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Garantiert bio!


blickpunkt musical - epaper ⋅ Ausgabe 2/2018 vom 29.03.2018

»Betty Blue Eyes« als deutschsprachige Erstaufführung in Linz


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Joyce (Kristin Hölck) will der hübschen Sau an den Kragen (Betty mit Puppenführerin Lynsey Thurgar)


Foto: Reinhard Winkler

Sie ist klein, sie ist rosa und hat neben einem kecken Ringelschwänzchen auch erstaunlich blaue Augen zu bieten. Mit Letzteren verdreht sie den Männern reihenweise den Kopf. Auch das Linzer Publikum ist nicht vor Bettys Charme gefeit – dem neuen, vierbeinigen Publikumsliebling am Musiktheater. Das ist mit seiner Musicalproduktion »Betty Blue Eyes« aufs Schwein gekommen.

Im Großbritannien der Nachkriegsära sind die ...

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... Lebensmittel rationiert. Als die BBC die Vermählung von Prinzessin Elizabeth mit Philip Mountbatten verkündet, kommt es zu weiteren Verschärfungen. Kurz darauf trifft Inspektor Wormold vom Ernährungsministerium im idyllischen Städtchen Shepardsford ein. Er will die korrekte Einhaltung der strikten Maßnahmen überprüfen und droht bei Missachtung mit empfindlichen Sanktionen. Währenddessen planen drei Abgeordnete ein Bankett anlässlich der königlichen Hochzeit – dessen Hauptzutat ein illegal gemästetes Schwein sein soll. Das wäre eigentlich schon Plot genug für ein Musical. Aber Ron Cowen und Daniel Lipman, die sich für »Betty Blue Eyes« am Handmade-Film »A Private Function« und dem Original von Alan Bennett orientierten, fügten dem noch das eine oder andere retardierende Moment hinzu. Statt die Handlung also stringent geradeaus laufen zu lassen, wurde sie um humorige Komplikationen erweitert. Die Größten davon sind der fahrende Fußpfleger Gilbert Chilvers und seine Frau Joyce. Er träumt vom eigenen Laden, sie von der Zugehörigkeit zur Oberschicht. Beides scheint unvereinbar, bis die Stadtratsabgeordneten das Fass zum Überlaufen bringen. Gilbert beschließt, das blauäugige Schwein zu entführen. Als Betty dann aber bei den Chilvers im Wohnzimmer steht, ist nicht nur der Gestank groß, sondern auch die Hemmung vor dem Schlachtmesser. Und wie lange kann man so ein Schwein eigentlich vor der Nachbarschaft verstecken?

Für »Betty Blue Eyes« hat sich das Landestheater Linz schwer ins Zeug gelegt. Das Ensemble, das sich immer wieder zu aufwendigen Choreographien auf der Bühne versammelt, ist stattlich und hoch motiviert. Tatsächlich entpuppen sich die Ensemble-Szenen von Christian Brey (Regie) und Kati Farkas (Choreographie) als Höhepunkte des Musicals. Sie transportieren Emotionen und Stimmungen effizient und eindrücklich nach außen. Sei es durch humorige Revue-Nummern, die mit Frack, Zylinder, Federn und Glitzer begeistern oder aber mit erstaunlicher Tiefe. Besonders eindrücklich dabei, die Interpretation von ›Löwenherz‹, die zur Reise in die Vergangenheit einlädt. Joyce (Kristin Hölck) wird zur Erzählerin ihrer eigenen Geschichte, die sie mit dem Ensemble rekapituliert. Es sind intensive Momente, wenn Lebensfreude und Gute-Laune-Musik mit einem Knall zum Stillstand kommen. Menschen und Wände sinken unter einem Luftangriff in Zeitlupe zu Boden. Die Stille danach ist greifbar und springt auf das Publikum über. Das klatscht ausnahmsweise nicht zwischen den Songs, sondern schweigt betroffen. In diesem Moment ist die sprichwörtlich fallende Stecknadel kein Klischee mehr. Kurz darauf ist der intensive Augenblick vorbei, »Betty Blue Eyes« kehrt zu seinen humorigen Ursprüngen zurück und frönt dem trivialen Klamauk.

Wenn die Choreographien den Höhepunkt von »Betty Blue Eyes« markieren, dann schwächelt das Musical auf Handlungsbasis. Tatsächlich liegt auf der imposanten Guckkastenbühne so manches im Argen, das Bühnenbild ist es allerdings nicht. Das fällt für Linzer Verhältnisse zwar erstaunlich simpel aus, erweist sich aber als sehr effizient. Hauptplatz und Wohnzimmer wechseln in regelmäßigen Abständen und liefern das passende Ambiente. Nein, es ist die Handlung, die erstaunlich lauwarm dahinplätschert. »Betty Blue Eyes« hat zwar den einen oder anderen humorigen Dialog im Gepäck, aber auch der verweilt merkwürdig träge an der Oberfläche. Statt pointiertem Tempo wird die Handlung in alle Richtungen ausgeweitet, ohne wirklich auf den Punkt zu kommen. Der zweite Teil gestaltet sich dann deutlich lebendiger und konsequenter. Mit einem Mal wird auch die Handlung komprimierter dargeboten und die Pointen gewinnen an Nachhaltigkeit. Leider wird dieser begrüßenswerte Kurs nicht bis zum Ende beibehalten. Stattdessen stellen sich wieder diese langen Passagen ein, die von dem einen oder anderen Strich profitieren würden.

