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Früher war mehr Lametta


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JÄGER - epaper ⋅ Ausgabe 120/2022 vom 11.11.2022

Weihnachtsgeschichte

„Ich hielt nach Ricken und Schmalrehen Ausschau, als ich das Vibrieren in meiner Jackentasche bemerkte.“

Artikelbild für den Artikel "Früher war mehr Lametta" aus der Ausgabe 120/2022 von JÄGER. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.
Lametta, Eierlikör und ein unbekannter Weihnachtsmann halten einen Förster am 24. Dezember ordentlich auf Trab.

Als ich den Anruf erhielt, war ich auf Frühansitz. Es war der 24. Dezember. Zwischen den Feiertagen hatte sich Verwandtenbesuch angekündigt und außerdem sollte es an Silvester Raclette mit Wildfleisch geben. Wenn man als Förster und Jäger Gastgeber ist, erwarten die Gäste in der Regel Wildbret auf dem Teller. Ich hatte außerdem Zeit und Muße für einen jagdlichen Ausflug ins Revier, denn unsere Weihnachtsvorbereitungen zu Hause waren abgeschlossen, den Baum hatten meine Frau und ich aufgestellt und geschmückt. Das Fest aller Feste konnte kommen.

Es war kurz nach 8.00 Uhr, da erreichte mich ein sehr ungewöhnlicher Anruf. Ich hielt nach Ricken und Schmalrehen Ausschau, als ich das Vibrieren in meiner Jackentasche bemerkte. Auf der Wildkamera waren auch wieder Sauen zu sehen ...

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... gewesen, doch rechnete ich an jenem Morgen eher mit Rehwild als mit den heimlichen Schwarzkitteln.

Da die Bühne vor mir – eine gut überschaubare Brachfläche - leer war, wagte ich es, die Handschuhe abzustreifen und das Smartphone aus der Tasche zu ziehen. Die angezeigte Nummer sagte mir nichts. Wie stets vom Hochsitz meldete ich mich flüsternd: „Oehlschläger.“ „Wer … wer ist da?“ Es war eine weibliche Stimme, etwas heiser und rauchig. „Oehlschläger. Der Förster“, erwiderte ich leise. „Ich verstehe Sie kaum.“ Jetzt klang die Stimme fordernd und ein wenig schrill. „Können Sie nicht lauter sprechen?“ „Nein. Ich bin auf Jagd.“ Ein Aufstöhnen. Dann: „Overath hier.“ Den richtigen Namen habe ich aus verständlichen Gründen geändert. „Wir haben da ein Problem.“ Kein Wort der Entschuldigung, keine Frage, ob der Anruf ungelegen käme.

„Wie kann ich helfen?“ flüsterte ich weiter. Dementsprechend lauter wurde meine Gesprächspartnerin am anderen Ende der Leitung. „Ich habe auf laut gestellt, mein Mann soll mithören“ Deutlich hörte ich, wie im Hintergrund eine männliche Stimme hüstelte. Und dann brach ein Wortschwall los: „Wir hatten gestern Abend Streit, mein Mann und ich. Beim Schmücken des Weihnachtsbaums. Den Baum stellen wir immer erst am 23. Dezember auf. Und schmücken ihn dann gemeinsam. Mein Mann hatte Lametta gekauft, gegen meinen Willen! Ich hasse dieses altmodische Gebamsel. Außerdem ist es schlecht für die Umwelt. Es soll Blei enthalten. Mein Mann sagt, Lametta würde ihn an seine Kindheit erinnern. So‘ n sentimentaler Quatsch …!“ Im Hintergrund war eine Männerstimme zu hören: „Nun lass das doch. Wir wollten uns doch vertragen. ›

Heute am Heiligen Abend.“ Die Stimme war ähnlich rau wie die seiner Frau.

„Um was geht es jetzt eigentlich“, versuchte ich herauszufinden. Aus den Augenwinkeln hatte ich linker Hand eine Bewegung bemerkt. Ohne den Kopf zu drehen schielte ich vorsichtig in die Richtung. Tatsächlich! Ein einzelnes Stück Wild war auf die Freifläche gewechselt. Rehwild. Keine vierzig Meter von mir entfernt. „Moment mal bitte!“, flüsterte ich ins Smartphone. Doch die Frau schien nicht zu verstehen. „Na, jedenfalls haben wir uns gezofft, dass die Fetzen flogen“, fuhr sie unbeirrt fort. „Moment!“, hauchte ich ins Telefon. „Rufe gleich zurück.“

Ich drückte das Gespräch einfach weg und legte das Smartphone neben mich auf das Sitzbrett. Den Kopf drehte ich nur minimal in Richtung Reh. Da das Stück sich scheinbar sicher fühlte, nahm ich vorsichtig im Zeitlupentempo das Fernglas hoch. Das Smartphone neben mir vibrierte. Die Frau hatte mich anscheinend nicht verstanden. Kurzerhand schob ich einen meiner Handschuhe auf das Gerät, ließ es brummen und wandte mich wieder dem Reh zu.

