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Fünf Jahre kämpfte Ina Milert (57) um ihr Kind – vergeblich: „Ich habe meine Tochter an die Drogen verloren“


Bild der Frau - epaper ⋅ Ausgabe 14/2019 vom 29.03.2019
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Bildquelle: Bild der Frau, Ausgabe 14/2019

Ina denkt jeden Tag an ihr Mädchen: „Ich konnte sie nicht retten“


Sie wirkt nicht wie der Typ Mutter, der sein Kind kontrolliert. Aber an jenem 31. März 2003 treibt ein mütterlicher Instinkt sie an den Familien-Computer. „Ich rief den Chat auf, in dem Lea sich mit ihren Freunden schrieb.“ Und plötzlich steht da dieser Satz: „Ich will mir Heroin besorgen …“ Ihr Kind? Heroin? Mit 13? Ina Milerts Herz setzt aus.

Dies ist die Geschichte einer Mutter, die ihr Kind an die Drogen verloren hat. BILD der FRAU sitzt mit Ina Milert in einem Hamburger Café. Sie will erzählen – auch, um andere Jugendliche zu warnen, ...

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... was Sucht anrichtet.

„Ich war 27, als Lea 1989 auf die Welt kam“, sagt Ina. Sie zeigt Bilder auf dem Handy: Lea als Baby, Lea bei der Einschulung, Lea im Urlaub auf Fuerteventura.

„Sie war bildhübsch, hochintelligent und so fantasievoll, so begabt. Höchstens etwas Selbstbewusstsein fehlte ihr, sie war immer sehr zurückhaltend.“ Das ändert sich in der Pubertät.

„Plötzlich hing sie mit Leuten rum, die ich nicht kannte, kam später aus der Schule heim. Sie fing an zu klauen. Wir stritten oft, ich bat einen Kinder- und Jugendpsychologen um Hilfe. Der riet mir nur, mehr Grenzen zu setzen.“

An dem Tag, an dem Ina von dem Heroin liest, stürzt sie in Abgründe – und handelt sofort. „Ich schickte Lea mit ihrem Vater nach Zypern. Ich hoffte, dass sie den Mist in der Sonne vergisst.“ Lea weint, tobt am Telefon. „Sie hat mir so gefehlt. Als sie schwor, dass sie sich wirklich ändert, habe ich sie nach vier Wochen heimgeholt.“ Doch nur wenige Monate später schreibt Lea in ihr Tagebuch:

Lea ist verzweifelt, klammert sich an ihren Freund Tarek, ein brutaler Typ. Er schlägt sie krankenhausreif. Ina: „Ich hab ihm Hausverbot erteilt, Lea gesagt, sie müsse sich sofort trennen.“ Doch das Mädchen schafft es nicht, rutscht an Tareks Seite immer tiefer in die Drogensucht. „Ich fand in ihrem Zimmer Crackpfeifen und blutige Spritzen.“

Versuche, mit Lea zu reden, scheitern. „Sie schmiss Sachen nach mir, schrie mich an.“ Die Mutter, selbst depressiv, muss in die Psychiatrie. Lea kommt kurz in eine Pflegefamilie, später bricht sie die Schule ab. Nach jedem Streit mit Tarek dröhnt sie sich zu.

Es geht auf und ab. Mal ist Lea wie ein schutzbedürftiges Kind, das der Mutter liebe Zettel schreibt, mit ihr shoppen und ins Kino geht, nachts neben ihr schläft. „Das waren Momente der Hoffnung.“ Aber sie halten nur kurz.

Drei Mal fährt Ina ihre Tochter in die Entgiftungsklinik, drei Mal bricht Lea ab. „Sie schämte sich, aber die Sucht war stärker.“ Auch der Aufent- halt in der Klinik für Kinderund Jugendpsychiatrie hilft nicht. Im Mai 2005 stellt das Jugendamt alle Hilfe ein. Da ist Lea knapp 16 Jahre alt.

