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FREUNDSCHAFT MIT PFERDEN?


Feine Hilfen - epaper ⋅ Ausgabe 43/2020 vom 09.10.2020

Würden Sie sagen, dass Sie und Ihr Pferd eine Freundschaft verbindet? Und: Würde Ihr Pferd das auch sagen? Die Verhaltenswissenschaften sind hier deutlich weiter als die meisten Pferdebesitzer, und wir können viel aus ihren Erkenntnissen lernen. Über Missverständnisse und Mythen, fällige Fragen und Chancen rund um die Beziehung zu unserem Pferd.


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Es ist oft der Wunsch nach Verbundenheit mit dem Pferd, der uns zu ihm hinzieht. Aber wie fühlt sich diese für das Pferd an?


(Foto: Xenia Bluhm)

Stellen Sie sich vor, Sie haben eine gute Freundin namens Tina. Sie haben Tina schon eine Weile nicht gesehen und laden ...

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... Sie zu Kaffee und Kuchen ein. Tina bringt ihr Neugeborenes mit und reicht es Ihnen vorsichtig rüber: „Magst du mal halten?“ Natürlich wollen Sie. Während der Kaffee kocht, setzen Sie sich dicht nebeneinander auf Ihre Küchenbank, Sie schauen Tina in die Augen und beginnen, sich gegenseitig auf den neuesten Stand bezüglich Ihres Lebens und aller gemeinsamen Themen zu bringen. Dann stellen Sie den selbstgebackenen Apfelkuchen auf den Tisch. Tina ist begeistert und fragt nach dem Rezept. Sie verbringen einen tollen Nachmittag zusammen und gehen abends selig auseinander, mit dem guten Gefühl, ihre Freundschaft noch weiter gestärkt zu haben.

Als Pferdemenschen sehen wir ja auch unsere Pferde gern als unsere Freunde. Was tun Sie, um die Bindung zu Ihrem Pferd zu stärken? Als Menschen, die wir sind, neigen wir natürlich dazu, ähnlich vorzugehen. Wir gehen auf das Pferd zu und streicheln es. Wenn wir extra freundlich sein wollen, füttern wir vielleicht das eine oder andere extra Leckerli oder wir bereiten das Sonntags- Mash zu. Wir suchen den Blick des Pferdes. Wir streicheln es noch mehr. Wir sprechen freundlich mit ihm. Wir „geben ihm einen Tag frei“. Wir putzen es extra gründlich und probieren vielleicht sogar diese neue Massagetechnik aus, von der wir gelesen haben. Wir arbeiten unsere Liste freundschaftlicher Taten ab, wie wir sie kennen. Alles sehr nett - aus Menschensicht. Das Problem ist nur: Pferde sind keine Menschen. Mit etwas Glück sind diese Gesten für das Pferd ganz nett, meist wirken sie aber auf unser vierbeiniges Gegenüber eher unangenehm und übergriffig, denn Pferde führen Freundschaften ganz anders als Menschen.

Dr. Emily Kieson und Jessie Sams vom MiMer Centre in Schweden forschen bereits seit Jahren daran, wie sich das Pferd in unserer Obhut wirklich fühlt und wie genau Umgangs- und Trainingsformen auf es wirken. Außerdem versuchen sie zu ergründen, ob, und wenn ja, wie eine Freundschaft zwischen Pferd und Mensch wirklich möglich ist - insbesondere wenn auch andere Faktoren wie Training und Reiten eine Rolle spielen.

„Anders als Hunde halten wir Pferde meist nicht in erster Linie für ihre Kameradschaft, sondern als Sportpartner oder sogar ‚Werkzeug‘, um etwas Bestimmtes mit ihnen zu tun: ‚Was machst du mit deinem Hund?‘, würde kaum jemand fragen, während die Frage ‚Was machst du mit deinem Pferd?‘ als normal empfunden wird“, so Kieson. Und es ist nun mal so: Die meisten Pferde werden von uns „genutzt“. Im Fokus stehen das Reiten, das Training, die gemeinsamen Aufgaben. Die Freundschaft, die sich die meisten Reiter schon wünschen, darf sich gern als Nebeneffekt einstellen. Ist das nicht nur fair, bei all dem Geld und der Zeit, die der Mensch investiert? Diese vermeintliche Freundschaft hat oft allerdings einen schalen Beigeschmack. Würden Sie Tina noch als Ihre Freundin bezeichnen, wenn Ihr Umgang miteinander vor allem darauf basiert, dass Tina Ihnen sagt, was Sie machen sollen und ansonsten lediglich ein paar für Sie unbedeutende Gesten (siehe oben) abspult? Wäre Tina Ihre Freundin, wenn diese von Ihnen Gehorsam (oder sagen wir: Ihre „Kooperativität“) für den „freundschaftlichen“ Umgang verlangte? Wäre Tina Ihre Vorgesetzte bei der Arbeit, ließe sich das vielleicht noch tolerieren, solange man mit recht traditionellen Führungsmethoden klarkommt. Aber eine Freundin? Warum also sollten unsere Pferde das anders sehen? Es ist an der Zeit, dass wir das Kommunikations- und Bindungsverhalten unserer Pferde noch besser interpretieren lernen und uns klar darüber werden, welche Rolle wir im Leben unseres Pferdes spielen wollen.

