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Gefahrdete SCHÖNHEIT


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HÖRZU - epaper ⋅ Ausgabe 44/2021 vom 29.10.2021

NATUR

DIE GRÖSSTE R AUB- K ATZE DER WELT

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Bildquelle: HÖRZU, Ausgabe 44/2021

SCHWERGEWICHT Bis zu 300 Kilogramm bringen männliche Amurtiger auf die Waage, weibliche etwa die Hälfte

Eigentlich gebührt der Titel „König der Tiere“ ja ihm, dem unumschränkten Herrscher über die Taiga. Schließlich ist der Sibirische Tiger, auch Amurtiger genannt, noch vor dem Löwen die größte Raubkatze der Welt. Den König vor die Kamera zu bekommen kann jedoch extrem schwierig werden. „Wenn Amurtiger jede Deckung ausnutzen, ist es geradezu unmöglich, sie im dichten Unterholz ausfindig zu machen“, weiß Naturfilmer Franz Hafner aus leidvoller Erfahrung. Bewegen sie sich dazu noch wie in Zeitlupe, ist die Tarnung perfekt.

Folgt man einer frischen Tigerfährte, lässt sich der Charakter der Raubkatzen an ihrer Reaktion erkennen: „Entweder sie sind ängstlich, dann kann man sie kaum filmen. Oder sie sind aggressiv, das wäre gefährlich. Oder sie sind entspannt – das sind die richtigen Kandidaten.“ Einmal stieß Hafner auf drei Wochen alte, noch blinde Tigerjunge: „Die ...

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... Mutter war in der Nähe, wie ich dann an den Spuren sah. Sie attackierte mich aber nicht, sie war wohl von der ängstlichen oder der freundlichen Sorte.“ Die Beinahebegegnung hätte auch anders ausgehen können. Jeder Tiger hat einen eigenen, sehr speziellen Charakter.

Meist filmte der Österreicher mit seinem Team aus Verstecken heraus und an der gerissenen Beute. Oder mit Filmfallen, also Kameras, die durch einen Sensor ausgelöst werden und dann zwei Minuten lang Aufnahmen machen. Für die Dokumentation, die nun bei Arte zu sehen ist (siehe TV-Tipp), reiste Hafner mehrfach in die Urwälder des Sichote-Alin. Das rund 1400 Kilometer lange Hochgebirge erstreckt sich von Süd nach Nord zwischen dem Japanischen Meer und der russischchinesischen Grenze. Hier lebt der größte Teil der Amurtiger. Anfang der 1940er- Jahre war ihr Bestand auf 30 bis 40 Exemplare geschrumpft. Heute wird ihre Zahl auf rund 600 Tiere geschätzt. Franz Hafner hält diesen Wert für realistisch: „An den Winterzählungen der Tigerschutzorganisationen alle fünf bis zehn Jahre arbeiten bis zu 2000 Menschen mit, um Fährten zu vermessen und zu vergleichen.“

Hohe Strafen für Wilderer

Zu verdanken ist dieser Zuwachs strengen Schutzmaßnahmen. „Es kommt immer wieder zu Gerichtsprozessen gegen Wilderer“, sagt der Naturfilmer. „Die Strafen sind hoch, werden laufend verschärft. Die Grenzen werden kontrolliert, ihr Risiko ist also groß.“ Außerdem schwinde die Nachfrage nach Tigerprodukten, die man früher für Wundermittel hielt: Bei jungen Asiaten sei dieser Glaube kaum noch verbreitet. Ganz ausgetrocknet ist der Schwarzmarkt dennoch nicht. Weltweit leben nur noch rund 4000 Tiger in freier Wildbahn, damit gelten sie weiterhin als vom Aussterben bedroht.

Stets aufs Neue faszinieren Hafner die erstaunlichen Sinne der Großkatzen: „Sie sehen ausgezeichnet, sie riechen so gut wie Hunde, sie hören jeden kleinen Knacks.“ Und: „Tiger sind sozial. Immer wieder treffen sich Tigerin und Tiger, selbst wenn sie Junge führt. Erst wenn die Jungen erwachsen sind, muss das junge Männchen weichen.“ Der Tierfilmer folgte so einem Jungtiger auf der Suche nach einem eigenen Revier. Dafür beansprucht dieser gern etwa 1000 Quadratkilometer. „Männliche Tiger herrschen wie feudale Grundherren“, sagt Hafner. Zwei bis drei Weibchen gewähren sie Wohnrecht auf ihrem Territorium, männliche Konkurrenz dulden sie nicht.

