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GASSI GEHEN MIT BESONDEREN HUNDEN


SitzPlatzFuss - epaper ⋅ Ausgabe 36/2019 vom 10.07.2019
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(Foto: Shutterstock/marvlc)

Die täglichen Spaziergänge sollten zu den schönsten Ereignissen des Alltags mit Hund gehören. Doch was ist, wenn der Hund sich nicht beherrschen kann, sobald stärkere Gerüche seinen Weg kreuzen? Wenn er bei schnell fahrenden Verkehrsmitteln zu einer Gefahr für sich selbst und andere wird? Wenn er fremde Hunde anbrüllt oder beim Anblick eines Joggers die Fassung verliert?
Es gibt die ängstlichen Hunde, die einem ständig durch ihr Erstarren und Einfrieren den Wind aus den Segeln nehmen. Und es gibt die Hunde, die generell auf einem so hohen Erregungsniveau unterwegs sind, dass ...

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Die täglichen Spaziergänge sollten zu den schönsten Ereignissen des Alltags mit Hund gehören. Doch was ist, wenn der Hund sich nicht beherrschen kann, sobald stärkere Gerüche seinen Weg kreuzen? Wenn er bei schnell fahrenden Verkehrsmitteln zu einer Gefahr für sich selbst und andere wird? Wenn er fremde Hunde anbrüllt oder beim Anblick eines Joggers die Fassung verliert?
Es gibt die ängstlichen Hunde, die einem ständig durch ihr Erstarren und Einfrieren den Wind aus den Segeln nehmen. Und es gibt die Hunde, die generell auf einem so hohen Erregungsniveau unterwegs sind, dass jeder Vogel zum Auslöser für Bellverhalten wird. All diese Hunde haben eins gemeinsam: Sie sind draußen keineswegs gelassen und haben (noch) kein Nervensystem, das mit alltäglichen Reizen umgehen kann. Sie sind überfordert. Das Gassigehen mit einem solchen Hund kann zu einer echten Belastung für beide Enden der Leine werden, und das mehrmals am Tag.

Hopp oder topp?

Und dennoch müssen auch diese Hunde nach draußen, denn Bewegung, frische Luft und Sich-draußen-lösen-Können gehört zu ihren Basisbedürfnissen. Daher ist es so wichtig, die Spaziergänge angemessen zu gestalten. Sie können einen wesentlichen und konstruktiven Beitrag zum Verhaltenstraining leisten. Sie können einerseits therapeutisch wirken, andererseits jedoch, wenn sie falsch gestaltet sind, unsere ganzen Trainingsbemühungen zunichte machen und das Verhalten des Hundes noch weiter negativ beeinflussen.

Das richtige Maß? Ihr Hund zeigt es Ihnen!

Nicht selten stelle ich fest, dass Hunde viel zu wenig an die Luft kommen, aber noch häufiger scheint es mir so zu sein – vor allem bei Hunden mit „großem Verhalten“ –, dass sie mit den Gassirunden schier überfordert werden. Oft sogar ist dieser Punkt ein Schlüsselelement für die Verhaltensveränderung. Die Dauer, die Strecke, das Gelände, die Menge der Reize entlang der Runde, das Tempo, überhaupt die Anforderungen, die an Körper, Geist und Psyche des Hundes gestellt werden, übertreffen häufig seine derzeitigen Möglichkeiten. Mit der besten Absicht versucht man Hunde „müde“ zu laufen: länger, schneller, weiter. Wenn das mal kein Öl ins Feuer ist, und das ist es meistens. Was für jeden Hund individuell passend ist, findet man heraus, wenn man anfängt, seinen Hund zu beobachten. Geht Ihr Hund zum Beispiel nur nach ausdrücklicher und wiederholter Aufforderung mit Ihnen nach draußen, dann kann es sein, dass ihm in der Vergangenheit die Spaziergänge nicht gutgetan haben: körperlich, geistig oder emotional. Macht er in der Mitte der Runde schlapp, lässt er sich zurückfallen, setzt oder legt er sich hin, ist er womöglich überfordert von dem, was war oder noch kommen wird. Und wenn der Hund zu Hause entweder in einen komatösen Tiefschlaf versinkt oder gerade noch mal aufdreht, kann die Belastung zu groß gewesen sein. Behalten Sie Ihren Hund im Auge, er wird es Ihnen zeigen.

