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FRIEDEN: Wütend mutig liebevoll Frieden geht von Herz zu Herz


Visionen - epaper ⋅ Ausgabe 6/2020 vom 25.09.2020

Es gibt eine schönere Welt, die unser Herz kennt und hütet, behauptet Charles Eisenstein. Aber unsere Herzen sind eng und verschlossen. Die schönere Welt scheint wie eingeklemmt darin. Politik - Wirtschaft - Gemeinschaft - warum zerstören wir so viel Schönes und Lebendiges? Wie öffnen wir uns, wie befreien wir die schönere Welt, frage ich ihren Visionär? Charles Eisenstein antwortet kursiv, mit Zitaten aus seinem neuen Buch.


Charles Eisenstein erzählt dem Leiden auf Erden eine umfassende Liebesgeschichte. Niemand wird darin angeklagt. Es wird rebelliert aus ganzem Herzen - für ein Leben in Liebe. Mit mir ...

Artikelbild für den Artikel "FRIEDEN: Wütend mutig liebevoll Frieden geht von Herz zu Herz" aus der Ausgabe 6/2020 von Visionen. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Visionen, Ausgabe 6/2020

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... selbst, mit dir, miteinander - mit der ganzen Erde, weil…

Die schönere Welt ist eine lebendige Welt. So lebendig, wie unser Herz es spüren kann und - lieben.

Das Klima und seine Krise - Charles Eisenstein empfiehlt für dieses wichtigste Anliegen der Welt, unsere Herzen zu entdecken und zu öffnen. Aber nicht, indem wir fordern, die alte Welt abzuschaffen. Nicht, indem wir fordern, alles zu stoppen, was der Erde und ihrem Leben schadet. Überhaupt nicht fordernd, betont Charles.

Eine Forderung impliziert die Drohung: »Mach, was ich sage, sonst…!« Stelle ich eine Forderung, die mein Gegenüber nicht erfüllen kann, mache ich den Adressaten damit automatisch zu meinem Gegner.

Forderungen vertiefen bestehende Machtverhältnisse. Im Fordern ermächtigen wir, die wir für mächtig halten. Erfüllen sie unsere Forderungen nicht, erklären wir sie zu Feinden. Und sie uns auch. Das eskaliert.

So führen beide Seiten ein archetypisches Drama auf, Krieg genannt, und folgen der uralten Annahme: der Schlüssel zur Lösung jedes Problems ist der Sieg über einen Feind. Fortschritt muss dann errungen werden, im Kampf um die Vorherrschaft. - Aber genau diese Herrschaftsdenkweise liegt der zivilisatorischen Umweltzerstörung zugrunde. Wir brauchen eine andere Art von Revolution.

FRIEDEN

Ausgehungert nach Authentizität

Wut Mut Liebe! steht auf dem aktuellen schmalen grünen Büchlein von Charles Eisenstein. Die drei Worte füllen das ganze Cover. Jedes von ihnen trifft eine Schwäche in mir - und eine Sehnsucht. Die Menschen sind ausgehungert nach Authentizität - schreibt Brene Brown, Expertin des Verletzlichen. Charles Eisenstein empfiehlt das Herz als fühlendes Zentrum eines authentischen Lebens.

Lasst uns hoffen und vertrauen. Authentische Hoffnung flieht nicht in Illusion, sie ahnt reale Möglichkeit. Lasst uns das konventionelle Problemlösen durchbrechen. Lasst uns einen Moment innehalten und die Welt mit ihren Augen sehen, uns in ihre Wirklichkeit versetzen. Es geht um Empathie.

Ich begegne Charles Eisenstein im Lebensgarten, einem Ökodorf bei Hannover. Es geht um das Klima und seine Krise, seine Katastrophe. Warum es uns, warum es der Erde so schlecht geht - was fehlt… Als Charles dann einfach so sagt: uns fehlt Liebe als Grund für eine engagierte Haltung, als Grund für ein gutes Leben, als Grund für eine gute Beziehung zu jedem Lebendigen. hat mich das verwirrt und froh gemacht.

