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Für immer ein Prinz


Rolling Stone - epaper ⋅ Ausgabe 12/2019 vom 21.11.2019

Will Oldham, der unter dem Pseudonym BONNIE „PRINCE“ BILLY Musik macht, hatte lange Zeit Zweifel, ob ihm noch jemand zuhört. Statt neue Lieder zu schreiben, hat er eine Familie gegründet. Jetzt ist er zurück


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Will Oldham zu Hause in Louisville


FOTO: MICHAEL SCHMELLING, GQ © CONDE NAST

AUF EINER VERANDA INMITTEN EINER von der Gentrifi zierung zumindest gestreiften Wohngegend von Louisville/ Kentucky sitzt Will Oldham und telefoniert. Die Veranda befi ndet sich vor seinem Arbeitshaus, in dem er Lieder schreibt und schon einige Platten aufgenommen hat. Und seine Frau, Elsa Hansen Oldham, eine Textilkünstlerin, ...

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... hat hier ihr Atelier. Das gemeinsame Wohnhaus, in dem sie mit ihrer bald einjährigen Tochter leben, ist nur zwei Blocks entfernt. Und etwa fünf Kilometer von hier liegt auf einem Hügel am Ende einer von Bäumen gesäumten Straße der Zweistöcker, in dem Oldham mit seinem älteren Bruder, Ned, und seinem jüngeren Bruder, Paul, aufwuchs.

Louisville ist ein Teil von ihm. Nicht nur weil er sich mit neunzehn die stilisierte Lilie aus dem Stadtwappen auf seinen linken Unterarm hat tätowieren lassen. Obwohl das ein gutes Indiz ist. Ebenso wie das Cover seines ersten, damals noch unter dem Pseud onym Palace Brothers veröffentlichten Albums,„There’s NoOne What Will Take Care Of You“ von 1993What Will Take Care Of You“ von 1993, auf dessen Innenseite die Lilie ebenfalls zu sehen ist. Ganz am Ende des nächsten Albums, im von den „Notizen zum Kinematographen“ des französischen Regisseurs Robert Bresson inspirierten Song „I Am A Cinematographer“, heulte Oldham ein Jahr später allerdings: „If you were alone/ You could walk away from Louisville.“


„Die Umgebung war und bleibt feindselig und aggressiv gegenüber meiner Musik. Deshalb habe ich einige Jahre damit verbracht, Platten mit Songs anderer Leute aufzunehmen“


Einfach weggehen – das hat er auch des Öfteren versucht, hat Schauspiel in Providence und Los Angeles studiert, in New York gelebt und überhaupt als Musiker ein eher nomadisches Leben geführt. Doch seine Heimatstadt hat ihn nie losgelassen, und er ist immer wieder zurückgekehrt. Als im Juni 2006 sein Vater, Joseph, ein Anwalt und ambitionierter Hobbyfotograf, im Alter von 63 Jahren bei einem Fahrradausfl ug an einem Herzinfarkt starb und wenig später seine Mutter, Joanne, eine Künstlerin, deren Illustrationen auf vielen seiner Plattencover zu sehen sind, an Alzheimer erkrankte, verbrachte er viel Zeit dort. Anfang des Jahrzehnts wurde „The ’Ville“ wieder sein fester Wohnsitz. „Meine Mutter hat noch lange in ihrem Haus gewohnt, und ich habe mich um sie gekümmert“, erzählt Oldham. „Irgendwann konnte ich Kentucky nicht mehr verlassen, weil ich für sie da sein musste. Ich war regelrecht isoliert. Also habe ich mich in jeder freien Minute in die Arbeit gestürzt. Ich dachte, es wäre gut, eine Platte zu machen und möglichst alles, was damit zusammenhängt, selbst zu erledigen, um auf diesem direkten Weg mit so vielen Leuten wie möglich in Kontakt zu treten.“

Oldham schrieb neue Lieder, nahm sie zu Hause auf, kümmerte sich um das Artwork, verhandelte mit Presswerken und Druckereien, legte die Booklets in die CD-Cases und packte die LPs in die Plattenhüllen, nahm Bestellungen an und verschickte die Tonträger an Plattenläden und Fans.

