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Ganz naturlich


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Mein Pferd - epaper ⋅ Ausgabe 120/2022 vom 04.11.2022

Fotos: Holger Schupp (1), imago images/ agefotostock (1), Privat (1), Shutterstock/ Roman Samborskyi (1), (2)

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Wenn Sie die Zusammenhänge der natürlichen Schiefe verstehen, können Sie Ihr Pferd stärken und lange gesund reiten

Kein Körper ist von Natur aus in sich hundertprozentig gerade – weder unser eigener, noch der unserer Pferde. Das ist ganz normal und stellt erst mal kein großes Problem dar. Doch unsere Vierbeiner werden nicht als Reitpferde, sondern als Lauftiere geboren. Um sie möglichst lange gesundzuerhalten, sollte sich jeder Reiter mit der natürlichen Schiefe beschäftigen. Bis heute ist es nicht hundertprozentig geklärt, wie es zu der natürlichen Schiefe kommt. Es gibt verschiedene Theorien. Am bekanntesten ist wohl die der Lage im Mutterleib: Dabei wird angenommen, dass ein Zusammenhang zwischen der Lage des Fohlens im Mutterleib und der natürlichen Schiefe besteht. Möglicherweise ...

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... spielt auch die Lage des Blinddarms eine Rolle. Er ist ziemlich groß, fasst etwa 30 bis 70 Liter und liegt auf der rechten Seite des Pferdebauches.

Beobachten Sie Ihr Pferd einmal nach der Heufütterung oder wenn es eine Weile gegrast hat und Sie es von der Weide holen. Die rechte Seite des Bauches steht etwas weiter heraus als die linke, und er pendelt in der Schrittbewegung vermehrt nach rechts. Dressurausbilder Kurd Albrecht von Ziegner, der auch bei der Erschaffung der Richtlinien für Reiten und Fahren mitgewirkt hat, äußert folgende Annahme: Die leichte Schiefe helfe dem Fluchttier Pferd dabei, mögliche Feinde schneller erkennen zu können, da sie in der Lage sind, mit einem Auge weiter nach hinten und einem weiter nach vorn zu schauen. Zudem könne es über das stärkere Hinterbein schneller flüchten.

3 Einflussfaktoren

Bestimmte Faktoren können einen positiven, aber auch einen negativen Einfluss auf die natürliche Schiefe des Pferdes haben. Hier drei Beispiele:

Rechts: Ein unpassender Sattel kann dazu führen, dass der Reiter schief sitzt und somit die Schiefe des Pferdes noch verstärkt wird

1. Der Reiter:Die Körperhaltung und das -gefühl sowie die reiterliche Einwirkung beeinflussen auch das Pferd in seiner Haltung und Bewegung. Ist der Reiter selbst schief, kann das die Schiefe des Pferdes verstärken beziehungsweise ein reelles Geraderichten verhindern. Daher sollten Pferd und Reiter nicht getrennt voneinander betrachtet werden. Regelmäßiger Unterricht, aber auch Videoaufnahmen können helfen, Fehler und Zusammenhänge zu erkennen und anschließend zu korrigieren. Auch Bewegungsabläufe ändern sich nicht von einem Augenblick auf den nächsten. Geben Sie sich und Ihrem Pferd Zeit und freuen Sie sich über kleine Fortschritte. Die Arbeit an der natürlichen Schiefe ist eine Aufgabe für Reiter und Pferd. Wenn Sie selbst schief sitzen, gilt es nach den Ursachen zu suchen: Sind Sie auch ohne Pferd schief, oder werden Sie durch die Schiefe Ihres Pferdes vermehrt zu einer Seite gesetzt? Nicht zu unterschätzen ist die Einwirkung über den Zügel. Der Reiter kann das Pferd sowohl positiv unterstützen, aber auch die bestehende Schiefe verstärken und unter anderem Verspannungen verursachen.

