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Frohes Neues mit der Kurvenkönigin


Tourenfahrer - Motorrad Reisen - epaper ⋅ Ausgabe 1/2020 vom 10.12.2019

Wenn der König von Mallorca Auszeit hat, können sich die Kurvenaussichten auf die Traumstraßen beschränken. Lars (Text & Fotos), Tessa und Anke Wennersheide sowie Marius Becker (jeweils Fotos) reisen zum Jahreswechsel auf die Lieblingsinsel der Deutschen.


Artikelbild für den Artikel "Frohes Neues mit der Kurvenkönigin" aus der Ausgabe 1/2020 von Tourenfahrer - Motorrad Reisen. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Tourenfahrer - Motorrad Reisen, Ausgabe 1/2020

Himmelsfunkeln: Prost Neujahr vor der illuminierten Kathedrale der Heiligen Maria in Palma!


»Alles, was sich der Dichter und der Maler erträumen können, hat die Natur an dieser Stelle erschaffen.« George Sand (1804–1876), französische Schriftstellerin, in »Ein Winter auf Mallorca«

Rockig: Auf den letzten Metern hinaus zum Leucht turm Far de Formentor ...

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... zeigt sich die Insel von ihrer winkeligen Seite.



Kurven über Kurven zeichnen sich in eine karge, aufgekratzte, beinahe abenteuerliche Küstenlandschaft


Feurig: Bei der Auffahrt zum Monestir de Sant Salvador bei Felanitx klebt der Asphalt wie Lakritz.



Eine Lichtstimmung, als wäre unter einem wolkenverhangenen Himmel dauerhaft Sonnenuntergang


Abfällig: Der Weg hinaus zu den Coves d’Artà ist atemberaubend in den beinahe lotrechten Hang gemeißelt.



Panoramen fallen die Klippen in das tiefblaue Mittelmeer herab, kitzeln das Adrenalin Höhenängstlicher


Abendlicht: Blick über Porto Cristo vom Appartementbalkon aus (gr. Foto). Schattenwerfer: Das Monument »Crist Rei« reckt sich am Gipfelplateau von Sant Salvador gewaltig der Sonne entgegen (o. l.).
Land-Gut: der Schaubauernhof »La Granja« versteckt sich nahe Esporles (M. l.).
Winterschlaf: Am Hafen von Portocolom geht es gerade beschaulich zu. Es war uns eine Ehre: stilsicherer Abschied von Andreas auf passender Passhöhe. Dekorativ: Weihnachtlich geschmückt, erinnert uns die Carrer del Roser in Santanyí an die Jahreszeit. Süß-Stoff: Mandelkuchen gehört auf Mallorca wie auch bei »Fet a Sóller« am Hafen von Sóller zu den Inselspezialitäten (u. v. l.).


Llaüts, die typisch mallorquinischen Fischerboote, schaukeln im Wasser. Der Puls des Lebens ist auf der Insel momentan heruntergefahren


Neujahr. Porto Cristo. Zwölf Uhr mittags, 19 Grad. Wolkenloser Himmel. Die Anzeige der blauen Rallye-GS wärmt nicht nur unser winterlich abgekühltes Reiseherz. Fleece-Pullover fliegen in die Koffer, direkt neben dicke Handschuhe und wollige Unterziehhosen. Für alle Fälle, rede ich mir ein.

Träge erklimmen wir die Sitzbänke der BMWs. Einmal, zweimal schüttelt sich der Boxer, dann zündet er ebenso wie das neue Jahr oder heute Morgen der Kaffee bei Anke, Marius und mir. Noch immer hängt uns die vergangene Nacht in den Knochen, als sich das alte Motorradjahr mit einem knallig-kunterbunten Feuerwerk in Palma prachtvoll in der Silvesternacht verabschiedete.

