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FREUNDE SIND WICHTIGER ALS SIEGE


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Runners World - epaper ⋅ Ausgabe 12/2022 vom 18.11.2022

100 JAHRE EMIL ZÁTOPEK

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Zátopek (links) und sein Freund und Rivale Alain Mimoun strahlen gemeinsam: Gold und Silber über 5000 Meter bei den Olympischen Spielen 1952 in Helsinki

Es war an einem wolkenverhangenen Abend Anfang Juli dieses Jahres, als in Brüssel rund 400 Läufer an einem recht ungewöhnlichen Rennen über 5000 Meter teilnahmen – ungewöhnlich insofern, als keiner mehr als 2,5 Kilometer lief. Vielmehr traten die Läufer – als Zeichen der Freundschaft, wie es hieß – in Zweierteams an. Gemeint war nicht die Freundschaft im ideellen Sinn, sondern eine ganz bestimmte zwischen zwei längst verstorbenen Sportlern: dem tschechoslowakischen viermaligen Olympiasieger und, nach Ansicht vieler, größten Läufer des 20. Jahrhunderts, Emil Zátopek, und seinem engsten Rivalen, dem Franzosen Alain Mimoun.

Der tschechische und der französische EU-Botschafter bildeten eins der langsameren Teams. Anschließend sprachen sie im Stade des Trois Tilleuls, wo Zátopek 1954 über 10 000 Meter als erster Läufer die 29-Minuten-Grenze unterbot, über die Freundschaft beider ...

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... Nationen. Doch im Mittelpunkt der Veranstaltung standen Zátopek und seine von einzigartiger Großherzigkeit geprägte sportliche Einstellung.

An demselben Wochenende fanden beinah 1300 Kilometer entfernt, in der mährischen Provinz, nahe der Grenze Tschechiens zur Slowakei, im Rahmen der mehrwöchigen Feierlichkeiten zu Zátopeks Geburtstag in seiner Heimatstadt Kop?ivnice (Nesselsdorf ) ein Konzert und ein Laufwettkampf statt. Höhepunkt des Programms war der 17. September, zwei Tage vor Zátopeks Geburtstag, mit dem jährlichen Rennen zu seinen Ehren über 22,3 Kilometer von seinem Geburtsort zu seiner letzten Ruhestätte in Ro?nov pod Radhošt?m (Rosenau unter dem Radhoscht). Auch dort lag in diesem Jahr der Schwerpunkt auf der Freundschaft, und man konnte wahlweise in Zweier- oder Dreierteams laufen.

In England riefen am selben Tag die Thames Valley Harriers ein neues Event zu Ehren Zátopeks ins Leben. Hauptdistanz: 5000 Meter. Der Erlös der Veranstaltung dient der Finanzierung eines nach Zátopek benannten Sportstipendiums zur Förderung junger Sportler aus sozial schwachen Gruppen der Region. Auch hierbei geht es nicht nur um Sport; die Ausrichter hoffen, „die sportlichen und persönlichen Eigenschaften, die Zátopek repräsentierte, bei jungen, talentierten Sportlern, die in seine Fußstapfen treten möchten, zu wecken und zu fördern“.

In Frankreich spielt das auf einem Romanbestseller über Zátopek beruhende Musical „Courir“ seit Monaten vor vollen Häusern. In den Vereinigten Staaten versammelte sich die Prominenz der Laufwelt zu Sondervorstellungen von „Zátopek“, einem mehrfach preisgekrönten Spielfilm über Zátopeks Leben, der in Tschechien Zuschauerrekorde gebrochen hat. Und gleich zu Beginn des Jahres fand im Lakeside-Stadion in Melbourne zum 61. Mal das Zátopek:10 statt, das prestigeträchtigste 10 000-Meter-Rennen Australiens.

