Lesezeit ca. 11 Min.
arrow_back

»FÜR MICH IST JAZZ EINE DENKWEISE«


Logo von drums & percussion
drums & percussion - epaper ⋅ Ausgabe 6/2022 vom 05.10.2022

MAGRO

Magro, du sagst von dir, dass du Musik eine Jazz-Attitude verpasst. Was genau verstehst du darunter und woher hast du selbst diese Attitude?

Ich komme aus dem Jazz – habe ganz viel Jazz gemacht, Jazz studiert, bin diesen klassischen Weg mit Standards, Swing und so weiter gegangen. Und das Jazzding ist einfach, dass du erst die Basics und die Geschichte checkst, so lernst, was es gibt, das nimmst und etwas Neues dazu baust. Das sind diese Tradition und die Kultur, und das habe ich so mitgenommen.

Deine Mutter ist klassische Pianistin. Trotzdem wurdest du schon in jungen Jahren vom Jazz infiziert. Wie kam’s dazu?

Ich weiß auch nicht, fand’s immer cool und habe als Kind schon Art Blakey gehört. Das hat sich natürlich ergeben. Später bin ich diesen klassischen Weg gegangen. Dass Jazz ein Uni-Fach ist, ist einerseits gut – andererseits ist es verschult und dadurch nicht mehr so offen. Musik ...

Weiterlesen
epaper-Einzelheft 4,99€
NEWS Jetzt gratis testen
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von drums & percussion. Alle Rechte vorbehalten.
Lesen Sie jetzt diesen Artikel und viele weitere spannende Reportagen, Interviews, Hintergrundberichte, Kommentare und mehr aus über 1050 Magazinen und Zeitungen. Mit der Zeitschriften-Flatrate NEWS von United Kiosk können Sie nicht nur in den aktuellen Ausgaben, sondern auch in Sonderheften und im umfassenden Archiv der Titel stöbern und nach Ihren Themen und Interessensgebieten suchen. Neben der großen Auswahl und dem einfachen Zugriff auf das aktuelle Wissen der Welt profitieren Sie unter anderem von diesen fünf Vorteilen:

  • Schwerpunkt auf deutschsprachige Magazine
  • Papier sparen & Umwelt schonen
  • Nur bei uns: Leselisten (wie Playlists)
  • Zertifizierte Sicherheit
  • Freundlicher Service
Erfahren Sie hier mehr über United Kiosk NEWS.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 6/2022 von Ungleiche Namensvettern. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Ungleiche Namensvettern
Titelbild der Ausgabe 6/2022 von 13? x 7?-SNARES VON SKY PERCUSSION. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
13? x 7?-SNARES VON SKY PERCUSSION
Titelbild der Ausgabe 6/2022 von 43. »LEVERKUSENER JAZZTAGE«. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
43. »LEVERKUSENER JAZZTAGE«
Titelbild der Ausgabe 6/2022 von »TELL YOUR STORY IN EVERY SINGLE BEAT«. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
»TELL YOUR STORY IN EVERY SINGLE BEAT«
Mehr Lesetipps
Blättern im Magazin
»OHNE RÜCKSICHT AUF VERLUSTE«
Vorheriger Artikel
»OHNE RÜCKSICHT AUF VERLUSTE«
SPIEL OHNE GRENZEN
Nächster Artikel
SPIEL OHNE GRENZEN
Mehr Lesetipps

... entwickelt und verändert sich die ganze Zeit. Wenn aber jemand »So ist es, und so wird es beigebracht.« sagt, dann hat es etwas Statisches. Innerhalb des Jazz hat sich das Mindset bei vielen dahin entwickelt, dass Bass, Schlagzeug und andere Instrumente so und so klingen müssen. Für mich ist Jazz aber eher eine Denkweise – so wie zum Beispiel Miles Davis über Musik geredet hat: Man nimmt, was gerade ist, verbindet es kreativ mit Improvisation und macht seine eigene Vision daraus. Das meine ich mit Jazz-Attitude. Ich will jetzt nicht 100 Jahre alte Poplieder spielen, obwohl die natürlich megakrass sind – ich gucke, was jetzt ist: 808-Bass, Claps und Rapgesang sind angesagt. Das ist für mich der Sound von heute. Diese Elemente nehme ich in meine Musik auf und versuche, mein eigenes Ding damit zu machen.