Keine zwölf Stunden später der perfekte Start in eine frische Saison. Wind tobt ums Visier, die Häuserfassaden von Porto Cristo erklimmen die Anhöhen oberhalb der Bucht, leuchten im warmen Licht einer tief stehenden Sonne. Trotz aller Zurückhaltung am Gasgriff scheint der Auspuff der GS gegen eine allgegenwärtige Ruhe anzubrüllen.Tranquilo, der Puls des Lebens ist auf der Insel momentan heruntergefahren. Vereinzelte schlendern lautlos entlang des weit ins Land reichenden Hafenbeckens. Noch immer schaukeln hier auchLlaüts, die typisch mallorquinischen Fischerboote, im Wasser.

Begonnen hatte alles am Rande von Felanitx in den höhlenähnlichen Hallen von »Mallorquin-Bikes«. »Reif für die Insel?« Niemals hätte ich Johannes und seiner Frau Anke widersprechen wollen. Der wuchtige Duft einer ehemaligen Weinessig-Fabrik legt sich noch heute über den vorwiegend von aktuellen BMWs gefüllten Motorradstall, bleibt unzählige Radumdrehungen im Zinken kleben.

Keine zehn Kilometer zählt die Gesamtund Tagestrip-Anzeige. Noch fühle ich mich auf der BMW wie ein Besoffener auf einem Hochseil. Das Motorrad wirkt ungewohnt ungeschmeidig und steif. »Monestir de Sant Salvador! Danach kommste auf Malle alle Berge hoch!« Für Marius ist die Sackgasse der Ma-4011 die perfekte Einsteigerübung, um nach der monatelangen Motorradpause wieder in Schwung zu kommen. Jetzt zählt es! Die Sonne strahlt, als wolle sie uns auslachen. Aus Straßen wird ein Asphaltband, aus einem übersichtlichen Wegenetz eine fein an den Hang geworfene, unübersichtlich-winkelige Bergkletterei mit dem Grip von Lakritz, das zwischen den Zähnen klebt.

Zugegeben, die ersten Motorradkilometer fühlen sich nach jeder Auszeit seltsam an. Doch das hier ist ein 100-Meter-Sprint morgens direkt nach dem Aufwachen. Etwas klapperig in den Knochen ziele ich auf die erste wuchtige, enge, im Wendepunkt steile Kehre. Ihr kennt das Gefühl »das wird nix«, obwohl die Kehre noch einige Radumdrehungen entfernt ist?

Hauptsache oben bleiben. Aufrichten im Gegenverkehr, handtuchbreit von der gegenüberliegenden Mauer entfernt. Keine Fahrradfahrer. Keine Leihwagen-Karawane. Keine Busse. Gott sei Dank ist im Winter hier in den Serpentinen wenig los.

Das riesige Christus-Monument Crist Rei wirft oberhalb der Freitreppe lange Schatten über das Gipfelplateau mit dem wehrhaften Wallfahrtkloster Sant Salvador, wirkt wie der kleine Bruder von Cristo Redentor, der weltberühmten Statue im Süden von Rio de Janeiro. Eine grandiose Aussicht über die gesamte Insel inbegriffen. Das also ist Mallorca. Überschaubar. Wir sind bereit.

Mit jedem Meter bergab sinkt auch der Adrenalinspiegel weiter. Jede Biegung, jede Wendung, die soeben noch Herzklopfen verursacht hat, wird zum Kinderspiel. Da ist sie wieder, die Leichtigkeit, die uns durch Senken mit der Kompression wie auf der Nordschleife bis hinaus nach Portocolom trägt. Segelboote und Katamarane wiegen sich an den Bojen hin und her, halten Winterschlaf im ehemaligen Hafen von Felanitx. Wir fahren quasi durch ein Geisterdorf. Es wird nicht das letzte sein. Im »Hafen des Kolumbus« erzählen zahlreiche Parkplätze Geschichten von sommerlichen Invasionen an der Ostküste. Wären tatsächlich Menschen unterwegs, fänden wir auch eine Antwort auf die brennende Frage: »Ist man tatsächlich überzeugt, dass Weltenentdecker Kolumbus, wie kolportiert, von hier stammt?«

Wolkenfetzen fegen über die Ausläufer der Serres de Llevant. Abbiegen in den Camí des Castell. Ein Schmalspurband, hier und da ein Flickenteppich aus schorfigem Restasphalt mit kleinsteiniger Garnitur, kreuzt durch immergrüne Macchia. Wir drehen die wenigen, aber saftigen Kehren hinauf zum Castell de Santueri. Erbaut, um Menschen fernzuhalten, erfüllte es lange seinen Zweck. Bis Touristen und mit ihnen die Tages-Tickets kamen. Allein die Aussicht und der Kehraus mit all der Kurverei zurück auf die Ma-14 verzaubern.