Die eigentliche Ursache des Ökozids ist die Geschichte, die man sich in der modernen Zivilisation über die Welt erzählt. Ich nenne sie die Geschichte der Separation: sie trennt mich von dir, die Menschheit von der Natur, den Geist von der Materie, die Seele vom Fleisch. Volles Sein und Bewusstsein sind in dieser Geschichte exklusiv dem Menschen vorbehalten, der deshalb vom Schicksal dazu bestimmt ist, zur Herrschaft über die mechanischen Naturkräfte aufzusteigen, um einer geistlosen Welt Intelligenz aufzuzwingen.

Charles Eisenstein sieht das Leiden auf Erden verfasst in die Geschichte einer umfassenden Trennung. Weder mein Leben noch das der Menschheit ähneln einer Liebesgeschichte - auch nicht im entferntesten. Warum? Es liegt an unserer Einstellung, meint Charles, es liegt an der Geschichte, mit der wir uns legitimieren. Wir gehen miteinander und mit der Erde so um, wie wir uns und die Welt wahrnehmen.

Unsere Geschichten haben Macht. Wenn wir die Welt für tot ansehen, werden wir sie umbringen. Und wenn wir die Welt als lebendig betrachten, werden wir lernen, wie wir ihrer Heilung dienlich sein können.

Seit ich denke, bin ich kritisch und unzufrieden - mit viel von dem, was mir begegnet. Und ich fühle mich dabei - schwer zu sagen wie fühle ich mich eigentlich? Ich fühle lieber nicht so genau, vielleicht will ich nicht spüren: kritisch und unzufrieden bin ich vor allem mit mir. Was fehlt mir? Charles erinnert mich daran: ich kann die Geschichte meines Lebens verstehen und neu ausrichten.

Die Erde ist in Wahrheit lebendig. Die Umweltzerstörung erwächst aus tief verankerten Geschichten, die wir uns über uns und die Welt erzählen. Die Krise verlangt von uns eine Transformation in eine neue Art von Zivilisation, eine Initiation unserer Gesellschaft.

Ich + Liebe

Was fällt mir als erstes ein zu Liebe? Tanja, das ist meine Frau. Ich liebe sie - ich liebe Dich, mein Herz - seit über 33 Jahren. Wie ein Anfänger stolpere und stottere ich beim Versuch, ihr - Dir - das einfach nur zu sagen. Und erst der ganzen Welt.

Die Welt ist lebendig. Sie ist nicht nur der Wirtskörper des Lebens. Die Wälder und Riffe und Feuchtgebiete sind ihre Organe. Das Wasser ist ihr Blut. Der Erdboden ist ihre Haut. Die Tiere sind ihre Zellen. Verlieren diese Wesen ihre Unversehrtheit, siecht der ganze Planet dahin. Mit intakten Ökosystemen, mit starken Organen und gesunden Geweben ist die Erde widerstandsfähig.

Was ist meine früheste Erinnerung zu Liebe? Ich weiß nicht warum, aber es ist diese Szene aus meiner frühen Kindheit: Wir stehen auf dem kleinen Balkon unserer kleinen Dachwohnung tief im Ruhrpott. Wir lehnen an seinem Geländer aus einer Reihe von Gitterstäben. Mein kleiner Bruder schaut noch durch die Stäbe und hält sich an ihnen fest. Er schiebt sein ein Jahr jüngeres Köpfchen mit den herrlich abstehenden Ohren problemlos hindurch und wieder zurück. Ich kann so gerade über das Geländer weg schauen.

Gleich werde auch ich meinen kleinen, ziemlich dicken Kopf durch die Stäbe schieben. Ich werde ihn hindurchzwängen, aber ihn nicht wieder zurückbekommen. Ich werde schreien und schreien, mein Bruder wird schreien, meine Mutter wird uns anschreien und an mir zerren und wütend und hilflos sein.