EIN AUSNAHMELÄUFER

Emil Zátopek ist nicht der einzige Läufer, nach dem ein oder zwei Wettkämpfe oder auch ein Stadion benannt wurden, doch die Herzlichkeit und Begeisterung, mit der die Welt sich noch 100 Jahre nach seiner Geburt an ihn erinnert, sind schon einzigartig. Natürlich hat das auch mit seinem sportlichen Rang zu tun: Im Jahr 2013 erklärte Runner’s World ihn zum größten Läufer aller Zeiten. Er stellte 18 Weltrekorde auf, gewann vier olympische Goldmedaillen (davon drei 1952 bei einem nie dagewesenen Triple über die Langdistanzen) und revolutionierte den Sport mit seinen bahnbrechenden Trainingsmethoden. Aber all das erklärt nicht Zátopeks Beliebtheit. Die Menschen lieben ihn nicht für das, was er erreichte, sondern dafür, wie er es tat.

Vielleicht erinnern Sie sich. Läufer meiner Generation erinnern sich unweigerlich, denn er war unser Gott. Ein Athlet, dessen Charisma für den Zeitgeist Mitte des 20. Jahrhunderts in ähnlicher Weise prägend war wie ungefähr ein Jahrzehnt später Muhammad Ali. Wir wissen, dass Zátopeks fünf olympische Medaillen (er gewann noch eine Silbermedaille) seine herausragende Stellung oder seine inspirierende Persönlichkeit nur ansatzweise widerspiegeln. Aber für alle anderen, die dafür zu jung sind, hier eine Zusammenfassung im Schnelldurchlauf: Emil Zátopek wurde 1922 in ärmlichen Verhältnissen geboren. Er hatte keine besondere Begabung zum Rennen, wurde aber als 18-jähriger Zwangsarbeiter während der Nazibesatzung zum Laufen gezwungen, stellte fest, dass er das recht gut konnte, und beschloss, noch besser zu werden. Mit Entschlossenheit und Erfindungsreichtum entwickelte er ein System des Intervalltrainings mit solch langen Distanzen und so hoher Intensität, wie es niemand für möglich gehalten hätte – und das viele als verrückt ansahen. Doch es funktionierte.

Bei den Olympischen Spielen 1948 gewann der 25-jährige Zátopek über 10 000 Meter Gold mit derart großem Vorsprung, dass die Zeitnehmer angesichts all der zum Teil zweimal überrundeten Läufer durcheinanderkamen und nur die Zeiten der ersten Acht nahmen. Eine Unaufmerksamkeit kostete ihn über 5000 Meter das zweite Gold, trotz eines heroischen Sprints in der letzten Runde, bei dem er einen Rückstand von 40 Metern bis auf wenige Zentimeter gutmachte und damit einige Zuschauer noch mehr beeindruckte als mit seinem vorherigen Sieg.

Vier Jahre später im finnischen Helsinki war Zátopek in glanzvoller Weise unschlagbar. Er gewann die 10 000 Meter erneut mit enormem Vorsprung, konnte in einem der dramatischsten Finals der olympischen Geschichte die drohende Niederlage über 5000 Meter noch abwenden und gewann dann, scheinbar aus einer Laune heraus, bei seinem ersten Versuch über diese Distanz überhaupt, auch noch den Marathon. Dazu kamen weitere Siege bei Europameisterschaften, Weltrekorde und zahllose nationale Rekorde.

ER TEILTE SEINE TRAININGS-GEHEIMNISSE MIT JEDEM, DER DANACH FRAGTE

DAS ENDE DES KALTEN KRIEGES

Doch das waren nur die Erfolge. Wofür Emil Zátopek auf ewig in Erinnerung bleiben wird, ist weniger greifbar. Der Autor, Literaturwissenschaftler und Masters-Weltklasseläufer Roger Robinson nennt ein frühes Beispiel. Als neunjähriger Junge wurde er in London Zeuge, wie Zátopek seine erste Goldmedaille gewann. Das Erlebnis prägte ihn fürs Leben. „In diesem Augenblick wusste ich, dass ich auch ein Läufer werden wollte“, schrieb er in seinem gefeierten Buch „When Running Made History“. Aber Zátopek brachte ihn nicht nur zum Laufen, sondern lehrte ihn, in einem überraschenden Moment gegen Ende des Rennens, der auch viele weitere Zuschauer beeindruckte, noch etwas ganz anderes: Als der längst überrundete französisch-algerische Läufer Abdullah Ben Saïd Zátopek Platz machte, um ihn vorbeizulassen, gab der ihm einen freundschaftlichen Klaps auf den Rücken und ein paar ermutigende Worte mit auf den Weg, bevor er weiterstürmte, um seinen Vorsprung auszuweiten.

