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FRIEDER NAGEL


FAZE - epaper ⋅ Ausgabe 12/2020 vom 01.12.2020

Nächte im Kiefernwald


Artikelbild für den Artikel "FRIEDER NAGEL" aus der Ausgabe 12/2020 von FAZE. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: FAZE, Ausgabe 12/2020

Frieder Nagel zieht die Zuhörer*innen mit seiner Kunst in eine mystische Welt voll warmer Synths und detaillierter Soundcluster. Nach gerade einmal zwei EPs auf dem Pariser Label InFiné kann der Newcomer bereits Daniel Brandt und David August zu seinen Kooperationspartnern zählen und Auftritte auf dem Reeperbahn Festival und bei Boiler Room vorweisen. Am 4. Dezember bringt er einen Remix für den französischen Superstar Rone heraus und veröffentlicht taggleich den Ambient-Track „DAWN“ auf dem Sublabel der Berliner Electro-Institution K7!. Ein Interview.

Frieder, wie ist die Lage? ...

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Gut! Ich bin gerade in meinem Studio und sitze an einem Rework für einen Hamburger Komponisten.

Die Pandemie hat für das wohl verrückteste Jahr unseres Daseins gesorgt. Wie erging es dir 2020?

Ach, es ist ein ständiges Auf und Ab. Mich hat das Ganze mitten in meiner ersten richtigen Tour erwischt. Auf dem Jazz&Beyond Festival und in der Berghain Kantine konnte ich noch spielen, aber in Hamburg hatten wir einen Corona-bedingten Ausfall und kurz vor meinem Gig in Nürnberg kam der Lockdown. Im Mai hätte ich eigentlich das erste Mal in Paris spielen sollen - na ja, was soll man sagen. Ich bin so weit gesund; das ist, denke ich, das Wichtigste zurzeit.

In der Tat. Konntest du dennoch Positives aus diesem Jahr ziehen?

Nun ja, 2020 hat mal wieder gezeigt, dass wir weit weniger unter Kontrolle haben, als uns lieb ist. Die Natur macht einfach, was sie will. Gleichzeitig sieht man, was politisch möglich wäre, vor allem in Bezug auf den Klimawandel, wenn alle an einem Strang ziehen würden. Für unsere Branche ist das Ganze natürlich ein großes Trauerspiel. Wir sind das Bauernopfer.

Lass uns über deine Anfänge sprechen. Wie bist du zur Musik gekommen und was bzw. wer hat dich inspiriert?

Ich bin in einer Musikerfamilie aufgewachsen - zu Hause gab’s aber „nur“ Klassik und Jazz. Eine Freundin aus Hamburg hat mir regelmäßig Musikkassetten zugeschickt mit Prince, Pink Floyd, Kate Bush, der ganzen Popmusik der Achtziger. Ich fand diese unbekannten Sounds und Effekte als Kind total spektakulär. Mit 16 bin ich dann für ein Jahr durch Lateinamerika gezogen und hab Ska, den Tango und die alten Candombe-Sachen aufgesogen. Im Anschluss ging es Anfang der Nullerjahre nach Berlin und mitten in die Wunderwelt der elektronischen Musik - meine Helden hießen Booka Shade, Nathan Fake, Trentemøller und Minilogue. Mit meinem ersten Computer, Cubase SX und Unmengen an Plugins hab ich dann losgelegt.

Du hattest bislang zahlreiche Kooperationen, darunter mit Daniel Brandt sowie mit dem Deutschen Symphonie-Orchester und David August. Waren das auch deine persönlichen Highlights?

Ich bin ein totaler Fan von der instrumentalen Technofrickelei von Brandt Brauer Frick und die Tanzproduktion MASSE im Berghain hat mich letztendlich zu dem Projekt Ostinato inspiriert, zu dem ich David eingeladen habe. Ich wollte wissen, was passiert, wenn so ein kreativer Kopf wie er an das Orchester rangeht. Gleichzeitig habe ich versucht, die elektronischen Instrumente so natürlich wie möglich in den Klangkörper zu integrieren. Mit Daniel selbst hab ich dann letztes Jahr an einer Techno-Tanz-Oper mit der japanischen Choreographin Fukiko Takase gearbeitet. Das waren definitiv Highlights bis dato.

Nach 15 Jahren in Berlin bist du zurück in die Heimat gezogen, genau genommen in den fränkischen Kiefernwald. Was waren die Gründe dafür und wie ist die neue Umgebung?

Letztes Jahr hab ich auf dem französischen Label InFiné meine erste EP rausgebracht, in Hamburg studiert, in Berlin als Kulturmanager und Produzent gearbeitet und mein Sohn ist auf die Welt gekommen. Es war an der Zeit, einen Gang herunterzuschalten. Jetzt wächst der Kleine mit Traktoren, Hunden und einer Menge Fliegen auf - das ist super!

In Nürnberg sowie in Magdeburg hast du erst kürzlich an Klanginstallationen gearbeitet. Wie kam es dazu und was genau wurde realisiert?

