Bereits Kunde? Jetzt einloggen.
Lesezeit ca. 7 Min.

GAR NICHT SO SELTEN: BURN-OUT BEIM PFERD


Feine Hilfen - epaper ⋅ Ausgabe 32/2018 vom 07.12.2018

„Das ist der größte Fehler bei der Behandlung von Krankheiten, dass es Ärzte für den Körper und Ärzte für die Seele gibt, wo beides doch nicht getrennt werden kann.“ (Platon)


Artikelbild für den Artikel "GAR NICHT SO SELTEN: BURN-OUT BEIM PFERD" aus der Ausgabe 32/2018 von Feine Hilfen. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

(Foto: Britta Vock)

Wirkt Ihr Pferd häufig lustlos? Lässt es sich nur schwer motivieren und gähnt es vielleicht in bestimmten Situationen besonders häufig? Zeigt es vielleicht sogar Verhaltensstörungen wie Koppen und Weben? Hat es häufiger Bauchschmerzen oder neigt es zu Allergien? Wenn Sie einige oder alle dieser Fragen mit „Ja“ beantworten können, könnte Ihr Pferd unter chronischem Stress leiden. Wie beim Menschen kann dieser so ...

Weiterlesen
epaper-Einzelheft 8,99€
NEWS 14 Tage gratis testen
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Feine Hilfen. Alle Rechte vorbehalten.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 32/2018 von Nicole Künzel. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Nicole Künzel
Titelbild der Ausgabe 32/2018 von Manolo Mendez. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Manolo Mendez
Titelbild der Ausgabe 32/2018 von Klassische REITKUNST. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Klassische REITKUNST
Titelbild der Ausgabe 32/2018 von IN UNSEREN HÄNDEN. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
IN UNSEREN HÄNDEN
Titelbild der Ausgabe 32/2018 von DAS RECHTAUF EIN EIGENES LEBEN. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
DAS RECHTAUF EIN EIGENES LEBEN
Titelbild der Ausgabe 32/2018 von DAS GLÜCK DER PFERDE. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
DAS GLÜCK DER PFERDE
Vorheriger Artikel
ETHIK IN DER AUSBILDUNG …:… DES JUNGEN PFERDES
aus dieser Ausgabe
Nächster Artikel WIE MAN ALLES RICHTIG MACHT
aus dieser Ausgabe

... weit führen, dass sich das Pferd „ausgebrannt“ fühlt – es leidet dann unter einem sogenannten „Burn-out“. Dieses gehört zu den psychosomatischen Störungen und sollte nicht auf die leichte Schulter genommen werden.

Psychosomatik bei Pferden

Psychosomatik bei Tieren, dieser Begriff liegt derzeit voll im Trend. In der Lehre der Psychosomatik werden die Zusammenhänge zwischen sogenannten somatischen, also körperlichen Störungen, Symptomen oder Krankheitsbildern und der Psyche betrachtet. Die Psyche hat zweifelsohne einen starken Einfluss auf den Verlauf und die Entstehung von verschiedenen Krankheitsbildern. Umgangsprachlich sagt man dazu auch:
Beschwerden ohne körperlichen Befund. Gefühle wie Ärger, Angst, Trauer, Depressionen belasten den Körper und führen über einen gewissen Zeitraum zu psychosomatischen Erkrankungen. Ein Beispiel: Angst sorgt dafür, dass die Nebennieren Adrenalin ausschütten, wodurch über das vegetative Nervensystem unter anderem auch die Magen-Darm-Peristaltik gehemmt wird.
Das führt bei längerem Anhalten der Angst zu Verdauungsstörungen oder Stoffwechselproblemen. Wir kennen dies aus alltäglichen Redewendungen: Etwas liegt einem „schwer im Magen“, es geht einem „an die Nieren“, es ist eine „Laus über die Leber gelaufen“. Das limbische System spielt als Vermittler und neurobiologische Schnittstelle zwischen seelischen und leiblichen Vorgängen eine große Rolle. Ebenso der Thalamus als sensorisches Zentrum, aber auch das vegetative Nervensystem und die endokrinen Drüsen (Hormonsystem), die vom vegetativen Nervensystem Impulse für die Ausschüttung von Neurotransmittern und Hormonen erhalten. Warum sollte das bei Pferden anders sein? Sie haben auch einen Körper und auch eine Psyche. Es ist also wichtig, das Tier nicht nur körperlich zu befunden, sondern es ganzheitlich zu betrachten. In der Naturheilkunde finden wir verschiedene ganzheitliche Ansätze, wie zum Beispiel Homöopathie, Bachblütentherapie etc. Sie haben gemeinsam, dass die Betrachtung von Körper, Geist und Seele als Einheit ihre Grundlage bildet.