Auf dem Cover dieses kargen, berückenden und intimen Werkes, das 2013 erschien, steht kein Titel, sondern nur das Pseudonym, unter dem er seit 1999 Platten veröff entlicht: Bonnie „Prince“ Billy. Ein Name, der ursprünglich von seiner Person ablenken und darauf hinweisen sollte, dass an der Produktion von Musik immer viele Menschen beteiligt sind. In diesem Fall war es wirklich nur er selbst. Aber das Pseudonym diente ihm wohl auch als Maske, um geschützt intime Einsichten preisgeben zu können: „My dad was a bear, my mom was a skunk“, sang er in einem der Songs. „My brother exploded the thoughts that he thunk/ We came from a hill where all we could see/ Was the routes and the eyes that were all closed to me/ Anything can end suddenly/ Still, I want some love for me.“

Domestizierter Songwriter mit Maske: Will Oldham


Country Boy Oldham


Oldham hat viele Erklärungen dafür gegeben, wie er auf seinen Künstlernamen gekommen ist: Charles Edward Stuart, ein im Exil lebender Spross der während der Glorious Revolution vom schottischen Thron gestürzten Stuart-Sippe, der mit französischer Unterstützung 1745 in sein Heimatland einmarschierte, um die Herrschaft zurückzuerobern und den seine Freunde Bonnie Prince Charlie nannten, sei eine Inspiration gewesen, hat der Songwriter mal erklärt, Nat King Cole eine andere – oder doch eher Billy the Kid? Vielleicht ist es auch kein Zufall, dass es in seiner Nachbarschaft in Louisville ein VierNachbarschaft in Louisville ein Viertel gibt, das Bonnycastle heißt.

Bis vor Kurzem war„Bonnie ,Prince‘ Billy“ jedenfalls sein letztes Album mit neuen eigenen Liedern. In den Folgejahren machte er zwar weiter Platten, auf denen er allerdings seine alten Songs sang oder die Lieder der Everly Brothers oder die der von ihm bewunderter Songwriter Merle Haggard und Susanna Wallumrød. „Ich liebe diese Alben”, sagt der 49-Jährige, „und ich liebe die Songs, an denen ich gearbeitet habe. Aber die Umgebung war feindselig und bleibt bis zu einem gewissen Grad feindselig – aggressiv und feindselig gegenüber der Art von Musik, die ich mache. Deshalb habe ich einige Jahre damit verbracht, Platten mit Songs anderer Leute aufzunehmen, um zu versuchen, mich in dieser sich verändernden Musiklandschaft zurechtzufinden.“

Er sei sich nicht sicher gewesen, ob er in Zeiten von Streaming überhaupt noch willkommen sei, ob die Hörer seine Kunst noch zu schätzen wüssten und verstünden, was er da eigentlich tut. „Als ich anfing, Platten zu machen, habe ich noch in einer A-Seite und einer B-Seite gedacht“, erklärt er. „Dann musste ich ziemlich bald umdenken und für CDs eben etwas schreiben, das als Ganzheit funktioniert und einen großen Bogen beschreibt, der vom Anfang bis zum Ende reicht. Und dann wurde es vor zehn oder zwölf Jahren plötzlich nebulös: Was hören Leute eigentlich heute? Manche haben immer noch CDs gehört, andere nur noch einzelne Tracks runtergeladen, dann kam Streaming, das die Hörerfahrung völlig atomisiert hat.“ Schließlich hätten die Leute auf einmal wieder begonnen, LPs und Kassetten zu hören. „Ich habe mich dann irgendwann entschieden, wieder in der A- und B-Seite zu denken“, sagt er. „Denn mit dem atomisierten Modell kann man als Albumkünstler nun mal nicht arbeiten. Aber hört sich das dann wirklich noch jemand von vorne bis hinten an, wenn ich ein Album mache? Da war ich irgendwann unsicher.“


„Man könnte doch morgens um sieben Konzerte spielen und statt Bier dann Kaffee trinken. Ich finde es schön, um diese Uhrzeit Musik zu hören. Das ist auch der Grund, warum ich sonntags in die Kirche gehe“