Welche Rolle spielen wir im Leben unserer Pferde?

Glücklicherweise sickert in Reiterkreisen langsam durch, dass wir doch nicht der „Chef“ des Pferdes sein müssen, um erfolgreich mit ihm umzugehen. Weniger bekannt ist, dass Pferden das strenge Hierarchiedenken, das wir ihnen oft immer noch unterstellen und vor dessen Hintergrund wir die meisten unserer Ausbildungsmethoden entwickelt haben, vollkommen abgeht.

Pferde denken nicht in Rangordnung, es gibt keine ranghöheren oder rangniedrigen Pferde und auch keinen „Chef“ unter ihnen, dem alle unterstellt sind. Vielmehr sind „Pferdeherden ein kompliziertes Geflecht aus Individuen und individuell gestalteten Zweierbeziehungen. In menschlicher Obhut prägen die raren Ressourcen das Verhalten zudem maßgeblich: Platz und Futter. Es gibt Pferde, die brauchen mehr Platz um sich herum als andere - teilweise auch mehr, als Ihnen insgesamt zur Verfügung steht. Diese Pferde verteidigen ihren Raum ziemlich vehement gegenüber den meisten anderen Pferden. Manche Pferde sind auch besser darin, sich Futter zu sichern und andere davon fernzuhalten. Das da durch entstehende Verhalten wird oft als dominant interpretiert. Es geht dabei jedoch nicht um Hierarchien, nicht um das Verhältnis der Pferde zueinander, nicht um Charaktereigenschaften und um Sicherung eines Status, sondern um situatives Verhalten und um die knappe Ressource Futter“, so Dr. Emily Kieson. „Anführer‘ unter den Pferden, etwa in unbekannten Situationen oder im Hinblick auf neue Ressourcen, werden zu solchen, weil andere Pferde ihnen folgen. Weil genug andere Pferde diese in der jeweiligen Lage für einen guten Anführer halten - nicht, weil sie sich zuvor als Anführer positioniert haben.“ Der Stress, den wir in den Herden beobachten, entsteht also nicht durch dadurch, „dass Pferde eben so sind“, sondern durch unsere Haltung. Ich weiß, dieses Wissen einsickern zu lassen und das Verhalten unserer Pferde fortan unter diesem neuen Filter zu betrachten, fühlt sich ein bisschen an, als würden wir uns willentlich den Kopf brechen. So ging es mir zumindest, nachdem auch ich jahrzehntelang Pferdeverhalten ganz anders gesehen habe. Aber was bietet es für Chancen, die Tiefen und die Bandbreite des Pferdeverhaltens kennenzulernen?

Wie stellen wir echte Nähe zum Pferd her?


(Foto: Xenia Bluhm)

Wie führen Pferde Freundschaften?

Die individuellen Zweierbeziehungen in den Herden formen sich durch gemeinsam verbrachte Zeit, gegenseitige Beobachtung und Konsistenz im Verhalten zueinander. Jedes Pferd ist etwas anders in seiner Kommunikation und seinem Verhalten, dadurch gleicht auch kein Pferdepaar dem anderen. Pferde kommunizieren zumeist über ihren gesamten Körper miteinander und sind Meister der strategischen Positionierung. Befreundete Pferde stehen gern eng zusammen und bewegen sich gemeinsam. Das gegenseitige Fellkraulen, das wir so oft als eindeutiges Zeichen für Pferdefreundschaften interpretieren, findet nicht in jeder Freundschaft statt. Außerdem wird es oft nach Stresssituationen beobachtet, sodass angenommen werden darf, dass es sich um ein gezieltes Stressabbauverhalten handelt, das in menschlich geschaffenen Umgebungen auch häufiger vorkommt, als in freier Natur.