2. Das Equipment:Ein Grund, warum der Reiter schief sitzt, kann ein unpassender Sattel sein. Dieser kann auch die Schiefe des Pferdes verstärken beziehungsweise das Geraderichten erschweren. Passende Sättel hingegen ermöglichen dem Pferd sich locker und ohne Schmerzen unter dem Reiter zu bewegen. Denken Sie daran, dass der Sattel immer wieder überprüft und gegebenenfalls angepasst werden muss, wenn sich der Körper des Pferdes durch die Arbeit an der natürlichen Schiefe verändert. Rutscht ein Sattel immer wieder zu einer Seite und hat er sich an die Schiefe des Pferdes regelrecht angepasst, dann sitzt auch der Reiter schief, und ein Teufelskreis beginnt. Mirja Mäkinen weist darauf hin, dass der Reiter in diesem Fall häufig sein Gefühl von „gerade auf dem Pferd sitzen“ neu entwickeln müsse, um wieder in Balance zu kommen und damit auch das Pferd wieder positiv beeinflussen zu können.

3. Das Alter des Pferdes:Junge Pferde müssen noch viel lernen, und anfangs sind es unzählige Einflüsse, die auf sie einprasseln. „Meiner Erfahrung nach ist es von Vorteil, wenn die Schiefe des Pferdes in jungen Jahren spielerisch aber konsequent korrigiert wird“, sagt Mirja Mäkinen. Doch gelte es zu berücksichtigen, dass junge Pferde bereits genug mit der neuen Situation als Reitpferd zu kämpfen hätten und ihr Gleichgewicht erst neu unter dem Reiter finden müssten.

Bei älteren Pferden können sich bestimmte Körperhaltungen und Bewegungsmuster über die Jahre regelrecht festgefahren haben. Auch hier ist daran zu denken, dass die Muskulatur eine Rolle spielt und verkürzte Muskelpartien behutsam über eine entsprechende Gymnastik gedehnt werden müssen. Auch ältere Pferde können aufgrund mangelnder Ausbildung noch auf dem Stand eines Jungpferdes sein. Das Alter muss also im Kontext mit anderen Faktoren gesehen werden.

4. Individuelle Faktoren:Jedes Pferd ist anders, und aufgrund von Faktoren wie Körperbau, Aufzucht, Krankheiten oder Verletzungen ist seine natürliche Schiefe mehr oder weniger stark ausgeprägt. „Gerade Verletzungen können Schonhaltungen begünstigen, und manchmal können unerklärliche Lahmheiten wieder verschwinden, wenn die Schiefe korrigiert wird“, sagt Mirja Mäkinen. Sie hatte selbst ein Pferd mit einer sehr ausgeprägten Schiefe, das im Fohlenalter durch ein anderes Pferd auf der Schweifrübe verletzt wurde. Vermutlich haben die starken Vernarbungen den gesamten Körper und die Schiefe beeinflusst.

Die Schiefe verstehen

Nicht alle Pferde sind zur gleichen Seite hin schief, und die Schiefe kann unterschiedlich stark ausgeprägt sein. Doch was bedeutet es, wenn ein Pferd „schief “ ist? „Wenn wir uns das Pferd in seiner Anatomie ansehen, so fällt auf, dass die Hüfte breiter im Vergleich zur schmalen Schulter steht“, sagt die Ausbilderin Mirja Mäkinen und erklärt: „Die Vorderbeine stehen enger und die Hinterbeine breiter.“ Stellen Sie sich vor, Sie würden mit genügend Abstand hinter einem Pferd stehen. Dieses steht geschlossen mit Vor- und Hinterhufen auf jeweils gleicher Ebene. Bei einem in sich gerade gerichtetem Pferd könnten Sie durch die Hinterbeine beide Vorderbeine mittig stehen sehen. Betrachten Sie ein Pferd mit natürlicher Schiefe, dann sehen Sie die Vorderbeine tendenziell etwas mehr oder weniger versetzt – entweder vermehrt in die Spur des linken oder rechten Hinterbeins.