ER HABE NUR NOCH SONGS GESCHRIEBEN, wenn ihn jemand darum bat, so Oldham. So wie der Produzent T Bone Burnett, der ein Lied für den Soundtrack der HBO-Serie „True Detective“ wollte. Oldham schrieb „Intentional Injury“, eine dunkle, unheimliche Ballade über Schuld, Gott und Schicksal, die an die Folkmusik aus den Appalachen erinnert, in deren Tradition viele seiner Lieder seit seiner ersten Single, „The Ohio River Boat Song“ von 1992, zu stehen scheinen: „Sky falls, ground is gone/ Our Lord is uplifting/ Your work has dissolved/ The balance of life is shifting.“

Viele Serienjunkies haben über diesen Song zum ersten Mal von der Existenz eines Sängers erfahren, der sich Bonnie „Prince“ Billy nennt. Viele seiner nicht so serienaffinen Fans dagegen dürften von diesem Song bis heute nichts gehört haben, zumal er in den vergangenen Jahren kaum noch Konzerte spielte, um neue Lieder wie dieses zu präsentieren. „Mir hat es nie besonders gefallen, abends in irgendwelchen Clubs zu spielen“, sagt er. „Ich habe schon öfter rumgesponnen, man könnte doch morgens um sieben oder acht Konzerte spielen und statt Bier dann Kaffee trinken. Einfach weil ich es so schön finde, um diese Uhrzeit Musik zu hören. Das ist auch der Grund, warum ich sonntagmorgens manchmal in die Kirche gehe.“ Sein Leben habe sich in den vergangenen Jahren auch ohne Songschreiben und Tourneen um die Musik gedreht, sagt er. Er habe zu Hause und bei Freunden gesungen und öfter eine integrative Einrichtung namens Studio Works in seiner Nachbarschaft besucht, wo sich Künstler mit und ohne Behinderung treffen, um gemeinsam an Bildern, Texten und Musik zu arbeiten.

Im Januar 2018 wurden die frisch vermählten Oldhams – sie hatten sich ein paar Jahre zuvor bei einer Silvesterparty in Louisville kennengelernt – als Artists in Residence in den Hawai‘i Volcanoes National Park eingeladen. Hawaii ist ein besonderer Ort für den Songwriter, denn seine Mutter wurde dort geboren. „Ich war 1999 zum ersten Mal dort“, erzählt er. „Die Familie meiner Mutter war beim Militär, meine Großmutter arbeitete als Krankenschwester und trug bereits meine Mutter in ihrem Bauch, als die Japaner Pearl Harbor angriffen. Sie wurde vier Monate später geboren.“

Bei seinem ersten Besuch des Aloha State habe er nicht viel erwartet, gesteht er, aber seitdem sei er mehr als ein Dutzend Mal dorthin zurückgekehrt. „Die Landschaft und die Kultur haben mich gefangen genommen. Und mit jedem Besuch ist meine Verbindung zur hawaiianischen Geografie, Geschichte und Kultur intensiver geworden. Wir haben Freundschaften geschlossen und fahren oft hin, um diese neuen Freunde zu besuchen. Als wir dann von diesem Künstlerprogramm der National Parks Arts Foundation gehört haben, haben wir uns gleich dort beworben.“

Die beiden Künstler waren in einer Hütte am Hang des aktiven Vulkans Kīlauea auf der Big Island untergebracht und konnten jeden Abend vor dem Schlafengehen einen Lavastrom etwa vier Meilen von ihrem Haus vorbeifließen sehen. „Wir waren dort ziemlich auf uns allein gestellt“, erzählt Oldham. „Telefon- oder Internetempfang gab es da so gut wie nicht. Wir konnten nichts tun, als herumzulaufen und zu arbeiten. Und ich habe dann eben ein neues Album geschrieben.“

