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Für das MESSER leben


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musikexpress - epaper ⋅ Ausgabe 3/2022 vom 10.02.2022

MITSKI

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TEXT: ANNETT SCHEFFEL

Wenn es nach Mitski Miyawaki geht, sollten wir uns alle abmelden, uns ausloggen aus unseren Social-Media-Accounts, vielleicht auch gleich mal aus allen umliegenden Internet-Netzwerken, zumindest immer mal zwischendurch, für kurze Zeit, weg von den geistreichen Tweets und der aufpolierten Pastell-Welt von Instagram, weg von der digitalen Bühne, auf der wir uns präsentieren und selbst promoten. „Es ist wichtig, dass wir die Möglichkeit haben, uns mit vielen verschiedenen Menschen zu verbinden. Aber ich würde gerne einen Weg finden, das zu tun, ohne dass unsere ganze Existenz daran gekoppelt ist.“

Mitski spricht aus Erfahrung. Im September 2019 verkündete die Musikerin ihren Abschied aus Social Media und spielte im New Yorker Central Park ein euphorisches Konzert, das auf unbestimmte Zeit ihr letztes sein sollte. Ein Jahr zuvor war BE THE COWBOY erschienen, ihr fünftes, bisher erfolgreichstes ...

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... Album. Auf Twitter, wo sie bis dahin sehr aktiv gewesen war, schrieb sie: „Ich bin seit fünf Jahren nonstop auf Tour und hatte keinen festen Wohnort. Und ich spüre, dass mein Selbstwert zu sehr davon abhängen wird, im Spiel zu bleiben, wenn ich nicht bald einen Schritt zurücktrete.“

I Die Bühne ist ein grausamer Ort

I always thought the choice was mine And I was right but I just chose wrong I start the day lying and end with the truth That I’m dying for the knife

(aus „Working For The Knife“)

Die Wahrheit ist, sagt sie zwei Jahre später, was sie im Sinn hatte war keine Auszeit. Sie wollte die Musik ganz aufgeben. „Mir ging es wirklich nicht gut“, sagt die Songwriterin heute. „Ich habe mich eigentlich die ganze Zeit elend gefühlt.“ Mitski sitzt vor dem Bildschirm in einem hell gestrichenen Londoner Hotelzimmer. Die dunklen Haare locker zurückgebunden, kein Make-up. Auf ihrem T-Shirt kann man in Großbuchstaben das Wort „DOWN“ lesen, was aber keine Zustandsbeschreibung ist, sondern sich unterhalb des Bildschirmrandes zu einer ihrer Lieblingsbands vervollständigt: der amerikanischen Punkrockband Downtown Boys.

Es ist eines der vielen Video-Interviews dieser Tage. Mit Mitski ist es seltsam entspannt – oder besser: auf eine angenehme Weise unentspannt. „Nichts gegen dich, aber diese ganzen Interviews habe ich wirklich nicht vermisst“, sagt sie zu Beginn und lacht schüchtern. Weil man merkt, dass diese Laptopkamera-gefilmte Begegnung nicht komplett in ihrer Komfortzone liegt. Eine kleine Unsicherheit, ein Bruch in der Künstler*innen-Schutzhülle, etwas sehr Menschliches, wenn man so will, das einem Nähe vermittelt.

„Working For The Knife“ heißt die erste Single ihres neuen Albums. Sie erscheint nach ein bisschen mehr als zwei Jahren Abwesenheit im Oktober 2021 und erzählt von der Schinderei des Tourlebens, von Druck auf Körper und Seele und von den Fallstricken einer verstärkten Sichtbarkeit. „Geschrieben habe ich ‚Working For The Knife‘ schon 2019, fast unmittelbar nach meiner letzten Show“, erzählt sie. „Ich habe eigentlich immer nur auf Tour und zwischen Terminen geschrieben. Und plötzlich habe ich mich mit meiner Gitarre hingesetzt und hatte alle Zeit der Welt.“ Das Messer, das im Songtext als Metapher für das enge Korsett aus fremden und eigenen Erwartungen über ihrem Leben schwebt, ist einer dieser lyrischen Kniffe, die Mitski so brillant beherrscht: die absurden Anstrengungen des Lebens mit neuer Poesie und Ehrlichkeit zugleich aufzuladen.