Der Leistung des Ensembles auf der Bühne tut das keinen Abbruch. Da sitzt jeder Ton und jeder Schritt. Bestes Beispiel Rob Pelzer, der in seiner Paraderolle brilliert: Als ewig gutgelaunter Fußpfleger Gilbert Chilvers schmelzen die Frauen reihenweise in seinen versierten Händen (›Zauberhände‹). Leicht dusselig tappst er in Slapstick-Manier eines Charlie Chaplins über die Bühne oder legt eine kesse Sohle aufs Parkett. Energisch, kontrolliert hingegen Joyce Chilvers: Kristin Hölck verleiht ihr eine dominante Note, die bisweilen ins Anstrengende kippt und rein optisch am filmischen Vorbild angelehnt ist. Apropos! Anstrengend sein kann auch April Hailer als Gilberts personifizierter Schwiegermutter-Albtraum. Humorig lässt sie mit ihrer tiefen, rauen Stimme kein gutes Haar am Mann ihrer Tochter und bedient sich konsequent an seinen Essensrationen. Starke Emotionen durchlebt auch Fleischinspektor Wormold, den Riccardo Greco als maliziöse Figur mit Hang zum Größenwahn anlegt. Dass dieser obendrein ein verkannter Maler ist, scheint kein Zufall. Die Hitler-Analogien sind zu breit gesät, um ignoriert werden zu können. Für den Fall der Fälle hilft aber auch Sergeant Noble (Gernot Romic als dienstbeflissener Polizeibeamter mit eindeutigen Sympathien) noch dem langsamsten Zuschauer auf die Sprünge. Riccardo Greco indes genießt sichtlich die dunkle Seite Wormolds: Mit verkniffener Miene, weit aufgerissenen Augen und schriller Stimme schreitet er über die Bühne, verbreitet Angst und Schrecken im plötzlich gar nicht mehr so idyllischen Shepardsford. Eine humorvolle Ergänzung stellt auch Sabrina Reischls versnobte Veronica Allardyce dar: Hysterisch und bösartig wirft der verzogene Spross mit Beleidigungen um sich und sorgt wie Gilberts Schwiegermutter-Albtraum für Erheiterung zwischendurch. Und dann ist da ja noch Betty höchstselbst. Das rosarote Prachtschwein mit den falschen Wimpern wird von Lynsey Thurgar geführt, die auch gleich die passende Geräuschkulisse mitliefert – und die ist meistens so gar nicht ladylike.

Für das musikalische Arrangement sorgt die eigene Band. Richtig, »Betty Blue Eyes« geht moderne Wege. Orchester war gestern: »Black Beauty and Friends« entschweben pünktlich zur Ouvertüre dem Orchesterboden, um kurz darauf wieder den Blicken zu entschwinden – zumindest denen der hinteren Reihen. Zum Glück kommt es aber ohnehin auf die Akustik an und die sitzt. Versiert und spielfreudig liefern die Musiker unter Leitung von Tom Bitterlich die Basis für das Stück.

Gäbe es eine Blaupause für Musicals, wäre ihr »Betty Blue Eyes« entsprungen. Tatsächlich haben die kreativen Köpfe vieles richtig gemacht, in ihrem Eifer aber bisweilen das Ziel aus den Augen verloren. Zum Glück werden die sich aufdrängenden Musical-Retorten-Reminiszenzen immer wieder durch hervorragende darstellerische Leistungen kompensiert. Und wer ein Faible für große Ensemble-Nummern besitzt, ist bei »Betty Blue Eyes« sowieso goldrichtig.

1. Fleischinspektor Wormold (Riccardo Greco, Mitte) sucht das idyllische Shepardsford heim (Bonifacio Galván, l. & Gernot Romic, r.)


2. Betty (Puppenführerin Lynsey Thurgar, Mitte) erobert die Herzen von Henry (Jonathan Agar, l.) und Gilbert (Rob Pelzer, r.) im Sturm


3. ›Ein Geruch erfüllt die Luft‹ mit Rob Pelzer, April Hailer und Kristin Hölck


4. Wohlstand für jedermann? Englands Bürger und Bürgerinnen (Ensemble) halten wenig von den Lebensmittelrationierungen


Fotos (4): Reinhard Winkler