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FUSSBALL: BASTIAN SCHWEINSTEIGER: Die jüngere Generation braucht mehr Härte


Sport Bild - epaper ⋅ Ausgabe 23/2019 vom 05.06.2019

Der WM-Held verrät, warum er Kovac bewundert und Kahn perfekt für Bayern ist


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Bildquelle: Sport Bild, Ausgabe 23/2019

Glücklich: Bastian Schweinsteiger spielt seit März 2017 bei Chicago Fire. 2014 wurde er mit Deutschland Weltmeister. 2016 beendete er nach 121 Spielen seine Karriere in der Nationalmannschaft


Star-Duell in der MLS: Bastian Schweinsteiger gegen Zlatan Ibrahimovic (l.) von LA Galaxy


SPORT BILD:Herr Schweinsteiger, wie oft werden Sie eigentlich in Chicago als Fußballer erkannt?

BASTIAN SCHWEINSTEIGER (34):
Hin und wieder. Manchmal sage ich dann, ich bin’s. Wenn sich die Leute aber nicht ganz sicher sind, woher sie mich kennen, nenne ...

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BASTIAN SCHWEINSTEIGER (34):
Hin und wieder. Manchmal sage ich dann, ich bin’s. Wenn sich die Leute aber nicht ganz sicher sind, woher sie mich kennen, nenne ich auch zum Spaß einen anderen Beruf. Schauspieler zum Beispiel. Es kommen hier in den USA viele lustige Geschichten zustande, ich wurde auch schon einige Male verwechselt.

Nennen Sie ein Beispiel.

Mit Arsène Wenger (lacht ).

Wenger ist 69 Jahre alt, Sie dagegen sind erst 34!

Das war in Australien, ich war mit meiner Frau Ana in Melbourne. Eine Frau kam auf mich zu und sagte: „Ich kenne dich! Ich kenne dich!“ Ich meinte darauf, okay, das könnte sein. Worauf sie sagte: „Du bist Arsène Wenger!“ Meine Frau wusste nicht, wer Wenger ist. Doch alle anderen um uns herum haben sich totgelacht.

Auf dem Rasen haben Sie auch eine Veränderungvollzogen. Bei Chicago Fire spielen Sie inzwischen Innenverteidiger.

Es ist hier nicht so, dass ein Klub 50 Millionen Dollar hat und für jede Position gute Spieler kaufen kann. Ich fülle sozusagen eine qualitative Lücke im Kader aus. Ich interpretiere die Verteidiger-Rolle auf meine Weise, mache von hinten heraus das Spiel. Wayne Rooney, der für D. C. United spielt, meinte bei unserer letzten Begegnung, dass das taktische Gegenspiel hierdurch erschwert wird.

Der FC Bayern bereist in diesem Sommer die USA. Franck Ribéry und Arjen Robben werden dann nicht mehr dabei sein. Ribéry hat zum Abschied seine neunte Meisterschaft gewonnen und Sie damit als Rekordhalter entthront. Gönnen Sie es ihm?

Auf jeden Fall, Franck hat das verdient. Er ist ein toller Fußballer und ein sehr interessanter Mensch. Bei ihm denken viele ja, er sei ein Bad Boy, und auch er selbst weiß, dass er nicht alles richtig macht. Was aber wichtiger ist: Franck hat ein weiches Herz. Und was ich am meisten an ihm schätze: Er hat die Kultur des FC Bayern verinnerlicht wie wenig andere. Er darf zu Recht auf große Erfolge zurückblicken.

Uli Hoeneß hat das Interesse an Leroy Sané bestätigt. Trauen Sie Sané zu, Ribéry zu ersetzen?

Ob ein Spieler wie Leroy die Konstanz hat, dies auf Dauer zu zeigen, muss man abwarten. Es ist für mich schön zu sehen, wie ein Serge Gnabry sich über seine Stationen bei Arsenal, Bremen, Hoffenheim und Bayern entwickelt hat. Im Fußball kommt es sehr auf die Mentalität des Spielers an.

Können Sie das ausführen?

Wir sind nach dem verlorenen Finale dahoam 2012 noch enger zusammengerückt. So ein Teamspirit ist wichtig. Der Klub muss sich jetzt die Frage stellen: Ist ein Spieler bereit, diesen Drang zu haben, der Beste zu sein und alles dafür zu opfern? Tun die Spieler in jedem Training alles dafür, nicht nur das Finale zu erreichen, sondern auch zu gewinnen? Ist dies der Fall, dann ist auch in der nächsten Saison in allen Wettbewerben für den FC Bayern wieder alles möglich.

Niko Kovac hat in seiner ersten Saison als Bayern-Trainer auf Anhieb das Double geholt. Für den Spieler Kovac wurden Sie erstmals beim FC Bayern eingewechselt. Haben Sie mit ihm in seiner schweren Amtszeit mitgelitten?

