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Gefallener Engel mit himmlischem Klang


FONO FORUM - epaper ⋅ Ausgabe 1/2020 vom 06.12.2019

In den 50er-Jahren war der Trompeter und SängerChet Baker nicht nur in Amerika der Traum aller Schwiegermütter. Dann verfiel er den Drogen und mutierte in Europa zum berüchtigten Luxus-Landstreicher. Am 23. Dezember 1929 kam der legendäre Jazzstar in einem Dorf mitten im Wilden Westen zur Welt.


Die Nachzeichnung eines bewegten Lebens von Sven Thielmann.

Wenn man Herbie Hancock glauben will, verdankt eine ganze Generation von Amerikanern dem Trompeter Chet Baker ihre Existenz. Denn dessen Musik habe so manche Liebesnacht in den Fifties begleitet. War der am 23. Dezember 1929 in Yale, Oklahoma geborene ...

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Bildquelle: FONO FORUM, Ausgabe 1/2020

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... Chesney Henry Baker Jr. damals doch der Superstar des Jazz schlechthin.

Fotos: Sven Thielmann

In den 80ern tourte Baker mit Philip Catherine und Jean-Louis Rassinfosse, dokumentiert auf dem Album „Crystal Bells“.


Musikalisch lief es prächtig, aber menschlich kamen die beiden nur schwer miteinander aus, wie Jeroen de Valk berichtet. Mulligan arbeitete hart an seiner Karriere, Chet dagegen feierte eine Party nach der anderen. „Chets erster Konflikt mit dem Gesetz ereignet sich am 23. Dezember 1952 – also an seinem 23. Geburtstag –, als er wegen des Besitzes von narcotics aufgegriffen wird. Damit beginnt sein Strafregister.“ Und wird im Laufe der Jahre mächtig anwachsen. Im Juni 1953 wurde jedoch Mulligan wegen Drogenbesitzes verhaftet und im September zu drei Monaten Haft verurteilt. Prompt nutzte Chet seine Chance und formte mit dem Pianisten Russ Freeman ein eigenes Quartett. Mit dem Ergebnis diverser Top-Platzierungen in den Polls, weshalb er nach Mulligans Rückkehr eine Verdopplung seiner Wochengage auf 300 Dollar forderte. Der lehnte empört ab – das Ende ihres populären Quartetts.

Damit war für Chet Baker der Weg frei für eine eigenständige Karriere. Die wurde systematisch betrieben von Dick Bock, dem Chef des Labels Pacific, der den jungen Trompeter zum Star für ein weißes Publikum aufbaute. Fast im Wochentakt spielte ab der zweiten Jahreshälfte 1953 das neue, gelegentlich zum Septett erweiterte Chet Baker Quartet jede Menge Tracks ein. Doch der erste richtig große Wurf wurde Anfang 1954 „Chet Baker with Strings“, das Bock für Columbia produzierte. Fast zeitgleich nahm man mit Russ Freeman als „musical director“ auch jene Scheibe auf, die erstmals eine andere Facette des gerade mal 24-Jährigen zeigte: „Chet Baker Sings“– sein bis heute populärstes Album. Die Jazzkritiker ließen kaum ein gutes Haar an dem Vokalisten, die Fans aber waren verrückt nach ihm. Kein Wunder also, dass 1958 Riverside an den Superseller anknüpfen wollte und mit „Chet Baker Sings – It Could Happen to You“ die erste Platte herausbrachte, auf der er auch scattet. Was damals noch künstlerische Gründe gehabt haben mag, wurde in Chets zweiter Lebenshälfte oft genug zum Rettungsanker, wenn er mal wieder den Text seiner Songs vergessen hatte.

1955 ist für den Jazzstar sogar eine Hollywood-Karriere in greifbarer Nähe – in dem Kriegsfilm „Hell’s Horizon“ hat er samt Trompete eine Nebenrolle –, da beginnt Chet Baker plötzlich harte Drogen zu konsumieren. Über das „Warum?“ rätseln Fans und Musiker, die ihn gut kannten, bis heute.