Die lebendige Erde ist so gesund und lebendig wie ihre Organe vital sind: ihre Wälder, Böden, Feuchtgebiete, Korallenriffe, Fische, Wale, Elefanten, Seegraswiesen, Mangrovensümpfe sowie alle anderen irdischen Spezies und Systeme. Schädigen und zerstören wir sie alle weiterhin, dann wird die Erde, selbst wenn wir die Emissionen über Nacht auf null reduzieren, immer noch tausend Tode sterben.

Warum ist das meine früheste Liebes- Szene, da auf dem Balkon mit seinen Gittern? Weil wir wütend sind. Weil wir mutig sind. Weil uns Liebe so fehlte? Mein kleiner Bruder tut es zuerst. Dann stecke ich auch meinen Kopf hindurch - in Richtung Leben? Es geht nicht weiter - und nicht zurück. Ich stecke fest. Ich schreie. Will ich wirklich zurück?

Wie geht lebendig?

Liebe - welche Rolle spielte sie bei uns daheim? Es gab Omas, die lieb waren. Es gab Tanten und Onkel, die nett waren. Es gab meine Mutter, die überfordert war. Es gab meinen Vater, der kaum da war.

Welche Rolle spielte Liebe in meiner Kindheit und Jugend? Irgendwie steckte sie fest. Manchmal stand sie wie ein ratloses Püppchen irgendwo im Regal, verstaubt und vergessen. Wir hatten keinen Sinn für Liebe. Es ging um Überleben, erst materiell und äußerlich, mit Erfolg und Mittelstand dann emotional und innerlich. Wir überlebten.

Das soziale Klima, das politische Klima, das Beziehungsklima, das psychische Klima und das globale Klima sind untrennbar.

Beutet eine Gesellschaft die verwundbarsten Menschen aus, beutet sie auch die verwundbarsten Orte aus. Eine kriegführende Gesellschaft führt auch Krieg gegen die Natur. Eine ausbeutende und abwertende Gesellschaft geht so auch mit nicht-menschlichen Wesen um.

Lieben und Lebendigsein, das gab es in Filmen und Songs. Natürlich waren wir lebendig, aber ohne Gefühl dafür, ohne damit verbunden zu sein. Um Liebe ging es im Fernsehen und im Radio - wir schauten lieber Krimis. Oder Fußball - naja, die Männer. Liebe - welche Rolle spielte sie in meinen ersten Liebesbeziehungen? Ich erlebte darin Angst, war ratlos und überfordert - plötzlich so nah einem ganz anderen Menschen. Ich steckte fest in aufwallenden Emotionen und Trieben. Vielleicht steckt die Geschichte meiner Liebe fest zwischen den Gitterstäben eines Balkons? Vielleicht steckt die Geschichte unseres Lebens da fest?

Ein Wald ist nicht nur eine Ansammlung lebender Bäume; er ist selbst lebendig. Der Erdboden ist nicht lediglich ein Substrat, auf dem das Leben wächst; der Erdboden ist lebendig. Und das trifft auch auf einen Fluss, ein Riff und einen Ozean zu. So wie es sehr viel einfacher ist, einen Menschen zu entwürdigen, auszubeuten oder zu töten, wenn man ihn als minderwertig ansieht, ist es leichter, die Erdenwesen zu töten, wenn man sie von vornherein als nicht lebendig und unbewusst betrachtet. Flächenrodungen, Tagebaue, entwässerte Sümpfe, Ölteppiche etc. sind unvermeidbar, wenn wir die Erde als totes Ding ansehen, das nichts fühlt und gerade mal als Ressourcenlager nützlich ist.

Welche Rolle spielte Liebe in meiner Zen Praxis? Es ging um Innehalten in Stille, um Durchhalten in endlosen Meditationen, um Aufmerksamsein. Ja, Mitgefühl war wichtig, aber Weisheit irgendwie präsenter. Und das Lebendige ergab sich vor allem als Erkenntnis weil ja „alles verbunden ist", weil wir übten, das in jedem Moment zu gewahren. Aber ich spürte und lebte es selten.

Eine Liebesgeschichte mit dem ganzen Leben?