Lange Strecken durch Wald und Wiesen sind schön, ohne Frage: Sie erlauben uns, ins Grüne abzutauchen, Natur und frische Luft zu tanken und dabei unseren Körper beweglich zu halten. Auch für den Hund gilt: Regelmäßige Bewegung ist wichtig für Kreislauf, geschmeidige Gelenke, lockere Muskeln, Stoffwechsel und eine ausgewogene Auslastung – wenn das Gelände und die Länge der Strecke den Hundekörper und sein Nervensystem nicht überfordern. An Runden, wo viel motorisierter Verkehr vorhanden ist, viele Begegnungen zu meistern und viele Auslöser zu überwinden sind, ist die Gefahr groß, dass der Hund hier emotional an seine Grenzen gebracht wird. Auch dies zeigt er uns, wenn wir genauer hinschauen. Je nach Hund kann schon die 20-Minuten-Runde im Park vor der Tür ein wahrer Überlebenstrip sein. Es gibt kein Standardmaß, das für jeden Hund passend wäre.

Folgende Signale des Hundes können auf dem Gassigang für eine Überforderung sprechen:

Schnüffeln und Leckerchen suchen eignen sich gut als kleine Auszeit auf dem Spaziergang.


(Foto: K. Lismont)

• Immer hinten laufen
• Sich an bestimmten Stellen zurückfallen lassen
• Übermäßig viel schnüffeln (Zeit gewinnen)
• Sich auffällig viel schütteln, wälzen, zum Kratzen hinsetzen
• Sich hinsetzen, hinlegen und nicht mehr weitergehen

Das sind alles Verhaltensweisen, die uns vielleicht ungeduldig werden lassen, uns aber sehr still und friedlich mitteilen, dass es zu lang, zu schnell, zu viel ist.

Manche Hunde zeigen es uns auch durch „deutlicheres“ Verhalten:
• In die Leine beißen, „hochsprudeln“ in allen Formen
• Aufmerksamkeit und Orientierung am Menschen lassen nach
• Kommunikation und Kooperation werden schwächer oder verschwinden
• Bewegungen und Reaktionen werden schnell und zackig
• Jagdverhalten in den unterschiedlichsten Formen

Erregung – Aufregung – Freude?

Das Jagen (mit Nase, Augen oder Buddeln) kann oftmals ein Indikator dafür sein, dass möglicherweise eine Überforderung oder ein zu hohes Erregungslevel vorliegt. Wenn Ihr Hund anfängt, verbissen nach Mäusen zu buddeln, auf der Suche nach dem nächsten visuellen Auslöser durch die Gegend zu scannen oder wenn er die Nase nicht vom Boden wegbekommt, stimmt gerade etwas nicht. Macht er dies oft oder bei jedem Spaziergang, müsste man schauen, was man in seinem Leben verändern sollte. Wenn der Stresspegel zu hoch ist, fallen Hunde gern auf genetisch programmiertes Verhalten zurück, und dazu gehört das Jagen von Wild, aber auch das Hetzen und Hüten von Autos und sonstigen Fahrzeugen. Es ist immer gut für eine sofortige Genugtuung. Und was sollte diese wiedergutmachen?
Was wir als Hobby betrachten, ist in diesem Moment eine Flucht in ein selbstverstärkendes Verhalten. Wenn Sie hier skeptisch sind, dann empfehle ich Ihnen, mal Buch darüber zu führen, wann und wie oft und an welchem Ort genau Ihr Hund auf diese Art von Verhaltensweisen zurückgreift. Ein zusätzliches Bonusprogramm der Natur ist, dass diese Verhaltenweisen – da genetisch programmiert – selbstbelohnend sind und sich sehr rasch verfestigen und verketten. Das ist der Grund, warum ich einfaches „Mäusebuddeln“ sehr häufig als „Symptom“ für eine gesteigerte Erregung betrachte und nicht als Möglichkeit, einen Hund sich selbst artgerecht beschäftigen zu lassen. Allerdings sollte man sich hier nicht nur auf das konzentrieren, was während dem Gassigehen passiert, sondern das große Bild des ganzen Hundes betrachten.

