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Geduldsspiel ERZIEHUNG


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familie & co - epaper ⋅ Ausgabe 11/2022 vom 03.11.2022

Li nas Mutter schaut ins Wohnzimmer und schnappt kurz nach Luft. Vor gerade mal fünf Minuten ist sie zum Supermarkt losgegangen, da saß ihre Tochter noch im Kinderzimmer, scheinbar versunken in ihre Hausaufgaben. Nun thront die Neunjährige auf dem Sofa, eine Tüte Gummibärchen in der einen, die Fernbedienung in der anderen Hand – und sieht ebenfalls ziemlich überrascht aus. Dass ihre Mutter das Geld vergessen und wieder umkehren würde, hatte sie offenbar nicht erwartet. Eine Szene, wie sie wohl alle Väter und Mütter häufiger erleben: Kinder nutzen kleine Freiräume, um Grenzen zu übertreten, die zuvor klar vereinbart wurden. Manchmal, um einfach Spaß zu haben, manchmal aus Neugier oder purer Lust am Verbotenen. Es sind Momente, in denen Eltern klar vor Augen steht, dass kein Kind sich vollkommen kontrollieren lässt, egal, wie viele Regeln sie aufstellen. Doch wie umgehen mit solchen Situationen?

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Welche Antwort braucht mein Kind?

„Nicht wenige Eltern kennen es noch aus ihrer eigenen Kindheit: Wer etwas anstellt, erlebt ein ,Donnerwetter‘ und wird mit Strafen bedroht, selbstverständlich bei erhöhtem Erregungspegel. Das sind furchtbare Methoden“, sagt die prominente Familien- und Erziehungsberaterin Eva Kessler. Sie ist überzeugt, dass derlei nichts bringt, sondern Kinder sogar dabei behindert, dazuzulernen. Die Expertin betrachtet Grenzüberschreitungen grundsätzlich als indirekten Kommunikationsversuch des Kindes: „Dabei kann es z. B. darum gehen, wahrgenommen oder geschätzt zu werden, vielleicht sucht das Kind auch nach mehr Sicherheit. Im Grunde ist jede Grenzüberschreitung eine Frage, die das Kind an seine Eltern stellt.“

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Verständnis zeigen:„Eltern müssen verstehen, dass diese Medien auf Kinder einen Sog auswirken, dem sie sich kaum entziehen können“, sagt Expertin Eva Kessler. Bei unter Neunjährigen empfiehlt sie deshalb, mit Codes und Sperren zu arbeiten, um die Versuchung zu reduzieren. Im Gespräch können Eltern mit ihrem Kind klären, welche Art der Mediennutzung ihm besonders wichtig ist, um mit Gleichaltrigen mitzuhalten und auf dem Laufenden zu bleiben.

Angebote machen:Meist brechen Konflikte aus, wenn der „Moment des Abschaltens“ gekommen ist. „Kinder empfinden den Umgang mit diesen Medien oft als sehr erfüllend. Wird das Gerät abgeschaltet, hat ihr Gehirn plötzlich nichts mehr zu tun. Mit diesem Wechsel kommen Heranwachsende deutlich schlechter zurecht als Erwachsene, sie fühlen sich leer und gefrustet“, erklärt Eva Kessler. IhrTipp:Mit starken Reizen gegensteuern! Ein Spaßkämpfchen, heftiges Durchkitzeln oder ein Bewegungsspiel im Garten lassen das „Medienloch“ schnell vergessen – und tun auch Mama und Papa gut!

Eva Kesslers Tipp: „Versuchen Sie, die Frage zu enträtseln und antworten Sie ganz gelassen, wie ein gemütlicher Bär. So wirken Sie souverän und werden von Ihrem Kind viel besser gehört.“ Im Falle der kleine Lina könne die Mutter z.B. mit einem kleinen Lächeln sagen: „So, da habe ich dich ja ganz schön ertappt, jetzt hast du bestimmt einen Schreck gekriegt. Wenn ich noch mal zurückkomme, will ich dich nur noch bei den Hausaufgaben erwischen!“ Mit ihrer Reaktion gibt die Mutter die „Antwort“, dass die vereinbarten Regeln gelten und auch konsequent durchgesetzt werden, ohne das Kind dabei herabzuwürdigen oder zu verurteilen.

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Kinder denken nicht „moralisch“

Doch ist diese Taktik auch auf Dauer wirksam? Geht es wirklich ohne Schimpfen? „Eltern sollten nie vergessen, dass Kinder Grenzen ja nicht übertreten, weil sie ,böse‘ sind“, so die Familienberaterin. Tatsächlich seien Kindern unter 12 Jahren noch gar nicht dazu fähig, eine Situation aus einem moralischen Blickwinkel heraus anzugehen: „Zwar kennen sie ,gut‘ und ,böse‘, zum Beispiel aus dem Märchen. Doch diese moralischen Botschaften sind zunächst nur Bilder, die sie abspeichern – und nichts, was sie eben mal so auf das eigene Leben übertragen können“, sagt Eva Kessler. Lautes Zurechtweisen belaste nur das Eltern-Kind-Verhältnis, mache vor diesem Hintergrund aber schlicht keinen Sinn.