Noch wirkungsvoller sind diese Zeilen über die Unvereinbarkeit von, nun ja, Kapitalismus, Mental Health und künstlerischem Ausdruck, wenn man sich das dazugehörige Video anguckt. Mitski ist allein in einer brutalistischen Konzerthalle. Sie tanzt durch die Gänge und Sitzreihen. Am Ende performt sie barfuß auf der Bühne eine Art Ganzkörper-Exorzismus; springt und kriecht und fuchtelt und stampft. Die Kamera verlässt sie auf dem Boden liegend, schwer atmend und noch berauscht von der ungezügelten Körperlichkeit.

Es ist Mitskis Rückkehr auf die Bühne, die sie so sehr liebt und von der sie gefkohen ist, weil sie auch grausam sein kann: ein Ort, an dem man sein ganzes Selbst vor den Augen eines gierigen Publikums ausschüttet, ein Ort intensiver Einsamkeit.

II Mitsukis Identitätskrise

Your mother wouldn't approve of how my mother raised me But I do, I finally do And you're an all-American boy I guess I couldn't help trying to be the best American girl

(aus „Your Best American Girl“)

Mitski Miyawaki, amerikanische Musikerin, 1990 in Japan geboren, ist ohne Zweifel eine der hochgelobtesten Songwriterinnen ihrer Generation. Ihre Songs sind klug und persönlich, ihre lyrischen Vignetten oft kristallklar und scharfkantig. Größere Kreise zog sie spätestens 2016 mit PUBERTY 2, einer Abhandlung über die „nachgeholte“ Pubertät einer jungen, hin und her gerissenen Frau, die sich selbst als „halb japanisch, halb amerikanisch, aber nichts so richtig“ beschreibt.

Die Identitätskrisen und damit verbundenen Ängste und Sehnsüchte auf PUBERTY 2 (besonders die große Rock-Karthasis-Nummer „Your Best American Girl“) kommen nicht von ungefähr. Als Tochter eines US-Amerikaners und einer Japanerin – geboren wurde sie als Mitsuki Francis Laycock – verbrachte Mitski ihre gesamte Kindheit und Jugend ohne festes Zuhause, ohne festen Freundeskreis. Bedingt durch den Job des Vaters beim US-Außenministerium lebte die Familie im schnellen Wechsel an den unterschiedlichsten Orten der Welt, in der Türkei, im Kongo, in Malaysia, in Alabama. Sie ist immer die Neue, die Außenseiterin gewesen, die nicht wusste, welche Musik und Outfits cool oder uncool sind. Aber Singen konnte sie und Songschreiben und „darin habe ich schon immer den größten Trost gefunden“. Zum Studium ging sie nach New York, war aber bald öfter auf Tour als in ihrem Appartement in Brooklyn.

Seit 2019 wohnt sie in Nashville – „das erste Mal, dass sich ein Ort anfängt wie ein Zuhause anzufühlen.“ Mitski ist jetzt 31. Trotzdem gibt es schon sechs Alben, mit denen sie sich musikalisch immer weiter vortastete, durch neue lyrische Identitäten und Genres. Am Anfang standen klassische, orchestrale Klavierkompositionen (LUSH, 2012, und RETIRED FROM SAD, NEW CAREER IN BUSINESS, 2013, beide entstanden noch als Studienprojekte am Musikkonservatorium der State University of New York und wurden ohne Label im Internet veröffentlicht). Nach dem Uniabschluss lernte sie Gitarre spielen und ihr Sound verwandelte sich in trockenen, rauen Indie-Rock (BURY ME AT MAKEOUT CREEK, 2014, und PUBERTY 2, 2016). Von da an ging es immer weiter in Richtung kunstvoller Synth-Pop (BE THE COWBOY, 2018, und jetzt LAUREL HELL).

