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FRÜHE MARSFORSCHUNG: Zwischen Fakt und Fälschung: Fotos der »Marskanäle«


Sterne und Weltraum - epaper ⋅ Ausgabe 8/2018 vom 13.07.2018

In diesen Tagen lenkt der Rote Planet durch seine Erdnähe wieder viele Blicke auf sich. Vor rund 140Jahren meinten einige visuelle Beobachter bei einer Marsopposition mit dem Teleskop feine gerade Linien auf dem Mars entdeckt zu haben und hielten sie in der Folge auf einer Unzahl von Zeichnungen und Skizzen fest. Aber existieren von den Marskanälen auch echte Fotos?


Der Mars ist der einzige Planet im Sonnensystem, dessen feste Oberfläche sich direkt im Teleskop dem Beobachter darbietet – sieht man vom selten zu sichtenden Planeten Merkur einmal ab. Aber der Rote Planet macht es seinen Freunden nicht ...

Artikelbild für den Artikel "FRÜHE MARSFORSCHUNG: Zwischen Fakt und Fälschung: Fotos der »Marskanäle«" aus der Ausgabe 8/2018 von Sterne und Weltraum. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Sterne und Weltraum, Ausgabe 8/2018

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... leicht, denn die meiste Zeit über ist seine Scheibe winzig klein, so dass sich kaum Einzelheiten erkennen lassen. Nur bei seinen Oppositionen zeigen sich mehr Details, insbesondere dann, wenn wie in diesem Jahr der Mars der Erde auf seiner elliptischen Bahn besonders nahe kommt. Dann nimmt sein scheinbarer Durchmesser erheblich zu und auf seiner rötlich-braunen Oberfläche werden helle und dunkle Regionen sowie die weißen Polarkappen sichtbar.

Der französische Astronom Camille Flammarion (1842 – 1925) war von intelligentem Leben auf dem Mars überzeugt und schrieb zahlreiche populäre Bücher zur Astronomie.


aus: Camille Flammarion: »Gott in der Natur«, Verlag von Otto Hendel, Halle a. d. S., circa 1920, Frontispiz

Die populäre Zeitschrift »Die Woche« veröffentlichte diese Marsbilder im Jahr 1908. Es sollen echte Fotografien sein, welche die Marskanäle zeigen. Die Aufnahmen wurden aber für den Druck retuschiert.


aus: »Die Woche«, 10. Jahrgang, Verlag von August Scherl, Berlin 1908

Schiaparelli wurde zu seiner Zeit durch seine Beobachtungen weltberühmt. Für die weitere Popularisierung der Marskanäle sorgten vor allem zwei Enthusiasten: der wohlhabende US-amerikanische Amateurastronom Percival Lowell (1855 – 1916) und der französische Astronom Camille Flammarion (1842 – 1925).

Lowell nutzte seine beträchtlichen finanziellen Möglichkeiten, um in Flagstaff im US-Bundesstaat Arizona in 2218 Meter Höhe ein privates Observatorium zu errichten und mit leistungsstarken Instrumenten auszustatten. Es beschäftigte namhafte professionelle Astronomen und sollte hauptsächlich der Erforschung des Mars dienen. Lowell und seine Mitarbeiter entdeckten schließlich rund 700 Kanäle auf dem Roten Planeten. Er schrieb zu diesem Thema mehrere ausführliche Bücher, in denen er vehement die These eines von intelligentem Leben bewohnten Nachbarplaneten verfocht.

Der andere Marsfan, Camille Flammarion, war professioneller Astronom, Leiter des Observatoriums Juvisy und Gründer der Société Astronomique de France (siehe Bild links). Europaweit bekannt machten ihn seine zahlreichen populärwissenschaftlichen Werke, in denen er über die »Mehrheit der bewohnten Welten« schrieb. Utopische Romane, wie »Auf zwei Planeten« aus dem Jahr 1897 von Kurd Laßwitz (1848 – 1910), befeuerten die Vorstellungen von einem bewohnten Roten Planeten.

Marskanäle im Foto?

Bezeichnenderweise waren die Marskanäle immer sehr deutlich auf Zeichnungen zu sehen. Doch wie stand es nun mit echten Fotografien? Immerhin gab es die Fotografie bereits seit den 1840er Jahren. Im Jahr 1905 veröffentlichte Lowell in den Astronomischen Nachrichten 169, S. 47, den Kurzbericht »The Canals of Mars – Photographed«. Demnach sollte es seinem Mitarbeiter Carl Otto Lampland gelungen sein, auf zwei Aufnahmen vom 11. Mai 1905 acht Marskanäle fotografisch nachzuweisen.

Den Beweis blieb er allerdings schuldig. Zwar kündigt er die Fotos in dem englischsprachigen Kurzbericht an, doch in einer auf Deutsch formulierten Fußnote nimmt er von einer fotomechanischen Reproduktion im Druck Abstand, »weil die vielen feinen Details nicht genügend zum Ausdruck kommen würden.« Auch auf Aufnahmen eines weiteren Mitarbeiters, Edward C. Slipher, welche dieser unter besten Bedingungen im Juli 1907 im chilenischen Andenort Mianza in 1280 Meter Höhe gewonnen hatte, will Lowell zahlreiche Marskanäle gesehen haben (siehe Bild S. 36). Reproduktionen von einigen dieser Bilder finden sich unter anderem in dem Buch »Lowell and Mars« aus dem Jahr 1976 von William Graves Hoyt. Darauf Beweise für Kanäle zu entdecken, erfordert allerdings sehr viel Fantasie.

