Lesezeit ca. 8 Min.
arrow_back

„Früher dachte ich, Mädchen können keinen Fußball“


Logo von Sport Bild
Sport Bild - epaper ⋅ Ausgabe 40/2022 vom 05.10.2022

SPORT BILD-AWARD 2022

Artikelbild für den Artikel "„Früher dachte ich, Mädchen können keinen Fußball“" aus der Ausgabe 40/2022 von Sport Bild. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Sport Bild, Ausgabe 40/2022

Pure Freude! Alexandra Popp zeigt ihren SPORT BILD-Award. Die Stürmerin ist Kapitänin der deutschen Frauenfußball-Nationalmannschaft, die im Sommer Vize-Europameister wurde, und des VfL Wolfsburg, der zuletzt Meister und Pokalsieger wurde. Bei der Ehrung für das „Comeback des Jahres“ auf dem SPORT BILD-Award musste kein anderer Gast so viele Fotos mit Fans und anderen Sportlern machen wie die „Poppi“

SPORT BILD AWARD 2022

Tore satt nach einem Jahr Pause

Im Mai 2021 verletzte sich Alexandra Popp schwer am Knie, musste operiert werden, im Winter folgte ein weiterer Rückschlag, als sie eigentlich wieder durchstarten wollte: Knorpelschaden! Sie hatte Gedanken ans Karriereende, aber auch ein riesengroßes Ziel: die erste EM ihrer Karriere spielen. Mit ihrem unbändigen Kampfgeist schaffte „Poppi“ es, rechtzeitig zum Turnier in England fit zu werden, erzielte als Joker direkt im ersten ...

Weiterlesen
epaper-Einzelheft 2,49€
NEWS Jetzt gratis testen
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Sport Bild. Alle Rechte vorbehalten.
Lesen Sie jetzt diesen Artikel und viele weitere spannende Reportagen, Interviews, Hintergrundberichte, Kommentare und mehr aus über 1050 Magazinen und Zeitungen. Mit der Zeitschriften-Flatrate NEWS von United Kiosk können Sie nicht nur in den aktuellen Ausgaben, sondern auch in Sonderheften und im umfassenden Archiv der Titel stöbern und nach Ihren Themen und Interessensgebieten suchen. Neben der großen Auswahl und dem einfachen Zugriff auf das aktuelle Wissen der Welt profitieren Sie unter anderem von diesen fünf Vorteilen:

  • Schwerpunkt auf deutschsprachige Magazine
  • Papier sparen & Umwelt schonen
  • Nur bei uns: Leselisten (wie Playlists)
  • Zertifizierte Sicherheit
  • Freundlicher Service
Erfahren Sie hier mehr über United Kiosk NEWS.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 40/2022 von Watzke & Kahn: 5 Botschaften vorm Ligagipfel. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Watzke & Kahn: 5 Botschaften vorm Ligagipfel
Titelbild der Ausgabe 40/2022 von Die größte Enttäuschung. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Die größte Enttäuschung
Titelbild der Ausgabe 40/2022 von TRAGÖDIE IN MALANG. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
TRAGÖDIE IN MALANG
Mehr Lesetipps
Blättern im Magazin
TRAGÖDIE IN MALANG
Vorheriger Artikel
TRAGÖDIE IN MALANG
DER BOSSE-GIPFEL
Nächster Artikel
DER BOSSE-GIPFEL
Mehr Lesetipps

... Spiel ein Tor und rutschte durch die Corona-Infektion ihrer Teamkollegin Lea Schüller in die Stammelf. Sie traf in jeder Partie, führte die deutsche Elf bis ins Finale nach Wembley. Ohne Popp, die sich kurz vor dem Endspiel verletzte, gab es eine knappe Niederlage gegen England, aber ganz viel Euphorie bei den deutschen Fans – auch wegen Popps mitreißender Art. Für diese sportlichen und persönlichen Leistungen wurde Popp von SPORT BILD mit dem Award „Comeback des Jahres“ ausgezeichnet. SPORT BILD sagt: Herzlichen Glückwunsch zur hochverdienten Ehrung!

Vielen Dank an unsere Award-Sponsoren!

SPORT BILD: Frau Popp, Sie haben bei der EM im Sommer bis zu 18 Millionen TV-Zuschauer mit der Nationalmannschaft begeistert, haben erst im Finale verloren und bei jedem Ihrer Spiele getroffen. Wie verändert Sie Ihre neue Popularität?