Was hilft nicht?

Im Grunde genommen ist es nicht so kompliziert. Wenn Hunde leinenreaktiv gegenüber anderen Hunden sind, hilft es nicht, wenn sie täglich mehrmals das unerwünschte Verhalten produzieren oder mit anderen Hunden im Freilauf gelassen werden. Wenn sie „Angst vor dem Leben“ haben, lernen sie nichts Nachhaltiges aus langen, überfordernden Spaziergängen oder wenn sie auf der Gassirunde die Kinder vom Kindergarten mit abholen sollen. Wenn sie draußen schnell oder ständig gereizt sind und darauf sehr körperlich reagieren, helfen keine langen Märsche an der Schleppleine, um sie müde zu laufen.

Die gute Nachricht: Es gibt eine Fülle an Möglichkeiten

Auch wenn es für die erste Zeit des Umlernens erforderlich ist, die Spaziergänge so umzugestalten, dass es für den Hund, sein Nervensystem, seinen Körper und seine Sinnesorgane möglich ist, die Umwelt und die Auslöser bewusst wahrzunehmen und zu bewältigen, so heißt das nicht, dass dies für immer und ewig das Ende sein muss von Ihren einst erträumten Gassirunden. Weit gefehlt! Es gibt so viel Tolles und Abwechslungsreiches zu erleben, auch mit Ihrem besonderen Hund.
Für Hunde, die bereits beim Start vor der eigenen Haustür oder im Wohnviertel auf etliche Probleme mit Auslösern aller Art stoßen, empfehle ich dringend, für eine Übergangszeit diese Streckenabschnitte zu meiden, indem man den Hund ins Auto lädt, ein paar Minuten fährt und eine ruhige überschaubare Strecke findet, an der man recht wenig Auslöser oder die Möglichkeit hat, diese mit ausreichend Zeit und Raum zu bearbeiten. So vermeidet man die täglichen Stressspitzen, wodurch diese negativen Verknüpfungen von Tag zu Tag unweigerlich tiefer gefestigt würden.