BIOGRAFIE

Aufgewachsen ist Magro in einer Künstler-/Musikerfamilie, in der sein Talent immer gefördert wurde. Erst lernte er Klavier-, dann Schlagzeugspielen. Mit 14 Jahren war für ihn klar, dass er Profimusiker werden wollte, und er fing an, ernsthaft zu üben sowie in vielen Bands Schlagzeug zu spielen. Das hat ihn schließlich an die Hochschule für Musik in Mainz geführt, wo er Jazz und Populäre Musik studierte. In seiner Wahlheimat Berlin spielt, produziert Magro viel und unterrichtet gelegentlich. Für sein Werk »Trippin« ist er 2022 mit dem »Deutschen Jazzpreis« in der Kategorie »Debütalbum des Jahres« ausgezeichnet worden. Die Musik ist ein individueller Mix aus Akustikjazz, Hip-Hop und R ’n’ B.

Bist du während deines Studiums sehr angeeckt?

Ich hatte das Glück, dass ich megacoole Instrumentallehrer hatte. Mein Drumlehrer Hendrik Smock hat mich da eigentlich noch mehr in die andere Richtung gebracht. Natürlich haben wir Swing geübt, aber er hat mir die Brücken vom Swing zum Hip-Hop, zum Neo-Soul, zum R ’n’ B gezeigt – und dass alles »connected« ist. Wenn man das so sieht, dann gibt es eigentlich keine Grenzen. Das hat meine Perspektive erweitert.

ICH DENKE, MAN MUSS SICH WEITER-ENTWICKELN, WENN MAN INTERESSANT SEIN WILL

Wie entstehen Songs bei dir?

Es gibt ganz unterschiedliche Ansätze: Wenn ich spazieren gehe und plötzlich denke, oh, das ist ja eine geile Melodie, dann singe ich mir die aufs Handy. Oder ich bin in einem Raum, in dem ein Flügel steht, spiele eine Viertelstunde darauf und merke: Oh, das ist eine geile Akkordverbindung! Die nehme ich dann ebenfalls auf. Wenn ich so etwas Rohes habe, geht es meistens an den Rechner. Daheim im Wohnzimmer habe ich ein kleines Homestudio mit Keyboard und der Software »Logic Audio«, womit ich mir etwas zusammenbaue. Oder ich bin beim Üben, entdecke einen Beat, den ich noch nie gespielt habe, und nehme ihn auf. Oder wenn ich mit meiner Band spiele, wir bei Konzerten oft einfach irgendwas jammen und dabei manchmal merken: Oh, das könnte ein Song werden! Anschließend basteln wir einen Song draus. Also, wie es gerade kommt.

Welche Rolle spielt das Schlagzeug dabei?

Bei mir ist logischerweise immer alles mit Beats verbunden. Dass ich das Produzierte mit den Drums verbinde, ist mein Sound geworden und schon wichtig. Aber es ist nicht so, dass ich sage: Ich bin Drummer, jetzt mache ich Drummermusik, und nun muss diese Art von Beat vorkommen. Es ist so, wie es musikalisch kommt. Das Tool, mit dem ich am besten umgehen kann, ist eben das Schlagzeug. An zweiter Stelle liegt vielleicht Produzieren und an dritter das Klavierspielen. So fließen die Elemente in meine Musik hinein.

Du spielst äußerst songdienlich, filigran, clean auf den Punkt, aber nicht langweilig. Es groovt, aber noch mehr im Vordergrund ist ein großer Klangteppich...

Das ist das Ding aus dem Jazz. Da sind eben die ganze Zeit das Ridebecken und musikalische Malen angesagt. Es sagen mir auch viele Leute, dass man meine Jazzprägung einfach sehr heraushört.

Wie siehst du das Schlagzeug, als Farbkasten?

Nein. Ich spiele einfach so. Ich finde cool, was irgendjemand macht, höre es raus, transkribiere es, übe es und letztendlich übernehme ich das in mein Repertoire und baue etwas anderes daraus. Das ist eher natürlich, so wie man kocht. Ich glaube, die meisten Menschen kochen seit 20 Jahren Nudeln mit Tomatensoße. Am Anfang als Teenager kocht man sie total schlecht und wenn man 30 ist, merkt man: Oh, wenn ich da ein bisschen von dem Gewürz dazugebe, ist es leckerer. So ist es bei Musik auch, dass man experimentiert und es sich von selbst weiterentwickelt. Ich versuche, mich nicht so festzulegen und immer offen zu bleiben. Ich checke auch immer, welche neuen Entwicklungen es an den Drums gibt.

Du meinst in Sachen Spieltechnik?