Es war ein Bock. Eindeutig. Das Gehörn fehlte, jedoch der Pinsel war deutlich zu sehen. Ich ließ die Büchse unten und den Finger gerade. Böcke ohne Trophäe im Dezember zu schießen, war nicht mein Ding.

Das Telefon verstummte. Plötzlich warf der Bock auf und äugte in Richtung Dorf. Behutsam drehte ich meinen Kopf. Auf dem Feldweg war ein morgendlicher Spaziergänger mit Hund aufgetaucht. Der Bock schreckte zweimal, machte ein paar riesige Fluchten und war Augenblicke später wieder im Wald verschwunden.

‚Das war’s dann für heute‘ dachte ich und ließ das Fernglas sinken. Das Smartphone neben mir auf dem Sitzbrett begann erneut zu brummen.

„Bitte drücken Sie mich nicht wieder weg“, bat Frau Overath weinerlich. „Sie sind unsere letzte Rettung.“

„Na, dann lassen Sie mal hören.“ Da der Morgenansitz für mich erledigt war, sprach ich nun in normaler Lautstärke. Nebenbei kramte ich mit der freien Hand meine Utensilien in den Rucksack: Fernglas, Gehörschutz, Handschuhe, Munitionsetui und Thermoskanne. „Im Forstamt geht keiner ans Telefon“, fuhr die Dame fort. „Die feiern schon Weihnachten. Da habe ich in meiner Verzweiflung die Polizei angerufen, deinen Freund und Helfer. Wirklich helfen konnten die uns aber auch nicht. Sie rieten uns zu einer Selbstanzeige. Wie blöd ist das denn!“

„Eine Selbstanzeige? Weswegen?“ Langsam wurde ich ungeduldig. Meine Sachen waren gepackt. Mit Rucksack und Büchse über der Schulter und dem Telefon am Ohr schickte ich mich an, von der Leiter zu steigen. Es funktionierte mit Ach und Krach. Ein Berufsgenossenschaftler hätte bei dem Anblick sicher das Gruseln bekommen.

„Wegen illegaler Müllentsorgung. Dabei geht es doch gar nicht um Müll. So ‘n Irrsinn! Jedenfalls gaben die uns schließlich Ihre Telefonnummer. Und da bin ich nun heilfroh, dass wir Sie noch so kurz vor dem Weihnachtsfeist erreicht haben.“ „Ja. Wenn Sie uns nicht helfen“, hörte ich im Hintergrund den Mann krächzen, „dann fällt Weihnachten dieses Jahr bei uns aus.“

„Nun kommen Sie langsam auf den Punkt!“, forderte ich mit Nachdruck. Den sicheren Erdboden hatte ich in der Zwischenzeit erreicht und betrat den Pirschpfad. „Ich habe heute nicht ewig Zeit.“

Die Frau holte tief Luft: „Also - wie bereits erzählt, gestern hatten wir Streit. Dass der eskalierte, daran war sicher auch der Eierlikör Schuld, den wir nebenbei geschlürft haben. Selbstgemachter Eierlikör… Auch so ‘ne Weihnachtstradition von uns…“ „Komm auf den Punkt!“, drängelte ihr Mann und sprach mir dieses Mal ausnahmsweise aus dem Herzen.

„Okay, okay. Ich mach ja schon …“ Die Frau gab sich geschlagen. „Der Streit ums Lametta endete damit, dass mein Mann den Weihnachtsbaum samt Ständer umstieß, den Stecker von der Lichterkette zog und den Baum nach draußen schleppte, genau wie die Geschenke. Eins nach dem anderen. Sechs an der Zahl. Vor Wut schnaubend habe ich mich im Bett verkrochen und die Decke über ‘n Kopf gezogen.“

Es entstand eine Pause. Ich hatte den Zufahrtsweg erreicht und konnte mein Auto schon sehen.