In L. A. kommt rasch sein Durchbruch, als er Charlie Parker im Tiffany Club vorspielt und tatsächlich angeheuert wird


Auch wenn es als Erklärung bei weitem nicht ausreicht, sind die Wurzeln seiner Drogensucht wohl in der Kindheit im kalifornischen Glendale zu finden, wo die kleine Familie seit 1940 lebte. Carol Baker, Chets dritte Ehefrau, sagte später: „Seine Mutter hat ihn völlig verzogen! Sie tat alles für ihn. Bis an sein Lebensende behandelte sie ihn wie ein zehnjähriges Kind.“ Gemeinsam fördern die Eltern – beide erfolglose Instrumentalisten – die musikalischen Fähigkeiten des verwöhnten Einzelkindes. Mutter Vera schleppt ihn ständig zu Amateurwettbewerben. Außerdem singt Chet im Kirchenchor und bekommt mit zwölf von seinem Vater Chesney eine Posaune. Mit der er wegen ihrer Größe nichts anfangen kann, weshalb zu seinem 13. Geburtstag kommentarlos eine Trompete im Haushalt auftaucht.

„Chet nahm irgendwann einfach die Trompete und fing an zu üben und Platten zu hören, und zwei Wochen später fummelte er sich schon den Two O’Clock Jump von Harry James zurecht“, so Vera Baker 1987 in Bruce Webers berühmtem Film „Let’s Get Lost“. Eine richtige Ausbildung genießt der Trompeter nie; er verlässt sich allein auf sein Gehör und schafft sich gerade mal genug Notenlesen drauf, um sich für den Rest seines Lebens durchmogeln zu können. Aus jener Zeit resuliert auch sein berüchtigtes Ansatzproblem, denn nach nur sechs Monaten an der Trompete verliert er durch einen Steinwurf seinen linken oberen Schneidezahn. Was Chet dazu zwingt, seine Technik zu ändern und erklärt, warum er weder laut noch hoch spielen kann. Für mehr als zweieinhalb Oktaven Tonumfang bis maximal zum hohen C reichte es selbst in besten Zeiten nicht.

Immerhin reichen seine rudimentären Kenntnisse, als Chet mit 16 der überbehütenden Mutter zum Militär entflieht (wofür er sein Alter auf 17 Jahre fälschen muss), um rasch der in Berlin stationierten 298th Army Band zugewiesen zu werden. Dort kommt er erstmals richtig mit Jazz in Kontakt, als er auf V-Disks Dizzy Gillespie und Stan Kenton hört: „Ein raues Erwachen. Von Harry James zu Dizzy Gillespie ist es ein ganz schön großer Schritt.“1948 aus der Armee entlassen, schreibt sich Chet für Theorie- und Harmonielehre-Kurse am El Camino College in Los Angeles ein. Ohne auch nur einen Kurs abzuschließen, weil er alle Energie darauf verwendet, die Jazzszene zu erkunden. 1950 heiratet er das erste Mal – Charlaine, die einige Jahre älter ist. Was nicht lange gutgeht, weil er kein treuer Ehemann ist, wie sich Russ Freeman erinnert: „Chet hatte wandering eyes … Er machte ständig mit anderen Mädchen ’rum.“

Typisch für ihn, entflieht er jeder Verantwortung und meldet sich bei der Army zurück. Jeroen de Valk dazu: „Ein Jahr lang sieht sein Leben wie folgt aus: Tagsüber spielt er in der Presidio Army Band in San Francisco, dann legt er sich schlafen, steht um Mitternacht auf, geht zu Jam Sessions und passt auf, dass er rechtzeitig zurück ist, um morgens um sechs die Reveille zu blasen.“ Als Chet Ende 1951 mitten in die Wüste von Arizona versetzt wird, dreht er dort fast durch. Wie es ihm gelang, dennoch eine ehrenhafte Entlassung wegen Dienstuntauglichkeit zu erlangen, erfährt man in „Let’s Get Lost“ – Chet Baker hatte schon immer die Gabe, andere für sich einzunehmen.

Zurück in L. A., kommt rasch sein Durchbruch, als er Charlie Parker im Tiffany Club vorspielt und tatsächlich angeheuert wird. Der in New York danach jedem Trompeter erzählt: „Da gibt es einen jungen weißen Typen an der Westküste, der dich an die Wand blasen wird.“ Zwei Monate später endet das Engagement nach einem Eklat, den Parker verursacht hat, sang- und klanglos.