Und was ist in diesem Zusammenhang von den »Marsfotos« zu halten, die Flammarion im Jahr 1908 in der damals in Deutschland weit verbreiteten Zeitschrift »Die Woche« veröffentlichte? Hier lassen sich ganz deutlich Kanäle erkennen (siehe Bild oben). Diese Bilder sollen zu der oben erwähnten Chile-Aufnahmereihe von Slipher gehören. Die Erklärung liefert Flammarion selbst: »Die Originale sind von minimalen Dimensionen. … vier, höchstens fünf oder sechs Millimeter. … Es würde außergewöhnlich schwierig sein, sie hier auf dem gewöhnlichen Wege zu reproduzieren. Der einzige praktische Weg, um ihre Anschauung zu vermitteln, besteht darin, sie zu vergrößern und die Vergrößerungen leicht zu retuschieren, um die undeutlich gewordenen Partien zu rekonstruieren und so ein genaues Bild von dem darzustellen, was man auf den Originalen sieht.« Dies erinnert an die mitunter recht »kreative« moderne digitale Bildbearbeitung.

Im Jahr 1907 nahm der Astronom Edward C. Slipher von Chile aus den Roten Planeten auf. »Marskanäle« lassen sich auf diesen Bildern aber nicht erkennen.


aus: William Graves Hoyt: »Lowell and Mars«, The University of Arizona Press, Tucson 1976, S. 192; Bearbeitung SuW-Grafik

Das Foto Nr. 4 (siehe Bild S. 35) sieht beispielsweise so aus, als wäre es eine nachbearbeitete und geschönte Version des Marsfotos Nr. 1 aus der Slipher-Serie. Wollte Flammarion die Öffentlichkeit hinters Licht führen, um für seine Bücher und seine Ideen zu werben?

1965: Das Ende der Marskanäle

Unter den Fachwissenschaftlern war die reale Existenz der Marskanäle von Anfang an umstritten. Besonders der französische Astronom Eugène Michel Antoniadi (1870 – 1944), der ein renommierter Beobachter des Roten Planeten war, fand bei seinen visuellen Beobachtungen mit dem 83-Zentimeter-Refraktor des Observatoriums Paris-Meudon keinerlei Anzeichen für Kanäle auf der Marsoberfläche. Daher lehnte er die zu seiner Zeit weit verbreitete Vorstellung von künstlichen Strukturen auf dem Planeten vehement ab.

Das Zeitalter der Marskanäle endete endgültig im Jahr 1965, als die US-Raumsonde Mariner 4 die ersten Nahaufnahmen vom Mars zur Erde funkte: Auf den 22 Bildern des Planeten, die im Vorbeiflug aufgenommen wurden, zeigte sich eine mondähnliche, von Einschlagkratern zerfurchte Oberfläche – eine Erkenntnis, die in der allgemeinen Öffentlichkeit durchaus Enttäuschung hervorrief. Allerdings konnte Mariner 4 nur etwa ein Prozent der Marsoberfläche im Detail erfassen.

Erst die Aufnahmen des ersten künstlichen Marssatelliten Mariner 9 in den Jahren 1971 bis 1972 enthüllten die faszinierende Vielfalt der gesamten Marsoberfläche, wie die gigantischen Canyons oder die gewaltigen Schildvulkane. Letztere waren von den früheren Beobachtern als kleine dunkle Punkte in der Region Tharsis auf ihren Marskarten eingezeichnet worden.

Was Schiaparelli und einige seiner Kollegen seinerzeit auf der Marsoberfläche wahrnahmen, wird heute als optische Täuschung wegen der mangelnden räumlichen Auflösung der verwendeten Teleskope und Effekte der Bildverarbeitung im Auge und Gehirn der Beobachter gedeutet. Das menschliche Gehirn neigt offenbar dazu, bei feinen Details an der Grenze zur Wahrnehmung Strukturen hineinzudeuten, besonders jene, die der Wissenschaftler oder Beobachter gerne finden möchte und somit einer Selbsttäuschung aufsitzt. Zudem spielen die individuelle Sehkraft und sonst vom Beobachter kaum wahrgenommene Sehfehler wie ein geringer Astigmatismus der Augen eine wichtige Rolle.

Trotzdem stellen die vermeintlichen Marskanäle und ihre enorme Wirkung auf die Öffentlichkeit eine einmalige Episode in der Wissenschaftsgeschichte dar. Doch wie soll man aus heutiger Sicht die Methoden von Lowell und Flammarion beurteilen? Wissenschaftsbetrug wäre wohl zu hart, hier würde ich eher Selbstbetrug vermuten.

GERD KÜVELER ist Professor an der Hochschule Rhein/Main und Leiter des Instituts für Automatisierungstechnik. Er befasst sich unter anderem mit industrieller Bildverarbeitung.