„Wir hatten gerade den Krieg hinter uns“, erklärt Robinson heute. „Der Kalte Krieg hatte begonnen. Die Sowjets blockierten Berlin. Die Welt war gespalten, in ,wir hier‘ und ,die da drüben‘. Zátopek war ein ‚Roter‘, und von uns wurde erwartet, dass wir ihn hassten. Aber er spielte da einfach nicht mit, war nett und zeigte, dass man seine Konkurrenten nicht hassen musste, um sie im Wettkampf zu besiegen.“ In jenen Zeiten des Block-Denkens war dies in profunder Weise subversiv und führte unter andrem George Orwells berühmte Behauptung ad absurdum, Sport sei „Krieg ohne Geschieße“. Um noch einmal Robinson zu zitieren: Mit der Geste „verkündete er vor den Augen eines voll besetzten Stadions, dass der Krieg mit seiner Kultur der Verrohung und Entmenschlichung vorbei war“.

Man könnte meinen, Robinson interpretiere ganz schön viel in eine einzelne Geste hinein, doch er hat recht. Zátopek schloss in London Freundschaften, die Jahrzehnte halten sollten – und das war erst der Anfang. 1952 in Helsinki machte er sein Wohlwollen gegenüber seinen Mitstreitern noch deutlicher. Der Kalte Krieg war zu dieser Zeit in vollem Gange. Die Sowjetunion, die erstmals an Olympischen Spielen teilnahm, hatte auf einem separaten Sportlerdorf für den kommunistischen Block beharrt, samt Stacheldrahtzaun, bewaffneten Wärtern, einem gigantischen Konterfei Josef Stalins und dem allerersten Medaillentisch zur Befeuerung des Stolzes auf die eigene Nation und Ideologie. (Dieser wurde stillschweigend abgebaut, als sich die Medaillenausbeute als enttäuschend erwies.)

Sportler beiderseits des Eisernen Vorhangs wurden gewarnt, nicht mit dem Feind zu fraternisieren. Doch zum Ende der Spiele fraternisierten sie wie verrückt, und das in erster Linie dank des kameradschaftlichen und zur Menschlichkeit ermutigenden Beispiels Zátopeks. Als der junge australische Läufer Les Perry an den bewaffneten Wärtern vorbeispazierte, um Zátopek zu besuchen, begrüßte ihn der mit den Worten: „Sie kommen, um mich zu sehen? Ich fühle mich geehrt. Kommen Sie, lassen Sie uns miteinander trainieren.“ Und das taten sie, und anschließend aßen sie sogar zusammen.

Als Perry das hinterher seinen Landsleuten erzählte, wollten alle Zátopek treffen. Der über 1500 Meter kläglich gescheiterte John Landy führte eine Reihe von Gesprächen mit Zátopek, die ihn nicht nur inspirierten, einen neuen Trainingsansatz auszuprobieren, sondern ihm auch sein Selbstvertrauen zurückgaben. (Innerhalb von fünf Monaten verbesserte er danach seine persönliche Bestzeit über die Meilendistanz um neun Sekunden.) Der Trainer Percy Cerutty quetschte Zátopek derart lange aus, dass er über Nacht im kommunistischen Dorf eingeschlossen wurde, woraufhin Zátopek seinem Gast nur wenige Nächte vor seinem ersten Finale der Spiele das eigene Bett überließ.