Als der 1955 stirbt, tourt Chet, mittlerweile Liebling aller Jazzfans, gerade durch ganz Europa – acht Monate lang, woran eine attraktive Französin nicht ganz unschuldig ist. Ein Jahr später heiratet Chet nach nur sechswöchiger Bekanntschaft die exotische Schönheit Halema. Im November wird er erstmals wegen Besitzes harter Drogen verurteilt zu einem „ein- oder zweimonatigen Aufenthalt“ im Federal Hospital in Lexington, Kentucky. 1957 kommt sein Sohn Chesney Aftab zur Welt, während er erst mit den „Birdland All Stars“ und später mit eigener Gruppe in Europa ist. Zurück in Amerika, übersiedelt man nach New York, wo er u. a. mit Mulligan eine Reihe meist belangloser Platten aufnimmt. Im Februar 1958 wird Chet erneut festgenommen und landet für vier Monate im berüchtigen Gefängnis Riker’s Island. Nach seiner Entlassung sind zwei Dinge für den gefallenen Engel klar: Ohne die eingezogene „Cabaret Card“ gibt’s für ihn auf unabsehbare Zeit keine Jobs mehr im Big Apple, außerdem sind beim nächsten Mal viele Jahre Knast sicher.

Also setzt er sich mit Frau, Kind und Trompete zügig nach Europa ab. Dort ist er immer noch beliebt, kann überall spielen und kommt außerdem leicht an den dringend benötigten Stoff, für den er oft genug seine „gestohlene“ Trompete im Pfandhaus versetzt. In Belgien wird der Altsaxofonist Jacques Pelzer, der außerdem Apotheker (sic!) ist, für den Rest seines Lebens eine wichtige Anlaufstelle. Auch in Italien hat er viele Freunde wie den Musiker Piero Umiliani, der ihm eine Rolle in der Filmklamotte „Urlatori alla sbarra“ verschafft. Wo er an der Seite solcher Stars wie Adriano Celentano, Mina und Elke Sommer als „Chet, the American“ den ständig verpennten „running gag“ gibt und außerdem als Filmkomponist firmiert, was angesichts des dort zu hörenden Rock ‘n’ Roll kaum wahrscheinlich ist.

Hörtipps

Von Chet Baker gibt es weit über 500 Aufnahmen unter eigenem Namen, die teilweise in Dutzenden Varianten erhältlich sind. Weshalb ausschließlich die Label der Erstveröffentlichung genannt sind. Die späten 60er- und die gesamten 70er-Jahre sind leider von extrem schwankender Qualität geprägt und deshalb hier ausgeklammert.

Chet Baker Quintet with Strings (1953 ) Chet Baker and Strings (Columbia CL 549)

Chet Baker Quartet (1954) Chet Baker Sings (Pacific Jazz PJ 1222)

Chet Baker/Russ Freeman Quartet (1956) Quartet: Russ Freeman Chet Baker (Pacific Jazz PJ 1232)

Chet Baker (1962) Chet Is Back (RCA CL 31649)

Chet Baker/Philip Catherine/Jean-Louis Rassinfosse (1983) Crystal Bells (Igloo Jazz Classics IGL 034)

Chet Baker & Paul Bley (1985) Diane (SteepleChase SCCD 31207)

Charlie Haden/Chet Baker/ Enrico Pieranunzi/ Billy Higgins (1987) Silence (Soul Note SN 1172)

Chet Baker/Harold Danko/ Hein Van De Geijn/ John Engels (1987) Chet Baker in Tokyo – Memories (Paddle Wheel K32Y 6270) Chet Baker in Tokyo – Four (Paddle Wheel K32Y 6281)

Chet Baker/NDR Bigband/ Radio Orchester Hannover (1988) My Favorite Songs: The Last Great Concert (Enja ENJ 5097-2) Straight from the Heart: The Last Great Concert, Vol. 2 (Enja ENJ 6020-2)