Die Landschaft, die Ruhe und die Musik, die sie in der Abgeschiedenheit hörten, hätten ihn dabei inspiriert, erzählt er: die Lieder von John Prine, Tom T. Hall und Susanna Wallumrød, der Neo-Zydeco-Kassettensampler„Trail Riderz, Vol. 1“ , die Pla„Trail Riderz, Vol. 1“ , die Platten des hawaiianischen Songwriters Johnny Lum Ho und der 1979 verstorbenen Sängerin, Tänzerin und Komponistin Edith Kanaka’ole. Bei einem Ausflflflug nach Pearl Harbor

hatte er ein Foto seiner Mutter dabei, wie sie über 70 Jahre zuvor ebendort als Kleinkind auf den Schultern ihres Vaters saß und statt in die Kamera zu schauen in die entgegengesetzte Richtung sah. „Die Frau, die uns dort herumführte, sah das Bild und fing an zu weinen“, so Oldham. „Sie erzählte uns, dass es eine hawaiianische Tradition gibt, sich von der Kamera abzuwenden, und dass das bedeutet, dass man von der eigenen Zukunft abgewandt ist und die Vergangenheit vor einem liegt.“

„Look Backward To Your Future And Look Forward To Your Past“ heißt ein neuer Song, den Oldham auf Hawaii schrieb und der, wie einige andere Lieder auf diesem Album, vom Leben seiner Mutter inspiriert ist.

Eines Morgens hatte sich trotz des miesen Empfangs am Vulkanhang doch eine Nachricht auf sein Telefon verirrt, erinnert er sich. „Es war eine Verlautbarung der Regierung, die besagte, da komme eine ballistische Rakete auf uns zu, und wir sollten in Deckung gehen. Wir hatten keine Ahnung, wen wir hätten fragen können, was wir da tun sollen. Es war Samstagvormittag und die Büros des Nationalparks waren geschlossen. Nach einer halben Stunde kam aber Entwarnung. Dann habe ich mich hingesetzt und ein Lied geschrieben, das die ganze Angelegenheit eher leicht nimmt.“

„When life is tough and very scary/ My wife and I, we chomp a blueberry“, heißt es ein bisschen albern in dem so entstandenen „Blueberry Jam“, den Oldham im vergangenen Jahr inklusive kuriosem Video veröffentlichte. „Ich dachte mir, ein neues Album werde ich so bald nicht aufnehmen, aber lass uns doch einen neuen Song machen. Ich mache meine musikalischen Entdeckungen mittlerweile hauptsächlich übers Radio, durch einen Sender namens ART×FM hier aus Louisville, bei dem ich auch manchmal selbst als DJ und Moderator einspringe. Und da dachte ich, das könnte doch ein schöner Song fürs Radio sein.“

Ein weiteres von diesem kuriosen Vorfall inspiriertes Lied, „At The Back Of The Pit“, hat Oldham aus der Sicht eines Mannes geschrieben, der auf seinem Hof eine Grube aushebt, um seine Liebste und all die kostbaren Dinge, die er über die Jahre angesammelt hat, vor einem Bombenangriff zu schützen. Und wenn dann alles vorbei sei und die Frösche wieder quaken, sei es, so singt er, ganz egal, ob der Rest der Welt tot ist, denn „between you and me we’ve got a repopulation kit/ The world will rise again from the back of the pit.“ Diesen Song behielt er aber, wie die anderen, die er auf Hawaii geschrieben hat, erst mal für sich.

Es fühlte sich nicht so an, als wäre ich bereit für ein Album, aber andererseits bin ich nun mal ein Songwriter, das ist mein Beruf. Also habe ich Tag für Tag, Monat für Monat weiter an den Liedern gearbeitet.“ In dieser Zeit wurde seine Frau schwanger, und während er mit der Gitarre auf der Veranda gesessen und gearbeitete habe, habe sie sich oft zu ihm gesetzt. „Sie hat ihren schwangeren Körper an mich geschmiegt und die Schwingungen gingen direkt in ihren Bauch. Meine Tochter kannte die Lieder also schon, bevor sie geboren war.“

Er habe zwar mal halbherzig mit Produzenten und Toningenieuren telefoniert, um über eine mögliche Albumproduktion zu sprechen, aber eigentlich habe es ihm völlig gereicht, die neuen Lieder im privaten Kreis zu spielen. So konnte er zumindest sichergehen, dass man ihm zuhörte. Etwa bei den Barbecue-Partys, die sein Freund Dave Ferguson in Nashville veranstaltet. Ferguson war einst rechte Hand und Tontechniker von Johnny Cash und ist nun zusammen mit John Prine Besitzer des Butcher-Shop-Tonstudios. Oldham lernte ihn vor 19 Jahren über Rick Rubin kennen, als der Cashs Aufnahme des Bonnie-„Prince“-Billy-Klassikers „I See A Darkness” produzierte