ZÁTOPEK –Stationen eines Lebens

19. September 1922: Geburt in Kop?ivnice (Tschechoslowakei)

1944: Erste nationale Rekorde über 2000 m, 3000 m und 5000 m

1945: Eintritt in die tschechoslowakische Armee

1946: Beginnt, im Wald in Kampfstiefeln zu trainieren, und absolviert zunehmend intensive Intervalltrainings

1948: Läuft seine ersten 10 000 m und bleibt bis 1954 über diese Distanz ungeschlagen

1948: Gewinnt in London olympisches Gold über 10 000 m und Silber über 5000 m

1948: Heiratet die Speerwerferin Dana Ingrová

1949: Stellt seinen ersten Weltrekord auf: 29:28,2 Minuten über 10 000 m

1950: Gewinnt Gold über 5000 m und 10 000 m bei den Europameisterschaften (nachdem er die Woche zuvor im Krankenhaus verbracht hatte)

1952: Verweigert die Teilnahme an den Olympischen Spielen, bis sein Freund Stanislav Jungwirth, der aus politischen Gründen aus der Mannschaft ausgeschlossen wurde, wieder aufgenommen wird. Gewinnt ein einzigartiges Triple über 5000 m, 10 000 m und im Marathon

Mai 1954: Läuft wenige Wochen nach Roger Bannisters Meilenlauf von unter vier Minuten als Erster die 10 000 m in unter 29 Minuten, nachdem er zwei Tage vorher in Frankreich einen Weltrekord über 5000 m aufgestellt hatte (13:57,0 Minuten)

August 1954: Gewinnt Gold über 10 000 m bei den Europameisterschaften in Bern

1956: Wird wenige Wochen nach einer Leistenbruchoperation Sechster beim olympischen Marathon in Melbourne

1958: Gewinnt beim Cross Internacional de San Sebastián (Spanien) und erklärt anschließend seinen Rücktritt vom Laufsport

1968: Führt die Proteste gegen die sowjetgeführte Invasion der Tschechoslowakei an, die den Prager Frühling unterdrückte. Wird aus der Armee entlassen, verliert seine Rollen im Sport und ist gezwungen, jahrelang als Wanderarbeiter zu arbeiten

1990: Wird von Präsident Václav Havel offiziell rehabilitiert

21. November 2000: Stirbt im Alter von 78 Jahren in Prag

Aber es waren nicht nur die Australier, die Zátopek mit seiner lockeren, großzügigen Art für sich einnahm. Auch die Briten, wie der Hürdenläufer John Disley und der Meilenläufer Bill Nankeville, zog er in seinen Bann. Disley beschrieb ihn als „wahren Gentleman“. Zátopek teilte seine Trainingsgeheimnisse mit jedem, der ihn danach fragte, hatte für alle ein freundliches Wort und ermutigte seine Rivalen, selbst mitten im Rennen. Der Sowjetrusse Alexander Anufrijew und der Amerikaner Curtis Stone gehörten zu denen, die in den Vorläufen über 5000 Meter davon profitierten. Aber mehr noch galt dies für den Deutschen Herbert Schade – und das im Finale. Die Zuschauer konnten nicht hören, wie Zátopek Schade anbot, in der Mitte des Rennens die Last des Tempomachens zu teilen, und zu ihm sagte: „Herbert, lauf zwei Runden mit mir.“ Aber sie konnten sehen, wie Zátopek die Führung übernahm, obwohl das eindeutig nicht in seinem Interesse lag. Diese Geste setzte in denkwürdiger Weise ein Zeichen der Menschlichkeit und des zivilisierten Umgangs miteinander.

KEINE SPUR VON JENER GIFTIGKEIT, MIT DER SO VIELE AN DEN SPORT HERANGEHEN

Doch all das minderte in keiner Weise Zátopeks leidenschaftlichen sportlichen Ehrgeiz. So gibt es wohl kaum ein besseres Beispiel für einen Läufer, der durch schieren Siegeswillen gewann, als die letzte Runde desselben Finales über 5000 Meter. Einmal mehr hatte Zátopek gezeigt, dass brennender Ehrgeiz und Freundschaft sich nicht ausschließen. Und sämtliche Filmaufnahmen oder Fotos seiner Umarmungen nach dem Rennen, insbesondere mit Alain Mimoun, der sowohl über die 5000 als auch über die 10 000 Meter Silber gewann, zeigen ohne jeden Zweifel, dass seine Sorge um das Wohlbefinden seiner Rivalen nicht bloß vorgespielt war. „Eine Menge Journalisten fanden das völlig unverständlich“, sagte ein späterer Freund und Bewunderer, der australische Läufer Ron Clarke, viele Jahre später. „Sie konnten einfach nicht begreifen, warum er beispielsweise Schade aufmunterte. Aber Zátopek vertrat die Ansicht, dass jeder so gut laufen sollte wie möglich. Für ihn war der Wettbewerb der spannende Teil und nicht das Stehen auf dem Podium.“