Komplette Diskografie: www.chetbaker.net/discography

Am 31. Juli 1960 kommt es zum ersten großen Drama im Leben von Chet Baker, der sich inzwischen auf eigenen Wunsch in einer Klinik in Lucca befindet, um seine Heroin-Sucht mit Methadon zu bekämpfen. Als er auf dem Weg nach Viareggio, wo er abends mit ärztlicher Erlaubnis einen Gig mit dem Pianisten Romano Mussolini spielen will, sich unterwegs die verordnete Spritze setzt, wird er von der Polizei einkassiert. Die Bilder und Berichte des anschließenden Prozesses, in den auch Halema verwickelt ist, gehen um die Welt. Nach einigem Hin und Her wird die Haft strafe im Berufungsverfahren von sieben Jahren auf sechzehn Monate verkürzt. Die sitzt Chet im Stadtgefängnis von Lucca ab, wo er jeden Tag genau fünf Minuten lang seine Trompete spielen darf. Wovon die italienische Graphic Novel „Cinque minuti due volte al giorno“ in wunderschönen Bildern erzählt.

Als Chet im Dezember 1961 auf Bewährung entlassen wird, ist Helema mit dem Sohn längst auf und davon. Bilder jener Tage zeigen ihn mit seiner englischen Freundin Carol Jackson, die er bereits früher in Mailand kennengelernt hatte und 1965 in den USA heiraten wird. Bis dahin ist es freilich ein langer Weg, denn es beginnt bald eine ziemliche Irrfahrt der beiden durch Europa. In München muss die inzwischen schwangere Carol den wegen Rezeptfälschung einsitzenden Chet aus der Psychiatrie abholen, in die Schweiz und nach Italien dürfen sie nicht einreisen, in England wird er prompt eingelocht, in Berlin landet er gleich nach seiner Ankunft für 40 Tage in einer Klinik. Irgendwann weist man ihn nach Amerika aus. Inzwischen ist sein dritter Sohn Paul auf der Welt, ihm folgt im Juli 1965 die einzige Tochter Melissa, die meist Missy genannt wird. Und sich wie ihre Mutter und ihre Geschwister in „Let’s Get Lost“ unverblümt über ihren nahezu abwesenden Vater äußert.

Der hängt schon wieder an der Nadel, ist zum Flügelhorn gewechselt und so tief gesunken, dass er ohne Zögern einen Job bei „The Mariachi Brass“ annimmt, die sich mit Chet Baker auf Platten wie „A Taste of Tequila“ schmücken. Endgültig am Ende scheint Chet, als ihn 1966 fünf Burschen derart verprügeln, dass er fast alle Zähne verliert. Eine Katastrophe, die der Trompeter jedoch mit einer Vollprothese und für ihn verblüffender Disziplin –back home in Oklahoma bei Mama, wo seine Familie von Sozialhilfe und er mit Methadon lebt – meistert und dann mit Hilfe von Dizzy Gillespie 1973 ein Comeback in New York startet.

Aufgrund der mäßigen Resonanz geht er – wieder voll auf Heroin – 1975 endgültig nach Europa, seine Familie sieht er danach kaum mehr. Es dauert nicht lange, da ist der ehemalige Traum aller Schwiegermütter und längst zum Luxus-Landstreicher mutierte Trompeter der Albtraum aller Veranstalter und berüchtigt dafür, häufig erst auf letzten Drücker (sic!) bei seinen Gigs aufzutauchen. Und dafür wie ein Wahnsinniger oft quer durch halb Europa brettert. „Chet liebte das Autofahren und schien nie davon müde zu werden“, erinnert sich der Bassist Harry Emery: „Er zögerte nicht, sich zwölf Stunden hinter das Steuer zu setzen. In einem Höllentempo raste er über die Straßen.“

Für schnelle Autos hatte Chet schon immer ein Faible. Das war bereits 1955 so, als ihm Russ Freeman 3000 Dollar für die Steuerbehörden gab: „Und was tat Chet? Er fuhr nach Detroit und kauft e sich davon einen Jaguar. So war Chet.“ Bezeichnend seine Antwort, als er von Bruce Weber nach dem glücklichsten Tag in seinem Leben gefragt wurde: „O, großer Gott. Vielleicht der Tag, als ich meinen Alfa Romeo SS kauft e. Es war ein schöner Tag, und ich hatte jede Menge Spaß. Der Wagen lief wie eine Eins. Er hatte nur dreizehnhundert Kubikzentimeter, aber er fuhr zweihundert. Und er lag so tief auf der Straße, dass man wirklich dachte, man würde fliegen. Ein tolles Auto.“ Anfang der 1980er-Jahre wirkte der einst so gut aussehende Chet Baker längst wie ein Gespenst, mit tiefliegenden