„David hat am 2. Juli Geburtstag“, so Oldham. „Und jedes Jahr trifft sich zu diesem Anlass eine ziemlich beeindruckende Ansammlung von Musikern und spielt Lieder zusammen. Manchmal nur eine, manchmal sechs Stunden lang. Und jeder kann mitmachen. Das ist immer ein großer Spaß.“ Das etwa drei Autostunden von Louisville entfernte Nashville scheint eine Art zweiter Heimat für Oldham geworden zu sein. Er hat dort seit Anfang des Jahrtausends mehrere Platten aufgenommen, auf denen viele Studiocracks aus der Music City mitspielen. So hört man auf„Sings Greatest Palace Music“ , einem Album von 2004 mit virtuosen Neuinterpretationen der einst ziemlich krude klingenden Songs aus dem Frühwerk, den Fiddler Stuart Duncan, der bereits auf den Platten von Guy Clark und Dolly Parton dabei war, und den Pianisten Hargus „Pig“ Robbins, der schon auf Bob Dylans„Blonde On Blonde“ mitspielte. „Es war mein Freund Dave Berman, der mir empfahl, nach Nashville zu gehen, als ich nach einem Aufnahmeort für mein Album,Master And Everyone‘ suchte“, so Oldham. „Er hatte gerade eine Platte dort gemacht und gab mir die Telefonnummer seines Produzenten Mark Nevers. Und der kannte diese wundervollen Musiker alle persönlich.“

Berman, Dichter, Songwriter und Sänger bei den Silver Jews und zuletzt den Purple Mountains, der lange Zeit mit seiner Frau, Cassie, in Nashville lebte, nahm sich im August dieses Jahres das Leben. „Zwei Wochen vor seinem Tod hat er uns noch besucht und unsere Tochter kennengelernt“, erzählt Oldham. „Viele haben mir gesagt, dass er noch einmal Kontakt zu ihnen aufgenommen hat. Er hat sich nicht isoliert.“ Für viele seiner Freunde sei gerade das nun schwierig, weil sie sich fragten, ob sie irgendwas hätten tun können, um seinen Tod zu verhindern. „Aber David war speziell – es war unmöglich, seine Meinung zu ändern. Egal worum es ging. Es scheint mir, als hätte die Entscheidung, diesen Ort zu verlassen, auch damit zu tun, dass er das Gefühl hatte, etwas vollendet zu haben.“


„Meine Frau hat ihren schwangeren Körper an mich geschmiegt und die Schwingungen gingen direkt in ihren Bauch. Meine Tochter kannte die Lieder also schon, bevor sie geboren war“


Das Gefühl der Vollendung stellte sich auch bei Oldham ein – nicht das eigene Leben oder Schaffen betrefeigene Schaffen betreffend, aber doch in Bezug auf die Songs, an denen er über ein Jahr gearbeitet hatte. „Sie waren definitiv fertig, und ich wusste nicht, was ich mit ihnen tun sollte“, sagt er. „Sie aufzunehmen schien trotz aller Bedenken irgendwie logisch.“ Schließlich sei er einfach ins Downtown-Recording-Studio in Louisville gegangen. „Das ist sechs Minuten mit dem Auto von meinem Haus entfernt,“ erklärt Oldham. „Es gibt eine tolle kleine Jazz-Trio-Platte,,The Busker‘ von Jacob Duncan, deren Klang ich sehr mag. Die wurde dort aufgenommen. Und ich habe Jacob gefragt, ob er das Studio empfehlen könne. Und als unsere Tochter auf der Welt war, konnte ich für zwei Tage dorthin gehen und alles grob aufnehmen. Danach hab ich immer mal wieder den ein oder anderen Tag dort verbracht und noch ein paar Sachen hinzugefügt.“

„I Made A Place“ ist nicht zuletzt wegen Jacob Duncan, der hier Saxofon, Klarinette und Flöte spielt, ein flirrend leichtes, helles und offenes Album, auf dem es nichtsdestotrotz um existenzielle Zweifel und private Revolutionen, Leben und Tod geht. In der längeren Schaffenspause scheint Oldham als Songwriter gereift zu sein.