Das Pferd fühlt sich beim Reiten auf einer Hand anders an als auf der anderen Hand. Schulter- und Beckengürtel stehen durch die natürliche Schiefe nicht ganz parallel zueinander. Dadurch krümmt sich der Rumpf des Vierbeiners leicht zu einer Seite. Nehmen wir an, der Rumpf ist nach rechts gekrümmt, dann sprechen wir von einem rechts hohlen Pferd. Die andere Seite wird als feste oder Zwangsseite bezeichnet. Da das Pferd zur hohlen Seite die Biegung meist besser annimmt, empfindet der Reiter die hohle Seite als angenehmer. In diesem Beispiel wäre es also das Reiten auf der rechten Hand.

An der Longe

Die Schiefe des Pferdes können Sie auf der Kreislinie beim Longieren sehr gut beobachten.

Longieren Sie Ihr Pferd am Kappzaum, ohne Einfluss auf die Körperhaltung zu nehmen. Je nach Ausprägung der natürlichen Schiefe wird es auf einer Seite mehr oder weniger stark nach außen ziehen und auf der anderen Hand eher nach innen drängen wollen. Auch hier wird die Last nicht auf alle vier Beine gleich verteilt. Ein Vorderbein trägt den größten Teil der Last, sowohl beim Nach-außen- Ziehen als auch beim Nach-innen-Drängen. Wenn Sie die Möglichkeit haben, Ihr Pferd an der Longe einmal von oben zu betrachten (zum Beispiel von einem erhöhten Reiterstübchen aus), dann lassen Sie es von einer anderen Person longieren und machen Sie auch Videos, die Sie sich später angucken können. Eine solche Vogelperspektive lässt Sie Ihr Pferd noch einmal mit ganz anderen Augen sehen.

Auf der Linie laufen

Um die Bewegungsmuster des Pferdes besser zu verstehen, lädt Mirja Mäkinen ihre Schüler ein, die Schiefe und das damit verbundene Überforderungspotenzial selbst zu spüren:

• Gehen Sie eine Runde auf der Zirkellinie oder eine Volte.

• Dann laufen Sie die gleiche Linie noch einmal, allerdings nicht in Ihrem gewohnten Schritt, sondern Sie machen mit dem rechten Bein zwei Schritte hintereinander und anschließend mit dem linken Bein nur einen – so laufen Sie in einem veränderten Bewegungsmuster, und Sie müssen jeden Schritt nachdenken und Ihr Gleichgewicht finden.

• Schnell werden Sie spüren, dass Sie die Übung so nicht weiter machen möchten. Nehmen Sie wahr, was in und mit Ihrem Körper passiert.

Die Erklärung:„Einfach gehen, wie wir gehen, geschieht automatisiert – wir machen es, ohne darüber nachdenken zu müssen“, erklärt unsere Expertin. Mit der Veränderung der Schrittlänge kommt ein neuer Bewegungsablauf ins Spiel. Wir müssen nachdenken, und das kostet Kraft. Der neue Bewegungsablauf wird erst leicht werden, wenn er sich durch ständiges Üben manifestiert und wir nicht mehr aktiv darüber nachdenken. „Ihrem Pferd geht es genauso, es muss neue Muster dosiert, ohne bis an die geistige und körperliche Überforderung zu gelangen, erst mal verstehen, lernen und üben, bis im besten Fall eine gewisse Automatisierung eintritt“, so Mirja Mäkinen.

Die Täuschung aufdecken

Das täuscht allerdings, denn in Wirklichkeit ist die hohle Seite die feste und schwierigere Seite. Das klingt erst einmal verwirrend, daher tauchen wir etwas tiefer in das Thema ein. Warum, denken Sie, lässt sich Ihr Pferd leichter nach rechts stellen und biegen? Weil es für das Pferd angenehmer ist als die Biegung nach links. Das liegt daran, dass die Muskulatur auf der rechten Körperseite eher verkürzt ist.

Das Pferd kann die linke Seite also besser dehnen. Durch die Krümmung nach rechts vermeidet es, dass es diese Seite dehnen muss. Der Hals ist die Balancierstange des Pferdes. Mit ihm probiert es, die Schiefe auszugleichen. Daher verlagert das Pferd den Kopf zur hohlen Seite, die Halsbasis aber zur steifen Seite. Das empfindet der Reiter dann als „Biegung“. Wenn Sie Ihr rechts hohles Pferd auf dem Zirkel auf der linken Hand reiten, wird es sich mit der Biegung nach links schwertun. Dann ist die rechte Körperseite die, die sich dehnen müsste, und das kann nicht nur unangenehm, sondern je nach Stärke der Schiefe und den Anforderungen des Reiters sogar mit Schmerzen verbunden sein.