FREUNDSCHAFT STATT HASS

Dem Publikum gefiel, was es sah. Als Zátopek in Helsinki seine dritte Goldmedaille holte, war bereits so gut wie jeder vom Zátopek-Fieber befallen. Als er am Ende des Marathons im Stadion einlief, skandierte das gesamte Publikum im Gleichklang seinen Namen: „Zá-to-pek! Zá-topek! Zá-to-pek!“ Ein Gänsehautmoment. „In dem Augenblick“, so erinnerte sich einer der Zuschauer, der spätere IOC-Präsident Juan Samaranch, „verstand ich, was der olympische Geist wirklich bedeutete.“

Es hätte durchaus ganz anders ablaufen können. Denn Zátopeks Vorgesetzte hätten es lieber gesehen, wenn er sich voll auf das Siegen konzentriert hätte. In London wurde ihm 1948 aus Furcht, er könne sich einen Hitzekollaps zuziehen, die Teilnahme an der Eröffnungszeremonie verboten. Zátopek ging trotzdem hin, verkleidet als Mitglied der dänischen Delegation, und argumentierte: „Wenn man mich zu Hause fragt, wie es denn bei den Spielen war, müsste ich sonst sagen, dass ich es nicht weiß, weil ich im Schatten herumsaß.“ Zátopek verbrachte zudem einen Großteil seiner Zeit in London damit, seine zukünftige Frau, die Speerwerferin Dana Ingrová, zu umwerben, und schlängelte sich zu diesem Zweck an Parteispitzeln vorbei.

Viele im Sport und in der Politik verstanden es nicht, aber Zátopek wusste, was er tat: Sport war für ihn ein Abenteuer, das man gemeinsam erlebt. Und er wusste auch zu schätzen, was es damals bedeutete, dass so viele Nationen im friedlichen Wettkampf zusammenkamen. „Nach den dunklen Tagen des Krieges, des Tötens und des Hungers war die Wiederaufnahme der Spiele, als wäre auf einmal die Sonne hervorgekommen“, sagte er. „Plötzlich waren da keine Grenzen und keine Barrieren mehr, einfach nur Menschen, die einander trafen.“ Robinson, der mehrere Bücher zur Geschichte des Laufens veröffentlicht hat (darunter das bewegende „Running Throughout Time“), ist der Ansicht, dass Zátopeks Beispiel die Entwicklung der Laufkultur in den folgenden Jahrzehnten wesentlich beeinflusst hat. „Ich glaube, er hatte einen enormen, überaus positiven Einfluss darauf, dass diese zu einer freundschaftlich unterstützenden anstatt zu einer feindseligen Kultur geworden ist“, sagt Robinson.

Zátopeks Vision der Freundschaft wurde fraglos von vielen weitergegeben, die mit ihm in Kontakt kamen. Unter den größten Langstreckenläufern seiner Generation findet sich kaum einer, der ihn nicht als Mentor und Freund betrachtete. Gordon Pirie, der von Zátopek in Helsinki sowohl über 5000 als auch über 10 000 Meter „in Grund und Boden gelaufen“ wurde, betrachtete ihn als „erstaunlich freundlichen, großherzigen Mann ohne jeden Anflug jener Giftigkeit, mit der so viele an die Leichtathletik herangehen“. Alain Mimoun, der so oft Silber hinter Emil gewann, dass er als „Zátopeks Schatten“ bekannt wurde, beschrieb ihn als „Bruder“ und „Heiligen“. Und als Mimoun endlich olympisches Gold gewann – beim Marathon 1956 in Melbourne – war Zátopeks ungeheuchelte Freude für Mimoun „mehr wert als eine Medaille“.

