Lesezeit ca. 7 Min.
arrow_back

Für seine Wutrede hatte Trapattoni acht Spickzettel


Logo von Sport Bild
Sport Bild - epaper ⋅ Ausgabe 46/2022 vom 16.11.2022

SERIE

Zuletzt trafen wir uns im toskanischen Kurort Montecatini. Und ich sprach Giovanni Trapattoni (83) auf seine Wutrede an. Gefühlt zum zwanzigsten Male auf diese denkwürdigste aller Fußball-Reden vom 10. März 1998, die in Deutschland auch nach fast 25 Jahren mindestens so bekannt und präsent ist wie die aktuellen Bundesliga-Ergebnisse.

Trapattoni bekam große Augen, einen stechenden Blick, als er mir mit fuchtelnden Armen entgegenschleuderte: „In Italia nemmeno la mia donna delle pulizie è interessata a questo.“ Auf Deutsch: „In Italien interessiert das nicht mal meine Putzfrau.“

Trapattoni war mir in diesem Moment noch ein wenig sympathischer als ohnehin schon. Obwohl ich ihm kein Wort glaubte. Schließlich waren seine brisanten Aussagen nicht nur Aufmacher in der „Tagesschau“, auch in Italien wurde die Rede in Dauerschleifen rauf und runter gesendet – mit Untertiteln. Und nicht nur die Putzfrauen ...

Artikelbild für den Artikel "Für seine Wutrede hatte Trapattoni acht Spickzettel" aus der Ausgabe 46/2022 von Sport Bild. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Sport Bild, Ausgabe 46/2022

Weiterlesen
epaper-Einzelheft 2,49€
NEWS Jetzt gratis testen
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Sport Bild. Alle Rechte vorbehalten.
Lesen Sie jetzt diesen Artikel und viele weitere spannende Reportagen, Interviews, Hintergrundberichte, Kommentare und mehr aus über 1050 Magazinen und Zeitungen. Mit der Zeitschriften-Flatrate NEWS von United Kiosk können Sie nicht nur in den aktuellen Ausgaben, sondern auch in Sonderheften und im umfassenden Archiv der Titel stöbern und nach Ihren Themen und Interessensgebieten suchen. Neben der großen Auswahl und dem einfachen Zugriff auf das aktuelle Wissen der Welt profitieren Sie unter anderem von diesen fünf Vorteilen:

  • Schwerpunkt auf deutschsprachige Magazine
  • Papier sparen & Umwelt schonen
  • Nur bei uns: Leselisten (wie Playlists)
  • Zertifizierte Sicherheit
  • Freundlicher Service
Erfahren Sie hier mehr über United Kiosk NEWS.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 46/2022 von Götze lässt die Fans zur WM wieder träumen!. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Götze lässt die Fans zur WM wieder träumen!
Titelbild der Ausgabe 46/2022 von Balance im BVB-Kader fehlt. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Balance im BVB-Kader fehlt
Titelbild der Ausgabe 46/2022 von FLICKS TITEL-PLAN. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
FLICKS TITEL-PLAN
Titelbild der Ausgabe 46/2022 von GÖTZE: GEHEIME WM-ABSPRACHE MIT FLICK. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
GÖTZE: GEHEIME WM-ABSPRACHE MIT FLICK
Mehr Lesetipps
Blättern im Magazin
Das große WM-QUIZ
Vorheriger Artikel
Das große WM-QUIZ
Die 11 kuriosesten Fakten der Saison
Nächster Artikel
Die 11 kuriosesten Fakten der Saison
Mehr Lesetipps

... klopften sich lachend auf die Schenkel, weil er den verwöhnten Bayern-Spielern mal so richtig die Meinung gesagt hatte, nach einem 0:2 gegen Köln, einem 0:0 im Champions-League-Viertelfinale gegen den BVB und einem 0:1 bei Schalke hintereinander.

Kaum einer kann die Geschichte dieser berühmten Rede besser analysieren als Sky-Kommentator Dietmar „Didi“ Hamann (49), der in beiden Amtszeiten Trapattonis (1994/95 und 1996 bis 1998) bei Bayern spielte, ehe er zeitgleich mit ihm München verließ, um in England bei Newcastle, Liverpool und Manchester City Karriere zu machen. Hamann: „Bei uns war es gang und gäbe, dass Spieler ihre Journalisten hatten oder sich öffentlich beschwerten. Das war auch einer der Gründe, warum ich weggegangen bin. Trapattoni hat das lange nicht mitbekommen. In Italien war es verpönt, dass du in der Presse über den Trainer sprichst. Denn wenn einer sagt, er hätte spielen müssen, heißt das ja, dass einer der elf anderen nicht hätte spielen dürfen. Als Giovanni das bewusst wurde, haben sich die ganzen Monate und Jahre auf einmal entladen. Ich für mich kann nur sagen: Ohne Trapattoni hätte ich die Karriere nicht gemacht, die ich gemacht habe. Er hat großen Anteil daran, dass ich mit Liverpool den Uefa-Cup und die Champions League gewann.“