„Jetzt erzähl du weiter“, hörte ich die Frau sagen. Herr Overrath räusperte sich. „Tja … Es blieb nicht beim Hinaustragen. Wütend wie ich war, habe ich alles auf die Pritsche vom Pickup geworfen, Tannenbaum und Geschenke, und bin raus aus dem Dorf, über die Schelpbrücke in den Wald hinein.

Es war stockfinstere Nacht. Da ich Schiss hatte, dass mich jemand sieht, schaltete ich auf der Eisenbahnbrücke das Licht aus und irrte im Dunkeln weiter, immer tiefer in den Wald hinein. Mit meinem besoffenen Kopp hatte ich schon bald die Orientierung verloren.“ „Oh, oh!“, entfuhr es mir. Ich war beim Auto angelangt und kramte nach dem Schlüssel in meiner Jackentasche. „Ich ahne, was jetzt kommt.“

„Jedenfalls habe ich auf irgendeiner Waldwegekreuzung gehalten, all den Krempel von der Ladefläche geschmissen und bin dann zurück. Es dauerte eine Weile, bis ich wieder zu Hause war, denn ich hatte mich heillos im Wald verfranzt. Ich bin nicht über die Schelpbrücke zurückgefahren, sondern über den ‚Alten Damm‘. Habe keine Ahnung, wie ich da überhaupt hingekommen bin.“ „Und nun haben Sie beide sich wieder vertragen“, schloss ich die Geschichte, „und wollen ihre Sachen zurück. Nur wissen Sie nicht mehr, wo Weihnachtsbaum und Ge- schenke liegen.“ Mir entfuhr ein Seufzer. Solch ein ungewöhnliches Anliegen war mir in meiner langjährigen Revierförstertätigkeit noch nie zu Ohren gekommen.

„Genau so ist es!“ Jetzt war die Frau zurück. Mit der freien Hand verstaute ich Büchse und Rucksack im Auto. Sie setzte nach: „Schon letzte Nacht haben wir uns wieder eingekriegt – das geht bei uns immer ganz schnell. Um Mitternacht sind wir dann los, die Stelle suchen, aber keine Chance! Eine Stunde sind wir bestimmt kreuz und quer durch den Wald gefahren. Dieses Mal aber mit angeschaltetem Licht“ In der Zwischenzeit hatte ich in meinem Auto Platz genommen. „Über die Schelpbrücke sind sie in den Wald gekommen und über den ‚Alten Damm‘ zurück?“ fragte ich. „Richtig“, antwortete er, „dazwischen liegt bestimmt ‚ ´ne halbe Stunde“. „Können Sie sich an irgendein Detail von der Waldwegekreuzung erinnern?“, wollte ich wissen. „Ein Schild, ein Hydrant, ein Wildschutzzaun, ein Holzpolter oder dergleichen?“ Nebenbei ließ ich den Motor an. „Nee, da war nichts.“ Wieder ein Räuspern. „Jedenfalls kann ich mich nicht an was erinnern. Es war ja stockdunkel und ich hatte kein Licht an.“ „Das ist schlecht.“ Langsam fuhr ich los. „Oder doch…“, unterbrach er mich. „Warten Sie mal. Da war ein einzelner Schachtring aus Beton, ein Brunnenring, der lag so halb versteckt in einem Graben.“

Ich grübelte vor mich hin und schaltete gedankenverloren in den zweiten Gang. Der gefrorene Feldweg war jetzt menschenleer, der einsame Spaziergänger mit dem Hund von vorhin war spurlos verschwunden.

Und dann machte ich den folgenreichen Fehler zu sagen: „Ich bin jetzt auf dem Weg nach Hause und mache dann noch einen Schlenker. Ich habe da so eine vage Vermutung.“ „Oh,…oh das ist furchtbar nett von Ihnen“, kam es von der Frau. Vor Aufregung verschluckte sie sich. „Ich habe ja Ihre Tele- fonnummer und melde mich gleich noch mal.“ „Sie sind ein Engel“, hörte ich. „Ein Weihnachtsengel!“

Eine Viertelstunde später erreichte ich die Schelpbrücke. Ich folgte einem Sandweg und bog an der nächsten Kreuzung ab.