Entlang der Carrer Sants Doctors türmt sich das Gestein so hoch, dass es uns Geleitschutz gibt


Überspannt: Von Felsen flankiert, wird es bei der Einfahrt nach Muro eng.


Manchmal glaube ich, das Meer selbst auf der Hauptverbindung gen Süden riechen zu können. Immer wieder führen Seitenarme der Küstenstraße Richtung Osten an die Küste, bis uns Santanyí verschluckt. Wir quetschen uns durch Gassen, die mit ihrer Dichte immer weniger Orientierung erlauben. Kaum mehr als ein schmaler Spalt öffnet den Himmel über uns. Spätestens in der Carrer del Roser hocken wir im eigenen Klangteppich der GS, irrt auch das GPS umher. Im Fenster der »Sa Botiga« lockt Weihnachtsdekoration, drinnen ein Weihnachtsbaum aus Metall und auf Deutsch angepriesener »hausgemachter Kuchen« samt eines beheizten Patio (Innenhof). Wie aktiviere ich eigentlich die Heizgriffe an der Rallye? So richtig passen die Bilder nicht im Kopf zusammen. Zum Jahresende auf dem Motorrad unterwegs, und das ohne zu frieren?

Auf der bildschönen Plaça de la Constitució kommt das Leben endgültig zurück auf die Insel. Die Fassaden der Kirche Sant Andreu, die allgegenwärtigen, goldschimmernden Mauern aus Marès-Stein tauchen den zentralen Platz in eine eigenartige Lichtstimmung, als wäre unter wolkenverhangenem Himmel dauerhaft Sonnenuntergang.

Wenn Süden, dann richtig. Kilometer um Kilometer gibt sich die Insel offen und weit, rauschen Felder auf sanften Hügeln mit Oliven-, Mandel- und Johannisbrotbäumen an uns vorbei, um zwischendurch immer wieder von Pinien abgelöst zu werden.

Am Ende der Stichstraße zum Südkap, dem Cap de Ses Salines, umzingeln uns Drahtzäune beinahe in alle Richtungen. Gedankenverloren wirkt dahinter der Leuchtturm als letzte Markierung, bevor sich die Insel ins Meer verabschiedet. Zwischen Sa Ràpita und Cala Pi besteht der Begriff Meereshöhe endlich auch den Realitäts-Check, legt sich feiner Wasserstaub aufs Visier. Gähnende Leere am Strand – an allen Stränden –, wie an dem kleinen Fjord, der sich bei Cala Pi ins Landesinnere bohrt. Vielleicht ist Mallorca im Winter so, wie es einst einmal war.

Die Dunkelheit bricht unerwartet früh herein. Zum Cap Blanc schaffen wir es heute nicht mehr. Deutlich markiert der Lichtstrahl der GS einen der feinen Wirtschaftswege im bäuerlichen Hinterland Mallorcas, streift entlang der steinigen Feldeinfassungen aus Natursteinen, die gerade Linien in die Landschaft ziehen und das Sträßchen nahe Montuïri einkesselt haben. Aus dem Nichts brettert uns im Halbdunkel äußerst elanvoll ein alter, unbeleuchteter Fiat entgegen. Die Gesichtszüge des Fahrers erscheinen immer deutlicher, sein Blick immer vernebelter. Noch weiter rechts können wir nicht, ohne dass die BMW von Stein-Tattoos gezeichnet würde. Wir blenden auf, was die GS an Leuchtstoff hergibt, um die Nebelkerze hinter dem Steuer zu warnen. Der Doblò pendelt, die Augen werden groß und größer. Die Mauer kommt ihm verdammt nah. So schnell kann man nüchtern werden.