ALEXANDRA POPP (31): Es hat sich extrem verändert! Ich werde jetzt auch in Städten erkannt, in denen ich vorher völlig anonym unterwegs sein konnte. Da kommen in Hamburg zum Beispiel Menschen auf mich zu und bedanken sich für das tolle Turnier. Das ist komisch, aber auch eine Riesenwertschätzung.

Wie sehr verändert Sie das?

Gar nicht. Ich habe nach wie vor das Nutella-Glas im Einkaufswagen, auch wenn mehr Leute darauf achten, was ich so mache.

Sie hatten im Januar einen Verletzungsrückfall erlitten, waren dann nach Ihrer Knieverletzung gerade noch rechtzeitig zur EM wieder fit und haben sofort Topleistungen geliefert. Dafür bekamen Sie den SPORT BILD-Award für das „Comeback des Jahres“. Wie fühlt man sich jetzt als Vorbild für Millionen Fans?

Es ist verrückt. Vor der EM war ich abgeschrieben, und jetzt soll ich die Größte sein. Ich bin so froh, dass uns kleine Mädchen wahrnehmen und ich ein Vorbild sein kann. Als ich klein war, wusste ich gar nicht, dass es eine Frauen-Nationalelf gibt, und ich dachte auch, dass Mädchen keinen Fußball spielen können – total absurd! Jetzt macht es mich stolz, das Gegenteil zu zeigen: Fußball spielen und so sein, wie ich bin.

Welche weibliche Persönlichkeit beeindruckt Sie?

Mir ist der Tod der Queen nahegegangen, weil ich die Serie „The Crown“ gesehen habe und ihren Lebensweg unheimlich faszinierend finde. Und ich mag Barbara Schöneberger sehr. Ihr Auftreten ist toll – locker, lustig, aber auch ernsthaft und stark. Sie würde ich gern mal treffen.

Sie haben nach der EM fast 300 Anfragen für Werbung, Interviews oder Veranstaltungen bekommen. Was war das Kurioseste?

RTL wollte mich für das Turmspringen. Das fand ich cool und hätte auch gern mitgemacht, aber es geht wegen des Verletzungsrisikos nicht. Man klatscht ja schon mal mit dem Gesicht aufs Wasser (lacht). Und wenn ich bei so etwas mitmache, dann würde ich auch einen Auerbach trainieren wollen, um nicht ganz blöd auszusehen. Am Ende war vieles zeitlich schwierig. Sonst hätte ich auch beim Benefiz-Fußball-Spiel von Dirk Nowitzki mitgemacht.

Zahlt sich die Popularität auch finanziell aus?

Ja, wir haben gute Kooperationen abgeschlossen, das wird man bald auch überall sehen können.

Wie viel Prozent Ihrer Tore sind purer Wille?

Bei meinen Treffern bei der EM sieht man schon, dass ich immer aktiv in die Bälle gehe und das Tor auch oft erzwinge. Wenn der Ball unterwegs ist, habe ich oft den Gedanken: Der ist jetzt meiner, egal wer mich verteidigt. Abwarten, ob die Flanke jetzt ideal kommt oder nicht, könnte ich nie – ich gehe immer direkt voll rein.

Sie strahlen diese Kampfkraft aus. Woher kommt die?

Na ja, ich habe einen älteren Bruder, wir haben uns oft geprügelt, gegen den musste ich mich immer durchsetzen (lacht). Und ich habe mit Jungs Fußball gespielt, bis ich 13 Jahre alt war. Als Mädchen muss man sich da durchkämpfen. Da hörst du, dass Mädchen nicht Fußball spielen können, aber das wird dann auf dem Platz geregelt, und dann ist Ruhe.

Ihre Eltern mussten Privatinsolvenz anmelden, nachdem die Metzgerei Ihres Vaters rote Zahlen schrieb. Ihre Aufwandsentschädigungen für Nachwuchs-Lehrgänge beim DFB waren in der Zeit oft die besten Einkünfte.

Die Phase war extrem prägend und hat mich das eine oder andere Jahr schneller erwachsen werden lassen. Das hat mir gezeigt, dass dir nichts im Leben zufliegt. Aber es hat mir auch gezeigt, dass man alles schätzen sollte, was man hat. Ich bin für jeden sportlichen Titel unfassbar dankbar und könnte einen Lebensstandard haben, den sich viele andere nicht leisten könnten. Aber ich will ihn zum Teil gar nicht haben.