Hinter der nächsten Biegung konnte ich schon von weitem den geschmückten Weihnachtsbaum am Wegesrand liegen sehen. Die winterliche Morgensonne spiegelte sich in den quietschbunten Christbaumkugeln und - in Bahnen von Lametta. Neben dem Brunnenring, an den ich mich erinnert hatte, kam ich mit meinem Wagen zum Stehen und stieg aus. „Donnerwetter!“, entfuhr es mir. Da war mir aber jemand zuvor gekommen… Neben dem Weihnachtsbaum lagen verstreut mehrere geöffnete Kartons. Vom Inhalt fehlte jedoch jede Spur, aufgerissenes Weihnachtspapier flatterte im Morgenwind. Zweifellos hatte hier jemand die Geschenke geplündert. Oder – schoss es mir durch den Kopf - hatte der Mann sie in seinem umnebelten Zustand vielleicht auch selbst aufgerissen? Ich zückte mein Smartphone und rief die Overaths an. „Ich stehe hier vor ihrem gesuchten Weihnachtsbaum“, verkündete ich. Die Frau war aus dem Häuschen vor Freude. „Ach! Sie sind ein Schatz!“ „Nur mit ihren Geschenken stimmt was nicht“, fiel ich ihr ins Wort. „Die sind …“ „Wie – da stimmt etwas nicht?“, unterbrach mich die Frau. Ihr Mann rief aus dem Hintergrund: „Schicken Sie uns den Standort. Wir sind in fünf Minuten bei Ihnen.“ Ich ersparte mir eine Diskussion über die verschwundenen Geschenke und gab den Overaths den Standort Ihres Weihnachtsbaumes durch.

Mit einem Seufzer stimmte ich zu, auf sie zu warten. Nur schweren Herzens harrte ich aus, denn eigentlich hatte ich mir den Vormittag des 24. Dezember ganz anders vorgestellt. Ich wollte längst zu Hause und bei meiner Frau sein. Um die Zeit wenigstens sinnvoll zu nutzen, schaute ich mir die geplünderten Geschenke einmal genauer an. Was ich entdeckte, waren weihnachtliches Geschenkpapier, lieblos zerrissen, und mit einem Messer oder einer Schere aufgeschnittene Bänder und Schleifen. Dann gab es jede Menge leere Kartonage mit dem Namen Overath und deren Adresse beschriftet.

Ich erhob mich und schaute mich um. Den benachbarten Wald mit der niedrigen, abgestorbenen oder in Winterruhe befindlichen Bodenvegetation konnte man gut einsehen. Hier lagen offensichtlich keine Geschenke.

Aus den avisierten fünf Minuten wurden elf. Schon von weitem konnte ich den Wagen über den gefrorenen Waldweg holpern hören. „Hier war ich also letzte Nacht“, begrüßte mich der Mann, der aus einem amerikanischen Pickup kletterte. Cowboystiefel und eine Fransenlederjacke passten zwar zu seinem Auto, nicht jedoch in den Wald. Er mochte um die vierzig sein. „Vielen, vielen Dank!“ Die deutlich jüngere Frau, die um den hohen Kühler gebogen kam, strahlte mich an. Sie trug ebenfalls Cowboystiefel und war stark geschminkt. „Wusste ich’s doch, dass Sie uns helfen können.“ „Aber die Geschenke?“ Ihr Mann begutachtete das Malheur. Er stemmte seine Hände in die Hüften und schaute mich fragend an. „Wer macht denn so was?“ „Bist Du sicher, dass Du sie nicht doch ausgepackt hast?“, wollte seine Frau wissen. „Mit deiner miesen Laune hast Du vielleicht...“ „Nein!“ Wütend schnappte er den Weihnachtsbaum und hievte ihn wenig rücksichtsvoll auf die Ladefläche des Pickups. „Krieg Dich wieder ein!“ Sie hob zwei Kugeln auf, die heruntergefallen waren. „Du ruinierst noch unseren Baumschmuck.“

„Sie sind ein Engel“, hörte ich. „Ein Weihnachtsengel!“

„Was war denn in den Paketen?“, versuchte ich die Situation zu beruhigen. „Wertvolle Dinge?“ Die beiden schauten sich an. „Na, Weihnachtsgeschenke“, kam es wie aus einem Munde. Plötzlich schienen sie wieder einer Meinung. Die Frau druckste: „Und die … die verrät man doch nicht, oder? Klar war da Wertvolles dabei. Für uns jedenfalls. Was man sich halt zu Weihnachten so schenkt.“

