul Pizzera und Otto Jaus beste Freunde sind. Ein Interview mit der Qualität eines Beziehungs ratgebers: über viel Rotwein, falschen Stolz und die Partnersuche im Internet.


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Bildquelle: The Red Bulletin-Österreich Ausgabe, Ausgabe 2/2020

Erfolg mit Emotionen: die Musik-Kabarettisten Otto Jaus, 36 (links), und Paul Pizzera, 31


Seit vier Jahren Seite an Seite: Otto Jaus und Paul Pizzera machten aus zwei Egos ein Erfolgsprojekt.


Am Anfang war eine Zigarette. Bei einer gemein sa men Rauchpause während der Tour der Langen Nacht des Kabaretts 2015 haben sich Paul Pizzera und Otto ...

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... Jaus, heute 31 und 36, kennengelernt. Jaus, ausgebildeter Musicalsänger mit Vergangenheit bei den Wiener Sängerknaben, zeigte sich beeindruckt von Pizzeras Sprachgewalt im steirischen Dialekt. Der Grazer wiederum war von Jaus’ „Wahnsinnsstimme, seinem unglaublichen Klavierspiel und seiner Körperlichkeit“ begeistert. Es folgte der Entschluss, gemeinsame Sache zu machen. Die „gegenseitige künstlerische Befruchtung“ seither führte zu zwei Nummer-eins- Alben, ausverkauften Hallen in Österreich und Deutschland, millionenfachen Klicks ihrer Videos auf YouTube und vier Amadeus Awards in den Jahren 2017, 2018 und 2019. Dieser Erfolg kommt nicht von ungefähr. Er ist eine Kombination aus Sympathie, System und Synergien, wie die zwei im Interview verraten.

the red bulletin: War euer Aufeinandertreffen so etwas wie Liebe auf den ersten Blick?

otto jaus: Eher Liebe auf den ersten Tschick. Wir sind ja beim Rauchen ins Plaudern gekommen. Aber ja: Es kommt nicht oft vor, dass du jemanden kennenlernst, der dir von Beginn an so sympathisch ist.

paul pizzera: Also haben Ottl und ich kurz darauf den Test gemacht.

Den Test?

jaus: Wir sind für zehn Tage auf Urlaub gefahren, in die Toskana. Da war nichts außer uns, den Gitarren, einem Schachbrett … und viel Rotwein. Die ganzen Tage über gab es keinen Moment, wo einer Zeit für sich gebraucht hätte, es war eine stete gegenseitige Befruchtung. Wir haben Spaß gehabt und so viele Texte geschrieben, obwohl wir das gar nicht vorhatten. Wir wollten uns ja eigentlich nur kennenlernen. Da wussten wir: Es passt. Und ohne es zu wollen, haben wir da bereits die Regeln für eine Zusammenarbeit aufgestellt. Zum Beispiel: Wenn jemanden etwas stört, redet man sofort darüber.

pizzera: Nix runterschlucken. Denn das multipliziert sich mit der Zeit. jaus: Deshalb haben wir bis jetzt noch nie richtig gestritten, auch wenn uns das nicht viele glauben.

pizzera: Wir wussten früh um unsere Möglichkeiten, wenn wir zusammenarbeiten. Wissen, was wir können und was wir erreichen wollen. Also wollten wir uns das nicht mit Streitigkeiten verhauen. Wir verbringen so viel Zeit miteinander wie mit unseren Partnerinnen, leben auf engstem Raum miteinander. Und das heißt auch, zwischenmenschliche Spiel regeln festzulegen.

jaus: Seitdem fahren wir jedes Jahr einmal in den Urlaub. Wir nehmen uns ein paar Tage frei und schauen uns zum Beispiel eine Stadt an. Damit wir unsere Beziehung nicht nur als Arbeitsbeziehung wahrnehmen, denn das ist sie nicht.

Wenn man sich bei der „Langen Nacht des Kabaretts“ trifft, hat man automatisch Gemeinsamkeiten, auf denen man aufbauen kann. Wäre es zwischen euch genauso gelaufen, wenn ihr euch in einer Bar kennengelernt hättet? pizzera: Dort hätten wir nicht gleich gesehen, was der andere alles kann.

jaus: … aber es wäre aufs selbe hinausgelaufen. Egal wie wir uns kennengelernt hätten, es wäre diese Freundschaft daraus entstanden. Was wir immer sagen: Der Job verbindet uns. Aber selbst wenn er nicht da wäre, wäre der Paul einer meiner besten Haberer. Wir erhalten unsere Freundschaft nicht des Berufs wegen. Das ist sehr wichtig, weil du dann zum Gegenüber immer ehrlich bist.

pizzera: Es ist keine Zweckbeziehung.