Wie entsteht Psychosomatik beim Pferd?

Angst kann also zu einer psychosomatischen Erkrankung beim Pferd beitragen.
Außerdem spielen sicherlich Faktoren wie die Beziehung zum Pferdehalter, die Zusammensetzung der Herde, Tod oder Krankheit eines Herdenmitgliedes oder des Tierhalters, eine neue Umgebung oder ein für das jeweilige Pferd unpassendes Umfeld sowie nicht zuletzt die Art der Haltung und die körperliche und geistige Auslastung (Über- oder Unterforderung) des Tieres eine entscheidende Rolle. Werden die physischen und psychischen Bedürfnisse nicht oder nur mangelhaft befriedigt oder wird das Pferd aus falsch verstandener Tierliebe nicht wesens- und artgerecht gehalten, entsteht Leid aufseiten des Pferdes. Häufig entsteht dies aus Unwissenheit, weswegen es besonders wichtig ist, dass sich der Tierhalter um ein grundlegendes Wissen bezüglich der Bedürfnisse seines Pferdes bemüht. Eine ganzheitliche Tierverhaltenstherapie, die alle sich mit dem jeweiligen Pferd beschäftigten Menschen aktiv als auslösende Faktoren in einen Therapieplan einbezieht, ist heutzutage sehr oft notwendig. Tierärzte, Tierheilpraktiker, Tierpsychologen und Tierpysiotherapeuten kommen sonst sicherlich an ihre Grenzen. Um die auslösenden Mechanismen, die zu einer psychosomatischen Erkrankung wie dem Burn-out führen können, zu verstehen, betrachten wir zunächst einmal, was Stress im Körper eigentlich bewirkt und welche Auswirkungen er haben kann.

AXEL SCHWEICKHARDT DEFINIERTE BEREITS 2005 IM HUMANBEREICH:

„Psychosomatik bedeutet, dass Körper und Seele zwei untrennbar miteinander verbundene Aspekte des Menschen sind, die nur aus methodischen Gründen oder zum besseren Verständnis unterschieden werden. Dies bedingt keine, lineare‘ Kausalität in dem Sinne, dass psychische Störungen körperliche Krankheiten verursachen. Solches würde zu einem Dualismus führen, bei dem es Krankheiten mit psychischer Genese und Krankheiten mit somatischer Genese gäbe.“

Wie wirkt Stress biologisch?

Bei Gefahr steigt der Stresspegel. Dieser bringt den Körper binnen Sekunden auf Hochtouren. Das Gehirn aktiviert zuerst das autonome Nervensystem, die beiden Nervenstränge des Sympathikus (Kampf/Flucht) und des Parasympathikus (Erholung/Verdauung), die alle Organe im Körper steuern. Der Sympathikus wird aktiv und schickt Botenstoffe an die Nebenniere. Im Nebennierenmark wird daraufhin Adrenalin freigesetzt; gleichzeitig wird auch Noradrenalin aus den Nervenendigungen des sympathischen Nervensystems binnen Millisekunden ins Blut ausgeschüttet. Beides verteilt sich blitzartig im Körper. Sie lenken die Signalübertragung zwischen den Nervenzellen und beschleunigen sämtliche Abläufe: Das Herz schlägt schneller, der Blutdruck steigt, die Muskeln werden optimal mit Sauerstoff versorgt und spannen sich an – bis hin zum Zittern vor Angst. Zugleich wird über das Adrenalin der Speichelfluss vermindert. Deshalb bleibt einem auch unter Stress sprichwörtlich die Spucke weg. Ebenso werden Zucker- und Fettreserven im Körper mobilisiert. Das Gehirn ist hellwach: Denkleistung und Entscheidungsgeschwindigkeit erhöhen sich enorm, was beim Fluchttier Pferd noch ausgeprägter ist als beim Menschen. Die Pupillen weiten sich, parallel dazu wird das Blut in die Skelettmuskulatur und die inneren Organe umgelenkt, damit bei leichten Verletzungen der Blutverlust nicht zu hoch ist.
Der Nebeneffekt: Hände und Füße werden kalt (beim Pferd die Gliedmaßen), das Gesicht blass, so wird der Körper optimal auf Kampf oder Fluchtreaktionen vorbereitet. Die Körpertemperatur steigt, und damit der Körper nicht überhitzt, werden gleichzeitig die Schweißdrüsen angeregt. Die Atmung beschleunigt sich, die Bronchien weiten sich, mit dem Ziel, eine optimale Sauerstoffversorgung zu gewährleisten.
Ebenso wird eine weitere sogenannte Stresshormon-Achse aktiviert, die allerdings im Vergleich zum sympathischen Nervensystem etwas zeitverzögert auf Stress reagiert. Im Hypothalamus, einer Region im Zwischenhirn, wird der Botenstoff CRH ausgeschüttet. Das CRH stimuliert die Hirnanhangdrüse (Hypophyse) – das Hormonzentrum des Körpers. Diese gibt nun das Hormon ACTH (Adrenocorticotropes Hormon) ins Blut. Über das Blut gelangt das ACTH zur Nebenniere und veranlasst dort die Ausschüttung des Hormons Cortisol (auch das Cortisol mobilisiert die Glucose- und Fettreserven, gleichzeitig senkt es die Schmerzempfindlichkeit, kann das Immunsystem unterdrücken, beschleunigt aber die Blutgerinnung – falls es Wunden gibt). Wird die Nebenniere über längere Zeit durch ACTH stimuliert, kann sie sich sogar vergrößern.
Dadurch wird die Cortisol-Produktion zwar immens gesteigert, es besteht aber die Gefahr, dass sich der Prozess verselbstständigt.