„Jetzt ist’s auch egal“, lenkte der Mann ab. Er bückte sich nach einem leeren Karton. „Ist eh alles futsch.“ „Na, wenigstens haben wir den Weihnachtsbaum zurück“, sagte sie. Und zu ihrem Mann: „Komm, wir räumen hier jetzt auf und fahren nach Hause.“ „Schöne Weihnachten sind das!“, grummelte er.„Vielleicht sollten Sie eine Anzeige erstatten“, schlug ich vor. „Oder zumindest das Fundbüro kontaktieren.“ „Um Gottes Willen!“ Der Mann winkte ab. Ich wandte mich schon zum Gehen. „Ich kann ja mal den zuständigen Jagdaufseher fragen“, bot ich noch an. „Vielleicht hat der was gesehen.“ „Schon gut. Sie haben uns sehr geholfen.“ Die Frau reichte mir ihre Hand. Fingeroberseiten und Handrücken waren bunt tätowiert. Ihr Mann nickte mir lediglich zum Abschied zu. Ich saß schon im Auto und wollte gerade die Tür schließen, als ich Motorsägengeräusche hörte, gar nicht weit entfernt.

Als Förster ist man von Berufs wegen auf derartige Geräusche in seinem Revier sensibilisiert. Entweder sind es die eigenen, von einem selbst eingewiesenen Leute, die da sägen, oder Waldeigentümer, die in Eigenregie losziehen und Holz schlagen. Zuweilen trifft man auch auf Holzdiebe… Wer auch immer an diesem Morgen dort sägte, hatte an dem außergewöhnlichen ‘Sperrmüll‘ vorbei fahren müssen. Ich schaute zu den Overaths. Sie waren mit dem Aufräumen fertig und schickten sich gerade an, in den Pickup zu steigen. Anscheinend maßen sie den Klängen der Motorsägen nicht die dieselbe Beachtung zu wie ich. Das war auch gut so. Wollte ich der vagen Spur doch allein nachgehen. Die Uhr im Auto zeigte 9.50 Uhr an. Eigentlich hätte ich längst zu Hause sein sollen. Nach wenigen hundert Metern tauchten einige geparkte Fahrzeuge vor mir auf. Ein alter Hanomag Trecker samt Frontlader und Anhänger, dahinter ein Pkw. Von ihren Besitzern, das konnten nur die Rittsteig-Brüder sein, vermutete ich, war zunächst nichts zu sehen. Ich stoppte meinen Wagen dahinter und stieg aus. Das laute Gekreische zweier Motorsägen verriet, dass in unmittelbarer Nähe gearbeitet wurde. Nach wenigen Schritten auf dem Weg sah ich sie dann. Sie waren zu dritt. Zwei sägten an bereits gefällten Bäumen, der dritte stapelte die Meterenden. Es waren tatsächlich die Brüder Dirk und Rudolf Rittsteig und einer ihrer Helfer.

Ich kam ohne Umschweife auf den Punkt: „Sie sind heute Morgen sicher an der wilden Müllentsorgung im Wald vorbeigekommen? Keine 500 Meter von hier…“ „Ja klar.“ Dirk Rittsteig feixte. „War ja nicht zu übersehen. Ein geschmückter Weihnachtsbaum und…reichlich Geschenkpapier.“

„Keine Geschenke?“, fragte ich streng. „Der Inhalt der Kartons?“ Die drei wichen meinem Blick aus. „Nee, die waren schon geplündert“, kam es kleinlaut. „Glaub ich nicht“, erwiderte ich. „So früh am Morgen war niemand anders auf dem Weg unterwegs. Soll ich Eure Autos durchsuchen?“

Ich machte einen Schritt in Richtung der Fahrzeuge. „Ihr habt sicher in bester Absicht gehandelt. Wolltet den illegalen Müll entsorgen. Noch habt Ihr euch nicht strafbar gemacht.“ Dirk Rittsteig wirkte verunsichert und schaute fragend auf seine beiden Kumpel. Schließlich erklärte er: „Es ist ganz anders, als Sie denken. Ja, als wir heute Morgen kamen, waren die Pakete noch zu. Wir hatten gedacht, es handele sich um Deko-Material oder so, also reinen Müll. Doch weit gefehlt. Als wir sie öffneten, waren es echte Geschenke, zweifellos Weihnachtsgeschenke - hochwertige, auch einige delikate …“ Dirk Rittsteig grinste breit übers ganze Gesicht. „Jedenfalls haben wir danach an den Postaufklebern gesehen, dass anscheinend alles Ben und Nancy Overath gehört. Beide kennen wir gut, sie sind mit uns im Schützenverein. „Aber warum habt Ihr dann …?“, wollte ich wissen.

