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Fuchsnächte


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JÄGER - epaper ⋅ Ausgabe 20/2023 vom 13.01.2023

Raubwildjagd

Die Tageshitze stand noch über der Stoppel und die Luft in der aufgeheizten Kanzel erinnerte an Saunagänge. Kein kühlender Hauch, denn nur die beiden Fenster in Schussrichtung waren offen. Offene Fenster im Rücken des Schützen projizieren seine Silhouette in die hellen Mondnächte und verraten den Füchsen und den Sauen, dass da etwas ist, das sie fürchten. Unmittelbar nach dem Aufbaumen muss die Waffe geladen werden und alles muss an seinem Platz sein, bevor die Fensterklappen sich öffnen. Bei solchem „Jungfuchswetter“ Anfang August erscheinen die Füchse oft schon am Waldrand, wenn das letzte Büchsenlicht den weiten Schuss noch möglich macht.

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Die Füchse werden im Laufe des Jahres immer erfahrener.

Im Sommer

Der Feldweg war Reviergrenze, die Füchse wohnten im Wald, aber erschienen regelmäßig auf den Feldern. Dort jagten sie Mäuse, dezimierten die Kiebitzgelege, die der Nabu mit weißen Stangen kenntlich machte und hinderten die Jungfasanen und ...

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... wenigen Rebhühner am Hochkommen. Jugendliche und erwachsene Füchse, die nachts die Felder durchstreifen und gegen Morgen in der Sicherheit des angrenzenden Waldrevieres verschwinden, sind, wenn sie zu zahlreich werden, die „Geißel“ eines jeden Niederwildreviers. Wenn Ihnen im Waldrevier kein Jäger gezielt auf den Fuchsbalg rückt, muss man ihnen beim Kommen und Gehen in und aus dem Niederwildrevier die Jagd verderben. Kommen ist am Abend und gehen am Morgen, was lange Nächte bedeutet.

Wenn die Jungfüchse nicht schon da sind, heißt es warten. Hier auf der hohen Kanzel bestand keine Eile. Zwei oder drei Jungfüchse würden über mehrere Stunden die Mäusewelt zwischen den Stoppeln unsicher machen und hoffentlich auch am Luder erscheinen. In den einigermaßen hellen Mondnächten war der Schuss auf 60 bis 80 Meter oder gar 100 Meter möglich. Letzteres freilich nur, wenn die Füchse in den Lichtbahnen verharrten, die die Beleuchtung der Eisenbahnstrecke durch den lichten Waldrand auf den Feldweg am Rande der Stoppel warf. Man hat hier in diesen Nächten Zeit, Geduld zu üben, Gedanken zu ordnen, seine jagdlichen Einstellungen zu justieren. Das ist neben den Füchsen die Beute des Jägers. Aber meistens waren sie früh. Wenn das letzte Tageslicht am Horizont zu einem schmalen hellen Band wurde, tauchten sie auf. Kommen sie später, zeigt die Wärmebildkamera, mit der man in Abständen den Waldrand scannt, den hellen Fleck, der sich aus dem Farn schält und der sich nicht hoppelnd, sondern gleichmäßig schnürend fortbewegt. Nun muss man ihn und die, die da noch kommen, vielleicht etliche Stunden hindurch, im Auge behalten, muss zumindest grob orientiert sein, wo sie sind. Bis, ja bis endlich einer nahe genug kommt und lange genug verharrt, dass der Leuchtpunkt des Zielfernrohres nicht nur auf eine dunkle, im geisterhaften Licht verschwimmende Gestalt zeigt, sondern klar ist, dass das Absehen an der richtigen Stelle steht und der Schuss den Fuchs augenblicklich tötet. Aus einem erlegten Fuchs können in der gleichen Nacht mehrere werden, denn Jungfüchse sind Jungfüchse. Fuchsjugendliche, die unbeeindruckt vom Schussknall ihre Mäusesuche auf dem weiten Feld fortsetzen und am Ende zum Luderplatz finden, wo sie das tote Geschwister beschnuppernd, das gleiche Schicksal ereilt, sind mir schon mehrfach begegnet. Manchmal kommen sie auch so nahe an die hohe Kanzel, dass der 3,5 mm Hagel aus der Bockbüchsflinte den breit stehenden oder langsam schnürenden Fuchs schräg von oben von den Läufen reißt.