Ja, JD Beck oder Mike Mitchell gehen in eine neue Richtung oder haben einen neuen Approach. Ich checke aus, wie das funktioniert. So entwickle ich mich auch weiter. Ich denke, man muss sich weiterentwickeln, wenn man interessant sein will, und möchte nicht stehenbleiben. Ich glaube, das ist wichtig. So bleibt man im Drive.

Und geht die Weiterentwicklung bei dir auch mal übers Equipment?

Ja, das auch. Aber ich will nicht jeden Trend mitnehmen. Clap-Stacks sind zum Beispiel megacool, aber ich sehe es in jedem zweiten Instagram-Video und denke: Nee, das mache ich jetzt nicht mit! Aber gerade übe ich eine schwierige Transkription von Justin Tyson. Das Set-up baue ich nach, damit es entsprechend klingt, und so komme ich automatisch auf neue Ideen. Sounds inspirieren mich natürlich auch. Bei verschiedenen Gigs benutze ich unterschiedliche Becken. Bei einem Track habe ich diese Auflage mit Schellen von »Big Fat Snare Drum« benutzt, und das hat megageil in den Song gepasst. Ich probiere schon immer neue Sachen aus. Es geht aber eher über die Musik, darum, was die Musik braucht.

DISKOGRAFIE

Magros neuestes Album »II« ist am 26.8.2022 beim Berliner Label XJAZZ Music erschienen.

Magro: II (2022), Beat Tape II (2021), Trippin (2021), Beat Tape (2021)

Daniel Hayn, Israel Strom, Noah Denton: Database (2022)

Loktor: Lifting Spirits (2022)

Leona Berlin: Change (2021), Monkeys (2019)

Wrong Lane: Leona Berlin feat. Snoop Dogg (2020)

Apropos »music first«: Du hast mal gesagt, dass du übers Produzieren gelernt hast, ganz anders zu hören. Kannst du beschreiben, was sich genau verändert hat? Wenn man ein Instrument spielt, erfüllt man eine bestimmte Rolle und agiert immer aus der Perspektive dieses Instruments. Als Producer, so wie ich einen modernen Producer oder Producerin wahrnehme, ist es so, dass man eigentlich alles selbst macht. Man spielt die Bassline ein, macht danach die Key-Flächen und mischt das anschließend. Du verkörperst praktisch vier verschiedene Berufe in einem: Recording-Engineer, Bassist, Keyboarder und Mixer. Man entdeckt dabei so viel mehr über Funktionen: beim Mixen etwa, welche Frequenz welche Bedeutung hat. Wenn ich mit meiner Band im Studio bin und jemand zu viel spielt, höre ich das sofort. Durchs Produzieren kenne ich die Schwächen von allen Leuten, mit denen ich arbeite. Das Bild erweitert sich dermaßen, weil man so viele Perspektiven hat. Als Produzent musst du so viel ordnen, damit es am Ende ein rundes Produkt ergibt. Und als Instrumentalist spielst du einfach nur und weißt, wenn du das songdienlich machst, passt es meistens.

Hilft dir dieses Wissen beim Spielen oder lenkt es eher ab?

Nein, es hilft sehr, weil ich ja viel mehr höre und so näher bei den Mitmusikern bin. Mein Gehör hat sich sehr entwickelt. Wenn ich zum Beispiel mit einem Bassisten spiele, der immer zu weit vorne spielt, bin ich früher schneller geworden. Mittlerweile kann ich das sofort erkennen und gehe nicht darauf ein. Aber ich will nicht meine Hand dafür ins Feuer legen, dass das nur vom Produzieren kommt. Es hängt vielleicht auch mit Erfahrung zusammen. Auf jeden Fall erweitert sich der Blick wahnsinnig durchs Produzieren.

Nach deinem Studium bist du nach Berlin gegangen und warst anfangs mehr Produzent als Drummer, stimmt das?

Ja, ich habe schon versucht, in die Szene reinzukommen. Wenn man aber neu in die Stadt zieht und eigentlich niemanden kennt, hat man viel Zeit allein. Vorher habe ich studiert und jeden Tag mit Leuten gespielt. Das war ein Cut, aber ich wollte kreativ weitermachen. Also habe ich angefangen, meine Musik zu produzieren, bin auf den Sound gekommen und habe gemerkt: Krass, ich kann viel mehr selbst machen als bisher.

Die Basics dazu hast du im Studium gelernt, aber die Situation hat dich tiefer tauchen lassen?