„Moment, Moment!“, unterbrach mich Dirk Rittsteig. „Ich bin mit unserer Geschichte noch nicht fertig.“ Mit seinem Handrücken wischte er sich den Arbeitsschweiß von der Stirn, bevor er fortfuhr. Wir kamen dann zu dem Schluss, dass es bei ihnen wahrscheinlich Stress gegeben hatte. Hefigen Weihnachtsstress. Daher lagen die Sachen jetzt hier im Wald. Natürlich hätte ich Ben und Nancy Overrath an Ort und Stelle anrufen können. Sie wären dann hier raus gekommen, hätten sich entschuldigt und bedankt und gut. -Doch da kam uns dreien eine geniale Idee: Heute bin ich in der Verwandtschaft ja sowieso als Weihnachtmann unterwegs, mit Kostüm, Jutesack und Vollbart und so. Einen Extrasack wollte ich dann mit den Overath-Sachen füllen und bei denen heute an Heiligabend vorbeibringen. Wäre das nicht eine Überraschung? Ein Weihnachts-Happy-End?“ Ich musste schlucken. „Ihr wisst aber auch, dass die beiden im Moment richtig leiden?“

Rudolf winkte ab. „Ach, Ben und Nancy, die sind hart im Nehmen. Die werden sich riesig freuen und uns diesen Streich sicher verzeihen. Ganz bestimmt. „Und ich bin mir sicher“, fügte sein Bruder schmunzelnd hinzu, „dass sie mir heute Abend zum Dank einen – wenn nicht gar mehrere – Eierlikörchen einschenken werden.“

Kurz vor dem Mittagessen des darauf folgenden Tages, dem ersten Weihnachtstag, ging ich zum Komposthaufen in der äußersten Ecke unseres Gartens, um Küchenabfälle wegzubringen. Das Blubbern eines Motors aus Richtung Ortsmitte ließ mich aufhorchen. Sie waren es tatsächlich, der mir wohl bekannte Pickup rauschte heran und stoppte direkt neben unserer Einfahrt. Ich huschte schnell durch den Garten, um zu verhindern, dass die Overaths an unserer Haustür klingelten und vielleicht sogar ins Haus wollten, und passte den Besuch ab.

„Frohe Weihnachten!“, begrüßte ich die beiden herzlich. „Das ist aber eine Überraschung!“„Das können Sie laut sagen.“ Frau Overath trug dieses Mal pink. Sie wedelte freudestrahlend mit einer Präsenttüte in ihren Händen „Stellen Sie sich vor, wir haben tatsächlich alle unmsere Geschenke unversehrt zurück bekommen.“ Ich tat erstaunt. „Da gratuliere ich aber. Dann scheint ja Weihnachten für sie gerettet zu sein.“ „Wollen Sie denn gar nicht wissen, wer uns die Sachen zurückgebracht hat?“ Ich grübelte: „War das der Weihnachtsmann …?“ „Ja, genau. Aber woher wissen Sie das denn?

„Stecken Sie etwa mit den Rittsteigs unter einer Decke?“ Ben Overath gab sich alle Mühe, verärgert zu klingen. „Vorsicht! Ich sage es Ihnen, die beiden Brüder haben es faustdick hinter den Ohren.“

„Wir wollten uns unbedingt noch bei Ihnen erkenntlich zeigen.“Frau Overath reichte mir eine sehr bunte Geschenktüte. Ich zögerte: „Das ist doch wirklich nicht nötig. Ich darf doch als Beamter gar nichts…“ „Ach, Papperlapapp!“, fuhr sie dazwischen. „Ist nichts Wertvolles drin in der Tüte, nur unser selbstgemachter Eierlikör. Aber der ist echt lecker.“ Sie schickten sich schon an, wieder zu gehen aber Herr Overath drehte sich noch einmal zu mir um. „Der Eierlikör bewirkt wirklich Wunder,“ zwinkerte er mir zu: „Mit dem hat sich meine Frau gestern Abend sogar das Lametta an unserem Weihnachtsbaum schön getrunken.“ „Na denn...“ Ich winkte Nancy und Ben Overath herzlich zum Abschied. „Schöne Festtage!“

Christian Oehlschläger 1954 in Hannover geboren, ehemals Förster bei der Landwirtschaftskammer Niedersachsen, war mehrere Jahre als forstlicher Berater in Mittel- und Südamerika tätig, bevor er die Leitung der Bezirksförsterei Burgwedel übernahm. Neben zahlreichen Beiträgen für die Fachpresse sind von dem als ‘Krimiförster‘ bekannten Autoren diverse Kurzgeschichtenbände und Kriminalromane erschienen. Der pensionierte Forstbeamte geht mit seinem Lektor regelmäßig auf Lesereisen.