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Fühl dich verliebt


emotion - epaper ⋅ Ausgabe 2/2020 vom 08.01.2020

Verlassen wir uns bei der Suche nach der Liebe zu sehr auf unsere Augen? Die werden beim „Sensual Slow Dating“ verbunden, um sich anders kennenzulernen: durch ertasten, riechen, hören


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Bildquelle: emotion, Ausgabe 2/2020

FOTO PABLO SÁEZ RODRÍGUEZ

Freitagabend vor einer angesagten Bar: Ein Mann und eine Frau umarmen sich etwas hölzern. Ein Tinder-Date. So oder ähnlich beginnen auf der ganzen Welt jeden Abend Millionen Dates. Vorher die Sorge: Entspricht er oder sie wirklich den Fotos, die man in der App in die richtige Richtung gestreichelt hat? Die Frage: Wird es vielleicht Liebe?

Dating gilt heute als zu oberflächlich und vor allem als zu ...

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... sehr aufs Äußere fixiert. Doch dass die Augen erst größer werden, wenn man das Gegenüber auch attraktiv findet, war schon immer so – und wird wohl auch immer so sein. Sehen ist der Hauptsinn beim Flirten, was aber auch bedeutet: Wir sind im wahrsten Sinn des Wortes oberflächlich. Dabei prägen frühe Erfahrungen und gesellschaftlich angesagte Vorstellungen unser inneres Bild vom Ideal- Partner, das das Herz sofort höherschlagen lässt, wenn wir diesem in echt begegnen. Doch genau deshalb entgeht uns auch viel, wir übersehen es schlicht.

Dabei gibt es heute Hinweise, dass gerade die Sinne, die erst nach dem ersten Blick eine Chance bekommen, möglicherweise die zuverlässigeren „Liebes-Sensoren“ sind. „Wir nehmen innerhalb von Millisekunden wahr, wie jemand riecht, wie sich jemand anfühlt und dann wissen wir sofort: Das passt oder das passt nicht“, sagt Anna Winter. Die Theaterpädagogin hat ein Kennenlern- Konzept aus der Schweiz nach Deutschland gebracht: Sensual Slow Dating. Gemeinsam mit der Körpertherapeutin Jennifer Buri bietet sie es in Hamburg an, andere Städte sollen folgen. Die Idee ist so einfach wie ungewöhnlich: Fünf Männer und fünf Frauen begegnen sich mit verbundenen Augen in einem geschlossenen Raum und testen, wie gut sie ihr Gegenüber fühlen, hören und riechen können.


„Wir sehnen uns danach, dass uns jemand hält“


Es ist erwiesen, dass der individuelle Geruch eines Menschen extrem wichtig bei der Partnerwahl ist. Die Duftmoleküle, die wir verströmen, verraten dem Unterbewusstsein unseres Gegenübers zum Beispiel einiges über die Zusammensetzung unseres Erbguts. Die Nase prüft, wie sehr sich die Immungene des Partners oder der Partnerin von den eigenen unterscheiden. Je stärker sie das tun, umso besser für das Immunsystem des möglichen Nachwuchses. Auch der Klang der Stimme spielt eine wichtige Rolle. Klassischerweise mögen Männer eher höhere, weich klingende Frauenstimmen, während Frauen sich oft zu samtigen, tiefen Stimmen hingezogen fühlen.

Anna Winter und Jennifer Buri finden, die Zeit ist reif für eine neue, nachhaltigere Form des Kennenlernens. „Wir leben in einer visuellen Welt, gerade auch durch Social Media, aber eigentlich sehnen wir uns alle nach Berührungen und danach, dass uns jemand hält“, sagt Buri. „Natürlich benutzen wir auch beim normalen Daten unsere anderen Sinne, aber wir übergehen sie oft.“ Für sie ist das einer der Gründe, warum viele vom üblichen Kennenlernen frustriert sind: „Vor allem Frauen sind oft genervt davon. Von der betrunkenen Anmache in einem Club sowieso, aber auch vom heutigen Dating allgemein.“

Platte Anmachsprüche wird es an diesem Abend nicht geben. Es ist ein sinnliches Experiment, auf das sich die fünf Frauen und fünf Männer für zwei Stunden einlassen. Sie sind 24 bis 37 Jahre alt – und hätten sich vom Typ her wohl auch vor einer Bar begegnen können.

Während sich auf der Reeperbahn die ersten Nachtschwärmer aufwärmen, vibriert es jetzt in diesem Yoga- Studio in einer Nebenstraße des Ausgehviertels anders – still und gleichzeitig mit einer Spannung wie 1000 Volt. Hier und da ein Schlucken, ein nervöses Räuspern. Die Männer sind gerade in den Raum mit den Frauen geführt worden. Alle tragen eine Augenbinde und können jetzt nur fühlen, riechen, hören. Das Experiment beginnt.