Ja, es hatte mich vorher nicht so wirklich interessiert, weil ich eher ein Macher bin und weniger Bock habe, zehn Stunden lang Tutorials anzugucken, um etwas zu verstehen – also zum Beispiel übers Produzieren. Oder dass ich ein Buch über Musikproduktion lesen würde. Inzwischen habe ich diese Abneigung nicht mehr. Ich habe eigentlich alles über YouTube gelernt. Es ist schon eher technisch, bis man es verinnerlicht hat. Dann wird es aber intuitiv. Mittlerweile macht es mir auch Spaß.

Wie ist es heute bei dir: Welchen Anteil hat das Produzieren, welchen das Schlagzeugspielen in deinem Berufsalltag?

Schlagzeugspielen ist schon immer noch die Hauptsache. Produzieren ist bei mir mehr ein Mittel zum Zweck. Aber es ist auch wie ein Instrument zu spielen: Man muss immer viel üben und viel machen, damit es gut wird. Produzieren bereitet einem auch große Freude, aber nicht so wie Schlagzeugspielen. Wenn ich gestresst bin und mich einfach ein paar Stunden hinsetze, zur Musik spiele und übe, fühle ich mich danach ganz anders. Schlagzeug ist noch viel mehr im Körper, man spürt es.

EQUIPMENT

Drums: verschiedene Marken und Set-ups

Cymbals: Istanbul Mehmet 14˝ »Nostalgia«-Hihat und 10“ »X-Ray 6 Turk«-Splash darunter 18˝ »X-Ray Random«-Crash 18˝ »Black Bell«-Crash 20˝ »Nostalgia 70’s«-Ride

Sonstiges: 14˝ »Big Fat Snare Drum Snare-Bourine Donut«

GROOVESTUDIE

Magro steht auf schnelle Stickings à la JD Beck: klarer Backbeat, aber drumherum passiert noch viel zwischen Hihat und Snaredrum. Das hier notierte Beispiel ist aus seiner Single »Trippin«.

Wenn du mit deiner Band spielst, trifft da immer Vorproduziertes auf spontanes Spiel?

Ja, ich denke man erreicht die Leute besser mit einem modernen Sound. Ich will immer noch Menschen ansprechen, die sich für diese Musik vielleicht nicht interessieren, keinen Berührungspunkt haben. Ich habe Freunde, die nichts mit Musik am Hut haben. Wenn die zu meinem Konzert kommen, sagen sie: »Oh, ich wusste ja gar nicht, dass Jazz so cool sein kann. Das hat ja voll Spaß gemacht.«. Jazz hat einen schlechten Ruf: Gefrickel, zu viel Information, schwer verständlich, wenn man nicht vom Fach ist. Aber ich mag diese Connection einfach. Mein Vorbild in der Hinsicht ist zum Beispiel Thundercat, der produzierte Alben hat und live alles abschießt. 1000 Leute sind im Publikum, alle tanzen und niemand hat Ahnung von Jazz. Es funktioniert irgendwie, und ich versuche, das mit meiner Musik auch zu machen. Natürlich kopiere ich ihn nicht und mache es auf meine Weise. Ich versuche, produzierte Alben zu machen, zu denen man einen guten Zugang bekommt und die vielleicht auch mal auf eine Underground-Playlist passen. Live benutzen wir auch Sounds von den Produktionen, also auch mit Synths oder irgendwelche Samples, die ablaufen. Trotzdem ist das offener gestaltet. Wir fügen auch Soli ein oder improvisieren Parts; und ich habe immer noch Vocals dabei – eine Sängerin oder einen Rapper.

Und dieses Jahr bist du für deinen Mix sogar offiziell geehrt worden: Glückwunsch noch mal zum »Deutschen Jazzpreis« für dein Debütalbum! Hast du damit gerechnet?

Danke. Nein, überhaupt nicht. Für mich hat der Jazz in Deutschland teilweise ein verstaubtes, konservatives Image. Das merke ich auch beim Booking. Besitzer von Jazzclubs sagen mir oft: »Nee, das passt bei uns nicht rein. Das ist kein Jazz. Das mögen die Leute nicht.«. Und deswegen habe ich nicht damit gerechnet. Ich dachte, so eine Jury beim Jazzpreis, das sind bestimmt Leute, die sagen, es muss so und so klingen. Von daher hat mich allein meine Nominierung sehr überrascht.

Hat der Preis Folgen für dich? Fällt das Booking etwa leichter?