Daueralarm macht krank

Der Körper schaltet dann auf Daueralarm – spätestens jetzt macht Stress krank. Er führt nun zur Erschöpfung der Nebennieren, was sich unter anderem in Allergien, Atemwegsproblemen und vielem mehr äußern kann. In der Niere sorgt das Hormon Vasopressin dafür, dass weniger Flüssigkeit ausgeschieden wird. Eine volle Blase würde das Pferd bei Angriff oder Flucht nur behindern. Der Parasympathikus drosselt alle für die Stressreaktion unwichtigen Körperfunktionen, wie Verdauung, Sexualtrieb und Wachstum.
Bei einigen Pferden kann es in akuten, intensiven Stresssituationen durch das Anspannen der Muskeln allerdings auch zum gegenteiligen Effekt kommen: Harndrang und Durchfall – der Körper erleichtert sich.
Sobald die Gefahr gebannt ist, ergreift der Körper Gegenmaßnahmen, um zur Ruhe zurückzufinden: Die Neurotransmitter Adrenalin und Noradrenalin werden so schnell wie möglich wieder abgebaut. Auch das Cortisol selbst hemmt seine eigene Ausschüttung. Über eine negative Rückkopplung dämmt es die weitere Produktion von CRH und ACTH. Der Stress wird heruntergefahren.

Nur eine Modekrankheit?

Wir können also bei Betrachtung der Mechanismen von Stress zu dem Schluss kommen, dass Übersäuerungen, Allergien, Hautprobleme, Gelenkprobleme, Muskelprobleme und vieles mehr durch Stress verursacht und negativ beeinflusst werden. Der Begriff „Burn-out“, einst als Manager- oder Modekrankheit abgetan, ist heute ein weit verbreitetes und anerkanntes Krankheitsbild im Humanbereich. Es wird beschrieben als „chronischer Erschöpfungszustand durch lange Überforderung der psychischen und physischen Kräfte“. Beim Pferd ähneln die Ursachen für ein Burn-out denen des Menschen: Stress, Überforderung, falsche Haltung, falsche Ernährung, Kommunikationsprobleme. Kurzum: Das Fehlen der Grundbedürfnisse bringt Seele und Körper des Pferdes dauerhaft aus dem Gleichgewicht. Nach Dr.med. Miriam Priess wird ein Burn-out im Humanbereich in ein Vier-Phasen-Modell unterteilt.

Dieses lässt sich hervorragend zur Veranschaulichung der Krankheitsentwicklung auch auf das Pferd anwenden:

1. Die Alarmphase

Der Dialog zwischen Pferd und Mensch wird schwierig. Es kommt zu Konflikten, da Pferd und Mensch eigene Kommunikationswege beschreiten. In dieser Phase versucht der Mensch dann seine Ziele mittels Druck und leider auch Gewalt durchzusetzen.
Hierdurch entsteht dann für das Pferd ein hoher Stresslevel, der oftmals auch anhaltend ist. Falsche Haltung, falsche Ernährung, fehlende Sozialkontakte in der Herde oder auch unharmonischer Umgang mit dem Menschen können ursächlich sein.
Das Stresshormon Cortisol wird über die Nebennieren ausgeschüttet und macht das Tier somit anfälliger für Krankheiten durch Schwächung des Immunsystems (mit Sitz im Darm). Das Pferd ist in einem permanenten Flight-or-Fight-Modus. Erste Verhaltensauffälligkeiten können hier beobachtet werden Das Pferd versucht durch vermehrte Ausschüttung von Endorphinen (Glückshormonen), den Stresspegel zu senken. Unruhe, Koppen, Weben etc.können solche Bewältigungsstrategien sein.

