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Geburtskanal-Blues


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Das Satiremagazin EULENSPIEGEL - epaper ⋅ Ausgabe 3/2022 vom 24.02.2022

Gerade hatte ich erwartungsfroh den Muttermund passiert, als ich den Totenkopfring ertastete. Zuerst dachte ich, ich komme ungünstigerweise in einem SS-Hospital des Lebensborn zur Welt, doch dies war eine Fehleinschätzung. Meine Hebamme, genauer ein Hebammerich – seit 1985 dürfen in Deutschland auch Männer den Dienst am Uterus versehen – war vielmehr ein Rocker. Mit schon damals wieselflinken Fingern zog ich begierig den klobigen Ring von der nach mir tastenden Pranke, um ihn in einer meiner Halsfalten zu verbergen, die praktischerweise seit ehedem zur Babyausstattung gehören. Doch sowie ich das Licht der Welt in Form zweier Leuchtstoffröhren erblickte, bekam ich einen strafenden Klaps, und der Ring wurde mir wieder abgenommen. »Mein Schatz, mein Schaaatz!«, schrie es in mir.

Ich weinte bitterlich, auch weil ich mit den stummeligen Babyärmchen nicht an die funkelnden Ohrringe der diensthabenden ...

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Bildquelle: Das Satiremagazin EULENSPIEGEL, Ausgabe 3/2022

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... Ärztin zu gelangen vermochte.

Freitagfrüh sitze ich mit Pepe – nach Ende der Schulzeit vor bald zwanzig Jahren sind wir zwei irgendwie aneinander hängengeblieben – beim Frühschoppen in »Alibaba’ß Imbiß Himmel«. »Kannst du mir was pumpen? Die Sanierungskosten, ich ...« »Wenn du mir das, was du mir zuletzt geklaut hast, also meine Socken, den Führerschein und meine Herztabletten, zurückgibst, bin ich willens, dir zwanzig Euro auszuhändigen«, muss ich mir von meinem besten Freund anhören.

»Meinetwegen, ich benötige dann noch zwanzigtausend.«

»Hab ich nicht.« Natürlich nicht. Zuletzt hatte Pepe regelmäßige Einkünfte, als er die Hamburg-Mannheimer erpresste, für deren Mitarbeiterpartys er als Fahrer eines Großraumbusses im Akkord weibliche »Servicekräfte« herankutschierte.

»Klau dir das Geld doch«, rät er mir frech. »Freundchen, du weißt längst, wie das mit meiner Erkrankung ist. Kleptomanen stehlen niemals Dinge, die ihrer Bereicherung dienen.« »Da frage ich lieber nicht, wie du dein Haus bislang finanziert hast«, kommt er mir auf die Spitzfindige. »Und unsere Schulbrote damals, die hast du dir ja auch einverleibt, oder?« »Besser, als sie wegzuwerfen.« »Noch zwei von den Schultheiss-Ayran-Cocktails, aber ratzfatz!«, ruft Pepe zu Ali hinüber, einem ehemaligen, mittlerweile bedenklich klapprigen Kickbox-Meister.

»Gehen wie immer aufs Haus«, erwidert dieser säuerlich. Pepe erpresst Alibaba, indem er droht, rumzuerzählen, dass dieser nach Feierabend heimlich Bügelperlenblümchen anfertigt.

Sorgenvoll gehe ich später in ein 24/7-Lädchen einkaufen; keine Macht der Welt kann mich daran hindern, dass ich dort klaue wie ein Rabe. Mein kleiner Spleen ist von der Weltgesundheitsorganisation längst als pathologisch anerkannt, dennoch schäme ich mich, als ich einem Mädchen ihr Schuljahreszeugnis aus dem Ranzen ziehe und einer Rentnerin die grobe Leberwurst aus dem Strumpfhosenbund (die sie freilich selbst gerade stibitzt hat), weil ich wie so oft ziellos und rein impulsgesteuert stehle. Ein Mann bemerkt, dass ich ihm das Zweithaar von der Glatze fische, doch er kann mich mit seinen Krücken nicht einholen. Das Zeugnis schmeiße ich vorm Geschäft in den Müll (die Noten sind ohnehin nicht gut), während ich die Wurst hinunterschlinge; die erworbene Perücke behalte ich vorerst am Mann.

Da sehe ich den alten Kioskbesitzer in seinem Verschlag, gemächlich zählt er die Tageseinnahmen. Er kommt mir irgendwie bekannt vor.

Ob nun Diebstahl oder Raub, die Grenzen sind ohnehin fließend. Ich denke auch keine Sekunde – das wäre nicht kleptomaniegemäß; ich möchte noch mal betonen, dass es sich um eine ernstzunehmende Erkrankung handelt – an die Finanzierung der Dachschindeln, als ich dem Mann spornstreichs die Perücke übers Gesicht stülpe und ihm sein Bündel Scheinchen entreiße.

»Dich mach ich tot, Hundsfott!«, brüllt er, und bevor ich enteile, gelingt es ihm noch, obschon es um ihn finstere Nacht ist, mir mehrere Schwinger an den Kopf zu versetzen.