Im Herbst und Winter

Die Fuchsnächte im späten Herbst und Winter sind andere: Der Mond ist heller, das Licht silbriger und von den Füßen aus frisst sich die Kälte langsam aber stetig nach oben.

Die schönsten Nächte sind für mich die Matthias Claudius-Nächte:

Solche Nächte sind schön, aber schwierig. Die Wärmebildkamera mag keinen Nebel. Füchse sind um diese Jahreszeit erfahrener und nicht mehr nur mit Geduld und Abwarten vor das Absehen zu bekommen. Aber Langeweile kommt ebenso wenig wie im Sommer auf - dank Wärmebildtechnik - wenn der Nebel nicht überhand nimmt.

„Der Mond ist aufgegangen, die goldnen Sternlein prangen am Himmel hell und klar; der Wald steht schwarz und schweiget, und aus den Wiesen steiget der weiße Nebel wunderbar.“

Wärmebildtechnik verändert die Jagd

Die Jagd auf Füchse und Sauen ist anders geworden. Vor der Wärmebildzeit konnte jedes höhere Grasbüschel, jeder Maulwurfshaufen, jeder aus der Reihe ragende Ast in der blauen Stunde zu Wild werden. Sich die Positionen beim letzten Büchsenlicht zu merken war empfehlenswert und nervenschonend, wollte man nicht den Rest des Ansitzes damit verbringen, Grasbüschel für Füchse zu halten und Füchse für Grasbüschel. Für die Gespensterstunde, wenn die Konturen verschwimmen und man Bewegungen zu sehen glaubt, wo keine sind, erfand die Technik die Wärmebildkamera. Sie hilft, wenn nicht nur Kälte in die Glieder, sondern Ereignislosigkeit in die Gedanken kriecht… denn Anblick hat man immer. Die weißen länglichen Flecke in der Ferne, die sich kaum bewegen, sind Hasen, die größeren Gestalten, deren vorderes Ende sich hebt und senkt, sind Rehe beim Äsen und die Reihe aus fünf kompakten Massen am Waldrand mit der größten vorn sind Sauen. Wenn die weißen länglichen Flecke in der Ferne auseinander spritzen und zwischen ihnen eine etwas größere Gestalt in gleichmäßiger Bewegung auf den Sitz zu läuft oder eine andere Richtung einschlägt, ist das der Herbstund Winterfuchs, der die Kälte vergessen lässt und die Ereignislosigkeit mit Adrenalin flutet. Kommt er zum Luderplatz? Ich habe doch am Nachmittag in einem alten Setzkescher den Rehaufbruch vom Waldrand bis zum Luderplatz gezogen. Und wenn er vor dem Luderplatz die Richtung ändert? Kann ich ihn mit der Mauspfeife oder dem Vogelangstgeschrei heranholen?