Die natürliche Schiefe lässt sich nicht in ein oder zwei Trainingseinheiten korrigieren. Stellen Sie sich vor, sie wären über Jahre mit einer leichten Neigung des Kopfes und Oberkörpers nach rechts durch die Welt gelaufen. Auf einmal sollen Sie gerade stehen. Das gelingt nur, wenn Sie die verkürzten Muskeln auf der rechten Seite behutsam und wiederholt dehnen.

Daher sind auch für das Pferd die passenden gymnastischen Übungen wichtig. Ebenso sollten wir als Reiter die Natur des Pferdes akzeptieren und respektieren. Dazu gehört auch, sich mit den Ursachen für mögliche Probleme, die aus der natürlichen Schiefe resultieren können, und mit den entsprechenden Lösungen zu beschäftigen.

Das rechts hohle Pferd kann seine Rumpfmuskulatur auf der rechten Seite schlechter dehnen. Das rechte Hinterbein tritt zu weit rechts am Schwerpunkt vorbei, und das Pferd fällt auf die linke Schulter. Bei einem links hohlen Pferd ist es genau umgekehrt

Rechts- oder Linkshänder

Werfen wir noch einmal einen Blick auf die Beine des rechts hohlen Pferdes (natürlich gibt es auch links hohle Pferde, aber wir bleiben durchgehend bei einem Beispiel). Das rechte Hinterbein des rechts hohlen Pferdes ist nur wenig gebeugt, und es tritt seitlich an der Spur des rechten Vorderbeins vorbei. Dafür tritt das linke Hinterbein mehr unter den Schwerpunkt, wobei es mehr Last aufnehmen muss und eine nach vorn gerichtete, größere Schubkraft entwickelt. Im Vergleich dazu wirkt die Schubkraft des rechten Hinterbeins diagonal, also am Schwerpunkt vorbei.

Das linke Vorderbein muss diese Schubkraft irgendwie abfangen und mehr Last tragen. Das führt auch zu einer höheren Belastung des Schulterbereiches. Als Rechtshänder wird ein Pferd bezeichnet, bei dem das rechte Vorderbein mehr Gewicht trägt. Bei einem rechts hohlen Pferd wird das linke Vorderbein vermehrt belastet, daher ist es ein Linkshänder. Wenn Sie ein rechts hohles Pferd in einer Rechtswendung beobachten, können Sie sehen, dass es versucht, über die linke Schulter nach außen zu vergrößern. Auf der linken Hand wird es hingegen eher versuchen, nach innen zu drängeln und in Außenstellung bleiben wollen, damit es wie eben beschrieben die verkürzte rechte Seite nicht dehnen muss.

Schiefe im Gelände

„Wenn die Last des Pferdes nicht auf alle vier Beine gleichzeitig verteilt wird, sind die Auswirkungen nicht sofort spürbar, aber mit der Zeit kann es zu einem frühzeitigen Verschleiß kommen, der im Zwei- fel sogar bis zur Unreitbarkeit des Pferdes führt“, betont Mirja Mäkinen. Nun scheinen es ja vor allem die Kreislinien zu sein, auf denen die natürliche Schiefe besonders deutlich wird. Doch ein schiefes Pferd ist immer schief. Nicht nur im Viereck beim Training, sondern auch im Gelände. „Im Gelände können Sie beobachten, dass Ihr Pferd gerne immer auf der gleichen Hand angaloppiert, wenn Sie selbst keine aktiven Hilfen geben, sprich Rechts- oder Linksgalopp vorgeben“, sagt unsere Expertin. „Hier trainieren Sie Ihr Pferd einseitig stark, ohne es zu merken.“