Fred Wilt, der von Zátopek in London und Helsinki über die 10 000 Meter überrundet wurde, beschrieb diesen nach seiner Rückkehr in die USA als „vielleicht bescheidensten, freundlichsten und beliebtesten Sportler unserer Zeit“. Herbert Schade und Gaston Reiff, deren nicht unbegründete Träume von olympischem Ruhm von Zátopek zertrümmert wurden, hielten von Deutschland und Belgien aus über Jahre freundschaftlichen Kontakt zu ihm und tauschten Geschenke und Besuche aus. In Anbetracht des enormen Hindernisses, das der Eiserne Vorhang darstellte, ist bemerkenswert, wie oft Mimoun, Pirie, Schade und Reiff Emil und Dana Zátopeks Gastfreundschaft in Prag genossen. Pirie beschrieb die Wohnung der Zátopeks als „das fröhlichste, vergnügteste Heim, das ich je besucht habe“ – ein Hinweis auf einen weiteren Aspekt von Zátopeks Charisma: Er war geistreich und kreativ und genoss die Fröhlichkeit, die er mit seinen Erläuterungen seiner innovativen Trainingsmethoden auslöste.

ZÁTOPEKS VERMÄCHTNIS

Zátopek war als Mann bekannt, der in schweren Kampfstiefeln im Dunkeln, im Wald und im Schnee trainierte, stundenlang in der vollen Badewanne auf der Stelle lief, beim Laufen seine Frau huckepack trug, den Atem anhielt, bis er ohnmächtig wurde, und auf dem Gelände des Krankenhauses, in dem er wegen einer Lebensmittelvergiftung behandelt wurde, trainierte und sich dann auf eigene Verantwortung selbst entließ, um ein paar Tage später zweifacher Europameister zu werden. Das meiste davon entspricht der Wahrheit, aber Zátopek nutzte die Geschichten auch, um andere zum Lachen zu bringen. Letzten Endes wollte er lediglich, dass andere Läufer seine Freude an ihrem Sport teilten. Aber von all den Aussprüchen Zátopeks, die Eingang in die internationale Lauffolklore gefunden haben, fand keiner mehr Resonanz als der simpelste: „Siegen ist schön, aber Freundschaft ist noch viel schöner.“

ZÁTOPEK – in seinen eigenen Worten

„Warum sollte ich üben, langsam zu laufen. Ich weiß schon, wie man langsam läuft. Ich will lernen, schnell zu laufen.“

„Ich werde stilistisch perfekt laufen, sobald sie anfangen, Rennen anhand ihrer Schönheit zu bewerten, wie beim Eiskunstlauf.“

„An den Grenzen von Schmerz und Leid trennen sich die Männer von den Jungen.“

„Ein Athlet kann nicht mit Geld in seinen Taschen laufen. Er muss mit Hoffnung im Herzen und Träumen im Kopf laufen.“

„Wenn du etwas gewinnen willst, lauf die 100 Meter. Wenn du etwas erleben willst, lauf einen Marathon.“ (Nach dem Gewinn der olympischen Goldmedaille bei seinem ersten Versuch über die Distanz in Helsinki 1952)

„Jungs, heute werden wir ein klein wenig sterben!“ (An der Startlinie des olympischen Marathons in Melbourne 1956)

„Schön ist der Sieg, aber noch schöner ist die Freundschaft.“

„Wenn du nicht mehr kannst, leg noch eins drauf.“ (Sinngemäße Übersetzung des tschechischen Satzes „Kdy? nem??eš, tak p?idej“, nach Meinung vieler Tschechen Zápoteks Motto

Zátopeks entgegenkommende Art erwies sich als ansteckend, und nach jeder großen internationalen Meisterschaft verbreitete sich etwas davon in der Welt. So kehrten mehrere zentrale Akteure der australischen Laufszene als begeisterte Zátopek-Konvertiten aus Helsinki zurück. John Landy bewies mit seinen späteren Erfolgen, dass die Trainingsmethoden des großen Mannes Hand und Fuß hatten. Auch Percy Cerutty gab Zátopeks Erkenntnisse weiter und schrieb in einem Bericht über ihre Begegnung in Helsinki, eine solche Freundschaftlichkeit zwischen Sportlern unterschiedlicher Nationen „lässt es grotesk erscheinen, dass man es uns jemals vorschreiben wollte, einander zu hassen“. Und Les Perry, der mit Zátopeks rotem Trikot als Geschenk nach Hause zurückkehrte, setzte ihm ein Denkmal, das bis heute Bestand hat: das Zátopek:10. Das 1961 begründete Event, bei dem in den ersten drei Jahren jeweils der aufstrebende Ron Clarke gewann, entwickelte sich zum prestigeträchtigsten 10 000-Meter-Rennen des Kontinents.