Das Thema vor der Haustür würde ich gesondert mit Training bearbeiten und bis dahin die Gassirunde anderswohin verlegen. Wichtig ist, dass auch diese Hunde richtige Qualitätszeit mit ihrem Menschen bekommen und somit ein starkes Vertrauenskonto aufgebaut werden kann. Es sind in der Regel Hunde, mit denen oft und viel Verhaltenstraining gemacht wird, und dies muss im Alltag einen Ausgleich finden. Hierzu sind diverse Suchaufgaben (gut aufgebaut mit Suchobjekten und Spielzeug), einzeln oder kombiniert mit Dreiecks-, Vierecks- oder Fünfecksübungen, eine tolle Möglichkeit. Auch ist das Üben von Basisfähigkeiten (Sitz, Bleib, Umorientierung, Handtarget, Abruf, Einparken, Stopp) mit vielen Spielelementen und Belohnung eine gute Gelegenheit, die Zusammenarbeit zu festigen. Machen Sie dies bitte in Maßen, und schauen Sie, dass Ihr Hund mit Freude dabei ist.
Den Hunden, die mit sehr viel Angst unterwegs oder insgesamt stressanfällig sind, würde ich anfangs nur kurze Strecken zumuten – vielleicht maximal einen Kilometer oder alternativ eine halbe Stunde – und an diesen Strecken oftmals Pausen einlegen. Während dieser Pausen kann man entweder nichts machen und zusammen in Ruhe die Landschaft betrachten, oder man kann zum Beispiel TTouches oder eine sanfte Massage verabreichen, das Fell sanft bürsten, einige Kekse zusammen verspeisen, Leckerchen suchen lassen (in Holzstapeln, in Trockenmauern, im Gras, auf Baumstämmen, auf steilen Böschungen) oder einige sehr leichte Verhalten abfragen, für die er fürstlich belohnt wird. Hier geht es um das Stärken des Selbstvertrauens und des Selbstbewusstseins. Lassen Sie Ihren Hund nicht mit seiner Angst allein, sondern geben Sie ihm die Möglichkeit, seine Befindlichkeit selbst zu beeinflussen. Bauen Sie sich kleine Wohlfühlorte auf, mit denen Ihr Hund Tolles und Anspruchsloses verknüpft und die zu „Sicherheitsstationen“ an Ihrer Runde werden. An diesen Stationen sind Sie sicher, dass Ihr Hund kognitiv mit Ihnen zusammenarbeiten kann, wenn Sie das möchten, und so können Sie diese Fähigkeit immer weiter ausbauen. Eine gute Idee ist es auch, anfangs die Strecke hin- und zurückzulaufen, damit auf dem Hinweg die Reize bereits bearbeitet werden und auf dem Rückweg der Kopf mehr mitarbeiten kann. Mit ängstlichen Hunden würde ich lieber öfter kürzere Spaziergänge machen, damit die Fülle der Impulse sie nicht überfordert und sie Freude am Draußensein finden können. Das Nachhausekommen sollte keiner Flucht ins Sichere ähneln. Versuchen Sie nicht, von Ecke zu Ecke zu huschen, denn damit steigen Sie in typisches Angstverhalten ab. Schauen Sie, dass Ihr Hund aufgerichtet, geerdet und engagiert in kurzen Sequenzen mit Ihnen etwas unternehmen kann
Ziemlich ähnlich würde ich die Spaziergänge für die Hunde gestalten, die sehr gereizt und laut auf Wahrnehmungen aller Art reagieren. Auch hier fände ich es wichtig, die Runden erst einmal kurz zu halten und dort zu laufen, wo keine Reizüberflutung stattfindet. Eine ruhige Wiesenecke oder ein Feldweg am Waldrand (wenn nicht gerade das Jagdfieber das Thema ist) bieten eine prima Umgebung, um ihn wechseln zu lassen zwischen ruhigen und einfachen „Aufgaben“ zusammen mit Ihnen und um „Hund zu sein“. Ich würde Ausschau halten nach einem Gelände, das mit Sträuchern, Mauern, Bäumen, Holzstämmen, Häuschen, Hütten, Steinhaufen, Bänken und vielem mehr ausgestattet ist. Auch mit diesen Hunden würde ich in Stationen vorgehen und darauf achten, dass die Leine möglichst locker durchhängt.
Für impulsive schnelllebige Hunde würde ich eine Leine wählen, die höchstens 10 Meter lang ist, und wenn sie sich gemäßigt bewegen, können sie auch diesen 10-Meter-Radius haben. Ist das nicht der Fall, würde ich die Leine auf 5 Meter kürzen, um erst einmal mehr Ruhe in die Bewegungsabläufe zu bringen.
Weder Ihr Hund noch Sie haben etwas davon, wenn er unentwegt mit voller Kraft in das Ende der Leine rennt. Wenn es möglich ist und er sich kurz konzentrieren kann, würde ich ihm anfangs leichte Suchaufgaben geben: Leckerchen von verschiedenen Untergründen aufsammeln. Zwischendurch kleine Fokussierungsaufgaben, bei denen er etwas mehr Stille in seinen Kopf bekommen kann. Ich lasse ihn mental zwischen zwei einfachen Verhalten „pendeln“, zum Beispiel: mich kurz anschauen und dann wieder Futter suchen. Ich streue schon lange keine vollen Hände Futter mehr aus, denn oftmals habe ich das Gefühl, dass hierbei die Aufmerksamkeit nur in eine Richtung geht. Ich lege bewusst und langsam zwei bis drei Bröckchen auf den Boden, lasse diese finden, warte auf eine Kontaktaufnahme und lege dafür wieder zwei bis drei Bröckchen aus. Warum Futter auf dem Boden? Weil auf diese Art und Weise das Scannen nach Reizen unterbrochen werden kann, der Hund eine ruhigere Haltung einnehmen und Futter suchen kann. Während er den Kopf tief hält, kann und soll er zwar weiter die Umgebung checken, aber nicht dauerhaft scannen oder starren.