Ob Besucher in Cala Rajada die zubetonierten Strände im klaren Geisteszustand jemals schön finden können, wollen wir gar nicht erst herausfinden. Frühlings Erwachen anderntags im Nordosten der Insel auf dem Weg hinaus zu den Coves d’Artà oder den gelb blühenden Sauerkleefeldern nördlich von Artà. Zurück bleibt mit dem Örtchen ein mittelalterliches Burgenwunder, nicht für Gäste aufgehübscht, eher natürlich schön. Gassen saugen uns auf, die so italienisch verwinkelt und eng beieinander stehen, dass wintertags an manchen Ecken kein Sonnenstrahl den Boden berührt.

Mal wieder verlieren wir kurzfristig die Orientierung, finden eher zufällig Richtung Norden die Ma-3333, bohren uns hinein in die schroffe Península de Llevant. Kurven über Kurven zeichnen sich in eine karge, aufgekratzte, beinahe abenteuerliche Küstenlandschaft, die vom spektakulären Spiel zwischen königsblauem Meer am Horizont, der fernen Formentor-Halbinsel und dem Grün von nahen Zwergpalmen und Dissgras-Feldern lebt. Ein Schwarm Vögel wirbelt wild durch die Luft, zirkelt eine ganze Weile hektisch seine Kreise direkt über uns. Es riecht, wie es nur am Mittelmeer riechen kann.

Der Weg hinaus zur einsamen Einsiedelei der Ermita de Betlem muss ohne Mittellinie auskommen – mehr als zwei Motorräder kämen ohnehin nicht aneinander vorbei. Nach Geschwindigkeitsrekorden steht uns eh nicht der Sinn. Einfach den Moment festhalten, jede Biegung ein Genuss. Ach, kann Motorradfahren wundervoll sein. Daheim soll es angefangen haben zu schneien!

Kein Don Quijote weit und breit in der Ebene von Es Pla. Gelassen drehen sich Windmühlenflügel im Zentrum der Insel zwischen den Bergketten der Serra de Tramuntana im Nordwesten und den Serres de Llevant im Osten. Erdklumpen dekorieren kleinere Versorgungswege, lassen die Rück-Sicht im Spiegel mächtig aufstauben und Marius kurzzeitig verschwinden. Wir rollen durch die Ausläufer der Korn- und Kartoffelkammer der Insel, ein schachbrettartiges Bauernland mit frisch geschuppten Feldern. Über stoppeligen Äckern erheben sich Windmühlen. Mit ihrer Hilfe pumpten einst dieCampesinos das Wasser aus der Tiefe, um ihre Felder am Leben zu erhalten. Viele dieser Räder verkommen heute, andere schmücken als Visitenkarten ihre dazugehörigen Höfe, allein ihre Funktion ist nicht mehr gefragt.

Ansonsten erinnert der leicht hügelige, von Steinwällen eingefasste Verlauf der Fahrbahn an die Midlands in England. Mal überwuchern lila-rote Drillingsblumen das Mauerwerk bei Santa Margalida, dann türmen sich entlang der Carrer Sants Doctors die Felsklumpen bei der Einfahrt nach Muro so hoch und winkelig, dass sie uns Geleitschutz geben. Auf beiden oberen Enden liegt eine Steinbrücke, die den Bogen beinahe überspannt.

Woher auf einmal all die Menschen nördlich der Badia, der Bucht von Pollença, kommen, ist uns zunächst schleierhaft. Der Geist einer verlassenen Westernstadt legte sich doch gerade noch über Alcúdia, in dem allein der Sand über dem Asphalt schwebte.

Tatsächlich Verkehrsaufkommen auf dem Weg hinaus zum Cap de Formentor, wo Mallorca seinen von Wind und Wasser bizarr modellierten, kilometerlangen Landfinger ins Meer hinausstreckt. Mal knackige, mal weite Bögen machen Höhenmeter, tragen uns hinein in eine Steilküste. Größenverhältnisse verschieben sich auf dem atemberaubend in den Hang gepressten, rennradtauglichen Asphalt. Die BMW verkommt in der Wucht aus Riesenfelsen zur Belanglosigkeit und im Zweifel zu einem unbedeutenden Spielzeug.