Zurück daheim trifft mich der nächste, als ich vor dem Spiegel stehe. Dieser hinterhältige Mensch trägt einen Ring, wie an einem sich deutlich abzeichnenden Abdruck auf meiner Stirn zu ersehen. Ich würge vor Unglaube beinahe die Leberwurst hoch, als ich den unnachahmlich grinsenden Totenschädel wiedererkenne, während zugleich Engelsposaunen zwischen meinen Ohren erschallen. »Mein Schatz, mein Schaaatz«, frohlocke ich. – Der gewalttätige Kioskmann kann niemand Geringeres sein als mein Hebammerich.

Pepe bringt mir abends Jod und Heilsalbe. Er ist und bleibt der König der Recherche. »Also, dein Mann, er heißt Saubohn, ist Vizepräsident eines berüchtigten Motorradclubs, hat vierunddreißig Jahre als Hebamme gearbeitet, wurde aber schließlich fristlos entlassen. Er soll die Mütter im Kreißsaal all die Jahre bestohlen haben, vorrangig Intimschmuck, darunter unersetzliche Preziosen. Er war zwei Jahre im Bau, dann hat er den Kiosk eröffnet.«

Tags darauf stehe ich gleich nach Kiosköffnung vor dem alten Zausel. »Die ›Wild und Hund‹, bitte«, sage ich, schließlich bin ich auf der Jagd. Obschon er bei unserem letzten Zusammentreffen sichtbehindert war, habe ich mich vorsorglich mit einer bis halb über die Augen gezogenen Trappermütze und elf künstlichen Leberflecken maskiert. In dem Moment, wo er mir das Wechselgeld aushändigen will, kralle ich mir, wie eine tödliche Muräne das Bein eines Tauchanfängers, seine schorfige Hand und versuche mit aller Kraft, ihm dem Ring vom feisten Finger abzuziehen. Doch vergeblich – er ist von dessen Fleisch regelrecht ummantelt. Als ich mich hektisch aus taktischen Erwägungen zurückziehen will, um eine jeden Wurstfinger überwindende Stichsäge zu holen, laufe ich in die geballte Faust eines vorm Kiosk Dosenbier trinkenden, in königlich purpurnes Leder gewandeten Mannes.

»Darf ich vorstellen? Der Präsident des ›Bastards of Bad Bederkesa MC‹«, sagt Saubohn triumphierend, während ich mich wund im Rinnstein winde. Der Rockerkönig schickt sich an, mir mit den Sporen an seinen Motorradstiefeln einen Scheitel zu ziehen, da entfährt es mir in höchster Not: »Ich will doch nur den Ring, meinen Schatz, meinen Schaaatz! Dieser Mann hat schändlich meine tote Mama untenrum bestohlen. Will meinen, als sie im Kreißsaal noch lebte. Bevor sie in ihrem Kampfjet auf der Blumeninsel Mainau verglühte.«

Da hält der Mann – es soll sich herausstellen, dass er auch eine geliebte, tote Mama hat, Hobbypilot und zudem großer Blumenfreund ist – inne ...

Nachdem ich ihm von Saubohns Untaten berichtet habe, hebt er mich voller Anteilnahme empor, reibt mir mit einem Öllappen den Streusplitt aus den Wunden.

»Dachte, du wärst wegen Plutonium-Vertickens im Knast gewesen«, zischt er in tödlicher Verachtung Saubohn zu, der sich feige hinter Capri- Sonne-Kartons wegduckt. Der MC – sie handeln mit Crack, Prostituierten und Waffen – schmeißt ihn nach diesen Enthüllungen achtkantig wegen »unziemlichen Verhaltens« raus. Sie überreichen mir, zur posthumen Wiedergutmachung an meiner so hinterhältig bestohlenen Mama, in einer rührenden Zeremonie im clubeigenen Eros-Center meinen Ring (der Rockerkönig hält ihn die ganze Zeit für Mutters entwendeten Intimschmuck), der natürlich vorweg mittels eines Bolzenschneiders, ohne das gute Stück zu beschädigen, Saubohn entfernt wurde. Die Kleptomanie – eine große Last für alle von dieser schwerwiegenden Erkrankung Betroffenen – ist seitdem wie weggeblasen. Ein fatales Geburtstrauma ist bezwungen, wie nachzulesen auch bei Freud und in »Dr. Stefan Frank – Der Arzt, dem die Frauen vertrauen«.

Selbstverständlich klaue ich auch fortan, aber nicht zwanghaft, sondern weil ich es will. Und dies endlich einträglich zweckgerichtet, womit der Sanierung meines Häuschens nichts mehr im Wege steht; Pepe darf bei mir im Waschkeller wohnen und seine nächsten Coups planen. Mitglieder des »Bastards of Bad Bederkesa MC« sind wir dann aber doch nicht geworden, denn mit solchen Halunken wollen wir nichts zu tun haben.

GREGOR OLM