Teilweise. Aber es ist jetzt nicht die Über-Nacht-zum-Star-Story [lacht]. Der Weg bleibt der gleiche. Man muss einfach konstant gute Arbeit abliefern und viel Geld investieren. So lenkt man es in die richtige Richtung. Manchmal gibt es einen großen Sprung – wie so eine Preisverleihung, irgendjemand Berühmtes repostet dein Video oder du kommst auf eine Playlist. Aber das sind Sachen, die man nicht unter Kontrolle hat. Man muss halt die Sachen, die man in der Hand hat, immer pushen. Das ist bei den Leuten, die schon megaberühmt sind, auch nicht anders, die müssen das auch machen.

Welches Ziel peilst du an?

Ich würde gerne mit meiner eigenen Musik international spielen – und das so erfolgreich, dass ich eigentlich nur noch das machen kann. Das wäre auf jeden Fall cool.

Willst du gar nicht mehr andere Projekte spielen?

Doch, nach wie vor. Es macht megaviel Spaß, und ich will es auch beibehalten. Aber es ist immer ein Game: Wieviel Arbeit investiere ich, damit ich Geld rauskriege, damit ich hier so und so viel investieren kann? Und wenn ich zu oft Nein sage, werde ich nicht mehr gefragt. Ich bin gerade in einer privilegierten Situation und habe noch nie so viel gespielt wie jetzt. Es ist so, dass ich mehr Dinge ablehnen muss, die ich eigentlich sehr gern machen würde. Ich investiere alle Zeit, die ich habe, in die eigene Sache. Aber das machen die Cats auch. Als ich bei Justin Brown [US-Jazzdrummer] in New York war, habe ich auch gemerkt: Alter, der investiert jeden Tag, den ganzen Tag in Musik. Das ist eben eine Entscheidung. Aber wenn man mehr Geld verdient, einen größeren Namen hat, größere Gigs spielt, ist das natürlich komfortabel. Dann kann man sagen: Okay, jetzt nehme ich ein halbes Jahr eine Auszeit und übe nur oder gehe aufs Land und mache nichts. Das kann man sich in der Lage eher gönnen. Man muss die Zeit gut gestalten.

1000 LEUTE SIND IM PUB-LIKUM, ALLE TANZEN UND NIEMAND HAT AHNUNG VON JAZZ

NETZ

Was machst du zum Ausgleich?

Sport, Meditation – und ich finde Persönlichkeitsentwicklung sehr wichtig. Die beeinflusst alles. Wenn man ein Künstler sein will, der was mitgibt, muss man sich auf anderen Feldern weiterentwickeln, was zu sagen haben und nicht nur angeben: Oh cool, ich kann den schnellsten Paradiddle spielen. Alle Leute, die ich interessant finde, beschäftigen sich auch noch mit anderen Sachen, die sie hinterher in die Musik einbringen. Ich reise auch sehr gerne. Das ist meistens verbunden mit Musik – also bei mir ist eigentlich alles immer mit Musik verbunden. Ich gehe mal einen Monat nach L. A. oder New York und treffe dort viele Leute. Alle Musik und Schlagzeuger, auf die ich stehe, kommen aus den USA. Und an der Quelle zu sein, ist für mich noch mal etwas anderes als hier. Das fühlt sich einfach komplett anders an.

Wenn du nicht als derjenige bekannt sein möchtest, der den schnellsten Paradiddle spielt – wofür möchtest du stehen?

Was mich selbst immer beeindruckt hat, ist, wie, wenn ich bei einem geilen Konzert bin oder ein krasses Album höre, es mich in eine andere Stimmung, einen anderen Zustand bringt. Ich denke, viele Leute, mich inklusive, haben ihren gleichförmigen Alltag: Morgens ist man müde, trinkt Kaffee, ist danach ein bisschen wacher und erledigt die Arbeit. Musik oder ein Konzert können einen krass flashen, sodass man sich auf einmal ganz anders fühlt, inspiriert ist, voller Energie oder neuer Erkenntnisse. Das ist für mich das Spannendste, wenn ich bei meinen Konzerten Leute so mitnehmen kann, einen Austausch mit ihnen habe. Und das sollte Kunst machen: einen emotional packen.

Bekommst du mit, ob du das erreichst?

Ja, wenn ich selbst in der »Zone« bin und nicht nur nachdenke, sondern einfach von innen heraus spiele, dann funktioniert das. Wenn man auf der Bühne ehrlich ist und alles gibt, kriegt man die Leute eigentlich immer.

Text: Catrien Stremme