Es drängt sich der Vergleich zu Bill Callahans aktuellem Album,„Shepherd In A Sheepskin Vest“ , auf. Die Parallelen zwischen den Werdegängen der beiden sind erstaunlich: Beide auf den Namen William getauft, haben sie etwa zur gleichen Zeit, Anfang der Neunziger, beim Drag-City-Label aus Chicago ihre erste Platten gemacht, hatten zu Beginn ihrer Karrieren den Ruf, ziemlich wunderliche Vertreter ihrer Spezies zu sein, deren Lieder wie besonders struppige, ungewaschene und unheimliche Kinder der Liedtradition ihres Landes klangen, und gelten heute als große amerikanische Songwriter. Beide haben ihre Mütter verloren – Callahans starb vor ein paar Jahren, Oldhams dämmert mittlerweile in einem Pflegeheim vor sich hin –, haben geheiratet, sind Väter geworden und erzählen auf den ersten neuen Alben mit eigenen Songs seit sechs Jahren virtuos, mit den ihnen angeborenen Eigentümlichkeiten und zugleich mit großer Souveränität von den Krisen und Freuden der mittleren Jahre.

„Das Vatersein ist bei mir noch nicht ganz so sehr Thema wie bei Bill“, sagt Oldham. „Ich bin mir sicher, dass sich meine Sicht auf die Welt durch meine Tochter mit jedem Tag, an dem sie mehr zu einer Person wird und sich unsere Beziehung intensiviert, verändern wird. Aber das neue Album habe ich vor ihrer Geburt geschrieben. Bis auf ein Lied. Das ist später entstanden. Es ist gewissermaßen ihr Lied.“ „A traveler upon the sea sing’s, ,It’s a sailor’s life for me‘“, singt Oldham in diesem Song, der den Titel „This Is Far From Over“ trägt. „I now embrace eternity/ Cause this is far from over/ You’ll never know what she will find/ When we are dead and she is sailing/ What new thoughts will cross her mind/ As wind blows in her hair.“

„I Made A Place“ hat er das Album schließlich getauft, mit der Welt teilen wollte er es aber nicht. „Es schien mir eine größere Befriedigung zu geben, es für mich zu behalten“, sagt er und lacht. „Zu wissen, dass man ein Album hat, und es der Welt vorzuenthalten, war mir ein größerer Thrill als die Aussicht, es zu veröffentlichen. Früher habe ich mich immer über die Veröffentlichung eines Albums gefreut, weil es mir vorkam, als wäre es erst vollständig fertig, wenn die Leute es hören können. Dieses Mal fühlt es sich eher so an, als wäre die Platte schon vollständig, bevor jemand sie hört.“

Zum ersten Mal seit seinen Anfängen als Songwriter zu Beginn der Neunziger habe er versucht, eine Sammlung von Liedern zu produzieren, die aus ihrer inneren Stärke heraus funktioniert und nicht darauf angewiesen ist, vom Hörer vervollständigt zu werden, so Oldham. „Früher habe ich die Songs für ein Publikum geschrieben, heute weiß ich nicht mehr, wie die Leute diese Lieder hören werden. Werden sie sie nur nebenbei hören, oder werden sie Zeit und Geld investieren? Ich musste die neuen Lieder daher ein wenig respektvoller behandeln, weil das Hörerlebnis heute einfach deutlich weniger respektvoll geworden ist.“

Er wisse nicht, warum er geboren wurde, aber er habe einen Ort geschaffen, ein Haus gebaut und einen Platz auf dieser Welt besetzt, und wenn er sterbe, entstehe dort eine Lücke, die niemand anders füllen könne, singt Oldham im Titelsong des neuen Albums. Man sollte sich Zeit nehmen, diesen Ort zu erkunden.


FOTOS VON MICHAEL SCHMELLING

FOTO: MICHAEL SCHMELLING, GQ © CONDE NAST

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