Und Platte um Platte wuchs das Publikum. Mitski, der Kultliebling wurde zu Mitski, dem Indie-Star. Eine Frau asiatischer Abstammung, die über alle Wahrscheinlichkeiten einer weißen und männerdominierten Indie- Rock-Industrie hinauswuchs.

III Ein Kissen, übers Herz gestopft

And I know no one will save me I’m just asking for a kiss Give me one good movie kiss And I'll be alright

(aus „Nobody“)

Mit BE THE COWBOY schaffte es Mitski auf nahezu jede Bestenliste des Jahres 2018 und es sicherte ihr einen Platz im Tour-Vorprogramm von Lorde. Zu ihrem bis dato größten Hit wurde die Lead-Single „Nobody“, eine Sad-Cowboy-Disco-Nummer, in dem die Funk-Gitarren so schön glitzerten, dass man fast vergaß, dass das Stück von herzzerreißender Einsamkeit erzählt.

Man könnte also sagen: BE THE COWBOY war einer dieser Momente des Durchbruchs, von dem alle Musiker*innen träumen. Ein Moment, auf den man jahrelang hinarbeitet. Aber für Mitski fühlte sich alles daran falsch an, „als würde man mir langsam meine Seele wegschaben, Stück für Stück, Tag für Tag“, sagt sie. „Im Grunde ist die Musikindustrie eine übersättigte Version der Konsumkultur. Ich habe immer meine Schwierigkeiten damit gehabt, zu akzeptieren, dass ich als Künstlerin in den Augen der Öffentlichkeit keine Person bin, sondern ein Produkt. Was die Leute da konsumieren und kaufen – das bin ich selbst. Ich habe mich immer extrem unwohl mit dieser Rolle gefühlt. Ich habe natürlich ein Riesenglück, dass die Leute meine Musik hören und zu meinen Konzerten kommen, es mir also erlauben, Fulltime-Musikerin zu sein. Aber ich habe auch keine andere Wahl, als mich dafür zum Produkt zu machen. Als Frau wahrscheinlich sogar noch mehr, weil wir viel stärker objektiviert werden als die meisten Männer.“

Mitski ist eine offene Gesprächspartnerin, ihre Antworten klug und nachdenklich. Wie in ihren Songtexten wirkt jeder Satz wohlüberlegt. Es sind die Gedanken einer Frau, die in den letzten zwei Jahren mehr als genug Zeit gehabt hat, die Achterbahn einer Musikkarriere zu reflektieren. „Weißt du, es ist so. Um in der Musikindustrie zu überleben, musste ich mir ein dickes Kissen über mein Herz stopfen, damit es aufhört, zu schreien“, sagt sie und fasst sich – wie zum Schutz – mit beiden Händen auf die Brust. „Als ich das ein paar Jahre lang gemacht hatte, fühlte es sich taub und still an. Und das wiederum war das viel größere Problem, weil ich mein Herz – meine Gefühle – brauche, um Songs zu schreiben. Ich glaube, das war der wahre Grund, warum ich aufgehört habe: Ich habe eine Zukunft vor mir gesehen, in der ich nur noch Musik herausbringe, um die Maschine am Laufen zu halten. Und diese Vorstellung hat mir wirklich Angst gemacht.“

Wenn man es sich genau überlege, sei das alles ein schier unlösbares Paradox, sagt Mitski. Ihre Musik, ihre Karriere, ihre Kreativität – das seien eigentlich ganz unterschiedliche Sachen, aber auf verwirrende Weise miteinander verschränkt. „Du musst eine Geschäftsfrau werden, um eine Künstlerin zu sein. Aber um eine Geschäftsfrau zu werden, musst du die Künstlerin in dir stummschalten. Ahhhhh, das treibt einen in den Wahnsinn.“

IV Die Hölle des Berglorbeers

Let’s step carefully into the dark Once we’re in I’ll remember my way around Who will I be tonight Who will I become tonight

(aus „Valentine, Texas“)