Was meinen Sie?

Vor meiner Tür muss kein teurer Sportwagen stehen. Für mich ist es purer Luxus, dass ich in meiner Heimat ein Haus für mein späteres Leben kaufen konnte. Das war die Erfüllung eines Kindheitstraums.

„Ich verstehe nicht, dass nicht damit gerechnet wurde, dass unser Erfolg zu einem Boom führen kann“

Sie haben im Alter von vier Jahren mit dem Fußball begonnen. Muss man so jung sein, um erfolgreich zu werden?

Gerade bei Mädchen muss ich sagen: Nein. Es gibt Nationalspielerinnen, die um die zehn Jahre alt waren, als sie angefangen haben. Dass das möglich ist, hat aber auch mit der fehlenden Förderung zu tun. Jungs werden vom ersten Tag an zielgerichtet auf eine Karriere vorbereitet. Für Mädchen gibt es nicht mal Nachwuchsleistungszentren. Genau das wäre meine Forderung.

Was genau?

Dass die Zusammenarbeit in den Vereinen besser wird. Es gibt ja schon die Infrastruktur der Männer. Warum sollten die Frauen nicht auch Trainingsplätze, Krafträume oder Reha-Einrichtungen mitnutzen dürfen? Und warum spielt man nicht viel mehr Marketing über die großen Kanäle der Männer oder nutzt deren Popularität mit? Das müssen die nächsten Schritte sein.

Bei Ihrem VfL Wolfsburg waren die Frauen immer dem Geschäftsführer für Recht, Beschaffung und Personalwesen unterstellt. Erst ab 1. Februar ist Marcel Schäfer als neuer Sport-Boss auch für Sie verantwortlich.

Das ist sehr positiv und ein Statement! Ich kenne Marcel schon lange. Als er und Diego Benaglio noch gespielt hatten, war der Austausch zwischen den Mannschaften so gut wie nie zuvor und auch danach nie wieder. Da ging es auch um Trainingsmethoden und Abläufe vor und nach Spielen. Ich bin sicher, dass er uns helfen wird.

„Mein Traum ist es, meine internationale Karriere mit dem WM-Titel im Sommer zu beenden“

„Ich höre oft, dass wir mit mir im Finale Europameister geworden wären. Das ist mir unangenehm“

Sie sind Fan von Borussia Dortmund. Deren Boss, Hans-Joachim Watzke, sagte neulich, Frauenfußball beim BVB dürfe kein Zuschussgeschäft sein.

Das fand ich nicht cool. Ich fand es auch widersinnig zu dem, was sie bei der Gründung der Frauenfußball-Abteilung gesagt hatten. Der BVB will möglichst schnell in die Bundesliga aufsteigen, ab einem bestimmten Level muss man dafür auch etwas mehr investieren. Ich denke, das weiß Aki Watzke auch.

Nach der EM verzeichneten die Vereine 150 Prozent mehr Erstanmeldungen von Mädchen und Frauen. DFB-Präsident Bernd Neuendorf sagte, dass viele von ihnen abgewiesen werden müssen, weil es keine Kapazitäten gibt.

Ich bin entsetzt! Das ist extrem traurig. Wir als Nationalmannschaft hatten bei der EM auch den Druck, den Frauenfußball in Deutschland voranzutreiben, indem wir ein gutes Turnier spielen. Dann verstehe ich aber nicht, dass offenbar nicht damit gerechnet wurde, dass unser Erfolg auch zu einem Boom führen kann. Warum ist man darauf nicht vorbereitet? Das ist ein Fehler im System.

Merken Sie schon Verbesserungen der Bedingungen im Frauenfußball?

Es ist gut, dass jetzt mehr Spiele im Fernsehen gezeigt werden. Wir haben nach zwei Spieltagen so viele Zuschauer wie in der gesamten Hinrunde der vergangenen Saison. Das ist Wahnsinn – und wichtig, weil daraus Geld resultiert, das Vereine in die Infrastruktur des Frauenfußballs stecken können. Dadurch verbessert sich die Qualität der Mannschaften, was wiederum zu einer ausgeglichenen Liga führt. Daher wäre es gut, wenn noch mehr Vereine auf den Hype-Zug aufsteigen.

Dazu passt: Für das erste Heimspiel nach der EM ist das Stadion in Dresden gegen Frankreich am Freitag fast ausverkauft. Jedenfalls kommen mehr Zuschauer, als Dynamo in einem Spiel in dieser Saison hatte.