In München herrschen nun mal andere Mechanismen, der FC Bayern ist nicht umsonst einer der fünf Topklubs in Europa. Auch wenn du den Verein schon als Spieler kennengelernt hast, musst du als Trainer dennoch erst deine Erfahrungen machen. Was mich an Niko bereits zu Spielerzeiten beeindruckt hat: Auf ihn konntest du dich immer verlassen. Er hat mich als jungen Spieler geführt, obwohl wir beide als Mittelfeldspieler eine Konkurrenz-Situation hatten. Er wollte mich besser machen und sagte nicht, wie es zu damaligen Zeiten schon mal vorkam: „Du bist neu, dich trete ich um!“

Philipp Lahm erzählte einmal, dass gerade Sie als Jungprofi von den arrivierten Profis besonders hart im Training rangenommen wurden.

Das war noch eine andere Zeit. Manchmal wünsche ich mir sogar, dass diese Härte im Umgang mit der jüngeren Generation wieder zurückkommt. Diese Erfahrungen waren für mich als Jungprofi sehr lehrreich und halfen mir dabei, die nötige Durchsetzungskraft zu entwickeln. Diese fehlt mir heutzutage manchmal bei den jungen Spielern. Ich bin froh, dass ich mich beim FC Bayern durchgebissen und nicht die Flucht zu einem anderen Klub ergriffen habe.


„Man muss abwarten, ob ein Spieler wie Leroy auf Dauer die Konstanz hat.“


Treff in Chicago: Schweinsteiger im Gespräch mit SPORT BILD-Reporter Falk


Gab es diese Überlegung damals?

Natürlich gab es bei meinen ersten Schritten als Profi das eine oder andere Angebot, das durchaus lukrativer war. Ich vergesse aber nie die Worte meines Jugend-Trainers Stephan Beckenbauer, der mir sagte: „Basti, du kannst vielleicht woanders etwas mehr verdienen. Aber den steinigen Weg bei Bayern zu gehen und von den Besten zu lernen, wird dich weiter bringen als bei einem Klub, bei dem das Level nicht so hoch ist.“ Der Spruch ist mir immer im Kopf geblieben. Gerade in der Anfangsphase unter Felix Magath, die nicht die allereinfachste war. Heute verstehe ich aber, was er wollte.

Was wollte Felix Magath denn?

Die harte Schule gehörte für ihn gerade bei jungen Spielern dazu. Ich erinnere mich noch an meinen ersten Trainingstag unter Magath, als ich als Nationalspieler später zur Vorbereitung kam. Er fragte mich: „Wer sind Sie?“ Ich antworte: „Ich bin der Basti!“ Als er schwieg, erklärte ich: „Der Basti Schweinsteiger. Ich würde gerne trainieren.“ Magath meinte darauf nur: „Ach so, okay.“ Das war echt der Hammer für mich. Magath machte so etwas bewusst, um die jungen Spieler auf ihren Platz zu verweisen. Kurz vor seiner Entlassung kam er zu mir und sagte, dass er stolz auf mich sei, wie ich die Situation gemeistert und mich sehr gut entwickelt habe. Er hat sich dabei wie ein Vater angehört. So kannte ich ihn vorher gar nicht.

Mit Uli Hoeneß pflegten Sie immer ein inniges Verhältnis. Karl-Heinz Rummenigge verriet kürzlich, dass Sie mit ihm heute noch regelmäßig SMS schreiben. Hat er Sie denn dabei gefragt, ob Sie nach Ihrem US-Aufenthalt zu Bayern zurückkommen wollen?

Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge haben mir schon bei meinem Abschiedsspiel gesagt, dass die Türen für mich bei Bayern immer offenstehen. Das schätze ich sehr, denn ich fühle mich dem Klub weiterhin sehr verbunden.

Hand aufs Herz: Haben Sie wegen Pep Guardiola am Ende den FC Bayern verlassen?

Nein, ich bin wirklich nicht wegen Pep weggegangen. Ich war in einem gewissen Alter und wollte etwas Neues probieren. Als wir beide dann in Manchester waren – ich bei United, er bei City – sind wir uns zufällig in einem Restaurant beim Abendessen begegnet. Er kam zu mir und hat sich bedankt, dass ich nie ein schlechtes Wort im Nachhinein über ihn verloren habe.

Wie würden Sie Ihr Verhältnis damals beschreiben?

Ich würde das Verhältnis professionell nennen. Er ist ein ausgezeichneter Trainer. Wir haben das Double gewonnen, aber es nie geschafft, über das Halbfinale in der Champions League hinaus zu kommen. Das hat ein bisschen gefehlt.

Woran lag es?

Zum damaligen Zeitpunkt haben wir unser Bestes gegeben, aber es haben Kleinigkeiten gefehlt. Im Nachhinein kann man immer sagen, was man hätte besser machen können.

Wie empfanden Sie Ihre Zusammenarbeit bei Manchester United mit dem damaligen Trainer José Mourinho?

Ich wurde zwischenzeitlich ja zum Training in die U16, U17 verbannt. Ich hatte dabei aber immer das Gefühl, dass der Trainer selbst das gar nicht wollte, sondern andere Kräfte im Klub wirkten. Wir haben uns am Ende ausgesprochen. Mourinho hat mir beim Abschied gesagt, dass ihm die ganze Situation mit mir leidtat und sich bei mir entschuldigt. Ich weiß, wie er wirklich über mich denkt.