Die neue Platte hat sie LAUREL HELL genannt – nach einem Begriff aus der südlichen Appalachen- Region, in der der Mountain Laurel, der Berglorbeer, in riesigen, undurchdringlichen Dickichten wächst. Die Blüten sind zwar wunderschön, wie kleine Rhododendren, aber die Pflanze ist giftig, mit verschlungenen Zweigen. „Es gibt Laurel Hells, die nach den Menschen benannt sind, die sich darin verlaufen haben und gestorben sind. Dieses Bild war einfach perfekt: In einem Labyrinth gefangen zu sein, das wie eine Explosion von Schönheit ist.“ Der Berglorbeer funktioniert als Metapher für vieles, was Mitski in diesen Tagen umtreibt – die verlockende Welt des Internets, die Fallstricke des Berühmtseins, die Hölle der permanenten Selbstvermarktung – und dieses Bild tröpfelt auch in die erste Zeile des Albums: „Let’s step carefully into the dark …“. Dazu vibrieren schwere Synthesizer und man betritt eine Welt der Grauzonen und dunklen Geständnisse.

Resignation, sagt Mitski, das sei das überspannende Thema von LAUREL HELL. „In vielen Songs geht es ums Aufgeben – aber nicht immer unbedingt als eine schlechte Sache. In dem Sinne, dass ein Abschied auch eine große Wertschätzung des Vergangenen sein kann. Es geht ums Loslassen und dass sich das auch gut anfühlen kann. Eine Trennung zum Beispiel: Das kann ein Abschied sein und gleichzeitig ein Moment der Dankbarkeit für das, was man hatte.“

Mitski hat länger an LAUREL HELL gearbeitet als an jeder anderen ihrer Platten. Viele der Songs stammen sogar aus der Zeit vor ihrer Auszeit 2019, die sich bekanntlich bald mitten hinein in die neue Corona-Realität erstreckte. „Es war wirklich schwer, irgendwas während der Pandemie fertigzubekommen. Mein Produzent Patrick Hyland und ich haben im Frühling 2020 angefangen aufzunehmen und haben ein Jahr gebraucht, bis wir mit dem Mixing fertig waren. Das Album ist durch so viele Phasen gegangen. Zwischendurch war es ein Country-Album. An einem anderen Punkt Punkrock. Und dann gegen Ende waren wir beide so bedrückt, dass ich gemerkt habe, auch wenn die Songs traurig sind, brauche ich für den Sound irgendwas Optimistisches – irgendwas, das mir das Gefühl gibt, es wird schon alles gut.“

Also wurde LAUREL HELL zu einer großen Pop-Platte. Die Songs klingen nach den Achtzigern. Nach dem satten, großen Synthie-Sound von Tears For Fears oder Kate Bush oder den Pet Shop Boys – nur mit etwas düsteren Untertönen. „Shoud’ve Been Me“ ist rasender Disco-Pop. „There’s Nothing Left For You“ so etwas wie die jüngere, deprimierte Schwester von Cyndi Laupers „Time After Time“. Es sind die Art von Songs, wegen denen man sich die Platte gut in den Top-40-Charts vorstellen kann. Ganz besonders wegen einer Nummer. Vielleicht der größte Hit, den Mitski je geschrieben hat. Und ein verquerer Lovesong, der übliche Pop-Narrative auf links dreht. Der Titel: „The Only Heartbreaker“.

V Gut sein, schlecht sein, beides sein

So I’ll be the loser in this game I’ll be the bad guy in the play I’ll be the water main that’s burst and flooding You’ll be by the window, only watching

(aus „The Only Heartbreaker“)

In „The Only Heartbreaker“ nimmt sich Mitski der anderen Seite an, der des „bad guy“, wie sie singt. Die Protagonistin im Song ist es, die ihrem Gegenüber immer wieder wehtut, ohne es zu wollen. Was ist denn nun eigentlich schlimmer? Heartbreaker zu sein? Oder heartbroken? „Ich glaube, Heartbreaker zu sein, ist tatsächlich schwieriger. Wenn man eine Person verletzt, die man liebt, muss man sich zwangsläufig mit dem Gefühl auseinandersetzen, dass man nicht immer auf der richtigen Seite steht. Es ist kein schönes Gefühl, zu merken, dass man fähig ist, anderen wehzutun, wenn man doch eigentlich bloß versucht, ein guter Mensch zu sein. Aber Fehler gehören dazu. Für mich liegt darunter noch eine andere, eine tiefere Wahrheit, die ich versucht habe, in dem Song einzufangen: Bin ich vielleicht nur deswegen die Einzige, die immer Fehler macht, weil ich die Einzige bin, die ernsthaft versucht, sich zu öffnen und ehrlich zu zeigen?“