Jagderfolg ist nie sicher

Die Wärmebildkamera hilft, den Fuchs früh zu erkennen, die Gewehrauflage und die Schussrichtung zu checken. Sie verteilt die Karten neu zugunsten des menschlichen Jägers. Dennoch, alles kann in diesen Nächten geschehen: Ein Klicken des Schiebehebels auf der Bockbüchsflinte beim Entsichern und ein Fuchs, dem nach kurzem Aufwer- fen ein furioser Sprintstart das Leben rettet. Oder der Fuchs, der Anfang Februar auf mein Fähengebell antwortete, immer wieder antwortete, wenn ich zurück bellte und der -unsichtbar- in unserem Belldialog immer näher kam, bis ich mich beim letzten Zurückbeller aus der Kanzel lehnte und dabei dem inzwischen angekommenen Fuchs in die Lichter schaute, der ob des seltsamen Platzes der vermuteten Fähe in einem Blitzstart verschwand. Da gab es noch den Fuchs, der ebenfalls im Februar urplötzlich in 20 Metern Entfernung vor der flachen Anhängerkanzel aus dem nächtlichen Nichts auftauchte, dem eine hastige Reaktion den 3,5mm Hagel spitz von vorne entgegen schickte, und der dann noch 100 Meter durch die Rüben lief, bis er aus dem Bildschirm der Wärmebildkamera verschwand und nur mit Hilfe des Hundes verendet in den Rüben ge- funden wurde. Und da war noch der Fuchs, den ich glaubte, im Schuss fallen zu sehen, bevor mich der Mündungsblitz vorübergehend blind machte. Die Kamera zeigte nichts. Ich suchte eine halbe Stunde lang mit wachsenden Zweifeln auf der Wiese, bis seine Lichter im Gras den Schein der Taschenlampe reflektierten. Ich erinnere mich an den Fuchs, den ich im Absehen verfolgte und der, als er verhoffte, in den Rüben fiel, ohne dass ich mir in Verlängerung der Schussbahn eine Geländemarke merken konnte. Nacht ist Nacht und fast das ganze Rübenfeld musste ich Reihe für Reihe abschreiten, bis ich ihn hinter Blättern, für die WBK unsichtbar, fand. Füchse sind auch manchmal nur ein dunkler Strich und als Fuchs erst auf den zweiten Blick zu erkennen. So war das in einer mondhellen Schneenacht mit bester Sicht, als ich den dunklen Strich sich durch Foto: Adobe Stock den Schnee bewegen sah. Es dauerte ein wenig, bis ich realisierte, dass da ein Fuchs sich durch den hohen lockeren Pulverschnee arbeitete, von dem aus der hohen Kanzel nur ein schmaler Teil des Rückens und die Lunte zu sehen waren. Und Füchse sind Individualisten und Nahrungsgeneralisten: Ich erinnere mich an den Februarfuchs auf der Kirrung in einem Waldrevier, der sich in aller Seelenruhe am verstreuten Mais um die Tonne niederlegte und eine halbe Stunde darauf herumkaute, bevor er verschwand. Er kam mit dem Leben davon, weil ich hier als Gastjäger auf Sauen wartete.

“Aus einem erlegten Fuchs können in der gleichen Nacht mehrere werden.”

Saunächte und Fuchsnächte

Wenn die Schweinesonne vom Himmel strahlt, sitzen die Sauenjäger im Waldrevier und die Fuchsjäger in der weiten Ebene der Felder. Die Waldnächte des Sauenjägers sind anders als die Feldnächte des Fuchsjägers. Letztere sind gekennzeichnet durch den weiten Blick mit WBK und Glas, durch die Fülle an Leben, die sich sichtbar auf den weiten Flächen tummelt und die Fuchsjagd spannend macht, weil die angestrebte Beute oft lange vorher zu sehen ist. Kommt er oder kommt er nicht heran? Und wenn er verschwunden ist, ist er eine halbe Stunde später vielleicht wieder da. Aber die Nächte unterscheiden sich auch: Da sind die warmen hellen und die warmen dunkleren, die knackig frostigen und die verregneten, die nebligen Matthias Claudius-Nächte und die, die man vorzeitig durch Heimfahrt beendet, weil Nebel, Regen oder falsche Kleidung den Abbruch erzwingen. Aber alle haben etwas gemeinsam, was sie vom Tag unterscheidet: das Geheimnisvolle, Überraschende, Unwägbare als kennzeichnendes Element der Jagd, die keine wäre, wenn sie immer erfolgreich und kalkulierbar daherkäme.

Werner Berens

ist passionierter Jäger, Angler und leidenschaftlicher Fliegenfischer. Seine jagdliche Aufmerksamkeit gilt vor allem dem heimischen Niederwild und dabei insbesondere dem Wasserwild. Als Anhänger der schreibenden Zunft widmet er sich sowohl der Jagd als auch der Fischerei. Dabei haben es ihm vor allem die ethischen Grundlagen sowie die psychologisch vermittelten Emotionen bei der Jagd angetan. Warum jagen wir und wie? Für uns stellt er sich den spannendsten jagdtheoretischen Fragen.