Ideal ist eine Umgebung, die Abwechslung zwischen ruhigem Laufen und kleinen Aufgaben ermöglicht.


(Foto: K. Lismont)

Ich versuche immer die Verhaltensmuster, die mit einem bestimmten Problemverhalten einhergehen, von anderen Mustern abzulösen und diese für den Hund genauso verstärkend zu machen. Gerade den schnellen Hunden empfehle ich gern auch einige Turnaufgaben, wie die Natur sie bietet: das langsame Balancieren auf Baumstämmen, behutsam Cavalettilaufen durch Äste auf dem Boden, Leckerchen suchen auf wackligem Untergrund, zwischen Baumstämmen pendeln lassen, sich langsam hinsetzen und wieder aufstehen, langsam hinunterklettern, das Suchen von Leckerchen an steilen Böschungen oder hoch in der Baumrinde. Dies trägt dazu bei, dass sich diese Hunde besser erden können und Körper und Kopf zur gleichen Zeit bewusst einsetzen. Das macht ruhig, besonnen und stark. Hunde, die aufgrund ihrer Reizbarkeit nicht so aufmerksam mit ihrer Person unterwegs sind, werden dadurch engagierter und beteiligen sich immer leichter.
Nun leben Sie ja mit Ihrem Hund nicht in einer Seifenblase. Für alle besonderen Hunde auf dem Spaziergang gilt: Sollte doch mal etwas an der Runde auftauchen, mit dem Ihr Hund (noch) nicht gut klarkommt, dann nehmen Sie sich die Zeit, diesen Auslöser zu bewältigen. Versuchen Sie bitte nicht (mehr), die Flucht zu ergreifen: Sie können etwas Distanz gewinnen und von dort aus lassen Sie sich Ihren Hund an lockerer Leine mit dem Auslöser auseinandersetzen. Drängen Sie ihn weder hin noch zerren Sie ihn panikartig davon weg. Sie können ihm zwischendurch – nach ruhigem, gelassenem Verhalten – immer wieder ein Futterstückchen auf den Boden legen. Achten Sie darauf, dass Sie ihm keine vollen Hände ausstreuen, damit er „abtauchen“ kann, und auch darauf, dass Sie ihm kein Futter zum Suchen geben, nachdem er schon hektisch reagiert hat. Fragen Sie in dem Fall lieber ein Verhalten ab, das er sehr gut kann, und nehmen ihn danach zur Belohnung etwas weiter vom Auslöser weg. Da können Sie dann das mentale Pendelspiel wieder anbieten.

Achten Sie auf ein gut sitzendes Brustgeschirr.


(Foto: shutterstock/ SJ Allen)

Dies bedeutet, dass Sie pro Spaziergang immer eine Viertelstunde Puffer einplanen, sodass Sie keine Situation ruckartig abbrechen müssen, um nach Hause oder zum Auto zu fliehen. Nehmen Sie sich die Zeit und helfen Sie ihm, im Moment selbst die Situation bewusst zu bewältigen, jeden Tag ein Stückchen besser.
So gehe ich auch an Stellen vor, wo vielleicht in der Vergangenheit einmal etwas Aufregendes geschehen ist: eine plötzlich auftauchende Hundebegegnung an einer Kreuzung oder ein Hase, der kurz vor unseren Füßen aufgesprungen ist. Sobald ich merke, dass die Erregung steigt und das Tempo mich „übernimmt“, halten wir inne, und wir pendeln mental zwischen der Umgebung und mir in ruhigen, langsamen Bewegungen, tief ein- und ausatmend. So bekommen die Hunde die Möglichkeit, die Umgebung abzuchecken und für eine kurze Kontaktaufnahme etwas vom Boden zu sammeln.
Mit diesen wenigen Möglichkeiten, die Sie jedoch beliebig variieren und kombinieren können, werden Ihre Spaziergänge zu ihrem wertvollsten Trainingsinstrument, das ansonsten eventuell unbenutzt liegen gelassen wird. Schade wäre es drum. Ich wünsche viel Freude und Freundschaft unterwegs. Ich liste gern noch mal einige allgemeine Tipps für ein gelungenes Gassi auf:
• Achten Sie darauf, dass Ihr Hund ein gut sitzendes Geschirr trägt. Geschirre, die nicht gut passen, können scheuern, schneiden oder verrutschen. Dies beeinflusst das Gangbild Ihres Hundes, und es gibt keine Gelegenheit, bei denen Ihr Hund länger am Stück läuft als auf Ihrem Spaziergang.
• Nehmen Sie eine Leine, die mindestens 3 Meter lang ist, idealerweise 5 Meter (wenn Sie nur einen Hund ausführen), und maximal 10 Meter, wenn er noch nicht abgeleint werden kann. Eine 20-Meter-Leine ersetzt in meinen Augen keinen Freilauf.
• Das Laufen an lockerer Leine tut beiden Körpern gut, wenn man zusammen unterwegs ist. Achten Sie auf Ihr Leinenhandling.
• Freilauf ist ein wichtiges Element im Leben Ihres Hundes, zumindest an überschaubaren Strecken. Üben Sie autonome Aufmerksamkeit und Abruf, sodass Sie Ihrem Hund regelmäßig oder streckenweise Freilauf bieten können.