„Spürt euch selber, seid bei euch, spürt die Aufregung. Die darf sein“, leitet Anna Winter die Gruppe an. In der ersten Runde stehen sich Männer und Frauen paarweise auf einer Yogamatte gegenüber. Ivo und Daniela drücken ihre Hände fest aneinander. Danach berührt Daniela erst zart Ivos Unterarme, dann schnuppert sie an seinen Armhaaren. Er hält still, legt seine Hand ganz vorsichtig in ihre. „Spürt noch einmal nach, wie war dieser Kontakt? Und dann bereitet euch auf eine neue Begegnung vor“, unterbricht eine Stimme aus dem Hintergund Ivos und Danielas geräuschlosen Flirt

„Die geschlossenen Augen erlauben es den Menschen, ihre Masken in den Hintergrund rutschen zu lassen“, sagt Jennifer Buri hinterher. „Hier soll etwas Reales entstehen, eine echte Verbindung zwischen Mann und Frau.“ Nach jeder Begegnung wird per Handzeichen signalisiert, ob ihr oder ihm die Begegnung gefallen hat. Nur wenn beide sich mögen, gibt es ein „Match“, und sie erhalten drei Tage später per E-Mail die Kontaktdaten der „Matches“. Ob es zu einem Treffen kommt, bleibt dann allen selbst überlassen.

Die nächste Begegnung erfordert Mut – auch mit verbundenen Augen. Zu mehreren Songs sollen sich die Paare auf der Matte näherkommen. Jedes Paar probiert es auf eigene Weise, die einen tanzen nah beieinander, finden einen gleichen Rhythmus, andere berühren sich kaum, tanzen jeder für sich in ihrer Dunkelheit. „Spürt nach“, ertönt es von hinten und leitet das Ende der Runde ein.

„Jetzt geht es darum, die Stimme des anderen zu hören“, erklärt Anna Winter. „Was ihr sagt, muss keinen Sinn ergeben, es geht nicht um einen Dialog.“ Zum ersten Mal ertönen an diesem Abend andere Stimmen im Raum als die der Veranstalterinnen. Erst erzählen die Männer den Frauen, die ihnen gegenübersitzen, was sie an einem freien Nachmittag machen würden. Dann antworten die Frauen auf die Frage: „Eine Fee kommt und würde dir eine Weiterbildung finanzieren. Was wäre das?“ Fragen, die weit entfernt sind vom Abspulen des beruflichen Werdegangs und der Hobbys. Zum ersten Mal kommt an diesem Abend so etwas wie eine klassische Dating-Atmosphäre auf, denn in vielen Antworten schwingt dieser besondere Klang mit, den Stimmen annehmen, wenn sie dem Gegenüber gefallen wollen.


Hat er eben so gut gerochen? War das ihre Stimme?


Nach fast zwei Stunden: das Grande Finale. Jeweils ein Mann und eine Frau sitzen voreinander. Alle nehmen nun langsam ihre Brillen ab. „Boah ist das hell, ist das krass“, sagt Merle zu ihrem Sitzpartner. Erst grinst er, dann beide. „Das ist so aufregend“, flüstert sie. Er nickt. Eine Minute lang sollen sich die „Sensual Dater“ nun in die Augen schauen und den Blick aushalten – nicht allen gelingt das. Als nach dieser Runde alle im Kreis sitzen, wandern die Blicke und Gedanken: War er das, mit dem ich so gut tanzen konnte? Hat sie so gut gerochen? Teilnehmerin Lea sagt später: „Ich wusste relativ schnell, wer wer ist. Ich war schon auf meinen Favoriten fixiert, und es hat sich immer wieder bestätigt.“ Und sie sagt: „Ich habe gemerkt, was für einen hohen Stellenwert die Stimme für mich hat, da habe ich viele ausgesiebt.“ Auch Janis ist begeistert: „Es war total spannend. Gerüche haben mich am meisten geflasht. Ich finde es total interessant, wie Frauen riechen.“

Jennifer Buri schlägt vor: „Vielleicht wollt ihr ja noch alle etwas trinken gehen?“ Etwas zögerlich findet sich eine Gruppe zum Weiterziehen. Wer will, bekommt also auch an diesem Freitagabend noch sein Bar-Date. Aber: Die ersten zwei Drinks zum Auftauen braucht niemand mehr.

Ohne unsere Sinne läuft nichts Hören, riechen, schmecken, sehen, tasten – der griechische Philosoph Aristoteles begründete in der Antike diese klassische Einteilung. Wahrnehmungsforscher sind sich heute einig: Es gibt mindestens fünf weitere Sinne, manche sprechen sogar von bis zu 30. Alle Sinne sind verbunden mit den Hirnbereichen, in denen Gefühle verarbeitet werden, am engsten ist der Geruchssinn verbunden. Die neuere kognitionswissenschaftliche Theorie des „Embodiment“ geht davon aus, dass Bewusstsein ohne Sinneswahrnehmung nicht entstehen kann – bisher galt das Gehirn als alleiniger Entstehungsort von Bewusstsein.

„Sensual Slow Dating“ … ist ursprünglich als „Sensual Speed Dating“ in Zürich entwickelt worden. Anna Winter und Jennifer Buri haben es für das deutsche Angebot umbenannt. Bisher kann man in Hamburg, Zürich, Bern und Wien „sensual daten“. Die Abende werden für Singles, Paare, Lesben, Schwule und Alleinerziehende in verschiedenen Altersgruppen angeboten. Die Teilnahme kostet 34 Euro pro Person.


FOTOS CLAUDIA TEJEDA