Clarke wusste genau, wer Zátopek war und wofür er stand. Als Teenager hatte er das Finish des olympischen Marathons 1956 gesehen. „Ich werde das nie vergessen“, erzählte er mir wenige Monate vor seinem Tod 2015. „Als Emil ins Ziel kam [als Sechster], ging Mimoun sofort zu ihm und sagte auf Französisch: ‚Emil! Emil! Ich habe gewonnen!‘ Ich konnte von der Tribüne aus sehen, wie Emil zwei Schritte zurücktrat und ihm salutierte. Ich dachte, was für eine großartige Geste.“

Als Clarke 1966 eine von Zátopek unterzeichnete Einladung aus der kommunistischen Tschechoslowakei erhielt, an einem kleinen Rennen in Prag teilzunehmen, nahm er selbstverständlich an. Die Geschichte von Clarkes Besuch wurde oft erzählt (und dabei meist fälschlich ins Jahr 1968 verlegt). Zátopek bewunderte Clarke und teilte sein Bedauern, dass er aus verschiedenen Gründen zwar 17 Weltrekorde aufgestellt, aber nie Gold bei einer großen Meisterschaft gewonnen hatte. Er war sich zudem bewusst, dass der Australier, da die Spiele 1968 in der Höhenluft von Mexiko-Stadt stattfinden sollten, womöglich nie eine realistische Chance haben würde, diesen Makel zu korrigieren.

Clarke genoss die herzliche Gastfreundschaft im Hause Zátopek, und sie trainierten gemeinsam auf Emils Lieblingsstrecke im Wald von Stará Boleslav. Als sich die beiden am Flughafen verabschiedeten, drückte Zátopek Clarke ein Päckchen in die Hand und murmelte: „Du hast es verdient.“ Clarke dachte, er solle etwas aus dem Land schmuggeln, und öffnete das Päckchen erst, als er den tschechoslowakischen Luftraum längst verlassen hatte. Als er es tat, fand er darin eine von Emils Goldmedaillen aus Helsinki, mit einer schriftlichen Widmung. Als ihm die Bedeutung des Geschenks bewusst wurde, so Clarke, „saß ich da und weinte“.

TRÄGER DER FLAMME

Die Zátopek-Flamme wurde auch von anderen weitergetragen. Fred Wilt und Curtis Stone brachten sie mit nach Hause in die USA. Und dann war da George A. Hirsch, der als 18-Jähriger nach Helsinki gereist war und Zátopek dort auf dem Gipfel seines Ruhms erlebt hatte. Hirsch gründete später die Zeitschrift „The Runner“ und wurde noch später weltweiter Herausgeber von Runner’s World. Gemeinsam mit Ted Corbitt, der beim olympischen Marathon in Helsinki 28 Minuten hinter Zátopek ins Ziel kam, und danach seine Trainingsmethoden übernahm, unterstützte Hirsch die Gründung des New-York-Marathons, der den von Zátopek verkörperten Idealen der Inklusivität nachstrebt. 1979 lud Hirsch den längst nicht mehr aktiven Tschechen ein, den Marathon anzuführen, und beherbergte ihn eine Woche lang bei sich zu Hause. Perry machte ihn 1985 zum Ehrengast der Zátopek:10. Und John Disley lud Zátopek nach London ein, um im Jahr 1987 den Startschuss zum Sunday Times Fun Run abzugeben. All das waren vor dem Fall des Kommunismus komplizierte Reisen, doch die Gastgeber sorgten dafür, dass sie stattfanden; sie fanden, dass ihr Gast das verdient hatte.

