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Gebaute Vision


Atrium - epaper ⋅ Ausgabe 4/2019 vom 19.06.2019

Der ArchitektAlexander Diem hat für eine Familie ein Haus entworfen, das private Rückzugsmöglichkeiten mit offenen Gemeinschaftsräumen verbindet.


Artikelbild für den Artikel "Gebaute Vision" aus der Ausgabe 4/2019 von Atrium. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Atrium, Ausgabe 4/2019

In Aussehen und Materialisierung lehnt sich der Entwurf von Alexander Diem an den Vorgängerbau aus den 1970er-Jahren an.


Die rosarote Skulptur von Franz West ist eine Art Willkommensgruss. Sie widerspiegelt auch die Lebensfreude der Bewohner.


Die grosszügige und helle Halle mit Wohn-, Ess- und Kochbereich bildet das Zentrum des Familien-lebens. Die grosse Stehleuchte ist von Franz West.


Vom Mezzanin aus geniessen die Bewohner wie von einem Ozeandampfer aus die ...

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... Sicht auf den zentralen Wohnraum.


Das Leuchtenkonzept und die Einbauten stammenvon Konrad Friedel, die Küche ist von Felix Muhrhofer.


Die Stimmung im «Beachhouse am Weinberg» ist eine schöne Mischung von mediterran und wienerisch.


Die bekannten Stühle des österreichischen Architekten Roland Rainer aus dem Jahr 1952 schaffen eine Spur Wiener Kaffeehausatmosphäre.


In der Vitrine im Mezzanin-geschoss befindet sich eine riesige Sammlung von Sardinenbüchsen. Die Leuchte ist ebenfalls von Konrad Friedel gestaltet.


Wir haben da so eine Skulptur», hiess es. Dass dieses überdimensionale Objekt später das Herzstück und das Scharnier der Villa am Rande von Wien bilden würde, konnte sich der Architekt Alexander Diem damals nicht ausmalen. Gleich zu Beginn stimmte aber die Chemie zwischen ihm und den Bauherren. Die bunt gemischte Patchwork-Familie versprühte eine Offenheit und Lebensfreude, die sich auch in der Franz-West-Skulptur widerspiegelt: eine Art rosaroter Obelisk, den man durchaus als explizit betiteln müsste. Der Bauherr hatte einen Teil seiner Kindheit im Vorgängerbau verbracht. Die Bausubstanz des Hauses aus den 1970er-Jahren war allerdings so marode, dass man es nicht retten konnte.

So entschieden sich die Bauherren schweren Herzens für einen Neubau, wobei der Geist des alten Gebäudes bewahrt werden sollte. Seine Bauweise in weissem Holz und die maritime Anmutung fanden im Briefing an den Architekten Niederschlag: Es sollte ein Haus entstehen, das Urlaubsgefühle vermittle, ein Gebäude, das so aussehe, als stünde es an einem Strand des Atlantiks. Das Motto stand somit fest: Beachhouse am Weinberg. Also nach vorne Meer und nach hinten ländliche Idylle. Doch noch wichtiger als diese groben Eckdaten war die Bereitschaft der Familie, sich gemeinsam mit dem Architekten auf einen Prozess einzulassen, denn die Bauaufgabe war durchaus komplex. Das Haus sei ein gebautes Experiment, sagt Alexander Diem. Es ist ein eigenständiges Bauwerk, dessen Ausdruck zwischen klassisch und verspielt, zwischen Geschichte und Zukunft, zwischen Ortsbezug und Fernweh changiert.

Männliche und weibliche Formen

Besonders ins Auge sticht die vordere Fassade mit ihrem weissen Kleid aus Stahl, das trotz der 22 Tonnen Material leicht und zart daherkommt. Die Rundungen umspielen das Haus elegant und schaffen eine aparte Optik. Sie seien quasi der weibliche Gegenpart zur phallischen Skulptur im Innern des Hauses, so Diem. Dieses Element ist allerdings nicht bloss Ornament, denn es bietet zum einen Sichtschutz, zum anderen ist die Stahlkonstruktion auch begehbar. Sie bildet eine Art Treppe, die zum Dachgarten führt.

Trotz dieses fliessenden und bewegten Äusseren besitzt der Bau eine klare Struktur. Zwei Baukörper werden durch den einen mittleren Punkt miteinander verbunden. Dort befindet sich auch der Eingang, wo Besucher quasi als Willkommensgruss der Skulptur von Franz West begegnen. Der gesprenkelte Boden im Empfangsbereich setzt sich ab von der dunkelblauen Beschichtung in der grossen offenen Halle, die das Zentrum des einen Hausteils bildet. Hier trifft sich die Familie zum gemeinsamen Essen, Kochen oder Verweilen, hier feiert man mit Freunden und Bekannten Feste – die auch in den grosszügigen Garten mitsamt Schwimmbecken ausfransen können.