Noch einmal schafft sie es, in die Normalität zurückzukehren, holt ihren Schulabschluss nach. Danach stürzt sie ab. Konsumiert alles, was sie am Hauptbahnhof kriegt. Bezahlt vom Taschengeld? Leas Mutter schüttelt traurig den Kopf, sie hat die Tagebücher ihrer Tochter gelesen: „Vielleicht auch von Freunden oder falschen Liebhabern“, sagt sie.

Am 6. September 2007 fährt Lea mit Freunden in den Hansapark. Es soll ihr letzter Ausflug werden. Ina: „Man sah ihr an, dass sie ihr Leben kaum noch ausgehalten hat.“

Es kommt der 7. September 2007, ein regnerischer Tag. „Vormittags rief Lea an, ohne etwas zu sagen. Abends kam sie nicht heim. Aber das war längst normal.“ Um 22.30 Uhr klingelt die Polizei. „Ihre Tochter hatte einen Unfall, wir bringen Sie ins Krankenhaus.“ Später erfährt Ina: Ihr Kind hat Crack geraucht, ist von der Brücke gesprungen, in die Tiefe gestürzt. Die Ärzte können Lea nicht retten. Morgens um 8.25 Uhr wird die Beatmungsmaschine abgestellt. Ina erlebt es wie im Nebel. „Ohne Valium hätte ich den Tag nicht überlebt.“

Wie schafft es eine Mutter, so einem Verlust zu verarbeiten? „Niemand sagt, dass ich es geschafft habe“, sagt sie. „Ich denke pausenlos an sie, frage mich ständig, was ich hätte besser machen können.“

Am Anfang liegt Ina in Leas Jogginghose auf dem Sofa, wie krank, gelähmt. Sie kann nicht mehr in die Stadt fahren, wo sie shoppen waren. Gibt sich keine Mühe mehr mit ihrem Aussehen. „Alles war egal.“ Dann beginnt Ina Tagebuch zu schreiben. Sie liest Trauerbücher, geht laufen, macht Yoga, schafft sich einen Kleingarten an. „Ich bin zum Therapeuten und zur Elterngruppe gegangen“, sagt sie. „Und habe einfach weitergeatmet.“

Die Mutter erkennt: Es wird nie mehr so, wie es war – aber es gibt ein anderes Leben. „Jetzt bin ich an dem Punkt, wo ich weitermachen kann.“ Als Hilfe für andere Eltern hat Ina Milert ein Buch geschrieben. „Vielleicht kann Leas Schicksal dazu beitragen, dass Jugendlichen die Lust auf Drogen vergeht.“ Auf der ersten Seite steht ein Gruß, der einem das Herz zerreißt: „Für Lea. Danke für die gemeinsame Zeit. Ich hätte dich so gern besser kennengelernt.“

Inas Rat an andere Eltern: Was ich heute anders machen würde

► Informieren Sie sich schon vor der Pubertät, welche Drogen es gibt und wie sie wirken, auch wenn das Thema nicht aktuell ist. Falls es das einmal wird, sind Sie vorbereitet, um mit Ihrem Kind zu reden.
► Versuchen Sie im Ernstfall, die Sucht von dem Kind als Person zu trennen. Ich musste viele Beschimpfungen von meiner Tochter einstecken und kämpfte gegen sie, bis ich lernte: Ein süchtiger Mensch ist nicht er selbst.
► Liebe, Nähe und Wärme tun gut. Aber ein Kind kommt leider nur allein von den Drogen los. Auch wenn es hart ist: Machen Sie Ihre Tür zu, wenn es sich dem Entzug verweigert. Es muss „ganz unten“ sein, um etwas zu ändern. Kuscheln rund um die Uhr hilft ihm nicht.
► Gehen Sie mit Ihrem Kind zur Drogenberatung.

Fotos: Ulrike Schacht (3), Fotolia, Privat (2)