Und auch das weniger konkrete Vermächtnis gemeinsamer Ideale lebt bis heute fort. John J. Kelley, der Zátopek als junger Sportler bei den Spielen in Melbourne kennengelernt hatte und ihm viele Jahre freundschaftlich verbunden blieb, entwickelte sich zu einem inspirierenden, unkonventionellen Mentor und Trainer vieler Läuferinnen und Läufer Neuenglands, insbesondere von Amby Burfoot, der nicht nur den Boston-Marathon gewann, sondern auch einer der größten Laufjournalisten der Welt und langjähriger Chefredakteur der US-Ausgabe von Runner’s World wurde. Kelley lehrte Burfoot, ganz im Sinne Zátopeks, dass es beim Laufen nicht nur um Bestzeiten, sondern auch um Idealismus gehe. Und Burfoot, der mit seinen 76 Jahren noch immer aktiver Marathonläufer ist, predigt diese Botschaft noch heute.

ZÁTOPEK FÜHRTE DIE PROTESTE IN PRAG GEGEN DIE SOWJETISCHE INVASION AN

Diejenigen, die das Andenken Zátopeks in Ehren halten, haben wesentlich dazu beigetragen, dass Laufen zu dem Sport wurde, der es heute ist. Robinson etwa sieht den Laufboom des letzten halben Jahrhunderts als „eine der großen gesellschaftlichen Bewegungen unserer Zeit“, die „die Welt zum Besseren verändert hat und noch immer zum Besseren verändert“. Eine derart konstruktive, inklusive und lebensbereichernde Bewegung hätte nie entstehen können, wenn sich eine konfrontative Einstellung zum Laufsport durchgesetzt hätte. Dies ist der Grund für die anhaltende Dankbarkeit, die viele von uns Zátopek gegenüber noch immer empfinden. Doch die Verbreitung dieser Vision ist kein Selbstläufer. Konträre Kräfte – Nationalismus, Kommerz, Egoismus und auf ein Gewinnen um jeden Preis ausgelegter wissenschaftlicher Ehrgeiz – üben beständigen Druck auf den Laufsport aus.

Mehr noch: 70 Jahre nach dem glorreichen Sommer von Helsinki und ein Jahrhundert nach Zátopeks Geburt am 19. September 1922 ist die Welt einmal mehr polarisiert und überschattet von der Gefahr eines umfassenden Krieges. Angesichts der unheilvollen jüngsten geopolitischen Entwicklungen bekundet P?emysl Pela, Direktor des London Czech Centre und Organisator der Gedenkveranstaltung der Thames Valley Harriers am 17. September, es sei nie wichtiger gewesen als heute, Zátopeks Ideale zu feiern, sich seiner zu erinnern und ihn zu ehren.

Pela ist im Kommunismus aufgewachsen und nahm als Teenager in den 1970er-Jahren mit Begeisterung an Laufwettkämpfen teil. Doch seine Lehrer oder Trainer beriefen sich nie auf Zátopek, denn der Sportsheld der Nation war im eigenen Land zur „Unperson“ geworden. 1968 hatte eine sowjetgeführte Invasion das tschechoslowakische Experiment des „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“ (den Prager Frühling) brutal beendet. Zátopek hatte sich gegen die Invasoren gewandt und die Proteste auf dem Wenzelsplatz angeführt.

Diese Tapferkeit führte dazu, dass er sportlichen Ämtern enthoben, aus der Armee ausgeschlossen und auf eine schwarze Liste gesetzt wurde, wodurch ihm die meisten Arbeitsplätze versperrt blieben und er gezwungen war, jahrelang als Wanderarbeiter weit weg von seinem Zuhause und seiner Frau zu arbeiten. Er wurde letztendlich rehabilitiert, doch den Schmerz darüber, dass die Nation, der er solchen Ruhm gebracht hatte, sich gegen ihn gewandt hatte, verwandt er nie. Pela resümiert: „Zátopeks moralische Haltung angesichts einer militärischen Aggression ist leider hochaktuell.“ Wir bräuchten vielleicht einen neuen Zátopek.