Augen und unstetem Blick. Ein erschreckender Kontrast zu den zart gehauchten, unfassbar filigranen Tönen seiner Trompete und seiner herzergreifend melancholischen Stimme, die immer noch einen Stein zu Tränen rühren konnten. Mittlerweile war er ständig pleite, obwohl er von seinem niederländischen Manager Wim Wigt für jedes Konzert 1000 Dollar bar auf die Hand bekam. Ziemlich genau jene Summe, die der Schwerstabhängige jeden Tag für seine „Speedballs“, eine fatale Mischung aus Heroin und Kokain, benötigte. Weshalb er ohne Ende meist zweifelhaft e Platten für und mit jedem einspielte, der ihm nur genügend Kohle gab. Die meist nicht lange reichte, weil er Unmengen an Drogen verbrauchte. Und dafür etwa aus dem restriktiven Skandinavien mal eben schnell nach Amsterdam flog, um Nachschub zu besorgen. Über seinen Drogenkonsum sprach Chet, der zwischendurch immer wieder seine Sucht mit Methadon im Zaum hielt, so gut wie nie, sowohl er sich einmal als „Six-Million-Dollar-Man“ rühmte – nach damaligen Kurswert fast 20 Millionen DM. Eine rare Ausnahme machte er bei Bruce Weber, dem er die optimale Mischung für einen „Speedball“ verriet – nicht zu viel Kokain … Doch dessen Angebot, für eine Behandlung in Amsterdam zu sorgen, lehnte er rundheraus ab, wie in „Let’s Get Lost“ herzergreifend traurig zu sehen ist.


Anfang der 80er-Jahre wirkte der einst so gut aussehende Chet Baker längst wie ein Gespenst mit tiefliegenden Augen


Wenige Monate später, nach einigen verwirrenden Tagen in den Niederlanden, die Jeroen de Valk detailliert schildert, wird Chet Baker am 13. Mai 1988 gegen drei Uhr morgens tot hinter dem Amsterdamer „Prins Hendrik Hotel“ aufgefunden. Obwohl feststeht, dass es sich bei seinem Tod um einen tragischen Unfall handelte – er fiel unzweifelhaft im Drogenrausch aus seinem Hotelzimmer –, beschäft igen die letzten Stunden dieses „Engels mit gebrochenen Flügeln“ (Lothar Lewien) zahllose Fans bis heute. Von dem Schrift steller und Jazzschlagzeuger Bill Moody gibt es dazu mit „Auf der Suche nach Chet Baker“ gar einen Kriminalroman, der kunstvoll Facts und Fiction mischt. Bei weitem nicht so überzeugend tut dies auch der Kinostreifen „Born to Be Blue“ von 2015 mit Ethan Hawke, der sich auf die 60er-Jahre fokussiert und dafür neben den Fotos von William Claxton auch viele Motive aus Bruce Webers Dokumentar-Film „Let’s Get Lost“ ungeniert ausbeutet. Der bietet auch 31 Jahre nach Chet Bakers Tod – neben der erhellenden Lektüre von Jeroen de Valks Biografie – den unmittelbarsten Eindruck seiner verstörenden Persönlichkeit, die neben der unsterblichen, oft überirdisch anrührenden Musik nur von drei Dingen geprägt war: schönen Frauen, schnellen Autos und harten Drogen.

Bücher

Chet Baker: „Als hätte ich Flügel – verlorene Erinnerungen“, Hannibal 1998

Jeroen de Valk: „Chet Baker“, Oreos Collection Jazz 1991

Lothar Lewien: „Chet Baker Blue Notes – Engel mit gebrochenen Flügeln. Eine Hommage“, Hannibal 1991

Ingo Wulff(Hrsg.): „Chet Baker in Europe. 1975-1988“ Nieswandt Verlag 1993

Bill Moody: „Auf der Suche nach Chet Baker“, Unionsverlag 2012

Marco Di Grazia / Cristiano Soldatich: „Cinque minuti due volte al giorno“, Shockdom 2019

Videos

Bruce Weber: „Let’s Get Lost“, DVD 1988

Chet Baker Live in Tokyo • Juin 1987, Video auf youtube

Robert Budreau: „Born to Be Blue“, DVD 2015