DAS REICH DES AMURTIGERS

Gut 1400 Kilometer weit erstreckt sich das Hochgebirge Sichote-Alin zwischen der russisch-chinesischen Grenze und dem Japanischen Meer

Beeindruckend ist zudem, wie gut der Sibirische Tiger mit den extremen Klimabedingungen zurechtkommt, denen er im Gegensatz zu seiner Verwandtschaft in Indien ausgesetzt ist: Temperaturen um die minus 40 Grad kann er standhalten dank seines extrem dichten Fells und seiner dicken Fettschicht. Beachtlich ist auch sein Hunger: Acht Kilo Fleisch muss er täglich zu sich nehmen. Dafür erbeutet ein Tiger laut Hafner etwa 60 bis 70 große Huftiere pro Jahr. Sogar Bären stehen auf seinem Speiseplan. Hinzu kommt noch Kleingetier: So ziehen alle vier Jahre Hunderttausende Lachse durch das Heimatgebiet der Tiger. Ebenfalls im Vier-Jahres- Rhythmus tragen die Koreakiefern massenhaft Zapfen – Nahrungsgrundlage von Wildschweinen, Sika- und Isubrahirschen, seinen bevorzugten Beutetieren.

Dichte Besiedelung als Gefahr

Aber es gibt auch magere Jahre. „Dann lockt eine gefährliche Versuchung: die Welt der Menschen“, weiß Hafner. Konflikte seien programmiert: „Es braucht viel Toleranz, um mit Tigern zusammenzuleben. Bei uns würde das niemand aushalten, wenn etwa ein Tiger Haushunde tötet, Pferde und Rinder erbeutet, durchs Dorf streift oder Pilzsucher aus dem Wald scheucht.“ Zumal der Hunger nach Holz die Menschen immer tiefer in die Wälder treibt, die Besiedelung immer dichter wird, Mensch und Tiger so zwangsläufig immer öfter aufeinandertreffen. Damit die Stimmung bei den Einheimischen vor Ort nicht kippe, werde man nicht umhinkommen, „früher oder später ,Problemtiger‘ zu schießen“, so Hafner.

Im Auftrag der örtlichen Behörden und des gemeinnützigen Zentrums für Amurtiger versuchen Helfer vorerst, Konflikte zu entschärfen und Menschen und Tiger voreinander zu schützen. Zu ihnen zählt auch der in der Doku erwähnte Yuri Kolpak. Kommt es zu Attacken auf Hausoder Nutztiere, sichten die Helfer Spuren: Ist der Tiger verletzt, also noch unberechenbarer? Ist es nur ein einzelnes Tier?

„MÄNNLICHE TIGER herrschen wie feudale Grundherren. Konkurrenz dulden sie nicht.“

Franz Hafner, Naturfilmer

Hafner ist überzeugt: Wenn es Russland gelänge, weitere Urwaldgebiete für den Tiger unter Schutz zu stellen, sähe die mittelfristige Situation für den Amurtiger recht gut aus. „Es gibt derzeit noch Wildnisgebiete für etwa 1000 Tiger in Russland. In den angrenzenden Regionen von China und Nordkorea könnten wahrscheinlich etwa 100 bis 150 Tiger leben.“ Denn auch das Reich der Mitte bemühe sich ernsthaft um Tigerschutz: „Die Strafen für Wilderei sind rigoros. Die Chinesen profitieren von der steigenden Zahl der Tiger im russischen Fernen Osten, alle Tiger kommen von dort“, berichtet er. „Einige Exemplare sind auch immer wieder im Norden von Nordkorea anzutreffen. In China leben im Grenzgebiet zu Russland etwa 20 bis 30 Tiger, in Nordkorea sind es drei bis fünf.“ Der Schutz der Tiger helfe, die Urwaldgebiete vor ausländischen Firmen zu schützen, die den Wald abholzen wollen: „Und nur ein intakter Wald bietet auch Verdienstmöglichkeiten für die Bewohner der Siedlungen.“

THOMAS RÖBKE

DI 9.11. TV-TIPP

3.05

ARTE

DER SIBIRISCHE TIGER DOKU Ein Filmteam begleitet eine junge Raubkatze bei der Reviersuche