Das wird besonders deutlich, wenn Sie versuchen, bewusst den Galopp auf beiden Händen zu bestimmen. Ein schiefes Pferd im Gelände belastet auch seine Beine ungleichmäßig, was ebenso zu frühzeitigem Verschleiß führen kann. Sobald ein Pferd gearbeitet wird, egal in welcher Weise, spielt die natürliche Schiefe eine Rolle und sollte zum Wohle des Pferdes berücksichtigt und im besten Fall optimiert beziehungsweise entsprechend korrigiert werden. „Geraderichten heißt hier der Weg, das Pferd in einer Spur zu bringen. Sodass sich die Vorderbeine mittig vor den Hinterbeinen befinden“, erklärt Mirja Mäkinen. Dabei werde die Last möglichst gleich auf alle vier Beine verteilt und der Pferdekörper dadurch gleichmäßig trainiert und gestärkt. Das fördere die Gesunderhaltung bis ins hohe Alter.

UNSERE EXPERTIN

MIRJA MÄKINENist Trainerin B Leistungssport (FN). Dabei ist es ihr wichtig, Pferd und Mensch ganzheitlich zu betrachten und individuelle Lösungen zu finden. Erfolg kann nur durch Entwicklung entstehen – kreativ und auf Augenhöhe. So begleitet sie ihre Schüler auf deren persönlichem Weg zum Ziel. mirja.maekinen@web.de

Eine Uhr mittig durch die Pferdeohren

Diese Übung hilft Ihnen, ein Gespür dafür zu bekommen, ob Ihr Pferd schief oder gerade geht. Sie können sowohl im Gelände als auch auf dem Platz oder in der Halle üben.

• Auf dem Reitplatz oder in der Halle gehen Sie auf der Mittellinie. Im Gelände mittig auf einem ebenen Weg.

• Stellen Sie eine leichte Verbindung über den Zügel zum Pferdemaul her, ohne eine bestimmte Kopf-Hals-Haltung erzwingen zu wollen.

• Ihre Hände befinden sich mittig neben dem Hals und bilden eine Gasse. Sie dürfen aber nicht rückwärts wirken.

• Stellen Sie sich eine Uhr vor, die mittig durch die Pferdeohren geht.

• Ihre Körperachse sollte immer identisch zu der Ihres Pferdes sein. Stellen Sie sich dazu vor, dass ein Laserpointer aus Ihrem Bauchnabel nach vorne Richtung zwölf Uhr zeigt. Er verläuft über den Mähnenkamm. Wenn Sie leicht gedreht sitzen, würde der Laserpointer Ihres Bauchnabels an dem „Pferdehalspointer“ vorbeischießen – das bedeutet, zwei Kräfte arbeiten aneinander vorbei und sind nicht mehr im Gleichgewicht.

Der verbindende Stab

Durch diese Übung bekommen Sie ein Gefühl dafür, zu welcher Seite die Vorderbeine Ihres Pferdes gerne weichen. Sie lernen, die Schiefe zu erspüren und an ihr zu arbeiten. Das Pferd wird lockerer und kann sozusagen in seine Mitte gependelt werden. Auch Pferde, die nicht mehr sensibel auf Zügelhilfen reagieren, können so wieder angesprochen werden.

• Führen Sie Übung 2 aus.

• Dann stellen Sie sich vor, Ihre Hände wären durch einen Stab verbunden und können nur zusammen in eine Richtung wirken.

• Schieben Sie die rechte Hand an den Hals Ihres Pferdes. Gleichzeitig versetzt sich Ihre linke Hand um das gleiche Maß vom Hals weg.

• Ihr Blick geht zum rechten Pferdeohr. Dadurch wird Ihr Körper minimal gedreht.

• Da alles jetzt sozusagen leicht nach rechts ausgerichtet ist, kann Ihr Gewicht nach links sacken. Dabei dürfen Sie keinen Druck auf den linken Bügel ausüben, denn ein Gegendrücken verhindert die Wirkung.

• Ihr Pferd ist nun rechts leicht krumm und pendelt bei Einsetzen der Gewichtsverlagerung nach links. Es möchte die entstandene Schieflage wieder ausgleichen.

• Es geht bei der Übung darum, die Vorderbeine nur bis zur Spur der linken Hinterbeinkante zu bewegen, ohne die gerade Linie zu verlassen.