Mitski sagt, dass es ihr auf LAUREL HELL vor allem um diese Graubereiche von Liebe und Beziehungen gegangen sei. „Was ich gebraucht habe, waren Lovesongs über echte Beziehungen, echte Menschen, echte Geschichten. Ich will in meinen Lyrics nicht predigen, was richtig ist und was falsch. Was ich gebraucht habe, waren Songs, die mir helfen, einen Weg zu finden, mir selbst und anderen zu verzeihen. Ich mache die ganze Zeit Fehler. Ich tauge nicht als Role Model. Trotzdem bin ich deswegen noch lange keine schlechte Person.“

Genau diese Art von Ehrlichkeit ist der Grundstein von Mitskis Erfolg. Ihr sei es möglich, mit nur wenigen Details eine ganze Beziehung zu skizzieren, hat die amerikanische Essayistin Jia Tolentino mal über sie geschrieben. Und damit erreicht sie immer mehr und mehr Menschen, die sich von ihren Songtexten getröstet fühlen. Mittlerweile ist Mitski sogar zu einem beachtlichen Streaming-Phänomen geworden. Ihre wöchentlichen Zugriffszahlen liegen seit Jahren konstant im zweistelligen Millionenbereich. Das ist im Indie- Bereich eine echte Hausnummer. „Working For The Knife“, die Lead-Single des neuen Albums, steht bei Spotify mittlerweile bei 185 Millionen Wiedergaben. Das ist mehr als Taylor Swifts nicht viel später veröffentlichte Re-Recording-Version des Fan-Favourites „All Too Well“. Man muss sich das kurz auf der Zunge zergehen lassen.

Noch wundersamer: Auch während ihrer Auszeit, als Mitski gar nichts machte – keine Releases, keine Livestreams, keine Interviews, kein Social Media – gingen die Zahlen nicht zurück. Mitski-Songs werden immer gehört. Und obwohl sie auf den ersten Blick das Gegenteil von Viral-Content sind, sind sie längst auch im TikTok-Universum angekommen. Videoclips mit dem Hashtag #mitski zählen dort insgesamt sagenhafte 1,2 Milliarden Aufrufe (Stand Januar 2022). Und das in einer Welt, in der hohe Klickzahlen eigentlich immer an kurzlebige Trends, Memes oder Challenges gekoppelt sind. Für Mitski gibt es keine Trends. Es geht auch gar nicht nur um einen Song. Die Gen Z arbeitet sich auf TikTok durch ihre gesamte Diskografie und diskutiert eifrig ihre Songtexte. Weil Mitski über das schreibt, was sie beschäftigt: Liebe und Verlust, psychische Erkrankungen und Traumata, Sexualität und kulturelle Identität. Ihre Fans fühlen sich intensiv mit ihr verbunden. Mit einem Menschen also, den sie nie getroffen haben. Was, wenn nicht das, ist die Essenz eines Popstars?

Mitski schüttelt langsam den Kopf und kneift die Augen zusammen. „Meine Freunde schicken mir manchmal TikTok-Videos. Und bei meinem Label ist man deswegen sehr aufgeregt. Aber ich versuche vor allem, nicht darüber nachzudenken. Das ist zu groß, um es mit meinem Verstand zu umfassen. Und es gibt diesen Teil in mir, der Angst hat, dass es aufhört, wenn ich anfange es zu genießen.“

Bis auf Weiteres deutet aber nichts darauf hin. Mitskis Reise in die Herzen der Menschen ist noch lange nicht vorbei.

Albumkritik ME 02/2022