Nicht gleich groß, aber immer auf Augenhöhe: das Grundprinzip von Pizzera & Jaus für ihre Shows – und ihre Freundschaft


„Es war Liebe auf den ersten Tschick.“
OTTO JAUS


Ihr sprecht auch nicht von einer Zusammenarbeit, sondern von einer Zusammenfreundschaft. Was ist der Unterschied?

jaus: Es kommt darauf an, wie jemand Arbeit definiert. Ist Arbeit schwierig, arg und mühsam, ist es Zusammenarbeit. Wenn es das ist, was du machen willst, und jemanden an der Seite hast, mit dem das noch besser wird, dann ist Zusammenarbeit und Freundschaft dasselbe.

Was ist es genau, was besser wird?

pizzera: Ich habe viel gelernt – über die Kunstform und mich selbst. Wir waren beide die kompletten Ego-Säue. Zu zweit musst du auch einmal zurückstecken und nachgeben können, damit das gemeinsame Werkl rennt. Das war Neuland, aber irrsinnig fruchtbares Neuland.

jaus: Du wächst auf diese Art viel mehr. Du musst mehr an dir arbeiten. Allein kannst du sagen: Das bin ich, das mache ich. Da lasse ich mir nicht dreinreden. Zu zweit geht das nicht. Du musst Wege finden, dass es funktioniert.

Das klingt nach Kompromissen. Wie viel Kompromiss ist Pizzera & Jaus?

jaus: Die Kompromisse, die es bei uns gibt, bereden wir nicht. Die entstehen automatisch. Wenn es einen Kompromiss gibt, fühlt es sich nie wie einer an. Ich glaube, es ist nicht richtig, arge Kompromisse einzugehen. Das zahlt sich nicht aus, funktioniert auf Dauer nicht und würde mir auf den Arsch gehen. Das heißt: Wenn du merkst, dass der andere einen Kompromiss eingeht, den er nicht eingehen will, sollst du ihn nicht von ihm verlangen.

pizzera: Ein Kompromiss ist dann gut, wenn dein Stolz gerade nicht so wichtig ist wie die Liebe zum anderen. Dein Stolz darf nicht verletzt werden, aber wenn er gerade kleiner ist als das Ziel, das Zusammensein, ist es ein guter Kompromiss.

Sich also immer vor Augen führen, dass das Ziel es wert ist.

jaus: Genau. Du musst wissen: Ist es mein Ego? Oder bin ich es selbst? Ist es das Ego, dann halt die Pappn. Bist du es selbst und haderst wirklich damit, dann nicht.

Ist das Ego der Hauptgrund für das Scheitern von Beziehungen?

jaus: Das Ego ist oft ein Faktor. Eifersucht und Neid entspringen oft aus dem Ego. Das Ego ist oft unsicher, es befürchtet, dass du kleiner wirst, wenn du dem anderen was gönnst. Aber ich freue mich über jedes Projekt, das der Pauli alleine macht. Wenn er sagen würde: Ich will Pizzera & Jaus nicht mehr, dann wäre das kein Anlass für mich, mit ihm zu brechen. Sondern ich würde es verstehen und die Entscheidung respektieren.

pizzera: In jeder Beziehung musst du einerseits Wurzeln haben, andererseits „Flügel geben“ – der Partner muss ja auch einmal allein fort gehen dürfen. (Lacht.) jaus: Wer bin ich, dass ich ihm sage, was er machen darf und was nicht? Das wäre keine Zusammenarbeit und ganz falsch.

Apropos Ego: Wieso eigentlich Pizzera & Jaus und nicht Jaus & Pizzera?

jaus: Nach unserem ersten Video zu „Wir gewinnt“ sind wir vom Grazer Schlossberg spaziert und haben genau darüber gesprochen. Pizzera & Jaus klingt einfach besser. Tatatata-tam. Der längere Name zuerst. Das ist eigentlich immer so. Roy und Siegfried? Das hört sich doch scheiße an! (Lacht.)

Sind Zusammenfreundschaften, wie ihr es nennt, im Berufsleben generell anzustreben?

pizzera: Wenn du eine Firma leitest und mit jedem befreundet bist, ist es schwierig. Allein wegen des Themas Kündigungen.

jaus: Du brauchst sehr viel soziale Intelligenz. Selbst wenn der Chef dein Freund ist, musst du wissen, er ist trotzdem dein Chef. Diese Grenzen nicht zu tolerieren kann ganz böse enden. Dasselbe gilt für Liebesbeziehungen am Arbeitsplatz.