• Anschließend führen Sie die Übung zur anderen Seite durch, indem Sie die linke Hand an den Hals legen und den Blick auf das linke Pferdeohr richten. Ihr Pferd wird links eine leichte Krümmung erhalten, während Bauchnabellaser und Pferdehals auf gleicher Achse laufen. Sie verlagern Ihr Gewicht nach rechts, ohne Druck im Bügel auszuüben.

• Ihr Pferd wird dabei mit den Vorderbeinen nach rechts pendeln – achten Sie wieder darauf, dass sie nur bis zur rechten Hinterbeinkante fußen, also in der Spur bleiben.

Das können Sie feststellen:Ihr Pferd wird wahrscheinlich zu einer Seite sehr stark pendeln und über das Ziel der Hinterbeinkante hinaustreten. Auf der anderen Seite kommen Ihre Hilfen möglicherweise kaum durch. „Je weniger ausgeprägt die Schiefe des Pferdes ist, desto leichter werden Sie die Vorderbeine mit wenig Aufwand zwischen den beiden Kanten der Hinterbeine verschaukeln können“, sagt Mirja Mäkinen. Bei sehr schiefen, oft daher auch steiferen Pferden, werden Sie zur schwierigen Seite gefühlt viel Gewicht einsetzen müssen, um in die gewünschte Position zu pendeln. Es ist in Ordnung, die Gewichtshilfen kurzzeitig mal zu intensivieren. Mit etwas Übung können Sie Ihr Pferd nahtlos von einer zur anderen Seite pendeln lassen. Es wird dadurch nicht nur lockerer, sondern Sie selbst finden auch Ihre eigene Mitte neu, was wiederum Ihrem Vierbeiner zugute kommt.

Das sollten Sie beachten:• Drücken Sie nicht mit den Händen über den Hals. Ein leichtes Seitwärtsweisen beider Hände bis zum Mähnenkamm ist aber in Ordnung.

• Geben Sie kein Gewicht in den Bügel. Das heißt, es darf kein Gegendrücken stattfinden, wenn Sie Ihr Gewicht verlagern. Der Bügel muss sozusagen luftleer gehalten werden.

• Die Achsen von Reiter und Pferd müssen sich auf einer Linie befinden. Das heißt, der Bauchnabellaser ist parallel zum Pferdehalslaser, sonst arbeiten Sie schnell aneinander vorbei beziehungsweise sogar gegeneinander.

• Arbeiten Sie immer nur bis zur Kante der Hinterbeine. Das heißt, die Vorderbeine dürfen nicht stark zur Seite treten oder schwanken. Sie reiten auf gerader Linie.

• Tasten Sie sich dazu langsam an die Aufgabe heran, um ein Gefühl für die Bewegungen zu bekommen.

• Reagiert Ihr Pferd zu einer Seite sehr stark auf die Hilfen und tritt es über die Hinterbeinkante hinaus, dann reduzieren Sie Ihre Einwirkung. Umgekehrt können Sie die Hilfen verstärken (kurzzeitig), wenn Ihr Pferd schlechter reagiert.

• Ziehen Sie nicht am Zügel, um Ihr Pferd zu stellen oder biegen.

Viele Wege führen nach Rom

Das Zitat „Richte dein Pferd gerade und reite es vorwärts“ von Gustav Steinbrecht ist vielen Reitern bekannt. Nicht selten wird es allerdings falsch interpretiert: Dann werden Pferde regelrecht in hohem Tempo durch die Bahn gehetzt, was die Schiefe sogar noch verstärken kann. Das Pferd hat keine Zeit, seinen Körper wirklich zu spüren und seine Balance zu finden. Da jeder Vierbeiner ein Individuum ist, gibt es kein Schema F zum Korrigieren der natürlichen Schiefe. „Viele Wege führen nach Rom“ – das gilt auch in der Pferdeausbildung. Die Arbeit an der natürlichen Schiefe ist und bleibt eine Lebensaufgabe, die es immer wieder zu betrachten, zu optimieren und zu pflegen gilt.