Das Klima auf Erden ist nicht zerrüttet von zuviel CO2 und all dem Müll, den wir produzieren und um uns verbreiten. Die Erde wird seit Menschengedenken mißbraucht und ausgebeutet von Gier, Haß und Dummheit. Das Klima auf Erden ist ausgehungert nach Liebe und - Frieden.

Solange der Krieg in all seinen Formen auf unserem Planeten tobt, wird keine der Prioritäten für einen Lebendigen Planeten umgesetzt. Wenn Ehrfurcht die Quelle der Revolution ist, dann ist der wahre Revolutionär der Friedensarbeiter. Die Kriegsmentalität erzeugt ein psychisches Klima, in dem Ehrfurcht nicht möglich ist, weil der Gegner entmenschlicht wird und jedem Wesen, das der Kriegsanstrengung im Weg steht, Empathie verweigert wird. Genauso hat die moderne Ökonomie die Natur zum Objekt gemacht und jedes Wesen, das dem Profit im Weg steht, aus dem Kreis der Empathiewürdigen ausgeschlossen.

Ich spüre: ich bin nicht getrennt - weder von mir selbst, noch von uns, noch von irgendetwas. Ich bin so lebendig, wie ich verbunden bin mit jedem Detail, jedem Krumen Erde, der mich ausmacht und durchdringt. Alles ist aus Erde. Aber wie mache ich diese Einsicht wahr in der Geschichte meines Lebens?

Wie hoch ist der CO2-Beitrag von Walen? Meeresschildkröten? U-Bahn-Fahrenden? Obdachlosen? Gefängnisinsassen? Nachtigallen? Eulen? Wölfen? Indem wir verstehen: die von uns ausgegrenzten Wesen sind am Ende die wichtigsten überhaupt. Wir sitzen alle im selben Boot. Bei dieser Revolution wird kein Wesen für die Weltrettung geopfert. Wir heilen, indem wir das Entwertete wertschätzen. Wir ermessen ihren Wert und den Wert der Natur selbst nicht in Geld. Jedes Detail und jedes Wesen ist wichtig für ein Leben in seiner ganzen Fülle.

Wie wird die schönere Welt wirklich?

Liebe ist ein Engel ohne Zeit und Raum in meiner Welt. Ich kann den Kopf durch ihre Gitterstäbe schieben - und dabei steckenbleiben. Was geschieht, wenn Liebe eine Rolle zu spielen beginnt, wenn Liebe die Rolle meines Lebens wird?

Leben schafft die Bedingungen für weiteres Leben. Nach diesem Prinzip sind die Menschen ebenfalls hier, dem Leben rundherum etwas zu schenken; wir sind hier, um dem Leben zu dienen. Wir als Zivilisation haben lange das Gegenteil getan. Nichts weniger als eine Revolution voll Liebe, ein großer Wandel, wird deshalb genügen.

Ich stehe auf dem Balkon meines Lebens, den Kopf zwischen den Stäben der Balustrade eingeklemmt. Ich bin wütend. Wir alle sind wütend. Mein kleiner Bruder, meine überforderte Mutter, mein abwesender Vater. Dann werde ich still. Ich schweige und spüre - und dann?! Werde ich mutig wie noch nie in meinem Leben? Werden wir mutig? Werden wir mitfühlend für unser Leben, für jedes Lebendige? Öffnen sich unsere Herzen, öffnet sich unser Leben für einen wirklichen Frieden auf Erden?

Eine Gesellschaft, die sich der Heilung verschrieben hat, heilt auf allen Ebenen. Jeder Akt der Heilung ist ein Gebet, ein Manifest für die schönere Welt. Indem wir uns einlassen auf unsere Liebe für diesen schmerzenden, lebendigen Planeten, bringen wir diese Liebe durch unsere Hände und unseren Verstand, durch unsere Technologie und unsere Künste zum Ausdruck, wir fragen uns: »Wie heilen, wie träumen wir die Erde?

charleseisenstein.org Wut Mut Liebe! Politischer Aktivismus und die echte Rebellion, Charles Eisenstein, Europa Verlag 2020 Klima. Eine neue Perspektive, Charles Eisenstein, Europa Verlag 2019