Dass Trapattoni drauflosbrüllte, „ein Trainer ist nicht ein Idiot! Ein Trainer sehen, was passieren in Platz“, wird verständlich, wenn Hamann erklärt, welch hohen Stellenwert der Trainer vor allem für die jungen Spieler hatte. „Er hat den Scholli, Zickler, Kuffour, Nerlinger, Babbel und mich – alle hat er besser gemacht. Er war ein Gentleman, hat dreimal die Woche mit uns Überstunden gemacht. Hat den schwächeren Fuß trainiert. Das gibt es heute kaum mehr. Gerade in England musst du froh sein, wenn der Trainer überhaupt auf dem Platz steht. Trapattoni war herausragend. Er hat die Spieler immer geschützt.“

So wird auch der Satz aus der Wutrede verständlich: „Ich bin müde jetzt Vater diese Spieler, eh, verteidige immer diese Spieler.“ Hamann erzählt: „Wenn heute davon gesprochen wird, dass du als Trainer Empathie ausstrahlen sollst, dass du als Spieler ein Verhältnis zum Trainer brauchst, dann waren er und auch Otto Rehhagel Visionäre. Die haben das vor 30 Jahren schon gemacht.“ So wie heute Bundestrainer Hansi Flick.

Hamann weiter: „Trapattoni sagte uns immer, dass kleine Situationen große Spiele entscheiden. Vor allem Nerlinger und mir erklärte er immer wieder, wir sollten als zentrale Mittelfeldspieler nie vorne einen ge deckten Stürmer anspielen, um mit ihm Doppelpass zu spielen. Weil die ganze Mitte offen ist, wenn du nach vorne läufst und der Gegner den Ball abfängt. ‚Das ist dann Autobahn für Gegner‘ hat er immer gesagt.“

„DIE ERSTE ZEIT WAR NICHT SO LUSTIG. ICH WAR DIE LACHNUMMER DEUTSCHLANDS“

Thomas Strunz

Weil Trapattoni berichtet wurde, dass sich Mehmet Scholl, Mario Basler und Thomas Strunz über Ein- und Auswechslungen beklagt hatten, brüllte der Trainer: „Zwei, drei oder vier Spieler, die waren schwach wie eine Flasche leer!“

Hamann weiß: „Vor allem Strunzi hat darunter gelitten.“

Trapattoni beichtete Strunz später, dass er selbst erschrocken war über das Ausmaß seines Zorns, als er die Fernsehbilder sah. Am 11. Dezember 2013 trafen sich Trapattoni und Strunz in der ZDF-Talkshow von Markus Lanz. Beide lä- chelten in die Kameras. Doch kurz danach wurde ihnen die Show gestohlen, als zwei junge Damen mit nackten Brüsten ins Bild liefen, um gegen die WM in Katar zu protestieren. Es blieb bei Höflichkeitsfloskeln. Strunz (54), der heute im südspanischen Marbella lebt und eine Firma für Unternehmensberatung und Betreuung von Menschen gegründet hat, erinnert sich mittlerweile sogar gerne an die Vorfälle von 1998.

„Ich bin ihm nicht böse, hege keinen Groll, habe keine Entschuldigung erwartet, bei all der Grütze, die wir gespielt haben. Es war ja auch menschlich, es hat ihn ausgezeichnet, dass er diese menschliche Komponente hatte. So ist er ja mit uns umgegangen, davon haben wir auch profitiert. Vom Menschen Trapattoni hat auch der FC Bayern lange profitiert. Und natürlich ich. Es hat einen Teil meines Bekanntheitsgrads ausgemacht. Auch nach der Fußballzeit. In allen gesellschaftlichen Bereichen habe ich davon profitiert“, fasst Strunz zusammen. „Ich habe 500 Fernsehsendungen für Sport1 gemacht. Selbst nach dieser langen Zeit ist das Trapattoni-Zitat immer noch sehr präsent.“