Ein spektuläres Spiel zwischen königsblauem Meer, der fernen Halbinsel und dem Grün der Palmen


Maritim: Der Abstecher auf die Península de Llevant zur Einsiedelei »Ermita de Betlem« geizt nicht mit Reizen.


Eine stürmische Brise greift nach uns, zerrt an Helmen, Jacken und unserem Gemüt. Die Formentor-Halbinsel gilt als raue, wildeste Seite des Eilandes. »Treffpunkt der Winde« nennen sie die Einwohner seit Urzeiten, begegnen sich hier die vier großen Luftströme Tramuntana, Ponent, Migjorn und Llevant. Panoramen fallen die Klippen mehrere Hundert Meter in das tiefblaue Mittelmeer herab, kitzeln das Adrenalin Höhenängstlicher. Die Ma-2210 ist eine Traumstraße, unbestritten. Nicht grundlos im Sommer tagsüber für den gewöhnlichen Mietwagen-Verkehr hinaus zum Leuchtturm Far de Formentor gesperrt. Wir reihen uns auf dem Parkplatz an Mallorcas Finisterre ein. Abendlicht legt sich auf das Schneeweiß der Seeleuchte.

Neuer Tag, neuer Mitfahrer. »Treffpunkt Ma-2200, Camí vell de Campanet, Einfahrt südlich von Pollença, namenloses Tal nach Westen Richtung Campanet.« Freund Andreas tauscht für einen Tag sein Rennrad gegen eine gemietete R nineT Urban G/S. Tatsächlich gilt die Ausschilderung Richtung Campanet am Treffpunkt hauptsächlich muskelbetriebenen Zweiradfahrern. Soll uns ja nicht stören. Ein schmales Straßenbändchen zieht durch die Ausläufer der Serra de Tramuntana. Rurales Hinterland, Weinanbau, versteckte Prominester, die aus der Ferne nach mehr Sein als Schein aussehen. Eine Schafherde nimmt uns zeitweilig gefangen.

Hinauf zum Coll de Sa Bataia ist Getriebe-Stepptanz angesagt. Dritthöchster Pass der Insel, Schräglagenwechsel. Das Versprechen auf den besten Mandelkuchen im Pass-Restaurant verpufft an geschlossenen Türen. In gleich sieben Sprachen begrüßt uns dafür das alles überstrahlende Santuari de Santa Maria de Lluc, bis heute der bedeutendste Wallfahrtsort der Insel.

Unsere Mission gilt eher Mallorcas Schauseite, der Küstenstraße entlang der Serra de Tramuntana, von der UNESCO zum Erbe der Welt ernannt. Sollten wir uns auf der Ma-10 dafür etwa in Schale schmeißen oder gar einen Schlips binden? Auf den Motorrädern? Besser mit den Zweirädern! Abzweig am knapp 700 Meter hohen Coll dels Reis hinunter zum winzigen Sa Calobra unten am Meer. Wild gewordene Serpentinen, Kehren und Kurven – alles, was ein Motorradherz begehrt, was außergewöhnlich abenteuerlich, aber nicht einzigartig ist. Wäre da nicht der Nus de Sa Corbata, eine 400-Grad-Serpentine, die sich eben wie ein Krawattenknoten selbst unterläuft. Fein gemacht!


Noch einmal Küstenstraße, Refugium der Strandverweigerer und natursüchtigen Zweiradfahrer


Unterirdisch: Bootsfahrt durch die »Coves del Drac« bei Porto Cristo (u.). Schätzchen: Stolz zeigt uns Johannes von »Mallorquin-Bikes« auch seine BMW, die nicht vermietet wird.