„Wir sind Frontmänner und Hintergrundtänzer in einem.“
PAUL PIZZERA


pizzera: Ab dem Moment, wo eine Hierarchie hinzukommt, wird es schwierig. Wir sind beide CEOs, beide auf Augenhöhe. Ab dem Moment, wo jemand unter dir ist, geht das nicht mehr. Unser Geheimnis ist die fehlende Hierarchie …

… die es aber in vielen anderen Künstlerformationen gibt. jaus: Es funktioniert, wenn jeder in seiner Position zufrieden ist und nicht nach mehr, nach etwas anderem strebt. Dann ist es perfekt.

pizzera: Wir sind eben beide Frontmänner und Backgroundtänzer in Personalunion.

Gibt es bei euch eine Trennung von Beruflichem und Privatem? Themen, die tabu sind?

pizzera: Wir wissen alles voneinander. jaus: Was wir gegenüber der Öffentlichkeit preisgeben, ist was anderes. Aber zwischen uns gibt es kein Thema, das man nicht anschneiden, nicht bereden darf. Oft gibt es in Beziehungen ein heikles Thema, das man sich nicht anzusprechen traut. Aber genau das musst du besprechen, um die Beziehung aufzubauen – auch wenn es den anderen nervt und er zunächst nicht darüber reden will.

Wie findet man heraus, wer unter vielen Anwärtern am besten zu einem passt? Auf welche Parameter kommt es an?

pizzera: In erster Linie auf den Humor. Dann darauf, ob du vom anderen was lernen kannst.

jaus: Der Mensch muss dich begeistern. pizzera: … du wirst von ihm aber nicht verbogen. Er beeindruckt dich, lässt dich aber leben. Und du spürst Anerkennung, Respekt und Loyalität. Das sind wichtige Pfeiler, um sich auf eine Beziehung – welcher Art auch immer – einzulassen.

Was funktioniert besser, um eine gute Beziehung zu finden: eine Bar, Tinder oder eine Partner-Plattform?

pizzera: Das ist lustig: Ich war nie auf Tinder, aber ich wollte unbedingt einmal Parship oder so was ausprobieren. Weil es mich interessiert hat, wer mir vorgeschlagen wird, wie die Algorithmen funktionieren.

So habe ich das meiner Frau auch einmal erklärt. Hat aber nicht geklappt. pizzera: (Lacht.) Nein, wirklich! Partner- Plattformen sind ja aufwendig program- @@miert. Die haben ja einen – zumindest marginalen – wissenschaft lichen Anspruch. Wie es zu einem Match kommt, hätte mich interessiert.


„Wenn dein Ego spricht, halt besser die Pappn!“
OTTO JAUS


Aber du hast es dann nie gemacht. pizzera: Nein, aber ich habe das Parship- Profil meiner Mutter eingerichtet. Immerhin.

Und? pizzera: Sie hat jemanden gefunden und ist jetzt glücklich.

jaus: Ich glaube, es ist scheißegal, wo man sich kennenlernst – ob im Internet oder in einer Bar. Das Wichtigste ist, nicht zu versuchen, sich neu zu erfinden. Das funktioniert nicht. Du musst von Anfang an zeigen, wer du wirklich bist, was du willst und was du nicht willst. Nicht, dass es nach einem Jahr das böse Erwachen gibt. Viel besser ist es, zu sagen: Das bin ich, komm damit klar. Und zeig mir auch, wenn du damit nicht klarkommst, dann können wir uns viel Zeit und Schmerz ersparen.

pizzera: Eine lustige Anekdote dazu.

Mein Großonkel ist 88, seit über zwanzig Jahren Witwer. Bei seinem wöchentlichen Jour fixe – Schnapsen jeden Donnerstag beim Kirchenwirt – hat er neulich gesagt, er wäre wieder bereit für eine Beziehung.
Mit 88!
jaus: (Lacht.)

pizzera: Warte, die Pointe kommt noch. Da sagt der Wirt zu ihm: „Na dann, ab auf den Friedhof mit dir.“ „Wieso auf den Friedhof?“, fragt er. „Na, du hast keine, und eine, die du dort triffst, hat auch keinen.“
jaus: (Lacht lauthals auf.)

pizzera: Ja, der Friedhof ist das analoge Witwer-Tinder. Aber warte: Er ist wirklich hingegangen – zu einer Frau, die dort gestanden ist. Dann hat er so was gesagt wie „Na, auch keinen mehr?“. Und dann hat sie ihm ihre Festnetznummer gegeben. Er hat sich zwei Tage Zeit gelassen, angerufen und sie dann auf einen Kaffee eingeladen. Dann hat sie ihn angeschrien: „Zwei Tage lässt du dir Zeit! Weißt du, was das in unserem Alter heißt?“ Das finde ich wunderschön.

Pizzera & Jaus touren mit „Wer nicht fühlen will, muss hören“ durchs Land. Infos: paulpizzera.at

Jaus, der kleine Gefühlige, und Pizzera, der große Starke – gespielt ist das nicht, „nur überzeichnet“.


Fotos MANFRED KLIMEK

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