• Wenn Sie mit Ihrem Hund erst mal eine kurze Strecke Auto fahren müssen: Bringen Sie ihm das Ein- und Aussteigen im Voraus bei, sodass dies nicht bei jedem Spaziergang zum Problem wird.
• Rüsten Sie sich mit guten Leckerchen aus, und ziehen Sie diese Menge mehr oder weniger vom Futter ab. Setzen Sie die Leckerchen bewusst ein, für kleine und leichte, auch für große Leistungen, aber nicht einfach nur so.
• Üben Sie leichtes Basiskönnen mit Ihrem Hund, sodass Sie mit ihm kommunizieren können, falls sich eine „Situation“ ereignet.
• Bieten Sie öfter mal abwechslungsreiche und gern auch mal aufregende Such- und Spielaufgaben, sodass sich Ihr Hund mal „verlieren“ kann. Wichtig ist, dass Sie dies nicht sofort am Anfang oder direkt vor Ende des Spaziergangs machen. So ist er locker gelaufen, bevor Sie damit anfangen, und er kann sich wieder beruhigen, bevor Sie mit ihm ins Haus zurückkehren.
• Suchen Sie das passende Gelände: Für jagende Hunde mögen der Wald und hohe Maisfelder nicht ideal sein. Für Hunde, die visuell leicht gereizt werden, wählen Sie besser keine offene flache Landschaft, und für ängstliche Hunde ist es auch besser, viele anreichernde Elemente zu haben. Wenn Sie feststellen, dass die Spaziergänge ruhiger werden, können Sie eine zweite und danach eine dritte Runde aufbauen. So arbeiten Sie sich langsam, aber sicher zur Ihrem „Wunschspaziergang “ vor.
• Auch wenn diese „wohlbehüteten Strecken“ für Sie und Ihren Hund eine Wohltat sind, denken Sie daran, dass da draußen das „Leben“ stattfindet und dass Sie sich auch mal aus Ihrer Komfortzone wegbewegen müssen, wenn Sie weiterkommen wollen.
• Bauen Sie ein tolles Such- und Spielobjekt mit Ihrem Hund auf, damit können Sie immer wieder abwechslungsreiche Aufgaben oder Belohnungsmöglichkeiten bieten.

KATRIEN LISMONT…

…ist Inhaberin der Hundeschule DOGood in Bretzfeld bei Heilbronn. Sie ist Tellington TTouch Practitioner, zertifizierte BAT Instruktorin und Cumcane® Trainerin. In ihrer Hundeschule kombiniert sie das Markertraining mit Elementen aus anderen Methoden und einer ganzheitlichen Begleitung des Mensch-Hund-Teams. Ihr erstes Buch „Hund trifft Hund“ ist im Cadmos Verlag erschienen, ihr zweites Buch „Ums Eck gedacht“ im Kynos Verlag.

Weitere Infos: www.dogood.de