In Magdeburg wurde im Rahmen der Kulturhauptstadtbewerbung Videomapping im großen Stil auf den Dom projiziert, wofür sie passende elektronische Musik von verschiedenen Produzent*innen angefragt haben. In Nürnberg hat die Stadt Künstler*innen für eine Corona-konforme Open-Air-Ausstellung im Stadtpark gesucht. Da man ja keine normale Musikveranstaltung machen darf, habe ich Musik für einen Baum geschrieben, Lautsprecher in die Krone gehängt und das Ganze automatisiert mit einem ausgefeilten Lichtdesign in Schleife abgespielt, sobald es dunkel wurde. Das hing dann dort einen Monat und hat eine ganz eigene, magische Stimmung kreiert.

Deiner Leidenschaft für Synthesizer und Klangerzeuger gehst du vornehmlich in der Nacht nach. Warum das? Und wie genau ist deine Arbeitsweise im Studio?

Ich finde es fast unmöglich, tagsüber kreativ zu sein, da gibt es zu viel Ablenkung. Ideen kommen mir einfach immer nachts. Ich improvisiere meistens so lange, bis ich den Kopf freihabe. Wenn ich ein paar goldene Momente zusammen habe, begebe ich mich auf die Suche nach einer Struktur und beginne Schicht für Schicht darüber zu improvisieren, bis sich ein Stück herauskristallisiert hat.

Du hast es eben schon angesprochen: Im Frühjahr hast du mit Mischa Blanos dein neues Soloprojekt Karoshi in der Kantine am Berghain vorgestellt. Erzähl uns mehr darüber.

Karoshi ist japanisch und bedeutet „Tod durch Überarbeitung“. Auf der EP geht es um diesen Wahnsinn in unserer modernen Arbeitswelt, dass „immer mehr“ gleichgesetzt wird mit „immer besser“ und man eigentlich die ganze Zeit irgendeiner Sache hinterherrennt. Heutzutage wird ja leider selbst die Freizeit einem bestimmten Zweck untergeordnet oder zu optimieren versucht. Für mich hat sich das dann irgendwann aufs Musikmachen übertragen und Karoshi war mein Weg, mich wieder davon zu befreien.

Rone ist in Frankreich ein absoluter Mega-Star und füllt ganze Konzert-Venues. Du hast nun einen Remix für ihn gemacht. Welche Idee steckt hinter deiner Interpretation?

„Esperanza“ geht wieder an die Anfänge von Rones Musik zurück: einfach pure Electro-Euphorie! Ich wusste erst mal nicht, wie ich da rangehen sollte. Einen Club-Remix, wenn alle Clubs zu sind? Ich hab mich dann für ein Wochenende in diesen Zustand zurückversetzt, wie es ist, aufzulegen und zu feiern. Gerade zum Schluss hin wird der Track schon fast ein wenig ironisch, aber Alex, der A&R bei InFiné, hat mich ermutigt, das Ganze noch mehr auf die Spitze zu treiben. Ich bin gespannt, den Remix dann wirklich aufzulegen, wenn die Pandemie vorbei ist.

Du veröffentlichst an einem Tag sowohl ein Techno- als auch ein Ambient-Stück. Inwiefern funktionieren diese beiden Welten für dich parallel?

Die Grundaufgabe von Ambient ist es, eine Stimmung zu schaffen - dem Raum eine bestimmte Atmosphäre zu geben. Das ist gleichzeitig meiner Meinung nach die Grundzutat von Techno. Aufgrund der ganzen repetitiven Elemente bei Tanzmusik muss jedes Sample oder jede Drum stark charakteristisch sein und eine eigene Klangweite mitbringen, die einen in das Stück hineinzieht. Gleichzeitig leben beide Genres von einer sehr großen Klangbreite, die etwas Majestätisches in sich trägt. Beim Ambient bleibt dieser Aspekt im Gegensatz zum Techno natürlich eher subtil. Daher funktioniert das für mich als Musiker beides sehr gut.

Zu deinem Ambient-Track erscheint ebenfalls ein Musikvideo. Kannst du uns schon mehr dazu sagen?

Beim Musikvideo für „DAWN“ wollte ich genau dieses Gefühl der Weite vermitteln. Während der Arbeit an dem Track hab ich zufällig gelesen, dass Quallen die ersten Lebewesen auf der Erde waren. In Zeitlupe sind das unglaublich majestätische Tiere, und es wirkt, als würden sie durch das Nichts schweben. Dieses Bild zusammen mit den kargen Landschaften wurde dann zum Grundthema für das Video.

Du gehörst zum Innercircle des Pariser Labels InFiné, hast dort bereits zwei EPs veröffentlicht. Was ist dort als Nächstes geplant?

Julien, der die Promo für InFiné macht, und Cesar, der Rone produziert und unter seinem Alias Cubenx von Anfang an dabei ist, bilden zusammen mit mir den kleinen Berliner Ableger von InFiné. Eigentlich sollte 2020 eine neue Clubreihe starten, jetzt überlegen wir gerade, wie wir die Musikstücke aus meiner Bauminstallation zu einer EP verarbeiten können.


Foto: Moritz Hüttner