Auch beim zur „Rede stellen“, sollten Eltern es nicht übertreiben. Aus dem Gedanken heraus, es sei besonders wichtig, dass ihr Kind ehrlich zugibt, was es angestellt hat, fordern sie oft hartnäckig ein „Geständnis“ – und stellen fest, dass genau das nicht klappt: Selbst mit Kekskrümeln im Mundwinkel bestreitet der Siebenjährige, die Packung leergenascht zu haben, und ist absolut nicht bereit, davon abzuweichen. Ein „verstocktes Verhalten“, das es aufzubrechen gilt? „Nein“, sagt Eva Kessler: „Um solche Verfehlungen zuzugeben, fehlt gerade jüngeren Kindern noch die Ich-Stärke. Oft ist der Wunsch, es ,nicht gewesen zu sein‘, so groß, dass sie die Wahrheit selbst nicht mehr genau kennen.“

Sie rät Eltern stattdessen zu Geduld und einem langen Atem: „Dass Kinder noch nicht gelernt haben, Verlockungen zu widerstehen, ist doch ganz normal. Sie sind unperfekt und können vieles aufgrund ihres Entwicklungsstandes noch gar nicht leisten. Sie brauchen Zeit, Dinge zu lernen. Sie dürfen jeden Fehler machen, auch mehrmals hintereinander.“ Natürlich dürfen und sollen Eltern ihrem Nachwuchs immer wieder sagen, dass Klauen oder Lügen kein richtiges und gewinnbringendes Verhalten ist. Dabei laut oder unfreundlich zu werden, bringt jedoch nichts. Viel wichtiger ist es, bestimmte Werte konsequent zu vertreten – und natürlich vor allem: selbst vorzuleben.

„Blödeste Mama aller Zeiten!“

Dabei sollte klar sein: Auch wenn Eltern es nicht auf Konflikte anlegen, müssen sie immer wieder Entscheidungen durchsetzen, die ihrem Nachwuchs überhaupt nicht gefallen. „Wenn ich mein Kind, das gerade draußen spielt und dabei Spaß hat, zum Abendessen hereinrufe, löst das erst einmal Frust aus. Womöglich bin ich dann die ,blödeste Mama aller Zeiten‘“, sagt Eva Kessler. Sie appelliert an Väter und Mütter, dies auszuhalten und daraus keinen persönlichen Machtkampf werden zu lassen: „Kinder haben das Recht, frustriert zu sein und ihre Gefühle auch zu zeigen. Statt darauf einzusteigen, kann man solchen Situationen spielerisch die Spitze nehmen.“

„Alle anderen dürfen das!“

… so lautet ein beliebtes Argument, wenn Kinder Mama oder Papa zu etwas überreden wollen. So bringen Eltern das Gespräch auf eine produktive Ebene

➜ Fragen Sie (ruhig mit einem kleinen Augenzwinkern), ob denn wirklich alle für alle Freunde und Mitschüler die gleichen Regeln gelten. So holen Sie die Diskussion wieder auf ein realistisches Level.

➜ Tauschen Sie sich mit anderen Eltern aus, um Bescheid zu wissen, was im Umfeld des Kindes tatsächlich üblich ist und gegebenenfalls Absprachen zu treffen

➜ Sagen Sie Ihrem Kind, dass Sie es beschützen und optimal begleiten wollen – und sich dabei an Ihren eigenen Überzeugungen und nicht an anderen orientieren.

➜ Gehen Sie, wenn es Ihnen im konkreten Fall vertretbar erscheint, einen Kompromiss ein. Sagen Sie Ihrem Kind gleichzeitig klar und deutlich, wo die roten Linien verlaufen, die nicht verhandelbar sind.

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Wer eine solche spielerische Herangehensweise einmal bewusst ausprobiert, merkt schnell, dass sie ihm auch selbst zugutekommt. Schließlich vermeidet man so nicht nur jede Menge Aufregung, sondern verschafft sich auch einen größeren Spielraum des Handelns. Will das Kind nicht zum Essen hereinkommen, dann lassen Sie es doch mal raten, was es heute Leckeres gibt. Statt immer wieder zum Zähneputzen zu ermahnen, kann man es lus- tiger gestalten, indem dabei schön laut das Lieblingslied des Kindes läuft. Weisen Sie darauf hin, dass mehr Zeit zum Vorlesen bleibt, wenn die Abendroutine vorher ohne Probleme klappt. Im Gegenzug immer Einsicht und Einlenken des Kindes zu erwarten, wäre aber zu viel verlangt, meint Eva Kessler: „Kinder sind keine kleinen Maschinen, die immer so funktionieren, wie wir Erwachsenen das wollen. Sie müssen auch mal dagegen ankämpfen dürfen, ein Schulbrot mitzunehmen oder eine Mütze aufzusetzen. So lernen sie, eigene Akzente zu setzen, finden heraus, wer sie selber sind.“ Ein tröstlicher Gedanke für Väter und Mütter, wenn sie mal wieder am liebsten in die Luft gehen wollen: Ihr Kind arbeitet gerade an einer eigenständigen Persönlichkeit. Und: Mütze tragen kann es noch sein Leben lang.

Zum Weiterlesen

Eva Kessler. „Von der Kunst liebevoll zu erziehen: Sinnvoll Grenzen setzen und gute Laune bewahren.“ C.H. Beck, 15,95 Euro und „Das Familienkonzept“, 17,95 Euro sowie unter

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