2. Die Widerstandsphase

Wenn die Alarmphase nicht erkannt und therapiert wird, geht sie meist nahtlos in die nächste Phase über. Das Pferd versucht mit seiner Verhaltensänderung (meist Ablehnung), dem Menschen etwas mitzuteilen. Am Boden oder unter dem Sattel zeigt sich der Widerstand direkt in Form von Beißen, Treten, Steigen, Buckeln, Drohung mit Angriff oder Verweigerung. Aber diesen anhaltenden Widerstand können die meisten Pferde auf Dauer nicht durchhalten. Viele haben keine Kraft dazu und sind regelrecht erschöpft vom Widerstand.

3. Die Erschöpfungsphase

In der dritten Phase, der Erschöpfungsphase, zeigen sich deutliche Zeichen einer chronischen Überforderung. Diese kann nicht mehr durch eine kurze Pause korrigiert werden. Als chronische Symptome zeigt das Pferd Magengeschwüre, Atemwegsbeschwerden, ständige Lahmheiten, Kraftlosigkeit, Darmproblematiken, ein schwaches Immunsystem etc. Das Pferd entwickelt auch oft Desinteresse an sozialen Kontakten oder der Umwelt oder zum Menschen. Oftmals werden die Pferde in dieser Phase schon als „überbrav“ bezeichnet.

4. Die Rückzugsphase

Schließlich folgt die vierte, die sogenannte Rückzugsphase, in der das Pferd durch Teilnahmslosigkeit oder gar apathisches Verhalten auffällt. Seine Reaktionen sind kraft- und energielos, zurückhaltend, die Augen sind oft nicht mehr „lebendig“. Leider erkennen viele Besitzer diese Zeichen nicht, sondern interpretieren sie als „superbrav“ oder „absolut gehorsam“. Das Pferd kann aber auch andere Verhaltensauffälligkeiten zeigen, wie beispielsweise unkontrollierbare Aggression (permanentes Wehrverhalten) oder Selbstverletzung. Seit mehr als 6000 Jahren wird das Pferd vom Menschen in verschiedenen Bereichen genutzt. Es hat sich zwar vieles zugunsten des Pferdes verändert, aber sehr viele Tiere leben noch immer nicht unter optimalen Bedingungen. Durch die Domestizierung hat sich das Pferd an Mensch und Haltung angepasst, aber um seine Gesundheit zu erhalten, müssen wir seine körperlichen, geistigen, emotionalen und gattungsspezifischen Bedürfnisse respektieren und befriedigen. Wird dies nicht getan, ist das Burn-out-Risiko hoch. Nicht nur Turnier- oder Leistungspferde sind in Gefahr, auch Freizeitpferde sind häufig betroffen. Vielfach liegt das daran, dass die Kommunikation des Pferdes nicht beachtet oder missinterpretiert wird.
Tierarzt und Physiotherapeut können nicht viel feststellen, eine Diagnose gibt es so nicht. Das führt meist dazu, dass nun etwas an der Fütterung geändert wird, was wiederum keine ausschlaggebende Änderung bewirkt und meist sogar noch kontraproduktiv ist. Wird der Patient jetzt nicht ganzheitlich betrachtet, können sich keine Erfolge einstellen. Bei einer Untersuchung und Anamnese muss immer auch der psychische Zustand und das Umfeld mit berücksichtigt werden. Klinische Befunde wie Blutbilder, Fell-Mineralanalysen, veterinärmedizinische Befunde und Ernährungsanalysen sollten dann ausgewertet und bewertet werden, damit man einen ganzheitlichen individuellen Therapieplan erstellen kann.

BRITTA VOCK

Britta Vock ist Tierheilpraktikerin, bildet seit 2005 in ihrer Tiernaturheilkundeschule Tierheilpraktiker aus und bietet Seminare für den Tierhalter auf dem Birkenhof-Soltau an. Hierbei liegt das Hauptaugenmerk darauf, verantwortungsvolles Handeln und ganzheitliche Sicht zu vermitteln, statt nur Symptome zu therapieren. Sie lebt mit neun eigenen Pferden und drei Hunden zusammen. Natur und Tiere sind ihr Beruf, ihre Berufung, ihr Hobby, ihre Leidenschaft.

www.tiernaturheilkundeschule.de