Positive, das heißt bei Pferden auch im mer gegenseitige, Berührung findet un ter Pferden ohnehin nur auf Grundlage von Vertrauen und einer gemeinsamen Kommunikation statt. Geht ein Pferd aus dem Kontakt heraus, endet er. „Pferde nehmen zu jeder Zeit sehr genau wahr, wie sich die Pferde in ihrer Umgebung verhalten, und reagieren entsprechend. Auch dadurch schaffen sie Vertrauen - sie achten aufeinander und gehen aufeinander ein“, so Jessie Sams. Einseitige Berührungen sind meist negativ besetzt und sehr kurzfristig. Pferde nutzen sie, um die eigenen Grenzen zu setzen, was von Natur aus meist schnell geht und dann grundsätzlich erledigt ist. Gestresste Pferde und bspw. früh abgesetzte Pferde zeigen dieses aggressive Verhalten aber deutlich häufiger. Ebenso wichtig zu bedenken: Niemals würde ein Pferd einen Freund in negativer Weise berühren oder jagen.

Und auch mit dem Apfelkuchen könnten wir nicht wirklich punkten, wenn Tina ein Pferd wäre - zumindest nicht im Sinne der Freundschaft selbst. „Während befreundete Pferde gerne ihren Raum miteinander teilen, spielt das Teilen von Nahrung unter Pferden keine Rolle für die Bindung zueinander“, so Jessie Sams. Kein Wunder: In der Welt, aus der unsere Pferde kommen, ist ja auch reichlich Nahrung da. Natürlich fressen Pferde gerne, insbesondere wenn sie hungrig sind. Aber sie verbinden die Fresserfahrung nicht mit der „gebenden Hand“. „Ist der Geschmack weg, ist auch die Assoziation mit dem Fütternden vergangen“, so schildert Kieson ihre Erkenntnisse. Unser Pferd mag uns also tatsächlich nicht lieber, wenn wir es mehr füttern. Schade, eigentlich. Oder: gut. Denn das heißt, dass wir kein Futter brauchen, um von unseren Pferden als bessere Freunde wahrgenommen zu werden. Wir können ihnen einfach begegnen als das, was wir sind: andere Wesen in (zumeist) freundlicher Mission.

Aber wie freundlich ist diese Mission in den Augen des Pferdes? „Die Antwort auf diese Frage muss sehr differenziert betrachtet werden - sie variiert von Mensch-Pferd-Paar zu Mensch-Pferd-Paar und sicher auch im Zeitablauf und in unterschiedlichen Situationen“, so Jessie Sams. Grundsätzlich ist es gut, sich diese Frage überhaupt zu stellen. Um sie zu beantworten, braucht es nicht nur Kenntnisse über Pferdeverhalten und -kommunikation, sondern auch Beobachtungen des jeweiligen Pferdes in unterschiedlichen Situationen.

Können wir vor allem Freunde sein?

Nehmen Sie sich einfach mal die Zeit und beobachten Sie Ihr Pferd, möglichst ohne das Verhalten direkt interpretieren zu wollen. Wie verhält sich das Pferd in unterschiedlichen Situationen? Wie sieht es aus, wenn es angespannt ist, wie verändert sich das Verhalten danach? Wie steht es zu anderen Pferden? Und hier ist es tatsächlich sehr bereichernd, wenn man diese Frage nicht versucht über eine vermeintliche Rangordnung zu beantworten, sondern das Pferd wirklich einfach in der Interaktion mit anderen Pferden zu beobachten. Vermutlich werden Sie feststellen, dass ihr Pferd sich mit manchen Pferden ganz anders verhält als mit anderen. Und dass der Kontext eine wichtige Rolle spielt. Was lässt auf eine Freundschaft schließen, was auf eine Antipathie? Pferdeverhalten ist sehr nuanciert und sieht in jeder Pferdeherde etwas anders aus. Wenn wir das Verhaltensspektrum der Pferde grundsätzlich kennen und einordnen können und wissen, wie unser eigenes Pferd kommuniziert, lässt sich auch sein Verhalten uns gegenüber leichter lesen. Je besser wir darin werden, die leise Sprache der Bewegung unseres Pferdes zu verstehen, desto tiefer wird der Dialog, in den wir mit unserem Pferd gehen können. Wenn wir davon ausgehen, dass Pferde Bindungen über viel gemeinsam verbrachte Zeit und geteilten Raum, über synchrone Bewegungen und - irgendwann - über gemeinsame Erfahrungen aufbauen: Wie können wir den Alltag mit dem Pferd so gestalten, dass sich die Bindung vertiefen kann? Wie lässt sich vielleicht jenseits des Reitens etwas „Freundschaftszeit“ einräumen, in der wir wirklich „Freundschaftspunkte“ bei unserem Pferd sammeln können?