„Mourinho hat sich bei mir entschuldigt. Ich weiß, wie er wirklich über mich denkt.“


„Boateng hat noch immer eine sehr gute Qualität.“


„Kann mir keinen Besseren als Löw vorstellen.“


„Deutschland wird wieder um Titel mitspielen.“


Als Niko Kovac in dieser Saison zeitweise wackelte, fiel auch immer wieder der Name Mourinho. Könnten Sie ihn sich generell einmal bei Bayern vorstellen?

Mourinho hat zu meiner Zeit bei United immer sehr positiv vom FC Bayern gesprochen und dass er sich vorstellen könnte, noch mal in eine neue Liga zu gehen. Wenn auch sein Fußball etwas anders sein mag als bei anderen Trainern: Er kann Titel gewinnen, das haben wir mit der Europa League auch bei United geschafft.

Oliver Kahn kehrt 2020 zum FC Bayern zurück, um langfristig Rummenigge als Vorstandsvorsitzenden zu beerben.

Olli verkörpert die Mia-sanmia-Mentalität wie nur wenig andere. Ich habe zu ihm ja ein besonderes Verhältnis. Wenn du einen Oliver Kahn als junger Spieler täglich erlebst, dann prägt dich das. Sein Ehrgeiz war unfassbar. Nach dem Training behielt er mich oft da, damit ich auf ihn aus allen Positionen und Entfernungen schieße und schieße. Obwohl er schon Weltklasse war, wollte er immer noch besser werden. Er hat unglaubliches Fußball-Wissen und Erfahrungen auf allerhöchstem Niveau. Die Konstellation wäre perfekt, wenn jemand wie er beim FC Bayern in der Führung arbeitet.

Mit Hasan Salihamidzic ist ein weiterer Ihrer ehemaligen Mitspieler in der Verantwortung beim FC Bayern. Als Sportdirektor hat er für 80 Millionen Euro Lucas Hernández als teuersten Spieler der Klub-Geschichte gekauft. Was denken Sie bei solchen Summen?

Das ist heute eben der Markt. Was ich zu ihm aber sagen kann: Mit Chicago habe ich im Januar in Madrid die Vorbereitung gemacht. Weil mein Trainer früher bei Atlético spielte, lud er uns zu einer Liga-Partie ein. In der ersten Halbzeit hat Hernández Linksverteidiger gespielt, in der zweiten linker Innenverteidiger. In beiden Rollen war er überragend! So ein Spieler kann dir eben das eine halbe Prozent bringen, das du gerade in den engen Partien in der Champions League brauchst, um große Erfolge zu erzielen.

Die deutsche Nationalelf wollte bei der WM in Russland auch wieder um den Titel spielen und schied als Titelverteidiger in der Vorrunde aus. Wie erklären Sie sich dieses Debakel?

Ich möchte jetzt nicht sagen, dass man nur mit den deutschen Tugenden die Spiele gewinnt. Aber ich habe manchmal die Qualitäten, für die uns andere Nationen beneiden, vermisst. Dass alle in diesem Team auf höchstem Niveau Fußball spielen können, technisch versiert sind, darüber müssen wir nicht reden. Das aber wieder mit unseren Grundtugenden zu kombinieren, darauf wird es in Zukunft ankommen. Aber Jogi Löw weiß das am besten. Ich kann mir keinen besseren Bundestrainer für Deutschland vorstellen. Ich bin überzeugt, dass wir schon beim nächsten Turnier wieder weit kommen und um den Titel mitspielen werden.

Ihre Weltmeister-Kollegen Jérôme Boateng, Mats Hummels und Thomas Müller hat Löw aussortiert. Hat Sie die Art und Weise überrascht?

Zunächst war es richtig, mit den Leuten persönlich zu sprechen. Die Außendarstellung tat mir allerdings für Thomas, Mats und Jérôme leid. Sie sind tolle Spieler und hätten einen anderen Abschied verdient gehabt. Ein Ende in der Nationalmannschaft ist niemals leicht. Ich hatte damals den Bundestrainer nach der EM 2016 angerufen und gebeten, mich nicht mehr zu nominieren. Es ist wichtig, dass man nach so einer langen gemeinsamen Zeit im Guten auseinandergeht.

Boateng wurde von Uli Hoeneß nahegelegt, den FC Bayern zu verlassen. Wie haben Sie das empfunden?

Wenn Uli Hoeneß so etwas sagt, muss man natürlich die Ohren spitzen und sich Gedanken machen. Ich glaube, dass Jérôme immer noch eine sehr gute Qualität hat, um auf hohem Niveau zu spielen. Ich wünsche ihm alles Gute für seine Zukunft.

Spielen Sie selbst gerade Ihre letzte Saison bei Chicago?

Ich habe die letzten zwei Spielzeiten immer erst im Herbst entschieden, ob ich noch ein Jahr weiterspiele. Bisher habe ich noch keine Entscheidung gefällt.


FOTOS: Imago, Getty Images, Picture Alliance