Malerisches Licht, verschwiegene Bergdörfer. Kein Hitzedunst, der die Farben rund um Mallorcas höchsten Gipfel, den Puig Major, bleicht. Vorbei an den Stauseen Cúber und Gorg Blau, spätestens am Port de Sóller tickt die Uhr mal wieder nachdrücklich zum Umkehrschwung und zur Rückkehr über den Coll de Sóller. Einer der wenigen richtigen Pässe der Insel, die man schnittig überqueren kann. Und wie! Am schlimmsten ergeht es den Fußrasten. Doch Vorsicht: Ohne Chance auf Wintersonne sprießen in Haarnadelkurven am Nordhang glitschiges Moos und Grünflechte, längst nimmt der gewöhnliche Verkehr den gebührenfreien Tunnel hinüber nach Bunyola. Fix noch über den Coll d’Honor, das Hochtal von Vall d’Orient setzt bereits abendlichen Nebel an, dann geht das Licht für heute aus.

Auf eines jedoch ist Verlass: Auch anderntags ist die Sonne wieder eine Stimmungskanone. Wir rollen durch die Kapitale der Insel. Palma, eine Stadt ohne Auszeit. Altstadt, Hafen, Kreuzfahrtschiffe, Kathedrale. Eingerahmt in der weiten Bucht von Magaluf und S’Arenal, von Deutschen oder Engländern. Die Sommerbilder der Plastikparadies-Ferienorte sind bekannt. Strände dicht an dicht, vollgepackt mit öligen Leibern, die unter der Sonne garen wie Grillhähnchen: strunzbesoffene Frauen, deren Röcke oft kürzer als ihre Absätze sind, und Männchen, die sich auf »deutscher Seite« zwischen den Partypunkten »Oberbayern«, »Megapark« und »Bierkönig« benehmen wie eine offene Hose.

Bevor mir der Kopf jault wie ein schlecht eingestellter Vierzylinder, ab in den wilden Westen der Insel. Kurvenorgien statt sonstiger Orgien am Coll de sa Creu, dann Calvià, Richtung Puigpunyent und dem lieblichen Landgut »La Granja«. Dazu den Duft von Zitronen- und Orangenbäumen, von Steineichen und Aleppo-Kiefern im Helm. Noch einmal genießen wir die Freiheit der Menschenleere, drehen am Gas, jedoch niemals in Ballermann-Manier. Wer will schon durch die Dörfer donnern, dass die Wände wackeln?

Noch einmal Küstenstraße, Refugium der Strandverweigerer und natursüchtigen Zweiradfahrer. Das Gezacke einer zerklüfteten Küste, Kurve folgt auf Kurve, Panorama auf Panorama. Der Sonne und Port d’Andratx entgegen. Hier trägt so mancher ökologische Fußabdruck Prada. Der Anblick von Prominenten ist Teil des Dekors. Der glühende Ball senkt sich theatralisch hinter den Horizont, entzündet den Himmel in ein Feuerwerk aller möglichen Rottöne. ¡Feliz Año Nuevo!

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Jahreswechsel auf Mallorca

Der Jahreswechsel auf Mallorca verspricht grundsätzlich ein sonniges Szenario und ein Frühlings Erwachen im Winter. Die Tagestemperaturen erreichen in der Sonne gern mal über 20 Grad und fühlen sich auf dem Motorrad sehr angenehm an. Typischerweise sind auch zu der Zeit auf Mallorca die Tage kurz, die Nächte lang. Früh am späten Nachmittag geht die Sonne unter und es wird lausig kalt. Thermo-Inlet, Fleece-Wäsche und Winterhandschuhe sollten bei der Abfahrt morgens nie vergessen werden. Mehr als einmal haben wir unterwegs für die Rückfahrt nachrüsten müssen, um nicht als Eiszapfen an der Unterkunft anzukommen.

Auch die Tagesplanungen sollten den kurzen Tagen angepasst werden. Die Etappen werden kürzer, die Dauer der Anfahrten bis in ein Zielgebiet sind nicht zu unterschätzen. Einige Streckenabschnitte liegen aufgrund des niedrigen Sonnenstandes in den Bergen oftmals in Bereichen mit »Immerschatten«. Dort kann es auf dem ansonsten vorzüglichen Wegenetz der Insel auch mal rutschig werden. Glaubt man den Wetterfachleuten, sind Wintereinbrüche möglich.