Für uns Reiter erfordert das meist nicht weniger als ein Umdenken in unserem Verhalten und unseren Gedanken über unsere Pferde: Wenn wir die Freundschaft wirklich in den Mittelpunkt rücken wollen, müssen wir üben, unsere Ziele (zumindest für den Moment) loszulassen; wegzukommen von dem Wunsch, das Verhalten des Pferdes in irgendeiner Weise manipulieren zu wollen und ein bestimmtes Ergebnis zu erzielen; zu merken und, noch viel schwieriger, es zu akzeptieren, wenn das Pferd auch mal Nein sagt; tatsächlich unverplante Zeit mit ihm zu verbringen.

Und wir müssen uns ehrlich fragen, ob das Training, so wie wir es momentan gestalten, die Freundschaft fördert oder ihr entgegensteht. „Jedes Training ist Verhaltensmanipulation. Aber nicht jedes Training fühlt sich für das Pferd gleich an“, ordnet Jessie Sams ein. Um hier tiefer zu graben, macht es nicht nur Sinn, sich mit dem Stressverhalten und der Wirkungsweise von unterschiedlichen Stressformen auseinanderzusetzen, sondern auch die eigene Trainingstechnik zu analysieren und zu verstehen: Wann arbeite ich mit negativer und wann mit positiver Verstärkung? Gibt es entspannte Phasen? Situationen, in denen das Pferd (mit-)entscheiden darf? Gibt es Momente der Abwehr, der Flucht oder des Einfrierens? Wie verhält sich mein Pferd im Training? Was mag es wirklich, was weniger? Wie verhalte ich mich wohl in den Augen des Pferdes? Sind unsere Berührungen gegenseitig und positiv oder durchgängig sehr einseitig? Wann fühlt es sich wirklich nach „Softness“, nach einer inneren Harmonie zwischen Pferd und Mensch an? Und in welchen Momenten beende ich die Trainingssituation?

All diese Fragen können uns unserem Pferd Schritt für Schritt näherbringen. Je bewusster wir uns werden, was wir mit dem Pferd tun, wie wir die gemeinsame Zeit verbringen, was für Erfahrungen es mit uns macht, und je besser wir unser Pferd kennen, desto leichter lässt sich unsere Beziehung positiv entwickeln. Nicht von heute auf morgen, aber in einem langsamen, lohnenswerten Prozess. Das alles erfordert unseren Mut. Mut, uns einzugestehen, dass wir uns vielleicht mehr auf die Techniken und Hilfsmittel verlassen, als auf das Vertrauen in unser Pferd und unsere Beziehung zu ihm. Mut zuzulassen, dass nicht von vornherein alles läuft wie im Film. Mut zu erkennen, dass wir uns in der Vergangenheit vermutlich nicht immer freundschaftlich verhalten haben. Aber es bringt uns unserem Ziel näher, eine echte Freundschaft zu unserem Pferd zu haben. Und sind wir dafür nicht ursprünglich alle mal angetreten?

DANIELA KÄMMERER

(Foto: Xenia Bluhm)

… Um das Wohlergehen möglichst vieler Pferde zu verbessern und einen Beitrag zu einem positiveren Miteinander zwischen Pferd und Mensch insgesamt zu leisten, unterstützt sie Reiter darin, bessere Partner für deren Pferde zu werden. Dafür unterrichtet sie Yoga speziell für Pferdemenschen und coacht sie in der Kommunikation mit deren Pferden - vom Boden und vom Sattel aus.

www.danielakaemmerer.de

KURSTIPP:

„Es gibt so viel Wissen über Pferdeverhalten, das in der Wissenschaftswelt bereits bekannt ist, aber noch nicht in der Pferdewelt angekommen ist“, wissen Dr. Emily Kieson und Jessie Sams vom MiMer Centre für Mensch-Pferd-Beziehungsforschung und -lehre. Sie haben es sich zum Ziel gemacht, die ständig wachsenden wissenschaftlichen Erkenntnisse rund um das Beziehungsverhalten von Pferden, untereinander und in Kontakt mit dem Menschen, für Pferdehalter zugänglich und verständlich zu machen und damit möglichst viele Pferd-Mensch-Beziehungen von Grund auf zu verbessern. Daniela Kämmerer unterstützt sie dabei, u. a. indem sie deren Inhalte und Erkenntnisse für den deutschsprachigen Markt zugänglich macht. Im Herbst starten sie gemeinsam einen mehrwöchigen Onlinekurs zum Thema „Freundschaft mit Pferden“, in dem es um die Hintergründe dieses Artikels, um Pferde- und Menschenverhalten, um Stress bei Pferden und um die ethologische Einordnung unterschiedlicher Trainingsformen geht. Außerdem soll der Kurs viele Ideen bieten, das Gelernte im Alltag mit dem eigenen Pferd umzusetzen, um die Beziehung nachhaltig zu verbessern.

www.danielakaemmerer.de/freundschaftmitpferden