Eine Treppe führt in eine obere Galerie, von der aus man einen schönen Blick auf die grosszügigen Räumlichkeiten geniesst. Die Sammlung von Sardinenbüchsen in der Vitrine veranschaulicht die Leidenschaft für den Atlantik, die Hausherr und Hausdame teilen. Die offene Galerie, der blaue Boden und die Wohnküche mit den weissen Leuchten und dem markanten Dampfabzug (das Leuchtenkonzept und die Einbauten stammen übrigens von Konrad Friedel, die Küche selbst von Felix Muhrhofer): Alles erinnert an einen Ozeandampfer, nur dass dieses Schiff halt stationär ist. Zu Bewegung animiert dafür die Raumaufteilung, die zu Rundgängen im eigenen Geviert einlädt – das gilt auch für die Blickachsen und Öffnungen. So besitzt das Elternschlafzimmer ein Fenster zum Eingangsbereich – damit Kapitän und Kapitänin auch wissen, wann ihre Mannschaft wieder komplett ist. Und vom Masterbad aus hat man einen wunderschönen Blick auf Wien.

Pluralistische Architektur

Häuser übersteigen manchmal ihre primäre Funktion als Wohnstätten, denn dieses hier ist ein gebautes Manifest. Nicht nur, was die lebensfrohe und offene Haltung ihrer Bewoh ner und Bewohnerinnen betrifft. Auch für Alexander Diem hat Architektur eine erweiterte Funktion. Mit Häusern verbindet er auch Szenarien, die Lösungen darstellen. Lösungen, die es brauche in einer Zeit der Krise, die kaum Halt bietet. Hier holt der engagierte Architekt weit aus und erläutert sein Modell unterschiedlicher Szenarien. Er schildert die aktuelle Krise der Architektur als Resultat einer Entwicklung. Die Modernisten hätten zwar Visionen gehabt, aber vieles ausgeblendet. Die Postmoderne hat diese Visionen dann dekonstruiert. Auch wenn diese Epochen wichtig gewesen seien, wie Alex Diem betont, hätten sich diese Strömungen gegenseitig totgelaufen. Was zurückbleibt, ist eine Kränkung der Architekten, diagnostiziert Alex Diem. Die deswegen nichts mehr wagen würden.

Wichtig war dem Architekten Alexander Diem trotz der Grösse des Hauses, kurze Wege innerhalb der verschiedenen Bereich zu gewährleisten.


Der Entwurf von Alexander Diem steht auch paradigmatisch für eine pluralistische Sicht auf Architektur.


Die Phallus-Skulptur von Franz West steht als Dreh- und Angelpunkt in der zentralen Halle, welche die beiden Hausteile miteinander verbindet.


Rundungen und Ecken halten sich die Waage und tragen zum abwechslungsreichen Erscheinungsbild des Baus bei.


Diesem Schockzustand möchte er seine Vision einer pluralistischen Architektur entgegenhalten. Eine Architektur, die nicht zwingend auf Utopien setzt, sondern auch Fehler zulässt. Eine, die eben «mis-takes» machen dürfe, «kontrollierte Fehlgriffe», so der Architekt. Solche Szenarien, an denen er zurzeit gerade «schnitzt» (wie er es ausdrückt), sind natürlich komplex, doch bei aller Theorie geht es für Diem gerade heute wieder um eine einfache Frage: Wo bin ich Mensch? Dazu gehört für ihn auch freies Denken und Experimentieren. Erst das könne Baukultur erzeugen. Und eine Architektur, die sich weiter entwickelt und nicht stehen bleibt. Die Bauherren des «Beachhouse am Weinberg» seien starke Mitstreiter gewesen im Entwickeln eines passenden Szenarios. Gerade bei diesem Haus sind Kunst und Kultur Teil einer grösseren Webarbeit, die eben auch anderweitig Lösungen bereitstellen könne, ist Diem überzeugt. Solche Prozesse sind zeitaufwendig, insgesamt dauerten Planung und Bauzeit fast drei Jahre. Doch der Aufwand hat sich gelohnt, wie das Resultat zeigt.

Die äussere Stahlschicht dient auch als Treppe hinauf zum Dachgarten. Die Fassade besteht aus vorgebogenem Holz.


Häuser übersteigen manchmal ihre primäre Funktion als Wohnstätte, denn dieses hier ist ein gebautes Manifest.


ALEXANDER DIEM, Architekt Wien

Alexander Diem studierte Architektur an der Universität für angewandte Kunst Wien in der Klasse Hollein. Danach arbeitete Diem im Büro des Wiener Architekten Gregor Eichinger sowie für Caramel Architekten. Seit 2011 leitet Alexander Diem sein eigenes Architekturbüro. Der Schwerpunkt des Studios liegt beim Thema Baukultur. Weg von einer absoluten Subjektivität fokussiert Diem auf das Ausmachen und Finden gemeinsamer Bedürfnisse, Schwerpunkte und Themen.

Alexander Diem studierte Architektur an der Universität für angewandte Kunst Wien in der Klasse Hollein. Danach arbeitete Diem im Büro des Wiener Architekten Gregor Eichinger sowie für Caramel Architekten. Seit 2011 leitet Alexander Diem sein eigenes Architekturbüro. Der Schwerpunkt des Studios liegt beim Thema Baukultur. Weg von einer absoluten Subjektivität fokussiert Diem auf das Ausmachen und Finden gemeinsamer Bedürfnisse, Schwerpunkte und Themen.


Fotos: Katharina Gossow