Strunz gibt zu, „dass die erste Zeit nicht so lustig war, täglich seinen Namen bei Harald Schmidt zu hören. Ich war die Lachnummer Deutschlands, in Duisburg, in Flensburg oder wo auch immer. Auf der Straße hat man mir meinen Namen zugerufen. Ein langgezogenes ‚Struuuunz‘. Doch sechs Monate später bin ich wieder für die Nationalmannschaft aufgelaufen. Ein gutes Beispiel dafür, wie schnelllebig man in gewisse Schubladen gesteckt wird und wie schnell man wieder von der Lachnummer zum Hero der Nation werden kann.“

Bei Scholl schlug die Wutrede sogar um in Zuneigung. Zum 80. Geburtstag gratulierte er Trapattoni geradezu überschwänglich: „Du bist menschlich fantastisch, fachlich herausragend. Du warst wahnsinnig empathisch, fleißig, immer fair, nie ungeduldig. Du bist ein sehr angenehmer Mensch, der mit einem Augenzwinkern durchs Leben geht. Also ein Schlawiner durch und durch. Es war mir eine Ehre, unter dir spielen zu dürfen.“

Trapattoni liebte die Deutschen, 1990 schon Lothar Matthäus, Andreas Brehme und Jürgen Klinsmann bei Inter Mailand. Ihn selbst riefen sie von klein auf „Il tedesco“, den Deutschen, und „il biondo“, weil er blonde Haare hatte. Blaue Augen außerdem, die er beim Flirten als gewinnbringende Waffe einsetzte. Die Liebe zu Deutschland war unauslöschlich, nachdem ihm, dem armen Bauernsohn nahe Mailand, ein deutscher Soldat namens Rudi Schokolade schenkte. „Die erste meines Lebens“, wie mir Trapattoni erzählte. Das hatte ihn geprägt.

Das Angebot der Bayern war für ihn ein Ritterschlag, obwohl er als Juventus-Trainer sechs Meisterschaften und vier Europapokale gewonnen hatte und als Spieler drei Europapokale mit dem AC Mailand.

Karl-Heinz Rummenigge hat Trapattoni bei Inter Mailand als Spieler erlebt, hat ihn in seiner Funktion als Vizepräsident nach München geholt. „Die Leute liebten ihn, weil er deutscher ist als viele Deutsche. Und weil er es wagte, in seiner Rede die Spieler anzugehen“, sagt Rummenigge. Das Temperament bei der Wutrede kam Rummenigge bekannt vor: „Das war vergleichbar mit der Emotionalität eines Uli Hoeneß. Er ist explodiert – und dann war e s draußen.“

Immer ehrlich eben, immer geradeaus. Hoeneß sagte im Gespräch mit SPORT BILD über Traps Wutrede: „Er hat sich gewehrt, weil er attackiert wurde. Da die Sprache seine größte Waffe war, hätte er die Leute in Italien wunderbar an die Wand geredet. Jetzt, da er dieser Waffe beraubt war, ist eben was Feines, Lustiges dabei rausgekommen.“ Hoeneß weist die Vorwürfe zurück, Trapattoni hätte den Posten aufgrund seiner mangelnden Sprachkenntnisse nicht mehr ausüben können. „Das fand ich nie so. Giovanni ist ein Supermensch, ein Superkerl. Ich war auch nach seiner Rede wild entschlossen, ihn so lange wie möglich zu halten.“

„ICH WAR AUCH NACH SEINER REDE WILD ENTSCHLOSSEN, IHN SO LANGE WIE MÖGLICH ZU HALTEN“

Uli Hoeneß

Am Ende drängte Trapattoni von sich aus auf die Trennung. „Es war schwer, ihn zu halten, weil der Verein einen Umbruch brauchte“, erklärt Hamann. „Ob sie den Erfolg, den sie unter seinem Nachfolger Ottmar Hitzfeld hatten, auch unter Trapattoni gehabt hätten, glaube ich nicht. Weil zu viel passiert war.“ Hitzfeld, der Mathematiker, der Diplomat und Verstandesmensch, war genau der Richtige. Er krönte sein Wirken 2001 mit dem Gewinn der Champions League.

Und Trapattoni? Seine Wutrede ließ ihn niemals los. Eine Woche, nachdem alles passiert und die Fußball-Welt um eine herrliche Geschichte reicher war, fragte Trapattoni Bayerns Mediendirektor Markus Hörwick: „Markus, warum hast du mich nicht zurückgehalten?“ Hörwick entgegnete: „Giovanni, warst du denn überhaupt zurückzuhalten?“

Trapattonis Antwort war kurz und ehrlich: „NEIN!“

Nächste Woche Fjørtofts Übersteiger sorgt fürs Frankfurt-Wunder 1999