Oh wow, das ist krass! Dynamo ist so ein großer Klub, das ist ein tolles Zeichen für uns. Jetzt sind wir gefragt, ein starkes Spiel abzuliefern.

Sie sind Vize-Europameister. Startet an diesem Freitag die Titeljagd auf die WM 2023 und Olympia 2024?

Zumindest startet für alle Spielerinnen die Bewerbung auf die Stammplätze bei den Turnieren.

Fühlen Sie sich als gesetzt?

Bei der Konkurrenz kann man sich da nie sicher sein. Stand jetzt spiele ich die WM und freue mich sehr darauf, weil sie in Australien und Neuseeland stattfindet. Es könnte sich ein Kreis schließen. Mein erstes großes Turnier war die U17-WM in Neuseeland. Mein Traum ist, dass ich meine internationale Karriere mit dem Titel dort beende. Aber dieses Szenario hatte ich auch schon für die EM im Kopf: meine erste Europameisterschaft, Sieg in Wembley und dann einen tollen Abschluss haben. Das hat nicht geklappt. Mal sehen, was mir mein Bauch sagt, wann die Zeit in der Nationalelf vorbei ist. Vielleicht doch vor der WM.

Das müssen Sie erklären!

Ich bin sehr von meinem Empfinden geleitet. Im Moment habe ich das Gefühl, im zweiten Frühling zu sein. Es macht mega viel Spaß, und ich glaube, ich kann und muss die jungen Spielerinnen noch führen, bevor sie allein loslaufen. Aber es kann passieren, dass ich in ein paar Monaten sage, ich höre auf. Ich hatte ja schon vor der EM den Gedanken, das Kapitel zu beenden.

Viele Menschen sagen, wenn Sie sich nicht kurz vor dem Finale verletzt hätten, wären wir jetzt Europameister.

Sie glauben nicht, wie oft ich das gehört habe. Und es ist mir jedes Mal sehr unangenehm. Jetzt auch! Es ist einfach gesagt, aber es wird nie bewiesen werden können.

Warum wollten Sie nie ins Ausland wechseln?

Weil ich ein Heimscheißer bin (lacht). Ich liebe es einfach, nah an meiner Heimat zu sein.

Sie hatten Anfragen aus China, den USA, England, Spanien. Wie sehr hat es gereizt, dort das Doppelte verdienen zu können?

Gar nicht. Geld spielt bei der Entscheidung keine Rolle. Da bin ich lieber glücklich und fühle mich wohl, als mehr auf dem Konto zu haben.

Was haben Sie sich von Ihrer EM-Prämie über 30 000 Euro gegönnt?

Die sind angelegt und nicht ausgegeben. Ich wollte nach der EM nicht irgendwohin in den Urlaub fliegen, sondern unbedingt zum Camping. Das hat nach drei Jahren mal geklappt.

Sie haben eine Trainerlizenz gemacht und dafür eine Jugendmannschaft in Wolfsburg betreut. Wie sind Sie als Trainerin?

Wenn ich als Trainerin so wäre wie als Spielerin, dann wäre ich zu streng. Ich finde die Mischung aus Ernsthaftigkeit und Klarheit auf der einen Seite, aber auch Nähe und Leichtigkeit auf der anderen gut. Zu viele Scheuklappen auf Perfektion sind nicht zielführend.

Welche Trainerin oder welcher Trainer beeindruckt Sie?

Ich habe unglaublich gern mit Horst Hrubesch zusammengearbeitet, weil man immer wusste, woran man bei ihm ist. Er hat mir auch mal gesagt: „Poppi, das Spiel war Mist!“ Diese offene Kommunikation mag ich. Ich hatte zwar schon immer meinen Mund aufgemacht, aber diese klare Ansprache und Tacheles zu sprechen habe ich von ihm gelernt. Ich mag Trainerinnen mit Ausstrahlung an der Linie: Sarina Wiegman (Nationaltrainerin Englands; d. Red.) und Silva Neid fallen mir da ein.

Bei einer Umfrage, welcher Stürmer für die Männer-Nationalmannschaft in Katar auflaufen soll, belegten Sie neulich Platz eins. Haben Sie Zeit?

Nein, ich brauche ja auch mal Pausen (lacht)!

DEUTSCHLAND – FRANKREICH

Freitag, 7. Oktober, 20.30 Uhr live in der ARD.