Ein offizielles Feuerwerk wird auf der Insel nicht veranstaltet. Am meisten ist zum Jahreswechsel wohl auf den Straßen rund um Palma los. Besondere Silvesterbräuche der Mallorquiner ranken sich um das Tragen von geschenkter, roter (Reiz-)Unterwäsche (für die Damen?) und um zwölf Weintrauben. Jeweils eine deruvas de la suerte (Glückstrauben) wird um Mitternacht zu jedem Glockenschlag in Palma – versehen mit einem Wunsch für neue Jahr – geschluckt. Gar nicht so einfach, ausreichend zügig zu kauen, gleichzeitig zu wünschen und nach Luft zu schnappen. Die Party, die guten Wünsche, die Freude starten erst danach und mit Verzögerung.

Anreise

Sicher kann man via Fährhafen von Barcelona per Schiff auch mit dem eigenen Motorrad nach Mallorca reisen. Eine lange und durchaus kostenintensive Anreise (Péage in Frankreich / Fährticket) dorthin lässt allerdings die weitaus meisten Gäste mit dem Flugzeug kommen. Vor allem im Winter scheint uns das alternativlos. Kostengünstige Verbindungen lassen sich beinahe aus jeder Ecke Deutschlands, Österreichs oder der Schweiz finden.

Motorradmiete

Überragende Erfahrungen haben wir vor Ort mit »Mallorquin-Bikes« in Felanitx gemacht. Dank angeschlossener, offizieller Fach-Werkstatt war die vorwiegend aus BMWs bestehende, breite Motorradflotte in bestem Zustand. Um das Fluggepäck nicht unnötig zu belasten, hält das Team von Anke und Johannes Pfaff leihweise hochwertige Ausrüstung, d. h. Helme, Kleidung und Motorradstiefel, bereit. Wer sich zudem auf eine Tour abseits bekannter Pfade begeben oder ein Enduro-Training machen möchte, wird hier ebenfalls fündig.

Eine Übersicht über Motorradvermieter, -transporte und organisierte Motorrad reisen findet sich auch unter bit.ly/org_reisen.

Unterkünfte

Mallorca ist zu groß, um es in einer durchgehenden Runde zu befahren, aber auch zu klein für verschiedene Übernachtungsorte. Obwohl die Insel grundsätzlich von Unterkunftsmöglichkeiten überschwemmt ist, wird es zum Jahreswechsel doch etwas anspruchsvoller. Abseits von Palma haben sehr viele Häuser geschlossen. Unbedingt sollte man auf die Ausstattung mit ausreichenden Heizungsmöglichkeiten achten.

Aus Furcht vor einem doch möglichen Wintereinbruch haben wir bei der Wahl des Ausgangsortes sowohl das Hinterland als auch die Berge meiden wollen. So sollte der Ausgangsort möglichst strategisch günstig an der flachen Ostküste liegen, nahe der Motorrad vermietung und von Einheimischen belebt sein, um eine geöffnete Infrastruktur wie Supermärkte etc. vorzufinden. Was passt also rund um Weihnachten besser als Porto Cristo, also »Christus-Hafen«? Pauschal buchten wir dort ein Appartement im »Aparthotel Porto Drach« über Karla Kaminiarz vom »Reisebüro am Kuhtor« in Kempen.

Reisedauer

Mit zahlreichen Inselquerungen waren wir eine Woche lang unterwegs.

Literatur / Karten

Hans-Michael Engelke: Mallorca mit Ibiza und Barcelona auf dem Motorrad entdecken, TVV Touristik-Verlag, 1. Auf -lage (2018), ISBN: 978-3-937063-51-5, 22,95 Euro.
Thomas Schröder: Mallorca, Michael Müller Verlag, 11. Auflage (2018), ISBN: 978-3-95654-503-0, 17,90 Euro.
Michelin Regionalkarte 579, Spanien: Mallorca, Ibiza, Menorca, M.: 1:140.000, 15. Auflage (2018), ISBN: 978-2-06-722857-3, 8,99 Euro.

Sonstige Infos

Turespaña – Offizielles spanisches Tourismusportal in Frankfurt am Main